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Jüdische Zeitung · 1916-07-21 · 29 (21.7.1916) · p. Seite 14

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
29 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
Seite 14 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nt. 29!Am' 1. Juiai l. J. fand die Jahresversammlung' der Petersburger Abteilung der Bildungsgesellschaft („Mefice Haskalah“) statt, auf der die Fragen der Sprache und des Programmes der jüdischen Volksschulen mit großem Ernst behandelt (wurden. Berichten des; Komitees' zufolge werden gegenwärtig von der Petersburger Gesellschaft in 126 Städten Schulen und Chadarim unterhalten, in denen 18.000 Kinder der jüdischen Flüchtlinge, Reservisten und sonstigen Kriegsnotleideniden untergebrachtsind. In den Kursen für Erwachsene erhielten 2.660 Personen ihre Fortbildung. Die Gesamthöhe der Subventionen; für die Schulen und Abendkurse beträgt 65.000 Rubel monatlich. Außerdem wurden noch von jder Gestellsdiaft bis 1. April d. J. zur- Unterstützung der kriegsnotleidenden jüdischen Lehrer 28.088 Rubel, zur Unterstützung der Jeschiwoth 25.700 Rubel und als Subsidien 'für notleidende jüdische Literaten 13.875 Rubel verausgabt. Das vom Komitee vorgeschlagene Budget für das1 Jahr 1916/17 erreicht die ansehnliche Summe von 638.500 Rubel. Nach einer kurzen Auseinandersetzung zwischen Herrn J. O. O k u n, der gegen die Unterstützung ider Jesdhiwoth durch die BildungsgesellsChaft fepraeh, und Herrn D i n a b u r g, der die nationale und kulturelle Bedeutung der Jeschiwoth verteidigte , eröffnete der radikale Jidischist W. iA. Kantorowitsch die prihr zipielle Debatte über die Fragen der Sprache und des Programms der jüdischen Volksschule. „Der Kampf um die Sprache“ so erklärte der Redner, „wurde auch mit dem Kampf um dein Religionsunterricht (verquickt. Die einen verlangen eine normale, „weltliche“ Schule, die anderen eine hebräistische, konfessionelle. Das Komitee der Gesellschaft stellt in der Mitte dieser beiden Richtungen und daher imuß reine Tätigkeit kompromistisch und prinzipienlos sein.. Das "Komitee BUcht beide Richtungen zu befriedigen. Die^ ist aber unmöglich. Was wir wünschen, ist eine normale, demokratische, weltliche Schule in jidisclier Sprache ohne Religion.“ Eine Gegenrede hielt der zionistische Journalist Aleinikow. Er protestierte gegen die Behauptung, daß "die Schule, "die seine Gesinnungsgenossen verlangen, nicht demokratisch sei. „Niemals" War die jüdische Volksschule undemokratisCh", da die breiten Volksmassen sie von jeher eben isb gut wie die reichen Schichten der jüdischen Bevölkerung besuchten. Das einzige, wofür wir jetzt kämpfen müssten, weil es gerade jetzt Von Außen und von Innen bedroht wird, ist, daß die neue Schule eine nationale feei. Nicht der jidisdhen Unterrichtssprache gilt unser Kampf, Sondern den mangelhaften Kenntnissen der Schüler in der hebräischen Sprache. Daher verlangen wir die Einräumung einer genügenden Zahl Stunden — ungefähr die Hälfte der Wochenstunden — für den Unterricht des Hebräistehen. Dann sprach der Historiker S. D u b n o w. „Der Kampf um die jüdische Schule in der Bildungsgesellschaft“ .Sagte der Redner, „begann schon vor 15 "Jahrete;. - zuerst ün Odessa, im1 Zentrum des russofizierenden Anationalismus, wo an der Spitze der Erneuerung Achad Haam" und ich" selbst standen. Damals kämpften zwei Richtungen gegen einander: die Anhänger einer nationalen Schule gegen die Verteidiger einer Assimilationsschule. Die Sieger blieben die ersteren. Jetzt ist der Kampf ein anderer, Jetzt Stehen die Anhänger einer nationalen Schule den Anhängern einer antinationalen Schule gegenüber. Wohlgemerkt, einer antinationalen, nicht Assimilationsschule.. Auch die Freunde des Herrn Kantorowitsdh verneinen eine nichtiüd’S'he Schule, feie wollen aber kein Laboratorium haben, das einen nationalen TvpuS fabriziert. Also keine russische, aber auch keine jüdische, sondern eine farblose, rein utilitare Schule. Andererseits wird auch seitens" gewisser Anhänger einer nationalen Schule die Tätigkeit des Komitees angefochten.: seitens der extremen Hebraisten. Das! ist aber ein Pseudo- Hebraismus, denn seine Wünsche können nicht realisiert werden. Vor einigen Jahren wurde versucht, Reform-Chadarim zu gründen, wo die hebräische Sprache in hebräisfdher Sprache vorgetragen wurde. Dieser Versuch mißlang und nur wenige "von diesen Schulen existieren noch. Wenin der Glieder, wo ausschließlich" jüdische Lehrgegenstände vorgetragen wurden, sich" nicht hebraisieren läßt, wird es denn dann möglich' sem, eine Normalschule völlig zu hebraisieren? Wäre so etwas möglich', so hätten es unfeere Ahneri längst getan. Das ist eine Tragödie, aber eine unwiderlegbare Wahrheit. Eine Spaltung in den Reihen der Kämpfer für die Nationalisierung der Schule birgt eine große "Gefahr in SiCh'. Uns tut eine "Schule Not, die weder HebraiSmu.s noch Jidischismus. sondern Judaismus-leitet. wo alle Kulturwerte, die das Volk besitzt und braucht, sorgfältig gepflegt werden: Nachdem noch eine Reihe von Rednern beider Richtungen zu Wort gekommen war-, Schritt die Versammlung zu den Wahlen. Dem spezifische Charakter der jüdischen " OeffentliChkeit Petersburgs gemäß, wo noch eine strenge politische Differenzierung unter den Juden äls Ueberrest des großen politischen Aufschwungs der nahen Vergangenheit besteht, ging auch dieser rein kulturelle irtnerjüdische Streit duiteh das! Prisma der politischen Gruppierungen. Statt Jidischisten und Hebraisten gab es hier Blocks verschiedener (politischer Gruppen, wobei zum ersten Mal eine Neugruppierung der politischen Parteien durch die Sprachenfrage in die Erscheinung trat. Die Sogenannte Volksfpartei vertrat den Standpunkt deS Kom itees. Die Zionisten im Verejn mjt der demokrati- S chenGru p pe bildeten den hebräiSchen Flügel, die Sozialisten mit der Unterstützung der kadettisdien „Volksgruppe“ stimmtet! für die j i d i s c h i s t e Liste. ES Wurden gewählt: S. iM. (D u b n o w, K r e imn, Zinberg, Dr. L. Katzen e 1 Sohn, M. Scheftel u. G. A. Landau. Unlter ihnen waren Vier in allen Listen" vertreten, einer in der hebraisiischen (Landau) und einer in der jidischistischen (Zinberg). * Mitte Mai fand in New york die 13. Jahreskonferenz deä „Verbandes der orthodox en Rabbiner“ statt. Im Mittelpunkt der Debatte stand der Vortrag des Rabbiner Schaffer laufe! Baltimore über die jüdisch-orthodoxe Erziehung. ES wurde folgende Resolution angenommen: „Der Rabbiner-Verband sieht das Ziel der jüdischen Erziehung dar-ti, daß die jüdischen Kin|der zu richtigen Juden, dfe die Wege der Tora gehen, erzogen werden. Die einzigen (Mittel dazu sjnd die Bibel, die Gemara und der Schulchani-Arueh“. Eine zweite Resolution über die national-radikalen Schulen lautet: „Der "Rabbiner-Verband protestiert entschieden gegen die radikalen Schulen und Warnt alle gesetzestreuen Juden, ihre Kinder in dieSe Schulen zu Schicken. Sie sind kein geringeres Gift für das Judentum als die Missionsschulen und wer sie unterstützt, gleicht einem Juden, der den Götzendienst unterstützt.“ Bus Palästina. Laut Meldung des „Journal de Beyrouth“ ist der Platzkommandant von laffa HaSsan Basri Bev abberufen und an seiner Stelle der bisherige Platzkommandant von Haifa, Maior Abmid Sdhukri ernannt worden. Ebenso iSt der bisherige Kaimakam von Haifa, Fuab Bey, Kaimakam in Jaffa (geworden. » : i Während erfreuliche_were eine Abnahme der Tvphuskrankheiten!zu .verzeichnen ist,, sind in der letzten Zeit einige "ChöferafäHe Vorgekommen -,Öo in Jaffa (ein1 Fall), in Bethlehem und besonders in Damaskus. Dank den Bemühungen des Zionistischen ActionS-Coroites" ist eine Sendung Von "’Medikarne-’^en nach Palästina abgegangen!. Ebenso ist das Provisorische Zionistische ExekutivcomPe in Newvork bemüht, die Erlaubnis zur Entsendung einer medizinischen Hilfsexpedition zu erhalten;. Die Schüler deS hebräischen Gymnasiums in Jaffa und deS Lehrerseminars in Jerusalem, die zum Militärdienst ehiberufen wurden, sind in die Offiziersschule in Konstahtinopei eingetreten. * Der jüdische Arzt Dr. Cohen ist “zum Arzt "am Regierungrispital in Jerusalem ernannt worden. # Durch' den Krie'r ist ^-VäsHna auch i«bezug auf hebräische Bücher von der ausländischen’ Einfuhr gänzlich abw-tehnitte". die bestehenden Bibliotheken Sind zusammeri*Tes'c'hrumOff, die Pücher sind auSgelesen" und abgenutzt, so daß ein gewisser Mißstand auf dv*s»m Gebiete entstanden war, den Selbstverständlich die Lehrer auf meisten zu snüren bekäme«. Die Schwierigkeiten, in die der hebräische Lehrer Palästinas durch den Krieg gerate« i~-t. kann nur derjenige richtig beurteilen, der einmal Gelegenheit hatte, einer BücherverteiUmg an ei«er hebr.äHchen Schule Palästinas .beizuWohne«. Die jüdischen Kinder Palästinas werden in hebräischer Snrache berah’gezogen und lechzen auch nach1 Lektüre "in dieser Spradhe. Es" ist deshalb mit Frede zu begrüßen, wenn Palästina "selbst sich entschlo-r-en hat, aus eigener Kraft diesem UebelStanrfe abzühelfeh und einen „"Ersatz“ für die a«sh'e;bende Kinderliteratur zu Schaffen. Zwei erfahrene Lehrer. Berkus und der als" pädagogischer Schriftsteller bekannte J. Adler, haben einen Verlag gegründet, der es sich' feur Aufgabe gemacht hat. den jüdischen. Kindern Wöchentlich ein Heftchen gediegener Märchen und. Erzählungen zu bieten. Von den Sechs Heftche«, "die bereits vorliegen, feind zwei Ori"-:«a!arb“iten von J. DuSchm a n n und Mordediai b e n H i II e i" Hakohe n, Hie übrigen vier rund Uebers^+zimgen aus dem Deutschen und Französischen. Die niedlichen . Heftchen sind "alle Schön gedruckt und mit Textbildern auSgeStattet, mH gereichen der hebräischen Druckereikuns1 Palästinas wirklich zur Ehre. Herzls Wirkung. Die Völker Europas haben die theoretische Ethik geschaffen; sie haben seit Aristoteles genug moraljsche Systeme hervorgebracht, um einem So tiefgründigen und kenntnisreichen Gelehrten wie Friedrich Jodl Stoff zu einer mehrbändigen Geschichte der ethischen Theorien zu bieten. Das jüdische Volk hat es zu keiner geschlossenen Darstellung seiner Sittlichkeit gebracht und alle Versuche, aus ein’er anderen Quelle, als der rein religiösen], die einzelnen. Forderungen abzuleiten, sind bisnun gescheitert, sodaß Kant das Schöpferische Grundprinzip einer jüdischen Ethik rundweg leugnete H Dieser Gegensatz zwischen Europa und dem Judentum erfährt eine Beleuchtung, wenn auch keine letzte, ausreichende Erklärung durch Martin BuberS Gegenüberstellung der Wissenschaft als höchste Schöpfung des Okzidents und der Lehre als tiefster Eigentümlichkeit des Orients. Das" Abendland konnte der menSchheitlichen Kultur den Wert deS zu ejner Gesamtheit kausal verknüpften WfsSens und das Werterforschen nach vernunftgemäßen Methoden geben, der Orient dafür schenkte Mens’chen, die den Willen in sich trugen, das (hohe, Sittliche Ziel zu erreichen, das mur im wahren Leben verwirklicht wird; jedes Davonfepredhero, jedes Formulieren, jedes Dogmatismen War Abfall. Am Eingang in die jüdische GeSchichte steht in Moses die Persönlichkeit, die dessen Wollen des wahren Lebens bis; zum Mythus getreu verkörpert. In der Einleitung zu den „Worten Moses“ hat Hugo Bergmann das Werden und Wirken dieSes Einzigen ganz Schlicht efzäh'hj wie das Volk in Jahrhunderte Währender Dichtung die Gestalt deS sittlichen Heros" (geformt hat. Bergmann fühlte, daß uns das Wissen von dieser Gestalt in den Ta^en der Erneuerung, deren Zeugen auch wir sind, noftut. Denn' wir ersehn das’ Reifen der Zeit :a"n der Dichtung unseres VolkeS von Theodor Herzls Leben und Leistung Das ist kein Mythos von einer heroischen Kraftgestalt, die wunderbare Werke vollbringt, auch nicht von einem sittlichen UebermenSchen, der kategorische Imoerative donnert, sondern das Volk läutert und vereinfacht sich das Bild von einem reinen, klugen und Starken Wesen, das Fleisch" von unserem Fleisch und Blut von unserem iBlut ist. Die die Historie deS Zionismus, seine Vorgeschichte bilden, Moses Heß. Hirsch Kalisch'er, Leon Pfnsker und mancher Vergessene, die haben ganz ähnliche Vorschläge über Landerwerb, Organisierung, Mittelbeschaffung gehabt, sie stellten auch’ ihre eigenen Kräfte in den Dienst der Verwirklichung, sie fühlten auch die Gewalt des BluteS und seiner Instinkte. Und Herz, kam gar von draußen, hatte so wenig Verknüpfung mit dem" Volke und gar keine Beziehung zur Tradition^ die für die Meisten doch das ganze Um" und Auf war oder ist. Da genügt doch" keine wissenschaftliche Erklärung durch daS Milieu, nur eine Deutung kann gelten: Die tiefste Schicht deS Individuums 'hat gesprochen, das Ureigenste, die Persönlichkeit, das Blut. Und dieste Innerlichkeit schlug die Brücken über alle Abgründe von Erziehung, Tradition und Soziale Stellung. Aus! ihr heraus snrach' Herzi "und wirkte er und Was er tat und sägte, War darum"' allen verständlich urid 'jedem Einzelnen aus' seiner Seele heraus getan unid gesägt. Aber eben aus dem Tiefsten un!d Ursprünglichsten war es geschehen, somit Erlösung der Persönlichkeit, denn es warf mit einem Male allen Schutt und Moder, der -auf der Innerlichkeit gelastet und sie verschüttet, .empor, hur auf feierliche Stunde«, auf Augenblicke vielleicht, und doch hinreichend, die Größe des Uthebers zu ers’chauen und die innerste Verwandschaft mit ihm zu ahnen. Herzls Tat war idealistisch". Ueber seine jüdische Gegenwart Stellte er ein Ideal. Alle die Mühseligen und Beladenen, " die unter der Bürde fhreS Alltags keuchten, die ihr dumnfeS Da'-i Se;n entlan'- niemals zum Himmel aufgeschaut hätten". Wei' für rie nur die sinnlich faßbaren, ganz konkr"!en Güter, wie Geld. Genuß, äußere Würde |gau. sahen am Horizont ihres Lebens ' eine Idee aufleitehH«. ein bloß Gedachtes, ein Sinnlich' Ungreifba-e' Ein dunkles Erinnern wachte :n ihnen auf. cH'l a«ch ihr Gott Sinnlich1 unfaßbar, jnur gedach* stei. daß er aber nun zis einem" goldenen K^lbe herabgesunken Sei, den s;e sehen und fassen konnten. Herzi gab dem Volke den Glauben wieder. DaS wahrhaft religiös schöpferische im Juden Kvar ja längst erlöSch'en und damit das feste Zufranen, das sein Leben so sicher gemacht. An die Stelle trat kleinliche Sorge um den nächsten Tag, die sich drohend immer erneuertet. War aber diefete Sorge gebannt, dann drängte ihn gieriges Hasten nach Gold oder Genuß und sein Weitester Blick war nach Versorgung und Sorglosigkeit. Der Zionismus "aber ist ein feU Senvers'etzenldes Zutrauen in die eigene Kraft und in die Kraft aller, die gleicher Art sind; Dag Zusammengehörigkeitsgefühl brach durch'. Menschen, . denen . die Familie weitester Kreis" der Veroflichtung war oder die bestenfalls kurzsichtige Nächstenliebe betätigten, sahen Sich in ein Volk eingestellt, das sich tausendfältig

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