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Jüdische Zeitung · 1916-07-21 · 29 (21.7.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
29 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JUDEDE ZEITUNG NfTTIML -JUDI5CHE5 ORBFIN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS/? ErsdiT^itl^lSdVcntlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirh^gäaw .Nr. 33. — Sprechstunden | täglich Von*ll—12 Uhr vormittags und 4—S Uhr nadimittags. — Manuskripte werden nicbt zurifcR&esfeltt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- , reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, Iralbjähr. K 5.—, vterteljäbr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. 1 Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkasseukonto 133.404. — Telephon 45.325. Nr. 29 Wien, Freitag, den 21. Juli 1916 — 20. Tamus 5676. X. Jahrgang. DR. OSIAS THON. Zwanzig Jahre Herzl. Der BlaUiUeifetagenö zum Herzltag. Von Otto Abeies. (Dr. Rudolfine Waltuch-Menzel gewidmet.) Schwarzzöpfige Schwestern, braunstämmige Brüder Kommt ihr wieder, kommet ihr Wieder Die Fahnen in der Sonne zu schwenken Und über der teueren Grabstatt-zu senken? Dürfen wir euch am Berge erwarten, Wie damals, als ihr mit hallenden harten Gleichschritten kamt und in schimmernden Reihen Zum Meister zöget, das Banner zu weihen? Taufrische Jugend, geliebte Kinder, Leitsterne seid ihr ja, Pfadefinder. Führt uns denn hin zu ihm, schlaget die Lauten Grüßt ihn mit Blumen des Waldes und trauten Chorgesängen, schlingt mit den schlanken Sehnigen Leibern lebende Ranken Rings um den Hügel, schwinget den Reigen! Dankesfroh wollen wir lauschen und schweigen, Bis sich die Lieder mit den linden Silbernen Klängen des Glockenspiels finden Das aus dem Tal ertönt, windverweht, leise, Wie eines fern-müden Wanderers Weise . .. Schwarzzöpfige Schwestern, braunstämmige Brüder Kommet wieder, oh kommet wieder! FEUILLETON. Ein SAmaus. Von David Frischmann. Eine Geschichte will ich Euch erzählen: von drei Leuten, die am Versöhrtujigstage einen Schmaus veranstaltet haben. Nicht etwa in einem geheimen (Winkel versteckt, nein, öffentlich, £rt der großen Synagoge, vor den Augen der ganzen Gemeinde. Nicht einfache Leute waren es, die niemand kennt, vielmehr die vornehmsten frömmsten Männer 'der Stadt, der Rabbiner und seine beiden Dajonipi, und auch nach dieSer Tat blieben sie was sie gewesen, und die ganze Gemeinde schaute zu ihnen empor, wie zu Heiligen.. . Ich war damals ein kleines Kind, und verstand den Vorgang nicht recht. Aber ich ahnte, dab etwaS großes sich ereigne. Es waren dazumal grausige finstere Tage. Ein Unglück ikam vom Himmel. Zum ersten Mab Man nannte es Cholera., Aus fernen Ländern, aus 'Asien, kam das Gespenst zu miß und Schlich sich in unser kleines Städtchen. Es Wütete unbarmherzig in den Straßen und würgte in den HäuSem ohne Einhalt. Es raste wild durch die Nächte und ungesehen an den hellen lichten Tagen. Wer kanti die Toten zählen, die ihm zum Opfer gefallen, wer die Namen nennen'? Wer kennt die Zahl der frischen Grabeshügel? Er kam, sjegte und starb. Ja, Theodor Herzl sjegte im Judentum, Er siegte, Wie die Bewegung über die Ruhe, wie die Schöpfung über das Chaos. Indem er dem jüdischen Volke ept Ziel gab, gab er ihm eine Richtung und setzte es in Bewegung, indem er das jüdische Volk organisierte, schuf er ihm Willen und Leben. ES wäre gewiß eine arge Uebertreibung, mit Herzl erst sozusagen die jüdische Geschichtet anzufahgen, das heißt etwa: die Epoche der Aktivität des Diaspora-Judentums. In der Emanzipationsbewegung der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und Schon in dem dieser vorangehenden vorbereitenden Stadium, in dem da und dort ein. noch nicht ganz klar ausgedrückter, feiber immerhin erkennbarer Emanzipationswille durchdringt, lag viel Aktivität. In der schön ausgebauten und mit dem ganzen Rüstzeug der damals;die Gemüter ungeteilt beherrschenden rationalistischen Philosophie ausgestatteten Emanzipationstheorie Moses Mendelsohns, wie in der sprudelnden und nie erlahmenden Energie des Emanzipationäkampfes Gabriel Riessers lag zweifellos .ungeheuer viel Aktivität. Von einer vollständigen Passivität und einer wunschlosen, quietistischen Ergebenheit in das Schicksal, wie sie etwa;n der Zeit zwischen MannaSse ben Israel bis .Moses Mendelsohn im Judentum geherrscht hat, kann seit dem Auftreten des .Letzteren nicht mehr dir Rede sein .Das jüdische Volk rührte sich doch sbon einigermaßen, es forderte, verlangte, Wenigstens in seiner dünnen, beweglichen Oberschicht Was aber vollständig fehlte, war Am grausamsten wütete die Pest in der jüdischen Gasse. Jung und alt, klein und groß wurden dahingerafft. Kein Haus, in dem es nicht mehrere Tote gab. Oben im Dachstübchen, über der Wohnung meiner Eltern* fielen an e'inem Tage neun Söhne, unter uns, in der Kellerwohnung .starb eine Mutter mit vier Kindern. Im Hause gegenüber hörten wir die ganze Nacht schweres Stöhnen, und morgens wußten wir, daß kein Mensch am Leben geblieben war. Die Leichenwärter und Totengräber stellten ihre Tätigkeit ein, Sie konnten die Leichen nicht mehr bestatten. Die Toten lagen auf der Erde, eine Leiche dicht neben der andern und niemand kümmerte sich um sie. So verging der Sommer und dann kamen die heiligen Tage und dann der heiligste aller Tage* der [Versöhnungstag. DaS Kol-Nidre-Gebet: Vor dem Betpulte bei der 'heiligen Lade steht diesmal nicht der Vorbeter mit zwei angesehenen Bürgern, wie es von aiters her Brauch ist, sondern der Ra’bbiner mit seinen beiden Dajonim. Ringsumher brennen die Kerzen un(d ihre Flammen knistern leise und unheimlich. Die Betenden drängen sich an die Wände heran, gehüllt in ihre Betmäntel und in den weißen Kitteln und weißen Mützen. An dein Wänden Schwimmen die Schatten hin und her und bewegen sich unablässig. Sind es die Schatten der Toten), die heute, die gestern, die vorgestern gestorben? Sind sie es, die an den Wänden spuken? ■ Können sie keine Ruhe finden in ihrem (Grabe und sind hergekommen? eben das,was ich als schöpferische Tat Theodor Herzls angesprochen habe: das bestimmte, positive Ziel und damit di;e sichere unverlierbare Richtung, dann die Organisation und damit die unerschütterliche Betätigung de9 Lebenswillens«. Die Vorkämpfer der Emanzipation verlangten vom Judentum kein positives Tun, sie verlangten blob ein negatives Abtun von Eigenheiten, dje anstießen, ein Aufgeben von angeborenen oder erworbenen Lebensformen, die absonderten und entfremdeten, — das Positive aber war bloß zu empfangen-, als Geschenk der Gnade, oder als Gebühr der Menschenpflicht. Zum Schaffen, auch zum Mitschaffen, gab es nichts. Und die Emanzipation kam. Sie war int dritten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts im Wesentlichen abgeschlossen dort, wo sie überhaupt theoretisch möglich war — in den Ländern des westeuropäischen Konstitutionalismust Damit aber hörte die B e we g u n g im Juderttum auf. Man konnte sie nur noch in dem eigenartigen Zappeln sehen, das sich Abwehr.,bewegung“ nennt. Ich will damit durchaus nicht ein verdammendes Urteil gegen die sogenannte „Abwehr des Antisemitismus“ aussprechen. Abwehr von Feindschaft und Kampf gegen versuchtes oder zugefügtes Unrecht gehört sicherlich zu den ersten Pflichten jeder sich achtenden Gemeinschaft . Was ich mit dem nicht ganz achtungsvollen Worte „Zappeln“ ausdrücken W;lt, ist einmal eine gewisse Aburteilung der Methode dieses Abwehrkampfes, — worüber ich> in diesem Zusammenhänge freilich keine Veranlassung habe, ausführlich zu sprechen, — dann Die Stimme des Rabbiners ertönt und dann die der Daionim. Ein Seufzer durchfährt den ganzen Saab Dem Seufzer folgen Worte. Man spricht die Einleitung zum Gebet: „Im Namen Gottes und im Namen der Gemeinde, im Namen des himmlischen und im Namen des irdischen Gerichtes gestatten wir, daß man [mit den Sündern zusammen das Gebet verrichte.“ Ich lausche. Wozu sagt es der Rabbiner? Wo gibt es denn heute Sünder, warum erwähnt er dieses Wort? Scheut er sich nicht, den Satan daran zu erinnern, jetzt, in einer so grausigen Zeit?... Eine herzbeklemmende Angst überfällt mich und ich spüre, daß die gleiche Angst alle, die da in der Synagoge versammelt sind, alt und jung, umfängt. Da sehe ich, wie der Rabbiner den .Almemor besteigt. Wird er heute eine Predigt hersagen; will er eine Strafrede halten oder will er trösten und Mut ein flößen? Allein was ich höre ist etwas ganz Neues. Ein neuer Brauch, den ich bisher nicht gekannt. Er spricht eine Seelenandacht für die Toten, die in der letzten Zeit gestorben und nennt sie alle bei ihren Namen. Ach, wie lang ist die Reihe, wie groß die Zähl der Namen, die er nennt. Minute um Minute schwindet und noch ist der Rabbiner nicht zu Ende. Er hätte wahrlich besser getan, die Lebenden aufzuzählen. In jener Nacht hat niemand die Synagoge' verlassen1. Nach dem Beten sprach man den Scliir hajichud, hierauf ging man zu den Psalmen

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