Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1916-07-28 · 30 (28.7.1916) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438572-2438601--4895-2444816
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 30 lohnende Arbeit und ihre Mühen lohnendes- Land außerhalb Palästinas finden, sobald erst die .Wiederkultivierung des alten Babylonien energisch in Angriff genommen wird .Gerade für diese Wiederkultivierung würde man den klima- und arbeitsgewohnten; Fellachen Bedingungen bieten können, die weit günstiger wären als ihre heutigen Existenzbedingungen in Palästina^ unter denen picht nur die Pächter, sondern bei den unleidlichen türkischen Steuerverhältnissen auch die Besitzer schwer zu leiden haben. Eine Reform der türkisdien Steuerverhältnisise, Umwandlung (des Natural-Zehnten, der genau ein Achtel aller Feldflüchte ausmacht, in eine feste Landsteuer ist unumgänglich. Dabei könnte der türkischen Regierung gut (das Doppelte oder gar Dreifache ihrer bisherigen Steuereinnahme zufließen: der;Vorteil einer Umwandlung des Naturalzehnten in eine feste Steuer liegt in der Vermeidung der unsäglichen Schikanen 'der Steuereinnehmer und in dem Umstande, daß bei der Erhöhung der Bodenkultur die Erträge des Fleißes nicht weggesteuert werden. Nun die Kosten der Ansiedelung! Künstliche Bewässerung 400 Mill. Mlc. Ausbau der Elektrizitätswerke Elektrische Pflüge, Leitungen 120 „ „ Bauten und Inventar 160 „ „ Kunstdünger (jährlich wiederholt) 40 „ „ Sämereien 30 „ „ 750 MilL Mk. Also nur etwa 1000 Mk. für den Hektar an Einrichtungskosten, mit dem Landerwerb zusammen auf etwa 1250 Mk. Da die Unkosten für den Landerwerb bereits zu 350 Mill. Mark angesetzt waren, so würden die Gesamtauslagen für die Ansiedelung, wenn man für Garten- und Hausanlage je 2000 Mkl rechnet, sich stellen auf 350 750 (Großbetriebe) -j-l,2x2Q00 (Gartensiedelungen) 3500 Millionen Mark. Eine gewaltige Summe! Wie sollten die 3ya Milliarden aufgebracht, wovon verzinst werden, wovon sollten Steuern, Düngekosten, Reparaturen und Tilgung des Inventars und der Wasserwerke und Elektrizitätsanlagen .aufgebracht .Werden? Ah das wäre nicht so schlimm, Wenn man bedenkt, daß es sich eben um 6 Millionen Menschen handeln würde, die doch sich nicht auf die faule Haut legen, sondern aiich arbeiten würden und die nicht gezogen stein würden. Zu beachten ist vor allem, daß 3500 Millionen noch nicht einmal 600 Mk. auf den Kopf der Bevölkerung ausmachen würden, 'während man doch das werbende Volksvermögen in Deutschland England, Frankreich zu mindestens 3000—5000 Mark auf den Kopf anstetzen kann. Eine Fruchtanlage von 1 ha würde nicht allein die Zukost an Früchten und Gemüsen für eine Familie gewähren, sondern auch, wie früher schon erwähnt, einen nicht unerheblichen Verkauf ermöglichten, so daß selbst für eine vorher gänzlich mittel-, lose Familie, die die Zinsen sowohl als die Steuern, Dünge-, Reparaturkosten vollständig aufzubringen hätte, doch nicht mehr als höchstens 150 Alk. an Zinsen, 40—50 Mk. ian Steuern, ebensoviel an sonstigen Unkosten, zusammen 250— 260 Mk. an Unkosten kommen würden! . Die Frage der Aufbringung der Mittel würde trotzdem keine Rolle spielen. Das Kapital läßt sich nicht auf Untersuchungen und Forschungen ein, sondern fragt kaltlächelnd: welches ist die reale Garantie, daß ich diesem Unternehmen etwas geben soll? Nun, da wäre zunächst daran zu denken, daß die Juden Osteuropas doch nicht völlig besitzlos sind, sondern meist im Besitz von, sei es audi kleinen Häuschen, Läden usw. Diese müßten bei der Aussiedelung zu vollem Werte vergütet werden. Es wäre anzunehmen, daß die betreffenden Regierungen damit einverstanden sein würden, ihre Schuldverschreibungen den Auswanderern aushändigen würden. In der Hauptsadie würde sich alsdann die Trage zuJ. spitzen auf die Gründung einer großen jüdischen gemeinnützigen Gesellsdiaft, bzw. Genossenschaft selbst und die Erlangung von Konzessionen vo|n seiten der türkischen Regierung Bei dem nach dem Kriegee stark ansteigenden Geldbedarf würde les! im eigensten türkischen Interesse liegen, solche Konzessionen zu geben und die ganze Steuergesetzgebung (zu modernisierten, audi solche jüdischen, neu zu bildenden Gemeinden feine weitgehende Autonomie zu garantieren, sie der .Willkür eigennütziger Beamten zu entziehen... Das Problem .der Ansiedelung der Masse der 'Ostjudein in Palästina darf 'also nicht als Utopie bdiandelt werden, sondern es müssen darüber ernstere Erwägungen angestellt werden. Ist einmal eine größere Masse Juden in Palästina angesiedelt, so braucht man sich über die Zukunft derselben bei fortschreitender Volksvermehrung Reine großen Sorgen zu machen, der Zuwachs würde bei fortschreitender Kultivierung Mesopotamiens-Babyloniens schon in nächster Nähe Palästinas untergebracht werden können, ja es dürfte mit großer .Wahrscheinlichkeit eine Anpassung der Nachkommen der eingewanderten Juden an das Klima der nicht so heißen Gebiete der Tropen stattfinden können, wo geradezu noch unbegrenzte Siedelungsmöglichkeiten gegeben sinid.“ Das Oebacle Des Politikers Sibiif. In den letzten Jahren hatte die jüdische Oeffentlichkeit Amerikas und auch Europas mehrfach Gelegenheit, sich mit der Persönlichkeit Jacob H. Schiffs zu befassen. Dieser Mann, der wegen seiner öffentlichen Tätigkeit auf dem Gebiete der Philantropie sich die ungeteilte Sympathie aller jüdischen Kreise zu erwerben vermochte, spielte sich in den letzten 'Jahren als politischer Führer der Judenheit auf, in welcher Eigenschaft er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit hochpolitischen Reden auftreten zu müssen glaubte. Diese Reden enthielten fast sämtlich polnische Entgleisungen, die vom jüdischen Standpunkt die schroffste Zurückweisung verdienten. .Wir erinnern bloß an seine letzten Auslassungen gegen die „Bindestrich-Amerikaner“ und die „modernen Korah’s“ u. dergl. Die jüdische Oeffentlichkeit war jedoch stets nachsichtig gegenüber Schiff u. zw. lediglich im Hinblick auf seine wahrlich großen philantropisclien Leistungen. Schließlich mußte der Fall doch ein treten, daß ihn auch seine; Philantropie nicht mehr -schützen konnte und daß ihm die längst verdiente Antwort endlich zuteil wurde. Dies geschah anläßlich der Rede, die Jacob H. Schiff bei der Einweihung des Jüdischen Zentralgebäudes hielt und in der er folgendes ausführte: „Hunderttausende der drei Millionen Juden Amerikas meinen, daß ein Jude keine andere Pflicht habe, als Jude zu sein; — nicht Jude durch die Religion, sondern durch Führung eines besonderen Lebens und durch Ausschluß von der amerikanischen Nation. Das ist ganz falsch, — und wenn darauf beharrt wird, so werden ungezählte Leiden über uns kommen> Ich meine nicht die körperlichen Leiden, die unlSer Volk in Rußland und in! Polen betroffen haben, sondern seelische Leiden, die ärger sind. Wenn wir nicht unser Judentum (nur als Religion und als nichts anderes auffassen, dann werden unsere Nachkommen — glaube ich — große Leiden erdulden. Hätten die russischen und die polnischen Juden sich nicht abgesondert und beiseite gehalten und nicht eine besondere Sprache ges prochen, — dann hätten di e Leiden, denen sie ausgesetzt wa-. ren, keinen solchen Grad erreicht. So auch hier. .Wenn Hunderttausende der Juden in Amerika nicht von ihrer jiddjschen Sprache lassen und sie nicht nur in ihren! Häusern sondern auch in Volksversammlungen und ' in Schulen sprechen, wird schweres Unglück über unser Volk kommen. Wir werden tatsächlich ein eigenes Volk bleiben. Das darf nicht sein. Wir müssen erkennen, daß wir Amerikaner sind, Wir müssen wollen, daß unstere Kinder Amerikaner seien. Wohl sollen unsere Kinder ihre Religion leben; aber sie müssen englisch sprechen und lesen und sich' den amerikanischen Sitten anpassen.“ Die Newyorker „Wahrheit“ bemerkt zu dieser ‘Rede: „Jacob H. Schiff (macht (mächtige Tortschritte. Er ist bereits soweit, daß er eine klare Rechtfertigung für die russische Pogrompolitik gefunden hat. Und wer weiß, wie .weit -er noch kommt, wenn er es weiter als seine Aufgabe änsehen wird, alles Jüdisdhe im jüdischen Volke mit Ausnahme der Barmizwah zu* unterdrücken. In seiner gestrigen Ansprache ging Schiff weiter als in allen seinen vorhergegangenen Reden. Jeder amerikanische Jude wird diese Rede als ein Verbrechen empfinden Wir sehen nicht ein, warum die wütendsten russischen Regierungsblätter diese Ansprüche nicht abdrucken und recht weit verbreiten sollten. Und gewiß ist audi kein anderer Grund vorhanden, warum ßumett und ändere amerikanische Feinde der Einwanderung diese Rede nicht auswendig lernen und in alle Teile des Landes verbreiten sollten-. Keine besseren und gewichtigeren Argumente gegen die Einwanderung und besonders gegen die jüdische Einwanderung, hätten sie sich wünschen können. Und wenn diese Argumente von einem Manne wie Schiff kommen — einem Philantropen und einem, der als Vertreter der Juden angesehen wird —, dann sind diese Aeußerungen von ganz unsdiätzbarem Wert! Jacob H. Schiff ist einer der bedeutendsten Juden Amerikas. Er hat onne Zweifel große Verdienste und verdient die Achtung, die die Juden ihm entgegenbringen. Aus diesem Grunde verursachen solche Reden nicht bloß Schmerz, sondern tun gewaltigen Schaden. Es ist bitter ge-i nug, wenn ein dünkelhafter Rabbiner die neu angekommenen Juden prüft, ob sie die für die Einwanderung vorgeschriebenen Kenntnisse besitzen, ■aber wenn ein Jude Von der Ste.Iung Jacob Schiffs eine Rede hält, in welcher die Verleumdung ausgesprochen wird, die Juden Amerikas seien nicht patriotisch, dann wird die Sache tatsächlich ganz gefährlich.“ Aber nicht bloß in der jidistehen Presse, in der ganzen jüdischen Oeffentlichkeit Amerikas rief die Rede Schiffs große Entrüstung hervor. Die Erregung war umso größer, als gewisse englische Blätter diese Rede zu antisemitischer Propaganda auszunutzen begannen. Die Campagne der jüdischen Presse veranlaßte Schiff, auf der Konferenz der Newyorlder „Kehilla“ eine Erklärung abzugeben, in der er die ihm - von der Presjse in den Mund gelegten Behauptungen dementierte. Dem gegenüber weist die jüdische Presse darauf hin, daß Schiff es trotz mehrfacher Aufforderung unterlassen hat, diese Berichtigung der englischen Presse zugehen zu lassen, die doch zuerst die erwähnte Rede gebradit hatte. Die weitere Erklärung Schiffs, er wolle von nun an dem politischen Leben fernbleiben und seine öffentliche Tätigkeit auf die Philanthropie b e schränken, wurde von der jüdischen Oeffentlicihkeit mit großer Befriedigung zur Kenntnis genommen. Denn diese Erklärung bedeutet eine Niederlage der amerikanisch-jüdischen Plutokratie, zu deren wichtigsten Wortführern Schiff gehört. Eine JuöenOebalfe in 9er Duma. In einer der letzten Sitzungen der russischen Duma, erstattete, wie der Bukarester „Adeverul“ berichtet, die Deputation, die die Ententestaat|en' bereist hat, Bericht über ihre Reise. Mjljukow, der den Bericht vorlegte, erklärte, die Mitglieder der Deputation hätten den Eindruck gewonnen, daß man sich in England, Frankreich ujnd Italien 6-ehr viel mit der Frage der Nationalitäten in Rußland befasse. In erster Reihe stehe die polnische Frage, -in zweiter die jüdische. I|ni England wurde uns erklärt, sagte Miljukow, daßdie Lösung der Judenfrage in Rußland auch eine praktische Bedeutung für das Gelingen des Abschlusses der großen russischen Kriegsanleihe in Amerika (besitze. ICh bedauere sehr dieses Argument anfjühren zu müssen. Ich mache aber kein Geheimnis daraus, daß ich die Lösung der Judenfrage wünlstehe. Es ist dies picht mein Argument, sondern in England wie auch in Frankreich wurde uns von maßgebenden Kreisen nähegefegt, daß das Programm des Progressistenb'focks bezüglich der Juden verwirklicht werden (müsse. Im Anschlüsse an den Bericht wurde eine lange, stellenweise sehr leidenschaftliche Debatte geführt. Der Vorsitzende der Heereskommission, Abgeordneter SChingarew, führte aus, da'ß er gleichfalls für die Lösung, der Judenifrage sei, wenn das (Reich ein Interesse daran habe, daß die Kriegsanleihe in Amerika zustande komme. Der Nationalist Markow protestierte gegen jede Pression. Es sei (nicht möglich und widerspreche der Würde des Reiches, unter der Androhung der Verweigerung der Anleihe die Lösung der Judenfrage auf die Tagesordnung zu bringen. (Großer Lärm.) Berichterstatter Miljukow, der sich nochmals zum Wort meldete, erwiderte, der zum Ausdruck gebrachte Standpunkt' sei nicht jener der Delegation. Nicht wir, bemerkte er, haben die Anleihe mit der Lösung der Judenfrage in Verbindung (gebracht, aber wo wir hinkamen, hat man uns darauf aufmerksam gemacht. Wir dürfen nicht verheimlichen, wie man über uns' bei den Verbündeten und in Amerika denkt. Schulgin (Nationalist) betont, daß angesichts der guten Haltung der Juden in diesem Krieg auch ähr Schicksal verbessert werden müsste. Das Reich müsse seine Politik den Juden gegenüber andern .Redner kann aber nicht vergessen, daß die Juden an der Revolution des Jahres 1905 teilgenommen haben., - ,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.