Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1916-07-28 · 30 (28.7.1916) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2438141-2438572-2438601--4894-2444815
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JUDE ZBTUHG aas NflTIDNFIL -JÜDISCHES DREFIN Mg rWr^TMB Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ AlTnU Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und lnseratenaufnahme: Wien, IIn Zirkuagane Nr. 33. — Sprechstunden ■ B täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—S Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Aboonemenstspreise: Für Oester- B “ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Atfc. 5.—, Vierteljahr. “ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 30 Wien, Freitag, den 28. Juli 1916 — 27. Tamus 5676. X. Jahrgang. Der Zionismus als Lösung des OsfjuOenproblems. In der jüngsten Nummer (vom 29. Juni) der von Staatsminiüster H. von Frauendorfer und Prof. Edgar J a f f e herausgegebenen „Europäischen Staats- und .Wirtschaftszeitung“ ist ein „Das Ostjudenproblem und die Frage seiner Lösung durch' den Zionismus“ betitelter längerer Artikel des Berliner Universitätsprofessors Dn. C. Ballod, Mitglied des statistischen Amtes der preußischen Regierung enthalten, der geeignet ist, in zionistischen Kreisen Aufsehen zu erregen;. Prof. Ballod ist einer der bekanntesten Nationalökonomen Deutschlands, der sich besonders eingehend mit der Untersuchung landwirtschaftlicher Verhältnisse befaßt. Bekannt sind seine Arbeiten [über die Agrarreform Rußlands, in denen er vor dem Kriege die Aufmerksamkeit der deutschen Oeffentlichkeit darauf lenkte, welchen bedeutenden Umfang diese Reform angenommen hat und wie sehr 'Rußland durch' feie wirtschaftlich gestärkt und politisch beruhigt wurde. Der Artikel Prof. Ballods befaßt sich mit der Lösung des Ostjudenproblems durch den Zionismus und kommt nach einer eingehenden Untersuchung .zum Schluß, daß es durch eine ganz großzügige SiedlungSarbeit möglich wäre, mit einem Aufwand von 31/» Milliarden Kronen ca. 6 Millionen Juden in Palästina anzuSjedeln. Eine nicht im größten Stil angelegte Arbeit hätte keinen Wert. So Sehr wir es begrüßen, daß ein so hervorragender Gelehrter, wie Prof. Ballod, nach eingehender, unabhängiger und sachlicher Prüfung der Materie zu dem Schlüsse kommt, daß Palästina Raum für eine Millionensiedlung von Juden bietet, so können wir uns nicht in allen Punkten Seinen Ausführungen anschließen, worauf wir noch ausführlicher zurückkommen; werden. Heute möchten wir nur bemerken, daß es sich im Laufe der zionistischen Tätigkeit gezeigthat, dah unsere systematische Kolonisation in kleinerem Stil succesive zum Ziele führen muß. .Wir lassen nachstend einige wichtige Stellen aus dem Artikel Ballods folgen: „Es handelt sich also zunächst um die Landfrage.'- ... Rechnen wir zunächst die Gesamtfläche der brauchbaren Ebenen und Talflächen zusammen. Da ist zunächst die große Küstenebene, die von Gaza bis Haifa sich in efnei Länge Von 165 und einer durchschnittlichen Breite von 95 km' hin erstreckt; sie dürfte zusammen 250.000 ha umfassen. Allerdings ist ein Teil davon sandig, ein Teil bereits hügelig .Indessen ist doch da fast) überall die Möglichkeit der künstlichen Bewäs-i serung gegeben, sobald man erst das .Wasser der vom Gebirge herabrieselnden Bäche und Flüße« durch Staudämme abfängt. Allein der Nahär-el-Auscha, der nördlich von Jafa mündet, hat 10 cbm .WasSer in der Sekunde, 330 Milk cbm im Jahr. Damit allein läßt Sich bei 500 mm’ Wasserverbrauch im Sommer ein Betrag, der auch für Baumwolle völlig ausreicht, 66.000 hq bewässern. Voraussetzung der Kultivierung der Küstenebene ist natürlich "eine so. rationelle Anlage von Staudämmen, daß kein Tropfen Gebirgswasser nutzlos ins Meer fließt. Als sehr fruchtbar ist bekannt die an 30.000 ha große Ebene Jesreel und die wenigstens 20.000 ha großen anderen Täler und die Küstenbene von Galiläa, auch die Ebene am H ule-See ist auf 15.000 ha zu schätzen. Nimmt man nun noch hinzu das ganze Jordantal mit rund 120.000 ha, so kommen wir auf eine Gesamtfläche des ebenen, durch künstliche Bewässerung zu doppelten Jahresernten zu bringenden Landes Palästinas zu 435.000, sagen wir bloß rund 400.000 ha. Allerdings gehört dazu ein derartiger Ausbau von Bewässerungsanlagen, wie er auch im Altertum nicht vorhanden war, wip er aber mit Hilfe der neuzeitlichen Technik sehr gut zu bewirken ist Das Jordantal z. B. ist auch im Altertumgroßenteils dürre Steppe gewesen, weil es keine Regierung gegeben hat, die so viel Sachkenntnis, Interesse und Unternehmungsgeist besaß, um, wie in Aegypten, hochgelegene Seitenkanäle zum Hauptfluß zu schaffen (Josefs-Kanal in Aegypten). Der Jordan ist frei'ich selbst ziemlich tief 20—30 m und mehr in die Ebene eingesenkt. Da zwei Dutzend Staudämme zu bauen zwecks Hebung des Grundwassers und zur künstlichen Bewässerung, wäre ein praktisch durchaus ausführbares Unternehmen. Selbst wenn ein jeder Staudamm 1—2 Mül , Mk. kosten sollte, selbst wenn die gesamten Stau- und Bewässerungsanlagen auf 100—120 Mill. Mk ist gleich 800—1000 Mark für ein Hektar kämen, wäre eine solche Arbeit Segensreich und lohnend. Das 'Jordantal ist diluvial, enthält zwar viel Stejngerötl, aber noch mehr fruchtbaren Lehm- und Tonboden, der bei künstlicher Bewässerung zu den höchsten Ernten zu bringen wäre. (Endlich kommt in Betracht die Ebene Hauram (En-Nukra), das alte Basan im Ostjordanlande. Hier ist der "Regenfall geringer, etwa 400 mm im Mittel, die künstliche Bewässerung mangels der Möglichkeit der Wasserentnahme aus größeren Flüssen erschwert: es wären erst eine ganze Anzahl von kleinen Staubecken anzulegen. Dafür ist die Qualität des Bodens eine hervorragende: es Ist vulkanischer Boden, Lava, Tuffe. Der Hauran ist bekannt als die Kornkammer Syriens, er erzeugt namentlich hochwertigen .Weizen, den besonders zur Makkaronifabrikation so beliebten eiweißreichen „Glasweizen“. Die Ausdehnung der ebenen bezw. sanft geneigten Teile des Hauran, soweit sie auf vulkanischem Boden ruhen, ist nicht ganz einwandfrei abzuschätzen; immerhin wird man mit 400.000 ha eher zu tief als zu hoch gehen. Damit hätten wir für ganz Palästina an landwirtschaftlich hochwertigen Ebenen und Talf fachen etwa 830.000 ha e rmittelt . . . Wir Sehen also, bei Hochkultur brauchen wir noch nicht einmal die gesamten 830.000 ha Ebenen und Talflächen für die Versorgung einer 6 Millionen-Bevöikerung mit Brotgetreide, Reis (25 kg auf den Kopf), Fleisch, Milch, Baumwollefaser (5 kg auf den Kopf), falls .wir die Lebenshaltung des deutschen Volkes vor dem' Weltkriege als Norm aßnehmen. Es läßt sich aber auch der Zuckerbedarf der angenommenen Bevölkerung (auf einer Fläche von etwa 20 bis 30.000 ha im Jordantale gewinnen, das bekanntlich ein tropisches Klima hat, in dem das Zuckerrohr sicher in 16—18 Monaten reifen würde. Auf Java werden Zuckerdurchschnittsernten von 10—15.000 kg auf 1 ha erzielt, auf Havaii 20 bis 30.000 kg. 15.000 ha jährlich abgeemtete Fläche würden 15.000 mal 15 das ist 225.000 Tonnen erzeugen und auf 6 Millionen verteilt 37.5 kg auf den Kopf, was über den englischen Zuckerkonsum hiuausgeht (der deutsche betrug nur 17—19 kg auf den Kopf). 15.000 ha würden 10—15.000 Arbeiter auf den Feldern und in den Fabriken erfordern.... Nun die Frage der Organisation einer so großzügigen Ansiedelung! Es versteht sich von selbst, daß man die Ostjuden nicht einfach nach Palästina schaffen und sie dort ihrem Schicksal überlassen könnte, wie es die türkische Regierung bei der Aussiedelung der Mohammedaner aus von Christen besetzten Gebieten tut. Sondern sorgfältige Vorbereitung, Landorganisation, Lösung der Landfrage wäre die Vorbedingung. Diese ist, das muß zugegeben werden, bei den verwickelten türkischen Rechtsverhältnissen keineswegs leicht. Nur unter der Voraussetzung, daß eine große jüdische Ansiedellungsgesellschaft 1. das ganze Staatslamd gegen bestimmte Zahlungen überwiesen bekäme, 2. das Wakuf (= Kirchenland) gepachtet bekäme (verläuft werden darf es ja nicht), 3. da9 Privatland zum landesüblichen Verkehrswert enteignen dürfte. Das scheint nun eine zu hohe Forderung : was sollte denn ,so wird man fragen, mit der bisher in Palästina ansässigen Landbevölkerung, den Fellachen geschehen, dürften sie auch enteignet werden? Diese Frage scheint schlimmer als sie ist: für die Enteignung der Fellachen haben Schon die arabischen städtischen Wucherer gesorgt: in den besseren Teilen Palästinas; in) Galiläa sollen nur noch 20°/o, im Ostjordanlanü nur 15% des Landes in den Händen der Bauern sein1). Meistens würde man schon ohne Zwangsenteignung von den arabischen Großgrundbesitzern Land kaufen können, sobald man ihnen Preise bieten würde, die die Fellachen bei ihrer rückständigen Bodenkultur gar nicht anlegen können. Man würde für die bloß als Acker und Weide dienenden Ebenen und Täler schwerlich über -200—250 Mk für ein Hektar im- Durchschnitt anzulegen haben, selbst bei freihändigem Ankauf. Mit anderen Worten: das ganze für die Großkultur notwendige Gelände von 700.000 bis 750.000 ha würde man für 140—180 Mill. Mark erwerben können. Noch geringer würde der Durchschnittspreis für das gebirgige, bisher nur als Weide dienende Gelände sein. Allein auch wenn man da 150 Mk für 1 ha zu zahlen hätte, käme man für alles für die Ansiedler nötige Land auf 300—350 Millionen Mark. Von einer Erwerbung der bestehenden Wein- und Baumgärten, insbesondere der teuren Orangenpflanzungen bei Jafa hätte man natürlich abzusehen, denn die ostjüdische Siedelungsgesellschaft sollte doch neue Kulturen schaffen, nicht mit bestehenden Spekulationen treiben. Die Fellachen könnten für die erste Zeit der Siedelungstätigkeit eine sehr i) Auhagen, Beiträge zur Kenntnis der Landesnatur und Landwirtschaft Syriens. S. 52.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.