Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 26 (30.6.1916)
- Date
- 1916-06-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Eine uidiiige Minisferialenfsibeföung. Unsere Leser werden sich vielleicht noch an den erbitterten Kampf erinnern, den der Komotauer Fabrikant Jierr Theodor KonirSch gegen (die dortige Kultus^emeinde wegen feiner geringen Subvention für den N. F., bezw. für den Verein „Theodor Herzl“ führte. Dieser Assimilant gönnte es unmöglich ertragen, daß von1 den Mitteln der isr. Kultusgemeinde, die angeblich lediglich für die Bedürfnisse des Kultus' ihrer Mitglieder aüid der durch diesen Zweck gebotenen Anstalten -verwendet. werden dürfen, auch nur K 50 jährlich dem N. F„ resp. anderen, keinem Kultuszwecke dienenden jüd. Vereinen zukommen. Er hat daher gegen 'den diesbezüglichen Beschluß regelmäßig Aufsichtsbeschwerden eingebracht und dann gegen die erfolgten Abweisungen Rekurs an das Kultusministerium erhoben. Nun erfolgte die Abweisung des Rekurses auch seitens des Kultusministeriums, Avas, nicht bloß die endgiltige Erledigung dieser Ieidgep. Frage bedeutet, (sondern auch für die israelitischen Kultusgemeinden grün ds ätz lieh von großer Wichtigkeit ist Damit ist nämljch der Angriff lauf die Autonomie der jüd, KultuSgemeinde In Oesterreidi m wirkungsvollster Weise abgewehrt, ihr für die Praxis ein wichtiger Fingerzeig gegeben' und ein Präjudiz geschaffen, Diese wichtige Entscheidung hat folgenden Wort-' laut: K. k. Bezirkshauptmannskhaft in Komotau am 8. Juni 1916. An den Herrn Vorstand der isr. Kultusgemeinde Komotau! Ueber die Beschwerde des Theodor K onirsch und Genossen gegen die hl a. Ent-. Scheidung vom 17, Juli 1913, Z. 17 A 276/1, betreffend die (vom Vorstande der isr. Kultusge- »meinde in Komotau beschlossene Zuwendung •eines Beitrages von K 50,— an (den dortigen isr. Volksverein „Theodor Herzl“ hat sich das k .k. Ministerium für Kultus und Unterricht laut seines Erlasses vom 17. Mai 1916, Z. 41666/12 nicht bestimmt gefunden £m Grunde des J 30 des Gesetzes vom 21. März 1890, R. G. Bl. Nr. 57 eine abändennde Verfügung zu ‘treffen. Hiefür ist folgende Erwägung maßgebend. Nach § 1 des zitierten Gesetzes pst es Aufgabe der Kultusgemeinde, innerhalb der durch die Staatsgesetze gezogenen Grenzen für die Be-, friedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu Sorgen und die durch diesen Zweck gebotenen Anstalten zu erhalten Und zu fördern. Die Unterstützung bedürftiger Glaubensgenossen kann wohl nicht als außerhalb des Rahi mens der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse gelegen angesehen Werden. Da der israelitische Volksverein „Theodor Herzl“ a 1s Einzel-Verein des „Zionverbandes der österreichischen Vereine für Kolonisation Palästinas und Syriens“ der Verwirklichung der zio-, nistischen Idee d. i. der Förderung einer rechtlich gesicherten Kolonisation Palästinas durch Juden, durch Propagierung der Kolonisationsidee und durch finanzielle Unterstützung der Kolonisation dient und damit indirekt die Unterstützung bedürftiger Glaubensgenossen bezweckt, kann in der dberwähnten Zuwendung eine Ueberschreitung des Wirkungskreises des Vorstandes der. isrl. Kultusgemeinde Komotau nicht erblickt werden. Der k. k. Bezirkshauptmann: ipraf ffuyn m ,p ’ Zum Schlüsse sei noch bemerkt, daß derselbe Herr JConirsch seinerzeit audi gegeh, eine 'Spende der Komotauer „Chewrah Kadischa“ von K 1000.— für ein Jemenitenhaus .in gleicher Weise Beschwerde geführt, sogar den Weg einer Strafanzeige wegen Verletzung des Vereinsgesetzes versucht hatte. Dank den Bemühungen unseres dortigen . wackeren Gg. Dr. Hermann Hirsch und der seinerseits eingebraditen ausführlichen Rechtsmittel gelang es aber diese Schritte zu vereiteln. Delegiertentag Des SMzerisAen Zionistenver&anöes. Im Casinosaal zu Bern fand am 1. Juni der Delegiertentag der schweizerischen Zionisten statt, an welchem 28 Delegierte und 10 Mitglieder des Zentralkomitees teilnahmen. Aus Bern und von auswärts waren Viele Gäste erschienen. Zum Präsidenten der Tagung wurde Herr Dr, Camille Levy (Biel), zum Vizepräsidenten Herr Abersohn (Genf), zum Sekretär .Herr Dr. S chö n-, b e r g (Basel) gewählt. Den Geschäftsbericht erstattete im Namen des Zentralkomitees Herr Dr. F. Arnstein .(Basel). Er konnte mit Genugtuung f eststellen, daß die Organisation in der Schweiz, während des Krieges einheitlich und unversehrt erhalten geblieben ist. Den Bericht JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 26 über die Palästinaarbeit erstattete Herr Dr. F. Pink us (Zürich). Ueber die Arbeit des Share- Klubs, der für den Absatz der Aktien der zio-i nistischen Banken tätig ist, referierte Herr Moritz Levy (Liestal). Nach einer eingehenden Generaldebatte wurde folgende Resolution, die das Landeskomitee vorlegte, (fast einstimmig angenommen: „Der am 1. Juni 1916 tagende 18. Delegiertentag des Schweizerischen Zionistenverbandes sieht in der Einheit der Zionistischen Gesamtorganisation nach wie vor das vornehmste Instrument zur Verwirklichung deS Baseler Programms. Der 'Delegiertentag ist der Meinung, daß den zionistischen Landesverbänden (heute die heilige Pflicht obliegt, den Gedanken der Einheitlichkeit der Bewegung und noch mehr der Einheit des "jüdischen Volkes als hehrstes Gut der Herzl‘sehen Schöpfung rein und unversehrt zu bewahren.“ Zum Vorort für die Dauer der neuen Berichtsperiode wurde Zürich bestimmt. Dr, Felix Pjnkus wurde zum Präsidenten des Verbandes gewählt. Weitere Mitglieder des Verbandsbüros sind: D. Weinbaum, Sadinsky, Dr, Steinberg, J. Wenk, sowie der Nationalfonds-Sekretär Wilhelm Simon, alle in Zürich. Dem Landeskomitee gehören hoch weitere 14 Personen! an, darunter der Präsident des Kartells Zionistischer Studenten;,Hediawer“. Die Juöenlrage. Oscar A. H. Schmitz hat sieben sein bekanntes Werk „Die Kunst der Politik“ in einer Umarbeitung unter dem Titel „Englands politisches Vermächtnis än Deutschland durch Benjamin Disraeli, Lord of Beaconsfield“ ((München 1916, bei Georg Müller) herausgegeben, darin sich ein Abschnitt über „Die Judenfrage“ befindet. Wir reproduzieren nachstehend die diesbezüglichen interessanten Ausführungen dieses bekannten konservativen Schriftstellers, obgleich sie Sich ausschließlich auf Deutschland beziehen. Vorausschicken möchten wir aber, daß wir "trotz deS uneingeschränkten Lobes, das der Verfasser den Zionisten zollt, seinen Anschauungen in vielen Punkten entschieden widersprechen müssen. Wir kommen auf dieselben noch zurück. „Wie soll sich Deutschland künftig zu seiner Judenschaft stellen? Ohne weiteres dem Beispiel der Westländer folgen, wäre hier ebenso! verkehrt, wie [in .allen arideren politischen Fragen. Die Lage ist bei uns anders. Die Anzahl der Juden in England, Frankreich und Amerika ist verschwindent klein im Verhältnis zur Be-; völkerung. Bei uns ist die- Verhältniszahl bei! weitem am höchsten. Trotzdem erstaunt jeder, der sie hört, auch1 bei uns über ihre Geringfügigkeit. Deutschland hat nämlich nicht mehr als etwa eine halbe Million jüdischer Einwohner. Woher das Staunen? Warum glaubt jeder, es müssen bedeutend mehr sein? Weil sich die Juden infolge ihrer Begabung einen ungeheueren Einfluß im Geschäftsleben, in der Presse, auf/ der Bühne Verschafft haben. Die Judenfeinde sägen daher, ebendarum müsSe man sie bis zum äußersten bekämpfen. .Politischere Köpfe aber fragen Sich, ob es nicht besser sei, diese Macht dem Staat nutzbar zu ‘machen. Der Hauptein - wand dagegen SSt nun der, daß jnan durch volle Gleichberechtigung der Juden den sogenannten jüdischen Geist in dem deutschen Gemeinschaftsleben zu voller Herrschaft bringen würde. Dagegen wird nun wieder behauptet, dieser jüdische Geist sei (nichts anderes als die natürliche Folge steter Zurücksetzung. Im Augenblick, da die Juden in jeder Hinsicht gleichberechtigt Seiend gäbe es keinen jüdischen Geist mehr. Dies bedarf einer genaueren Untersuchung. Wir haben in Deutschland vier Arten von Juden, die durchaus verschieden gewürdigt werden müssen: Die rechtgläubigen, die Zionisten, die getauften und — die übrigen. Die rechtgläubigen machen gar keine Schwierigkeit. Sie verlangen nichts anderes als Duldung ihres Bekenntnisses, u'tnd die haben sie seit Friedrich' dem Großen. Ansprüche auf Ausübung der Staats- und Militärhoheit machen sie1 nicht, können sie nicht machen, da ihnen ihr Bekenntnis eine Anzahl von Regeln auferlegt, welche die Ausfüllung einer . Beamten- oder Offizierstelle in unserem Staat ausschb'eßt. Schon die Tatsache,' daß sie Samstags nicht schreiben dürfen und nach bestimmten Vorschriften kochen müssen, macht daS unmöglich'. Wie gesägt, sie verhangen es auch nicht. Etwas -anders ist die Lage der Zionisten. Sie sind di(e rassestolzen Juden von; der Art DrSraeliS, die sich ihrer alten Abstammung rühmen und in ihrer Beurteilung des heutigen Großstadtjudentums mit den Judenfeinden in Helen Punkten Überemstimmen. Nur sagen siel, daß die mißachtete heutige jüdische Art. nicht Rasisenerbteil sei, sondern die Folge jahrhundertelanger Unterdrückung. AIS Heilmittel aber verlangen isie nicht möglichstes Aufgehen der Juden lin ihrem Wirts-Volk, Sondern stolze Selbstbesinnung auf die eigene unverfälschte Art. Die jüdische Heimat soll wieder Zion werden, wo sie /einen zeitgemäßen, den anderen gleichberechtigten Staat gründen wollen. Wer auch immer in Europa oder gar in Palästina, wo die jüdischen Ansiedlungen, längst begonnen haben, mit Zionisten verkehrt hat, wird überall die höchste Lauterkeit des Charakters, verbunden mit der starken Geistigkeit des Judentums, gefunden haben. Nun (sollte man glauben, daß die Zionisten logischerweise von Deutschland auch nichts anderes als. vorläufige Gastfreundschaft verlangten, bis ihr zionistisches Ideal Erfüllung, findet. Dem ist aber nicht so. Eine Volksseele wird nicht allein durch die Logik geleitet, und so verlangen denn die meisten Zionisten die Zulassung zu den höchsten Staats- und Militärämtem im Reich. Es hat nicht viel Zweck, darüber mit ihnen zu streiten. Daß säe logisch im Unrecht sind,, ist kein Zweifel; aber (die Frage erhebt sich", ob man ihnen trotzdem der Früchte wegen entgegenkommen kann. Die Zionisten sagen, daß sie ihre ganze Kraft genau wie die Nichstjuden dem Staat, der Gemeinschaft -{zur Verfügung stellen, Steuern zahlen (wie die arideren, infolge häufiger Wohlhabenheit sogar höhe Steuern, und ihr Stolz empört sich dagegen, daß sie trotzdem von den hohen Aemtem ausgeschlossen sein sollen. Wenn, Wie gesägt, dieser Stolz auch nicht ganz logisch urteilt, so ist er doch menschlich nur zu begreiflich. Die Zionisten sitzen zwjschen' zwei Stühlen: von den Juden als Schwärmer verspottet oder gar bekämpft, haben sie bei den Nichtjuden noch immer nicht das Vorurteil gegen ihr Judentum überwunden. Das macht empfindlich ... Gibt man nun nicht oft einem empfindlichen, aber sonst wertvollen Menschen gern nach, zumal wenn daraus' kein Schaden entsteht? Die Zionisten würden nichts von dem sogenannten jüdischen Geist-in das deutsche Staats¬ und Heerleben ,einführen; denn jenen Geist empfinden sie als ebenso unjüdisch, Wie wir ihn als undeutsch empfinden. Als Menschen bilden sie, wie gesagt, ani Charakter wie an Geist eine Auslese. Sie würden also keine Gemeinschaft ver-l Schlechtem, in die sie aufgenommen: würden. Ich schlage daher folgendes vor: Man betrachte sie wie edle Flüchtlinge eines zerstörten Vaterlandes, so wie man während des Zerfalls des alten Reichs, besonders aber nach 4806, im Aus-* land die Deutschen betrachtete. Wie viele beste Deutsche haben damals in fremden Staaten und Heeren hohe Aemter ausgefüllt? War nicht selbst' der Freiherr von Stein im Begriff) in russische Didnste zu treten? Läßt man nicht auch heute noch in unserem Heer befreundete Ausländer zu? Wieviel eher könnte man das mit .zionistischen Juden wagen, deren Persönlichkeit und Vorleben der Behörde stets übersichtlich ist? Natürlich! würde eS in jedem Fall von der Persönlichkeit abhängen; aber es ist nicht anzunehmen1, daß diejenigen Zionisten, die überhaupt Fähigkeit und Neigung verspüren, deutsche Beamte oder Offiziere zu werden, als ungeeignet befunden werden sollten. Sie würden sicher eine wertvolle, aber, an Zahl geringere Auslese darstellen. Die dritte Gruppe, die getauften Juden, bilden' ebensowenig (Schwierigkeiten wie die erste der rechtgläubigen. Sie haben überall Zutritt, falls ihre Persönlichkeit geeignet befunden wird. Dieser Einschränkung .aber unterliegen auch alle Nichtjuden. Auch nichtjüdische Deutsche von gesellschaftlich unzulässiger Lebensart und Erscheinung werden es als höhere Beamte oder Offiziere nicht -weit bringen. Die große Mehrheit der deutschen Juden gehört nun aber keiner dieser drei Gruppen an, sondern man muß Sie zusalnmenfassen unter dem Wort: die anderem. ES ist 'schon sehr bezeichnend für Sie, daß man keimen zutreffenden Namen finden kann. Sie; habeni mit 'dem Glauben ihrer Väter längst gebrochen, das zionistische Rassenideal erscheint ihnen bald lächerlich, bald feindselig. Ohne Zweifel achten Sie die christliche Sittlichkeit und deutsches Wesen. Fragt man sie aber, warum sie isich nicht taufen lassen und damit, alle Schwierigkeiten lösen, so erhält man die zunächst tatsächlich entwaffnende Antwort: Weil wir nicht so gesinnungslos sind, um des äußeren Nutzens willen ein fremdes Bekenntnis anzu-, nehmen. Dadurch erscheint nun die Frage zunächst unlösbar, da man ebensosehr diesen Standpunktachten zu müssen glaubt, als man verhindern muß, daß Menschen deutsche Staats- und Militärhoheit ausüben, die sich nur bedingt zu unserer Art und zu unserem Glauben bekennen. Hier gibt es nun in. der Tat keinen AuSvveg1, außer man erkennt die Selbsttäuschung, die in jener Gesinnungsstärke liegt. Es ist ganz gewiß aller Ehren wert, daß ein erwachsener Jude sich vor der 'Komödie einer Taufe scheut," bei der nicht sein Herz dabei ist. Ja, es liegt sogar eine gewisse Hochachtung vor unserem Sakrament in der Weigerung.des Juden, es gedankenlos als reine Form zu vollziehen. Ganz anders aber Tiegt die Fragte;, ob er seine .Kinder durch die' Taufe in die Staatsreligion aufnehmen soll oder nicht, da da» Kind 'ja selbst noch' 'keinen Glauben haben kann. Von den Eltern aber wird ein solches Bekenntnis gar nicht verlangt. Der gebildete Stadtjude Steht heute durchschnittlich dem Christentum gegenüber auf' demselben Standpunkt wie eine große ' Anzahl' gebildeter Chri-