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Jüdische Zeitung · 1916-07-21 · 29 (21.7.1916) · p. Seite 12

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
29 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
Seite 12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 29 aber, daß ich in dieser sogenannten Abwelir- „bewcgung“ nichts weniger, als eine Bewegung im sozialen Sinne des Wortes zu erkennen vermag. Das aber war Alles, was Herzl im Judentum vorgefunden;, als er vor zwanzig Jahren mit seinem „Judenstaat“ aufgetreten ist. Unter dem Eindrücke dieses merkwürdigen Buches und noch mehr unter der hinreißenden Gewalt der daraus fließenden Arbeit entstand im Judentum wirklich eine (Bewegung. Eine Bewegung einem großen Ziele zu. 'Eine Bewegung auch, 'die naturgemäß ohne Ende und ohne Abschluß ist, denn,- wenh das Ziel wirklich erreicht sein wird, - dann soll ja die Bewegung als vornehmlichste Funktion eines lebendigen Organismus erst recht1 an fangen ..Dann wird ja eben das jüdische Volk ein ganz aufgeweckter lebendiger Volksorganistnus sein, der seinen historischen Erneuerungs- und Werdeprozeß zu erleben unid auszuleben haben wird. Seit dieser Zeit, seit dem Auftreten Herzls, ist es nicht jnehr Still geworden' jm Judentum und n;cht um das jüdische Volk herum. Im Judentum: von der unwägbaren und unmeßbaren Selbstachtung des jüdischen Menschen bis zu dem immerhin in Mengen und Werten ausdrückbaren Wachstum der hebräischen und jüdischen Literatur; von der unwägbaren und unmeßbaren Steigerung des Volksstolzes der jüdischen Jugend bis zu der in Stärkegraden einigermaßen ausdrückbaren Festigung der Organisjertheit der jüdischen Gemeinschaft; -von der unwägbaren und unmeßbaren Steigerung der Existenzsicherheit (des Judentums m der Welt bis zu den in Zahlen ausdrückbaren Schöpfungen im jüdischen Nationalfonds und den Palästinasiedlungen'. Es herrscht überall Bewegung und Leben, Wachstum und Aufstieg. Manches Jahrhundert, das jn unserer Diaspora-Geschichte als fruchtbar und ertragreich gilt, kanp sich nicht mit den zwei Jahrzehnten vergleichen, die eben abgeflossen sind. Wir leben allzusehr mitten in diesem Strom, um seine Stärke unid Schnelle abschätzen zu können. Versuchen wir aber, einige Djstanz zum eigenen Erleben zu gewinnen, dann fangen wir erst anv zu ahnen» wie viel wir weiter gekommen, wie viel wir höher gestiegen sind. Ich! (übertreibe wohl nicht und überschätze die Macht und Bedeutung des Zionismus nicht, wenn ich sage, daß das heutige Judentum in seinem Zeichen lebt: für ihn oder gegen ihn. Es gibt heute kein Problem im Judentum, das njdit unfier dem Gesichtspunkte des Zionismus behandelt wird. Ob es sich um große Frage/i der Emigration, der Schule, des politischen Verhältnisses zu den sogenannten Wirtsvölkern, der Gleichberechtigung, oder um kleine Angelegenheiten einer einzigen jüdischen Gemeinde handelt, Dabei hat sich im Wesentlichen die ursprüngliche Schärfe des Gegensatzes zwischen. Zionisten und Gegnern des Zionismus abgestumpft. Man hat sich allmählich von der ersten über, dann griff man zu Mischnajoth und hierauf zu andern heiligen Büchern. Morgens aber fehlten wieder einige Beter, Sie Waren plötzlich niedergestürzt und standen nicht mehr auf. Gehüllt in den Betmänteln und in den Kitteln trug man sie hinaus »So fehlte ihnen nichts mehr zur Ueberfahrt vom Leben in den Tod. .. Aus der Judengasse drangen weitere Schrekkensnachrichten in die Synagoge. Aber es achtete! niemand darauf, niemand fragte und niemand wollte hören. Jeder hatte Angst zu erfahren, wie es bei ihm zu Hause aussieht. Äm Nachmittag des Versöhnungstages. Auf dem Almemor in der Synagoge steht der Rabbiner hoch aufgerichteten Hauptes!. j... Im Winkel steht ein Kind .— idh bin es ja selbst — und seine Augen können sich von diesem Anblicke nicht losreißen. Der "Rabbi ist au, ein Greis, wohl achtzig Jahre und darüber. Und doch ist seihe Gestalt kerzengerade und hoch, daß er alle überragt. Weiß ist sein Bart, weißer noch seijn lichtes Kopfhaar, weiß wie irischer Schnee, auch sein Antlitz ist weiß, so daß inan es1 kaum vom weißen Mantel unterscheiden kann .'Weiß waren damals auch seine Lippen. Nur die Augen, die großen, brennenden Augen sind schwarz, sammtsthwarz, und sie leuchten in einem ungebrochenen jugendlichen Glanze. Verblüffung über die unerhörte Kühnheit der zionistischen Forderung erholt. Das geschah vorwiegend unter dem abkühlenden Einflüsse der -Außenwelt. Wovor man nämlich ’un Anfänge so Sehr erschreckt war, war zunächst die Ainigst vor (der vorausgesagten Empörung der Welt, die es dem Judentum niemals verzeihen würde,;n die Reihe der selbständigen Völker aufgenommen werden zu wollen. Es kam aber, wie gewöhnlich, ganz anders. Die „Welt“ reagierte auf die Forderung des Zionismus im Ganzen und Großen mit durchaus reichlicher Sympathie. Die Feinde glaubten, eine Tür sich öffnen zu sehen, durch die sie die Juden loswerden könnten. Die Freunde gönnten uns den Aufstieg und wollten uns; Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Indifferenten fühlten instinktiv die Berechtigung unseres Anspruches. Der erwartete und gefürchtete Sturm aber ist ganz und gar ausgeblieben. Und So }st allmählich eine Besonnenheit eingekehrt und man kam wieder in einen Gleichgewichtszustand von nicht allzu vehementer prinzipieller oder bloß taktischer Gegnerschaft oder gar schrittweiser Annäherung. Jedenfalls herrscht Leben im Judentum, daS sich freilich noch sehr steigern soll und wird. Die Stille des Friedhofes gibt eS heute nicht mehr im Judentum. Und auch nicht um uns herum. Ejn oberstes Grundgesetz in der vorherzlsehen Führung des Judentums lautet: still sein! Keinen .Lärm machen! So" löscht eine belagerte Festung die Lichter aus, um den feindlichen Geschützen kein Schußziel zu gehen. Wer sich aber stark genug fühlt, tritt frontal dem Feinde entgegen. Unsere Stärke ist unser Recht und das' Bewußtsein, daß unsere Forderung niemandem Schaden, sondern nur Nutzen brjngen kann. Der vorherzlsczhen Judenführung lag noch die alte Ghettoangst bleischwer in den Knochen. Erst der Zionismus hat das Ghetto endgültig überwunden und Herzl hat kühn den Grundsatz der Lautlosigkeit durchbrochen. Im Gegenteil, — man soll nur von uns sprechen. Und wir sprechen auch laut, weithin hörbar. Wir haben ja nichts zu verstecken, nichts zu verheimlichen. Wir fordern ja nur unser Menschen- und (Volksrecht. Und so spricht man in der Welt in den letzten zwei Jahrzehnten viel von uns, für uns und gegen uns. Auch für uns. Das war früher in dem Ausmaße nicht der Fall. Immerhin: die Judenfrage ist eine der großen Welffragen geworden. Und das kann nicht zu unserem Schaden ausschlagenj. * Es ist gewiß schlimm für uns, daß wir in' dieser schweren Zeit Theodor Herzl nicht unter uns haben. Er vermochte so viel bei den Herren dieser Erde: durch' den Zauber seiner Persönlichkeit, durch die adelige Reinheit seiner Gesinnung, durch dje Wahrhaftigkeit seiner "Argumente und die unbeirrbare Sicherheit und Festigkeit se(nes Wollens. Ich1 glaube aber bestimmt, daß se;n Geist unter uns wirkt, nicht nur "im Zionismus, sondern hn ganzen Judentum. Daraus Von meiner Kindheit an war ich daran gewöhnt, diesen Mann zu verehren. Schon, als. Kind wußte ich', daß er ein göttlicher Mann sei', auf dessen Wort alles lauscht, dessen Weisungen die ganze jüdische Welt gehorcht. Ich wußte auch, daß er von jeher geneigt war, den strengen Oesetzesvorschriften einen leichteren Sinn abzuringen, .und daß' alle Rabbiner sich' seinem Urteil beugten, wie dem Urteil der Thora. ... Schweigend steht die Gemeinde da, und harrt darauf, was, der' göttliche Mann reden wird;. Niemand wagt auch1 nur hörbar zu atmen. Und der Rabbi spricht: Seine schwache, leise Stimme wird von Augenblick zu Augenblick'stärker, so Iaut,i daß sie den ganjzen Saal beherrscht. Er spricht von der Heiligkeit des Feiertages, von der Absicht, die der Stifter der Thora damit verbunden hat. Er spricht vom Leben und Sterben, von den Lebenden und 'den Toten. Er spricht von der Pest, die Wie ein reißender Strom hineingebrochen ist, plötzlich, schrecklich; tückisch; die alles dahinrafft, frißt und nicht satt wird, "trinkt und ihren Durst nicht" stillt. Wie lange, wie lange noch? Seine bleichen Wangen und seine Lippen färben pich allmählich rot und plötzlich höre ich' ihn laut sägen: „Und sieht der Mensch, daß Leiden über ihn kommen, (jo ist es seine Pflicht, sich und seihe Taten zu "untersuchen. Nicht nur die Handlungen schöpfe ich dje Ueberzeugung, daß wir uns am Tage der großen Abrechnung nicht verstohlen durch Hintertreppen hereinzuschleichen versuchen werden. Wir werden laut der Welt unsere klaren Forderungen auf Menschen- und Völkerrechte kundtunj. Und sie wird sie hören müssen. Vielleicht wird sie sie sogar erfüllen wollen. Sie hat ja unSer Blut fließen und unsere Treue lodern gesehen. Zunächst ist Eines nötig: Wir müssen wollen können. Möge jms der Geist Theodor Herzls voranleuchten! " Anzeige. Sonntag, den 23. d, M. findet der flbliChe gemeinsame Gang zum Herzigrabe statt. Alle Zionisten werden gebeten, sich an demselben zu beteiligen. Treffpunkt: Hochschule für Bodenkultur, punkt 10 Uhr vorm. (Endstation 40er Wagen). ————— # Unter Mitwirkung der Herren Regisseur Egon Br ec her und Schriftsteller Abraham Sonne findet Mittwoch, den 26. d. JV1. um 8 Uhr abends im Saale des Hotel Continental (2. Bez., Taborstraße) eine Herzl-Gedenkfeier statt. 'Regiebeitrag 60 Heller. ' Horte Theodor Herds. Gesammelt von Wilhelm Berkelhammer. I. Jüdischer VolksCharakter. Durch eine zweitausendjährige Verstreuung sind wir ohne einheitliche Letung unserer Politik gewesen . Das aber halte ich für unjs'er Hauptunglück. Das hat uns mehr geschadet als alle Verfolgungen. Denn es' war niemand da,' der uns — wäre es auch aus monarchischem Eigennutz — zu rechten Männern erzogen hätte. Im Gegenteil. Zu allen schlechten Gewerben wurden wir hingedrängt, im Ghetto festgehalten, wo wir aneinander verkamen, und als man uns herausließ, wollte man plötzlich, daß wir gleich (die Gewohnheiten der Freiheit 'hätten. * Wir sind, wozu man uns in den Ghetti gemacht hat. Die Entziehung des Bodens auf den unteren Stufen, die Entziehung der Ehre (auf den höheren machen den Juden zu dem, was er ist. zwischen ihm und Gott, zwischen ihm und seiner eigenen Seele, sondern auch die Handlungen zwischen ihm und Semem eigenen r leis che, zwischen jhm und seinem täglichen Leben. ..“ Noch immer steht er da und spricht: Vom' der Reinlichkeit, die das Leben erhält,, und vom Schmutze, der das Leben dahinrafft. Er spricht von Hunger und Durst und davon, daß Hunger una Durst böse Engel sind, die dem Menschen das Leben rauben; .sobald eine Pest kommt, zu töten und zu vernichten, zu vernichten una zu töten. .. Und dann: „Es steht geschrieben: W’chaj hohem, w’lo sdiejomuß hohem. Das bedeutet, leben soll man, durch sie, durch die Gebote,.aber nicht sterben auren Sie. Und weiter sageil die heiligen Weisen: Eis Iaassoss l’Adonoi *hepheru torusseChu: Zuweilen gibt es eine Zeit, wo cs-angebracht ist, ein pebot der Lehre zu übertreten. Zuweilen ist ,es geboten, daß man dje Gesetze verletzen soll, um dadurch Welt und Leben zu erhalten!“ Plötzlich höre ich ihn aufs'chluchzen, und mir wird es warm und weich 'in der Seele. Ujnd wie idh im Winkel dastehe,'bebend und zitternd, beginne ich mitzuweinen 'und Träne um Träne fließt (aus meinen Augen. Noch heute Sehe ich ihn oben stehen, wie er die Hand ausstreckt, die Dajonjm herbeiwinkt und Sehe, wie die beiden zu ihm auf den Almemor hinaufsteigen.

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