Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 26 (30.6.1916)
- Date
- 1916-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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J1ÜI5CHE ZOTUffi mmm. -jüdisches organ Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS" SB Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgane Nr. 33. — Sprechstunden | _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- B reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K S.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjäbr. Mk. 10.—, balbjähr. Mk. 5—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. IS.—. Einzelexemplare 20 b. — Postspaxkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 26 Wien, Freitag, den 30. Juni 1916 — 29. Siwan 5676. X. Jahrgang. Rn unsere Reser. Mit der nächsten Nummer tritt die „Jüdische Zeitung“ in das dritte Vierteljahr ihres 10. Jahrganges. Auch während des verflossenen Quartals hat unser Blatt sich bemüht, seine Leser mit allen Fragen des jüdischen Lebens bekanntzumachen. Es ist ihm gelungen, sich einen ständig wachsenden Einfluß und damit einen sich fortgesetzt vergrößernden Leserkreis zu schaffen. Trotz des immer reichhaltiger werdenden Inhalts und' verstärkten IJmfangs, sowie trotz der erhöhten Arbeits¬ und Papierpreise haben wir es unterlassen, gleich so vielen anderen Blättern den Bezugspreis zu erhöhen. Wir bitten jedoch alle Leser, die unser Blatt bisher erhielten, dasselbe zu abonnieren. Der Bezugspreis beträgt: ganzjährig K 10.—, halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— und monatlich Kl.—. Die Administration der „Jüdischen Zeitung“. Rirbtlinien. Immer notwendiger wird es für die österreichischen Juden, sich sowohl als Juden, wie als Oesterreicher neu zu orientieren und an die Schaffung einer Starken jüdisch-österreichischen Reichsorganisation zu schreiten. Wohl besitzt unsere Gruppe ein bindendes politisches Programm, ,— das Krakauer Programm—, das ja eventuell in mancher Hinsicht entsprechend den Bedürfnissen, die sich nach dem Kriege (ergeben dürften, modifiziert werden kanjn. Allein es handelt sich1 darum, eine Plattform zu Schaffen, auf welcher auch eine Kooperation mit anderen Gruppen möglich wäre. Zu diesem Zwecke halte ich eine in diesem Blatte neulich angeregte und von mir Schon lange erstrebte (jüdische Enquete aus allen Teilen unserer Monarchie für äußerst wünschenswert. Eine gründliche Aussprache über unsere national-kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Minimalforderungen könnten vielleicht,!— wie «es ja auch im deutschen, tschechischen, polnischen, ruthenischen etc. Lager der Fall ist — manche Gegensätze überbrücken und uns dem Ziele einer jüdischen Gemeinbürgschaft näher bringen. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, daß wir uns (auf einenpolitischen Isoliersdiemmel! setzen wollen. Im Gegenteil: Wir Wären auch bereit, in einer sich etwa bildenden österreichischen GemeinbürgSchaft mit allen jenen zusammen an der Neu-OrganiSation der Habsburgermonachie, am politischen und wirtschaftlichen Fortschritt ihrer Bürger (zu (arbeiten1, die uns 1.) als gleichbereclvtigtes jüdisches Volk unter gleichberechtigten Völkern im Donaureiche anerkennen und uns in unseren programmatischen Forderungen unterstützen und 2.), von uns keinerlei Forderung irgend welcher nationaler |HerrSchafts-i. respektive Unterdrückungsbsstrebungen verlangen. Unsere Devise muß stets lauten: Gegen kein Volk der Monarchie in seiner Totalität, aber gegen die Chauvinisten und Antisemiten sämtlicher Völker1, für das jüdische Gesamtvolk und für? ein durch den Völkerfrieden und eine großzügige Wirtschaftspolitik verjüngtes Neu-Oesterreich. Auf dieser Grundlage könnte nicht nur ein Zusammenschluß der Juden, sondern auch eine Verständigung (mit Angehörigen anderer Völker erfolgen. In einer der letzten Nummern der „'Ukrainischen Nachrichten“ wurde in einem großen Artikel auf die Notwendigkeit eines Zusammenwirkens der Juden und Ukrainer, bei Berücksichtigung der national-kulturellen Forderungen des jüdischen Volkes hingewiesen, im polnischen Lager anderseits mehren sich die Elemente, die die Juden als Natiqti’.anerkennen und nun werden auch die Stimmen der denselben. Standpunkt vertretenden deutschen Blätter immer zahlreicher. Erst vor Kurzem drückte das dem Abgeordneten Rafael Pacher nahestehende „Karl sbader Badeblatt“ im zustimmenden Sinne als Leitartikel einen Aufsatz des Lemberger Organes der |gal izischen chrislichen Deutschen ab, welcher vorschlug, die Juden mögen in Galizien und in Oesamtösterreich als eigene nationale .Gemeinschaft sich organisieren und jals solche die Zentralgewalt darin unterstützen, in Galizien .und in der Gesamtmonarchie den nationalen Frieden auf Grund der Gerechtigkeit (gegen alle Volksstämme zu verwirklichen. Alsl ein bedeutendes Symptom wurde auch mit vollem (Rechte in der „Jüdischen Zeitung“ auf einen Artikel der „Reichspost“ hingewiesen, welcher für die Anerkennung der Juden als .Nationalität eintritt. In einer späteren Nummer der „'Reichspost“ wurden mit Bezug auf die Ausführungen der „Jüdischen Zeitung“ die Assimilation sbest re b u ng en der Juden als die Hauptursache des Antisemitismus bezeichnet, der nichts anderes bezwecke, als die nationale Eigenart (der einzelnen Völker unverfälscht zu [erhalten. Gleichzeitig erklärte die „[Reichspost“, daß durch Konstituierung der Juden als selbständige nationale Gemeinschaft auch die Reibungspunkte zwischen den Juden und den übrigen österreichischen Reichsvölkern sich stark vermindern würden.. Diese neue Auffassung der Judenfrage ist die logische Konsequenz des Gedankens der n atio nalen Autonomie und der nationalen Abgrenzung, die Hand in Hand mit einem großen, jn ittel e u ro p ä isch en Staatenbund von Berlin bis Bagdad (zu dessen Gebiet auch Palästina gehört)!, (allein im Stande ist, die Lösung der Nationalitätenfragen inbegriffen der Judenfrage in der Habsburgermonarchie, am Balkan und in den angrenzenden asiatischen Gebieten anzubahnen. Sehr interessant ist in dieser Richtung eine Artikelserie vom Abg. Dr. Lodgmann in der Prager „Bohemia“, welche sich wohltuend von dem üblichen Phrasengedresche der meisten nationalistischen Politiker und Zeitungen der verschiedenen nationalen Lager unterscheidet. Abg. Dr. Lodgmann gesteht nämlich zu, daß in Oesterreich kein Volksstamm stark genug ist, um dem Staate sein Gepräge geben zu können und er folgert daher mit Recht daraus, daß seine Politik eine österreichische, gegen alle Völker gerechte sein fmuß. „Sö einfältig — meint der deutschnationale Parlamentarier, — wird wohl niemand mehr sein, daß er annähme, es könne ein (Volk das andere auf saugen* ist dies aber nicht möglich, dann mäßen sie eben alle auf der Grundlage gleichen Rechtes berücksichtigt werden. Dann wird ein freier Staat von freien Völkern entstehen, und dieser erst kann die Grundlage bilden für einen mitteleuropäischen. Bund“. Abg. Doktor Lodgmann hält dessen Bildung für {sicher, da nur ein „großes in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet im Stande ist, die unermeßlichen Schäden dieses Krieges zu lindern, eine Aufgabe, zu welcher die jetzt bestehenden staatlichen Gebilde einzeln zu schwach sind. Dieser Staatenbund soll sich auf alle Völker und Staaten erstrecken, welche beizutragen gewillt sind, insbesondere muß der Anschluß am Balkan, der Brücke zum Osmanenrei'che, gesucht und gefunden werden. Und hier beginnt die bemerkenswerte Aufgabe für Oesterreich. Kein Staat außer Oesterreich vermag tatsächlich den Balkan für Mitteleuropa zu gewinnen. Durch Seine eigene vielsprachige Zusammensetzung ist es berufen, auf die Balkanvölker anziehend zu wirken, wenn es den Beweis erbringt^ daß völkische (Verschiedenheit kein Hindernis für die Verfolgung gemeinsamer Ziele bildet... Oesterreich soll am Balkan als Werber für Mitteleuropa wirken und wird dies tun können, wenn es sich auf den einigen Willen seiner Völker berufen kann. Dadurch erst wird eine der Aufgaben dieses Krieges erfüllt, der Balkan an Mitteleuropa a n g e gliedert und die [VorherrschaftRußlands endgültig gebrochen.“ Wir 'wünschen dies als Oesterreicher aus vollem Herzen, wir müßen dies aber auch als Juden und speziell auch als Zionisten wünschen, denn nur über d,ie Brücke des Balkan gelangen wir nach Palästina, zu einer tatsächlich 'Realisierung des Zionismus. Dr. Hermann Kadisch. JüöisAer National.- Kalender 5617. Redigiert von Otto Rbeles und Guduig Batd. Uerlag „J&öisdie Zeitung“ Bien.! Erscheint Mitte August!