Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 29 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- Seite 13 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 JÜDISCHE ZEITUNO Seite 3 (Aus' dem II. Akt: „Das neue Ghetto.“) Dr. Samuel: ... So ist auch der Wasserstein das, was seine Ahnen gewesen. Das heißt: wozu das Schicksal seine Ahnen gemacht hat. Es .ist nicht seines Schuld . Das Moralische fängt erst später an: nämlich beim Bewußtsein! Beim Ueberwinden des Instinktiven. Und uns hat nicht einjmal die Natur zu dem gemacht,- was' Wir sind, sondern die Geschichte .Mit Gewalt habt;Ihr uns auf das Geld geworfen —. und jetzt wollen wir auf einmal nicht am Geld kleben! (Zuerst habt Ihr uns tausend Jahre in der Sklaverei gehalten — dann sollen wir von einem Tag auf den anderen auch innerlich frei werden! Wer ist dehin innerlich frei?.. . Ja, wir dürfen nicht einmal die Durch'Schnrttsfehler haben, die jeder hat — sonjst sind wir die elenden Juden;! * Die 'Rolle der Reichen in der Gemeinde, die Gefügigkeit, imancher Priester, das zwitterhafte Bestreben, die alte Tradition mit eJnem übertriebenen Nachahmen der Landesgewohnheiten zu vereinigen, die dreiste Bettelhaftigkeit der wirtschaftlich Sdnvächeren — für das alles hat der Geschichtskundige Erklärungen voller Nachsicht. * Charakteristisch ist, daß hei keinem Volkso 'Viel Wohltätigkeit und s'o viel Bettel vorkommt wie bei den Juden .Es drängt sich einem auf, daß zwischen beiden Erscheinungen ein Zusammenhang sein tnüsse. So daß durch die Wohltätigkeit (der Volksdharakter verlumpt. •* Und wenn sie (die galizisdhen Juden) sich verstörten Blickes an ihre glücklichen Stammesgenoss-en Wenden, weist man sie ab. oder, was noch schlimmer ist, gibt ibMen Almosen. So werden die drohenden Bettler und die feigen Bettler gezüchtet. Bettelgaben schenken, heißt nicht helfen. Die Almosen Sind nur das Band, welches die arbeitsscheuen IReichen mit den arbeitsscheuen Armen verbindet. Diese beiden Kategorien stellen aber nidit das ganze jüdische Volk vor. (Dr. Eichenstamm in „Altneuland“.) Sie dürfen die jüdische Nation in heutiger Zeit weder nach ihren- Bettlern, noch nach ihren ' Reichen beurteilen). » Der Jude ist ein MenSch, wie -andere, nicht besser, nicht schlechter, höchstens verschüchtert und verbittert durch die Verfolgungen, und von einer großen Standhaftigkeit im Leiden... Jn der harten Zeit richtet sich der Jude auf... Werden, die Zeiten besser, so ist es für den Judenl eine Mahnung zur Milde, zur Duldung anderer, zum Wirken für die allgemeinie Wohlfahrt.... Der Jude trägt in seinem vielgequälten Herzen eine unauslöschliche Sehnsucht nach der Erreichung höherer Stufen der Kultur... . Der Jude ertnälgt die (Armut mit Würde und Gottvertrauen, im Reichtum öffnet er sein Herz weit für die Mühseligen und Beladenen, und er besteuert freiwillig sein Woh’ergehen durch große Gaben ... Der Jude liebt die Kunst und gelehrte Uehuneen; diese Waren oft und lauge sein ganzer Trost in der Abgeschiedenheit, die ihm eine feindselige Gesellschaft aufzwang.. . Der Jude ist fähig, der Regierung seines Landes aus Ueberzeugung starr lund ehrlich Wide'Sta'nd zu leisten, oder, sich offen als ihr Anhänger zu bekennen ... Alle drei stehen .auf 'dem Almemor, der Rabbi der Höchste, in der Mitte, die beiden Dajonim' niedriger iäls er, der eirlc zur rechten, der andere zur Linken. Was flüstert rhhen der Rabbi ins Ohr? Warum ist er kreidebleich geworden!? Drauf höre ich ihn und die beiden "Dajonim gar sonderbare Worte sagen. Klar und ‘deutlich ist ihre Rede und doch kan/n ich' den1 Sinn nicht erfassen;. Wie aus einem Munde kommen die rätselhaften Worte hervor: ,Jm Namen Gottes und im Namen der Gemeinde gestatten wir heute zu essen und zu trinken'.“ Eine Schreckliche Stille, eine Todesstille herrscht in der ganzen Synagoge. Plötzlich' verstehe ich unheimlich deutlich, was der "Rabbiner von uns verlangt. Er verfangt, daß Juden am Versöhnungstao-e tii'cTif Tasten, (sondern essen soT-m, .Wegen der Pest, wegen der iPest, wegen der Pest! Ich beginne laut zu schluchzen. Nicht ich' allein schluchze, viele schluchzen mit mir, auch1 die -drei dort auf dem Aime’mor. Am lautesten schluchzt der Höchste unter ihnen, erskhhichzt wie ein kleines Kind. Wie ein kleines Kind, so fleht er. Seine Worte sind sa Weich und milde. Zuwei’en kommen di“ Tränen und ersticken ihm die Worte in der Kehle: „Essen, gehet essen-, es ist so eine'Zeit: Es gibt Zeiten,'wo es geradezu ein Gebot ist, die Thora!zu verletzen. Leben soll man durch sie, durch die Gebote, nicht sterben Soll man durch sie.“ Starke -Völker werden nach ihren besten Söhnen beurteilt, schwache nach ihren schlechteren. Ueber kein Volk sind so viel Irrtümer verbreitet, Wie über die Juden. Und Wir sind durch unsere geschichtlichen Leiden . so gedrückt und mutlos geworden, daß wir diese Irrtümer selbst nadhsprech-en und nachglauben. Unsere böse und törichte Gewohnheit, einander lächerlich zu machen, ist ein Ueberrest knechtischer Gewohnheiten, die wir uns in den Jahrhunderten der Bedrückung angeeignet haben. Ein Freier sieht nichts Lächerliches an sjch undi läßt sich Von niemandem lächerlich machen. (Aus dem II. Akt: „Das neue Ghetto/1) Dr. Samuel: ... Wir haben ja doch immer was vom Ghetto in uns, Dankbarkeit, Wenn man uns wie andere Menschen behandelt. * Immer ist der ein Barbar, der nicht verstanden wird. Barbarus hi ego sum, quia non intellegor ülli. Und so stellt man sich wohl unter dem osteuropäischen Juden eine Art Kaliban vor. Welcher Irrtum! Für mich, ich gestehe es, war das Auftreten der Juden aus Rußland das größte Ereignis d-es Kongresses.. . Das ist nicht Kalqban, sondern Prospero. Sie (die russischen ZiorV-en) besitzen dje innere Einheit, die den meHen europäischen' Juden (abhanden gekommen ist. Sie fühlen- -sich als Nationaljuden, aber ohne beschränkten und unduldsamen -Nationaldünkel... Es nlagt sie kein Gedanke, (sjch zu assimilieren, nr Wesen ist einfach und ungebrochen. Dv^e russischen Juden geben 'mit ihrem ganzen Wesen Antwort auf die Streitfrage, die uns von armseligen Schwätzern (so oft ent-regengehalten wird: ob das Nationaljudentum nicht die Entfernung von der modernen Kultur zur unvermeidlichen Folge haben müsse? Nein. Diese Leute sind auf dem rechten Weg, ohne rviel Rai'onnemCnt... Sie assimilieren sich keiner anderen Nation, aber sie ‘sind bemüh), von allen Völkern alles Gute zu lernen. So brfngen sie es fertig, aufrecht und echt zu seinL Ich kenne me;ne Juden, ich weiß Was in uns steckt, was;n uns stecken mußte, wenn wir die schwersten Prüfungen überstanden, die je ein Volk der Geschichte durchmachte. Der Jude ist sparsam, findig und erfüllt von stärkstem Familiensinn. Solche Menschen eignen sich zu jeder Erwerbstätigkeit. Da wir nüchtern, Sparsam, fleißig sind und die Arbeit nicht so scheuen, wie die Legende behauptet, fangen wir an selbst unter den härtesten Bedingungen zu gedeihen. Die Juden sind mehr als alle anderen Völker, (gewiß aber nicht minder vaterlandsliebend, und dieser Umstand erhöht die -Tragik des Loses. (Aus dem I. Akt: „Das neue Ghetto“.) Rabbiner Dr. Fried heimer: Schelten Sie mir die Judengasse nicht, mleih lieber Freund!_ Es ist unsere arme Heimat! Dr; Jacob Samuel: Ich Schelte feie nicht! Ich sage nur, wir müssen hinaus. Aber es rührt sich niemand von seiner Stelle. Und flehentlich fährt er fort, daß -er über sich die große Sünde nehme, sie aber werden rein vor Gott sietn, rein, ohne Sünde, ohne Fehl. Aber es rührt sich niemand von seiner Stelle. Und plötzlich verändert sich seine Stimme, er bittet nicht mehr, er befiehlt: „Ich gestatte,, ich, ich, ich!“ Wie Pfeile fahren seine Worte einher, wie Blitze treffen sie. Niemänd aber rührt sich von Seiner Stelle. Und Wieder wird seine Stimme weich und flehentlich: Warum habt ihr euch alle gegen mich verbunden, warum Wollt ihr mich zum Aeußersten bringen? Ist es euch denn nicht genug, was ich heute vom frühen Morgen bis jetzt gelitten habe?“ Auch die Dajonim helfen ihm und reden auf die Gemeinde bittend ein — vergebens. Und das Gesicht des göttlichen Mannes wurde noch bleicher als früher. Tief sinkt sein Kopf puf (seine Brust hinlab und ein Seufzer» ein' tiefer, herzzerreißender Seufzer durchdringt die Synagoge von1 einem Ende bis zum andern, und -hierauf läßt sich ein Flüstern vernehmen: „Es ist Gottes Wille,“ sagt er mit trockener Stimme, tals ob er zu sich selbst reden würde. „Zweiundachtzig Jahre bin ichalt geworden und noch nie habe ich bewußt ein göttliches Ge¬ Fr i e d h e i m e r: Und ich antworte Ihnen : wir können nicht! Als das wirkliche Ghetto noch bestand, durften wjr es phne Erlaubnis nicht verlassen — bej schwerer Leibesgefahr. Jetzt sind die Mauern und Schranken unsichtbar, wie Sie sagen. Aber auch dieses moralische Ghetto ist unser vorgeschriebener Aufenthaltsort. Wehe dem, der hinaus will! Samuel: Herr Doktor, diese Schranken müssen wjr nur anders brechen, als jene alten. Die äußeren Schranken mußten von außen hinweggeräumt werden — die inneren müssen wir abtragen .Wir selbst! Aus uns heraus! Zur jüdisibeu Sämlinge. In der am 17. Mai stattgehabten Versammlung der Moskauer „Chowewe Sfat Ewer“ sprach der bekannte hebräische Schriftsteller und Mäzen Hilel Zlatopolski über die Schulsprache. Jetzt beherrschen drei Sprachen unsere Schulen, sagte er. Der Verein „Chowewe Sfat Ewer“ hat sich der Aufgabe unterzogen, Schufen zu gründen, m denen nur eine Sprache herrschen soll: die hebräische. Die Versuche der letzten Zeit sind ganz gelungen', ln Moskau besteht eine Schule mit 120 Kindern und ein Kindergarten, die sich beide gut entwickeln .In Jelec wurde gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde eine solche Schule gegründet. In Nizni ein hebräisches Internat für Flüchtlingskinder, mit einem Etat von 2000 Rubel monatlich. In Saratow wurde ein Kindergarten eröffnet, und ein Abendkurs, ebenso in Waro-> nosch. In Bogorodsk haben wir ein Cheder und eine Jeschibah errichtet, in der der Tal m u d in hebräischer Sprache unterrichtet wird. So kann das Kind vom Kindergarten über die Volksschule bis zur Jeschibah mit einer Sprache gelangen: der hebräischen. Das alles ist im Verlaufe von 6 Monaten geschaffen worden. Die Hindernisse unserer Arbeit sjnd: der Mangel an Lehrbüchern und Lehrern. Die müssen in •allernächster Zeit beschafft werden. Bfe jetzt waren 'wir in der Schulangelegenheit allzusehr passiv. Jetzt ist die Zeit für eine energische Arbeit auf diesem Gebiete gekommen. Der nächste Redner, A. Goldstein, sagte u. a.: Vor unseren Augen wird eine unserer nationalen Festen zerstört: der Cheder. Die Schule der Zukunft, die an Seher Stelle tretensoll', wird nicht auf einmal geschaffen werden können. Verschiedene Versuche werden in der Uebergangszeit gemacht werden. Zwei sind schon vor und vorhanden, nämlich die der JidiSchisten mit ihrem fak tischen Boykott gegen unsere nationale Sprache und unsere nationaler* Werte, und die der Orthodoxie, die den Cheder in seiner alten Form beibehalten will. Ejn dritter Versuch muß nun gemacht werden: eine Schule zu schaffen, in der die hebräische Sprache (und die nationalen .Werte an erster Stelle stehen. Die kommenden Zeiten sollen zeigen, welcher der drei Versuche mehr dem Volksgeist entspricht und den Forderungen des Lebens. Bis jetzt haben wir negative Arbeit geleistet: wir haben die Assimilation bekämpft und die Maske vom wahren Gericht des Jidischismus zu hebertversucht. Nun aber müssen wir p o s i t i v e Arbeit beginnen. Die hebräische Sprache muß ein tatsächlicher Faktor im Leben unserer Generation werden. Un^er Prinzip muß in fruchtbarem Taten des wirklichen Lebens realisiert werden! bot Verletzt ,. Aber das ist ja auch ein Gebot eine Lehre, ein- Gesetz. Es scheint Gottes Wille zu sein, daß ich nicht eher sterbe, bis ich nicht auch dieses Gebot halten werde.“ Und Stille herrscht eine Minute lang, Stille, wie in einem Totenhaus! Wieder ertönt die Stimme des Rabbiners. Er ruft den Schämen herbei. Der Schames steigt zu ihm hinauf und er flüstert ihm etwas ins Ohr. .Dannspricht er leise mit den Dajonim. Diese nicken ihm znstimrnend zu. Der Schames verläßt lautlos die Synagoge und bald kehrt er zurück, eine Flasche Wein, GLüschen und Kuchen In. den Händen. .,. Wäre mir ein -noch so langes Leben beschieden. ieree Szene werde ich nie vergessen. Noch jetzt, wenih ich meine Augen schließe, sehe ich sie vor mir. die drei, die am Verröhnuo,gs*age gegessen haben. Drei große, heilige Männer stehen auf dem Almemor in der Synagoge und essen am Jom Kippur Vor den Augen der ganzen Gemeinde. Es waren Helden! „Ihr habt es von mir gefordert, ich habe es getan“, sägte der Rabbiner. — Seme Stimme ist klar und bebt nicht mehr. — „Gottes Name sei gesegnet!“ Und die Gemeinde ißt mit und Weint... (Frei bearbeitet nach dem Hebrä'schen von Dr. A. Rohinsohn. Aus: .Das Buch von den polnischen Juden“, Jüdischer Verlag, Berlin).