Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 30 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 „Jüdischer Nationalkalender 5677“ Redaktion: Otto Abetes, Ludwig Batö. Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien. Umschlagzeichnung von Wilhelm Wachtel. Der „Jüdische Nationalkalender 5677“ erscheint im 20. Jahre nach dem Auftreten Theodor-Herzls. In zahlreichen Arbeiten berufener Autoren wird diesem bedeutsamen Zeitabschnitte Rechnung getragen und das Wirken Herzls, die Entwicklung des politischen Zionismus und seiner Institutionen, des national-jüdischen Gedankens und des Hebraismus beleuchtet — Der reichhaltige belletristische Teil des Jahrbuches und Reproduktionen von Bildern und Zeichnungen unserer ersten Künstler verleihen dem zweiten Jahrgange des Jüdischen Nationalkalenders dauernden Wert. Aus der Liste der mitwirkenden Schriftsteller und Künstler nennen wir folgende Namen: Otto Abeies, Ludwig Batö, Ch. N. Bialik, Adolf Böhm, Max Brod, Martin Buber, Z. F. Finkeistein, David Frischmann, S. Frug, Nachum Goldmann, Otto Hauser, Josef Kiss, Dr. Heinrich Loewe, Ernst Müller, Josef Patai, Alfons Petzold, M. Scherlag, Schalom Alejchetn, Abraham Sonne, Adolf Stand, Dr. W. Stein, Dr. Osias Thon, Dr. Auguste Weldler-Steinberg, Arnold Zweig, Dr. Egon, Zweig. Leichtes Feldpostformat 1 — Preis K 2.50 (M 1.80) exklusive Portospesen. Vorausbestellungen sind zu richten an: Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien, II., Zirkusgasse 33. Der jüdische Deputierte Bomasch entgegnet, dab die Juden im Jahre 1905 .zur Befreiung des Volkes! von der Willkürherrs'chaft der Bureaukratie beigetragen haben und darauf stolz seien. Sie erwarten die Lösung der Judenfrage von der russischen Demokratie. (Bomasch scheint das Schicksal seiner Interpellation in der letzten Dumasession und die traurige Rolle, die die Kadetten hiebei spielten* bereits vergessen zu haben. Red. „Jüd. Ztg.“) Roditschew erinnert daran, daß auch die Schweiz wegen der Judenfrage in Rußland eine Anleihe verweigert habe. Kerensky (Sozialist) spricht für die Gleichberechtigung aller Völker im Reiche. Von Seiten der Regierung ergriff niemand das Wort. Die Debatte endete ohne Beschlußfassung. . Also flditung! Eine unglaubliche Fälschung der „Reichspost“. Die „Reichspost“ erlaubt sich in der letzten Zeit unerhörte Ausfälle gegen die Juden, die wir wegen des „Burgfriedens“, den w i r einhalten müssen, hier nicht näher bezeichnen können. In ihrer Nr. 341 vom 25. Juli 1. J. leistete sich jedoch die „Reichspost“ ein Stückchen, welcses alles Bisherige übertrifft. In einer Notiz unter der Ueberschrift „Also Achtung“ bringt sie' als „Zitat“ aus der .Jüdischen Presse“ in Berlin eine Verlautbarung der deutschen Regierung gegen die verräterischen Umtriebe der Juden in Deutsch* land. Wir bringen nachstehend links das Original und rechts das „Zitat“ der ehrlichen „Reichspost“. „Wie die russische Regierung die Juden verfolgt. Die Humanite (vom 15. März) erhält von dem Wortführer der sozialistischen Gruppe in der Reichsduma, dem kaukasischen Abgeordneten Tscheidse, einen Bericht über die Interpellation, die dieser über die Anstiftung von Judenverfolgungen durch die russische Regierung an den Ministerpräsidenten Stürmer gerichtet hat Das Hauptstück des Berichtes ist das folgende Rundschreiben der Ochrana, der berüchtigten Abteilung im Ministerium des Innern für die polizeiliche Ueberwachung politisch Verdächtiger. Es lautet: Ministerium des Innern, Abteilung der Polizei, 6. Gruppe, 9 (22) Januar 1916. An die Gouverneure, Stadthauptleute, BezirksvorsteherundGendarmerieabteilungen(politische Polizei) in den Provinzen. Nach den an die Polizeiabteilung gelangten Aufklärungen betreiben die Juden gegenwärtig mit Eifer die revolutionäre Propaganda, wobei sie geheime Gesellschaften gründen und dem Zwecke, allge- „Also Achtung! In der „ Jüdischen Presse“ (Nr. 15/16 d. J.) wird folgende Verfügung der deutschen Regierung abgedruckt: Ministerium des Innern, Abteilung Polizei. Jänner 1916. Nach den an die Polizeiabteilung gelangten Aufklärungen betreiben die Juden gegenwärtig mit Eifer die revolutionäre Propaganda, wobei sie geheimeGesellschaften gründen und zu dem Zwecke, allgemeine Unzufriedenheit zu erregen, außer der verbrecherischen Wühlarbeit im Heere und den großen Industriemittelpunkten ebenso wie der Anstiftung von Ausständen noch die folgenden wichtigen zwei Maßnahmen anwenden: die künstliche Verteuerung der notwendigen Lebensmittel und das Aufsaugen des Bargeldes. DiePolizeiabteilungbringt zu Ihrer Unterrichtung dieses Vorgehen zu Ihrer Kenntnis.“ „Reichspost“ Nr. 341 vom 25. Juli 1916. zu meine Unzufriedenheit in Rußland zu erregen, außer der verbrecherischen Wühlarbeit im Heere und in den großen Industriemittelpunkten Rußlands ebenso wie der Anstif.ung von Ausständen noch die folgenden wichtigen zwei Maßnahmen anwenden: die künstliche Verteuerung der Lebensmittel und das Aufsaugen des Bargeldes. In Erwägung, daß weder die Niederlagen im Felde, noch die revolutionäre Propaganda auf die breiten Volksmassen einen ernstlichen Eindruck machen, haben die geheimen Parteigänger Deutschlands sich vorgenommen, eine allgemeine Unzufriedenheit und eine Wühlarbeit gegen den Krieg durch eine Hungersnot und eine maßlose Verteuerung der Lebensmittel hervor zurufen. Bei der Knappheit des Bargeldes suchen die Juden der Bevölkerung Mißtrauen gegen das russische Papiergeld einzuflössen und seine Zahlkraft herabzudrücken. Weiter suchen sie die Sparer zu veranlassen, ihre Guthaben aus den öffentlichen Kassen zurückzuziehen. Bei der Ausgabe russischer Schatzscheine verbreiten sie eifrig das Geiücht, Rußland sei bankrott, da es nicht einmal für Scheidemünze genug Metall besässe. Die weitreichende Beteiligung der Juden an dem hier gekennzeichneten verbrecherischen Vorgehen erklärt sich anscheinend durch ihren Wunsch, die Abschaffung der Wohnungsbeschränkung auf Judenbezirke durchzusetzen, wobei sie die gegenwärtige Lage Rußlands als die günstigste Gelegenheit ansehen, ihre Ziele durch eine Werbearbeit zu erreichen, die darauf ausgeht, einen Zustand ständiger Unruhe in Rußland wirksam zu erhalten. Die Polizeiabteilung bringt zu Ihrer Unterrichtung dieses Vorgehen der Juden zu Ihrer Kenntnis. Gezeichnet Kawasow, Direktor; Poretzki, Sekretär; Winogradow, Registrator. Daß die englische Telegraphenagentur Reuter darüber etwas gebracht habe, ist gleichfalls nicht bekannt geworden. Die Franzosen und Engländer sind aber gleichwohl die Vorkämpfer der Nationalitäten und die Schirmherren der Unterdrückten.“ Die „Jüdische Presse“ Nr. 15/16 vom 14. April 1916. ri >i rR H.*;• *' i*n ’T" TH A"'"” Der krasse Betrug ist inzwischen in einigen Zeitungen aufgedeckt worden. Die mutige „Reichspost“ findet zur Rechtfertigung ihrer Fälschung nur die nachstehende Berichtigung: „Die ministerielleWarnung vorrevolutionären, geheimbündlerischen und preistreiberischen Machenschaften der Juden, die wir vorgesten aus der „Jüdischen Presse“ abdruckten, wird von der „A.-Z.“ nicht der deutschen, sondern der russischen Regierung zugeschrieben; wenn es die „A.-Z.“ behauptet, daß die ministerielle Kennzeichnung die Juden Rußlands betreffe, so wollen wir ihr nicht widersprechen, sondern ihrer Autorität in russischen Judendingen glauben.“ Aus Palästina. In S a f f e d hat der österreichische Konsularagent C. L. M i k 1 a s i e w i c z eine Sammlung für das Rote Kreuz veranstaltet. Die jüdische Kolonie in Saffed, trotzdem sie sich in sehr bedrängter Lage befindet, beteiligte sich an dieser Sammlung mit 500 Kronen. Die Gesellschaft Vom “Roten Kreuz quitierte diese Spende mit einem offiziellen Dankschreben. Neue Opfer. Am 27. Ijar erlag der Leiter der Schule in Metulla Chajim Zewi Schoham' dem im Lande wütenden Flecktyphus. 15 Jahre lang war der Verstorbene als Lehrer in den Kolonien Palästinas tätig. Auf Empfehlung von M. M. Ussischkin wurde er im Jahre 1911 als Lehrer in Milchatnje aufgenommen und seither war er einer der bescheidensten und treuesten Diener der neuen jüdischen Volksschule Palästinas. Die Arbeit für sie wurde ihm Sinn und Inhalt seines Lebens. In einer Reihe galiläischer Schulen wurden zu seinem Andenken Trauerversammlungen abgehalten. Besonders schmerzlich wurde vom palästinensischen Judentum die Trauernachricht vom Tod des! jungen Arztes Dr. Elijahu Spi tzberg empfunden. Der Verstorbene war der einzige Sohn einer reichen jüdischen Familje in Bessarabien. Im Alter von 17 Jahren verließ er die Universität in Kiew und begab sich nach Bevruth, um sich die für einen in Palästina praktizierenden Arzt besonders wichtigen lokalen Kenntnisse anzueignen. Als Student leitete der Verstorbene eine kurze Zeit das Informationsbüro in Beyruth und arbeitete von dort aus an der zionistischen Zeitschrift „Rasswjet“ mit. Nach Beendigung seines Studiums wurde er Arzt in Gedera und später in den Kolonien Galiläas. Seit einigen Monaten wurde er zum Arzt im Gesundheitsamt in Jerusalem ernannt. Mit übermenschlicher Opferfreudigkeit und beispielloser Hingabe erfüllte er seine Pflicht, Tag wie Nacht ununterbrochen seiner Behandlung anvertrauten Kranken widmend, bist er selbst der Krankheit zum Opfer fiel und nach 12 tägigem Leiden am 5. Juni im Alter von 23 Jahren starb. Die gesamte Intelligenz Jerusalems begleitete das junge Opfer zu seiner Ruhe. Im Namen des jüdischen Jischuws sprach dem Verstorbenen David J e 1- I i n den letzten Gruß. Die Behörden sandten zwei „Kawas“ zur Ehrenwache. Im Namen des Leiters der Gesundheitsamtes, Dr. Zadek-Bey, sprach Dr. Ofaltko, der dem Toten dem Dank der Regierung rür seine unermüdliche Tätigkeit aussprach. Erschütternd waren die Trauerreden seiner Freunde und Mitarbeiter, der Herren Oscher Si naj und Dr. Arje Be harn. Den Nachrichten der letzten Zeitungen zufolge, beginnt der Flecktyphus zurückzugehen. Sämtliche jüdischen Kinderschulen sind wieder geöffnet. Die jniisdien Forierangen. Zu unseren früheren Mitteilungen über die Konferenz der unterdrückten Nationen in Lausanne, auf der auch ein Vertreter der Juden, A b erson, mit einer — nach der Bezeichnung der „Vossischen Zeitung“ — „gewaltigen Anklage, die kräftig und dämonisch war“, hervorgetreten isrt, bringen wir noch — nach dem Züricher „Isr. Wochenblatt“ — die Folgenden Einzelheiten: Der Sprecher der jüdischen Delegation wurde mehrmals minutenlang von Beifall unterbrochen. Nach Schluß der Rede waren die Zuhörer lange Zeit in tiefster Bctwegung. Der polnische Dumaabgeordnete L e m p i z k i sprach in der Diskussion im Anschluß an die vorher erfolgte Erklärung der Polen, daß dem Sprecher der Juden durchaus beizupflichten sei. Wie außerordentlich das Votum des jüdischen Redners gewertet wurde, ging aus der Rede des Konferenzpräsidenten, des Belgiers Ot- Iet. hervor, der am Schlüsse der Tagung hervorhob, daß der Höhepunkt der Konferenz die Rede des Sprechers der Juden gewesen sei, und die darauffolgende feierliche Versöhnung mit den Polen. Die vom Sprecher der Juden formulierten. Forderungen lauten: ,*1. Das alte jüdische Volk, verstreut über alle Länder der Welt, erfüllt überall ini vollem Maße seine Bürgerpflichten und trägt ebenso, wie alle andern Bürger, die Opfer, die das Vaterland von ihnen verlangt. Das gibt den Juden das Recht, die Gleichberechtigung ohne jede Einschränkung im bürgerlichen und politischen Leben zu verlangen. Die Zurücksetzung der Juden ist eine Erbschaft aus finsteren verflossenen Zeiten und eine empörende Ungerechtigkit. Die Gleichberechtigung der Juden, als Prinzip anerkannt von der Mehrheit der zivilisierten Länder, muß auch in den Hochburgen der Unterdrückung und Ungerechtigkeit, in Rußland und Rumänien, proklamiert werden. 2 .Die bürgerliche Gleichberechtigung aber führt zu keinem faktischen Resultat, so lange ein Volk picht das Recht Ihat. seine Sprache, seine Sitten und seine besondere Kidtur zu bewahren. Die Unterdrückung der nationalen Persönlichkeit raubt dem Volke die Möglichkeit, sich kulturell und sozial zu entwickeln und fügt ihm Leiden ohne Zahl zu, indem sich das Volksleben spaltet und zersetzt. Aus dem Nationalitäte’nrecht folgt daher, daß den Juden dort, wo stein kompakten Massen wohnen, das Recht auf