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Jüdische Zeitung · 1916-06-16 · 24 (16.6.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
24 (16.6.1916)
Date
1916-06-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 24 Freilich genügt es nicht, daß auf polnischer Seite lediglich -der Wille zur Verständigung vorhanden sei, und sonst nichts mehr. Damit wäre erst die erste Etappe auf dem Wege der friedlichen Lösung der polnischen Judenfrage erreicht. Die zweite Etappe muß die Anerkennung der Juden in Polen als Nation bilden. 'Manche polnischen Politiker — wir meinen natürlich nicht die Antisemiten und Allpolen — Sind bereits bei. dieser Erkenntnis (angelangt. Wenn dieselbe Gemeingut des' polnischen Volkes und seiner führenden Männer wird, dann wird über kurz oder lang gewiß auch einmal das große FriedensWerk in Polen zur Wirklichkeit werden. Dr. Wilhelm Berkeihammer. Kein Programm, aber den Hillen za bellen.' (Ein Interview Unit dem galizisfchen Statthalter^) Wir haben in der letzten Nummer unseres Blattes über die neuesten, die Juden betreffenden Verordnungen des galizischen Statthalters Baron Di 11 er berichtet. Jn diesem Zusammenhänge dürfte ein Interview mit demselben interessieren, das die Leraberger- „Gazeta Wicczorna“ neulich veröffentlichte. Danach soll der Statthalter in (Beantwortung der an ihn gerichteten Fragen u. a folgendes geäußert haben: ,)Dem_ Befehl Seiner Majestät gehorchend, übernahm "ich das' schwere und verantwortungsvolle Amt eines Statthalters von Galizien, ohne es mir zu verhehlen, welche Schwierigkeiten ich zu •bewältigen haben werde. Ich tat es mit dem festem Entschluß, diesem Land zu di enen und mich in keine Nationalitätenpolitik e inzulassen. Ehrlich gesagt, habe ich kein Programm gnitgebracht und das, >vas ich' zu tun beabsichtige, habe ich Schon bei der Amtsübernahme in jBiala gesagt. Ebenso habe ich •meine Gefühle für (das (Königreich 'Polen ge’äußert, als ich Von dort schied. Ich erkläre also, daß nach meinem Dafürhalten defm schwer betroffenen Lande nur damit wird geho 1 fen werden können, wenn - Eintracht und der Wille zugemeinsamer Arbeit herrschen wird. Mein erstes Ziel ist es nun, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, Ich wiederhole noch einmal, daß ich kein Programm habe, aber den festen Willen, für die Bevölkerung zu Sorgen.. Ich kam zu Euch mit warm fühlendem Herzen und vom besten Willen belebt, dort rasch zu helfen, w o diese Hilfe sich als notwendig erweist. Meine Absicht ist es, midi hauptsächlich! mit der Sache des Wiederaufbaues des Landes, mit wirtschaftlichen Angelegenheiten zu befassen, deren Wiedereinsetzung im normalen Zustand ich als erstrangiges Postulat ansehe. Prinz Hohcnl ohe sagte mir ganz richtig, Galizien befinde. sich in der Lage einiesl Schwerkranken Mannes, dessen Wunden ein Arzt von leichter und sanfter Hand und voll Herzensgüte zu heilen vermöge, So Will auch ich Vorgehen FEUILLETON. Vom Glaub« ans Volk. Lieber die allgemeine Zeitungslektüre der deutsch lesenden intelligenten Juden hat jnan sich schon von zionistischer Seite oft geärgert In unserer Zeit, wo leider jbei sovielen Menschen die Zeitung Buch und — Gedanken ersetzt, ist die Oualität und Richtung der Presse auf die weiten Leserkreise von größter Bedeu-, tung. Abgesehen davon, daß in unserem hastigen Zeitalter der überwiegende Teil auch der Intelligenz über die Tageszeitung nicht hinauskommt, was schon an sich eine Erziehung! zu Oberflächlichkeit u. Phrase ist, liest der Jude fast ausschließlich solche allgemeine Blätter, die von jüdischen ASsimilanten gemacht wer-1 den. Dies ist nicht allein durch .das direkte, gewollt Unjüdische an ihrer Mache höchst schädlich, sondern auch indirekt, durcfi daS verdorben Menschliche in ihnen. Diese Blätter dienen fast ausnahmslos einer Gnwinnjägerei, sei es einer materiellen oder politischen oder gesellscäiaft-c liehen, nie aber dem reinen Geiste der Gesa'mmtheit und ihrem Wohl. Vergleicht man diese israelitisch - liberal - ftiefsinnigen oder' - sozialistischen Zeitungen hinsichtlich der sittlichen Tiefe der Aufsätze mit den entsprechenden Blättern, die von Ariern redigiert werden, so fällt sehr oft der Vergleich zu Gunsten der letzteren aus. (Ausnahmen sind selbstverständlich' vorhanden). Besonder» wenn man die Zeitschriften idealistisch - sozialer Richtung!, (die von Ariern in Deutschland redigiert Werden, zum Vergleich TgptiusepiGemie in Palästina. (Der böse Hunger!) Die Typhusepidemie,- die als Bauch-, Fleck- und hauptsächlich als Hungertyphus schon seit - einiger Zeit unter den Arbeitssoldaten wütete und viele Opfer wegraffte, ist nun auch nach' den Städten verschleppt worden. In Jerusalem unef Jaffa sind letztens viefe Fälle aufgetreten, oft mit tödlichem Ausgang. Eine Bekämpfung der Krankheiten wird immer schwerer, da es an Aerzten und Azneimitteln mangelt. In Jaffa sind außer Dr. ChiSs in, der bis jetzt noch frei ist, und vier Aerztinnen alle jüdischen Aerzte eingezogen,• von den Kolonien ist Petach-Tikwah, Rechoboth und Rischon le-Zion wegen der Krankheit des Arztes Dr. W eizbart ohne Arzt. Arzneien sind, wenn überhaupt erhältlich, unerschwinglich teuer. Der .anrückende Sommer läßt nach Ansicht der Aerzte neue epidemische Krankheiten, besonders der Verdaüungsorgäne, befürchten. Der Direktor des Pasteur-Institutes, Dr. Arie B e h a m, hielt Sn Jerusalem zwei eingehende Vorträge über den Flecktyphus, seine Entstehung und Heilung'. In der Einleitung zum .Vortrag sprach der 'Redner von den großen Verlusten der jüdischen Medizinerschaft Palästinas während der letzten Zeit. Ein Arzt (nach dem anderen sei dahingeschieden: Dr. Kais ermann, Dr. Bard aSch, Dr. Mcscowitz und Dr. Kri schewsky. In tiefer Trauer ehrten die zahlreichen Anwesenden das Andenken dieser treuen Diener des Volkes. Der Redner machte auch von dem Beschluß Mitteilung, eine hebräische medizinische Zeitschrift in Palästina zu gründen. * Am 10. Nissan . verschied in Jerusalem im Alter von 33 Jahren am Fleck-TyphuS Mosche Asri el, der Gründer und Verleger der einzigen gegenwärtig in Palästina erscheinenden Tageszeitung „Hacherüth“. .Der Verstorbene war einer der angesehensten Mitglieder der sephardiSchen Gemeinde in Jerusalem'. Während des Pessachfestes starb an der gleichen Krankheit der in Jaffa beliebte und von den weitesten Kreisen der Stadtbevölkerung konsultierte Arzt Dr. Stein, -Vor 33 Jahren kam Dr. Stein, ein junger Mediziner der Universitäten. Moskau und Leipzig, als „Bilu“ nach Jaffa, später wurde er von den Kreisen um Achad-Haam zum Führer des Achad-Haam-Ordens „Bne Mosche“ in Jaffa gewählt. Eine kurze Zeit stand er auch an der Spitze des! Jaffaer Ordens „Bne B’rifh“. Seit zehn Jahren leitete er das Hospital „Schaare Zion“, wurde zu einem der beliebtesten Aerzte der armen Bevölkerung der Stadt, bekämpfte die Krankheiten auch durch Schrift und Wort, veröffentlichte in der „Hazwi“ des Ben- Jehuda Artikel über Volkshygiene und veranstaltete in Jaffa populäre medizinische Vorlesungen). In den letzten Monaten erfüllte ier seine Pflicht als Militärarzt Am 7. Tag Peßach verschied, ebenfalls am Flecktyphus, einer der würdigsten Kaufleüte Jerusalems, Herr L. Lewy, Mitinhaber der bekannten Firma „Blum und Lewy“. * Auf einer Beratung der Aerzte und Einwohner Jaffas wurde die schwierige Frage der sanitären Lage der Stadt behandelt. Es wurde beschlossen, angesichts der drohenden Gefahr, Mittel zu finden, um das Krankenhaus auch in den Sommermonaten in 'Betrieb zu erhalten und 'durch Publikationen 'die Bevölkerung mit den Grundsätzen der Hygiene (bekannt zu machen. Das Ableben von SAalom HIejdiem. Der größten jüdischen Gemeinde der Welt, der nahezu anderthalb Millionen Juden New- Yorks ist die - Aufgabe zuteil geworden, dem foten Schalom Alejchem die letzte Ehre zu erweisen- Die Beerdigung fand Montag, den 15. Mai 'statt und trug den Charakter einer nationalen Trauerfeier von gewaltigen Dimensionen. Auf eine Viertelmillion Menschen wird die beteiligte Menge geschätzt. Kinder der national-radikalen una national-hebräisdhen Schulen, Deputationen jüdischer politischer, kultureller, gewerkschaftlicher, wirtschaftlicher Organisationen aller Gesellschaftsschichten bildeten den Kern des schier unabsehbaren Trauerzuges, der sich vom nördlichen Stadtteil durch das Herz des jüdischen' East Side bis zu East Broadway, dem Mittelpunkt der jüdischen Presse, wälzte. Die - bedeutendstenjüdischen Schriftsteller und Publizisten bildeten in den zwei Tagen bis zur Beerdigung eine Ehrenwache, die Tag und Nacht den Sarg umgab. Von ihnen wurde der Sarg auch im Zuge getragen. Trauerreden wurden im Gebäude der „Educational Alliance“ und am offenen Grabe gehalten, u. a von Dr. M a g n e 5, P i nsky, Jehoasch, Reis in, Asch, Dr. Levin, Chasanowitsrit, W intschewsky. Einen erschütternden Eindruck machten die am 14. Mai veröffentlichten 1 e t z t w i I l'i g e n Verfügungen von (Schalom 'Älechem. In seinem Testament schreibt .der große Dichter vor „daß man ihn nicht unter Aristokraten, Reichen, sondern zwischen einfachen Juden, Arbeitern, mit dem wahren Volke“ begraben soll. „Der Grabstein ... auf meinem Grabe soll die Gräber um mich umstrahlen und die einfachen Gräber sollen meinen Grabstein verschönern, wie das einfache, ehrliche Volk zu meinen Lebzeiten seinen Volksdichter zierte.“ Schalom Alechem lehnt jedes Denkmal ‘ab. Man lese Jieber und verbreite seine Werke und sorge füri’eine ehrenvolle Existenz seiner Familie. „Ich gehe von der Welt mit dem festen Glauben, daß da9 Volk meine Waisen nicht verlassen ,\vird.“ An seinem 'Todestage bittet der Dichter nach ihm Kadisch zu sagen, oder sein Testament und irgend eine seiner „Geschieh-? teri“ vorzulesen. Religiöse Ueberzeugungen können meine Kinder und Enkel welche im'mert haben. Nur Ihre jüdische Absta mmung bitte ich sie zu bewahren. Diejenigen von meinen Kindern], die von ihrem Stamm abfallen und, einem a ndem Glauben beitreten sollten ... haben sich selbst aus meinem Testament gestrichen“ „Sie haben keinen Teil nach Erbe unter ihren Brüdern“. 10 Prozent der Einnahmen auS seinen Werken vermachte Schalom Alejchem einem zu gründenden Fonds für jüdische Schriftsteller, die jiddisch oder hebräisch schreiben). Zur Ausführung des letzten Willens des großen Toten wurde von seinen nächsten Freunden ein „Schalom A1 e j c h e m V o 1 k s f o n d“' t begründet. Auch das American Jewish 'Comittee ’ hat in seiner am 14. Mai abgehaltenen Konferenz heranzieht, z. B. „Kunstwart“ (jetzt: „Deutscher Wille“), „März“ und „Tat“. -Nicht nur finden da unsere Ideen und Bestrebungen tieferdringende und gerechte Würdigung, sondern die Problembehandhmg inj (allgemeinen ist eine solche, wie (wir nie bei uns für unsere Erörterungen wünschen müßten. So bringen .wir den folgenden -Auszug aus der „Umschau“ im neuesten Heft der „Tat“ weniger wegen |des zum Teile jüdischen In-? haltS, (Die Ansichten Nathans müssen uns größtenteils fremd bleiben), als vielmehr wegen der darin enthaltenen allgemeinen' Betrachtungen über Wesen und Geist eines Volkes. Was hier nämlich über daS Deutsche gesagt ist, Sollten wir 'mutatis mutandis auf unser Volk übertragen und es beherzigen. Der Titel lautet: „Vom Glauben ans Volk. Ein Gespräch Sm Felde“. (Personen: Nathan, ein Arzt — Konrad, ein Landsturmmann). „Nathan: Wer konnte in den.ersten Tagen' des Krieges, als ich mich zur Verfügung stellte, ahnen, daß der Krieg 50 lange dauern und Wie - Sich die .Verhältnisse in der Heimat gestalten würden?. Damals War 'alles Begeisterung, damals war ungestümes Drängen, was jetzt strenge Pflichterfüllung ist.j. - ' Konrad:.oh die Wandlung der Begeisterung in vorsichtige Ueberlegung auch zu einer klaren Erkenntnis und einem festen Bewußtsein vom deutschen Wesen geführt hat. Wir haben uns ja längst daran gewöhnt, daß der Verstand nicht allmächtig ist und daß die sogenannte .Intuition, also die ahnungsvolle Begeisterung, ihm. vorauseilen kann. Ist er ihr aber nun gefolgt und hat er ihre Eroberungen zum bleibenden Besitz gemacht? Nathan: Ich bin selbsteinenähnlichen Weg gegangen, wie Sie ihn für unster Volk fordern. Icn denke, daß es uns unserem Ziel näherführt, wenn ich Ihnen kurz davon erzähle. Von Gehurt bin ich weder Deutscher, noch Germane. Ich bin galizisther Jude. Ohne mir Rechenschaft darüber abzugeben, warum ich die einzelnen Schritte des jWeges tat, wurde ich deutscher Student iund Arzt in’ -einer deutschen Stadt. Ich habe auch nie versucht, mich mit Absicht dem deutschen .Wesen . anzugleichen. Ich1 war von idem Gefühl durchdrungen, ein Glied dieses Volkes und (Teilhaber dieser Kultur zu sein. Ja, (allmählich stellte sich eine Istolze Ueberzeugung ein, daß ich viel deutscher Sei, als die meisten der Blutdeutsjchen. Es War mir natürlich, in meinem Beruf atifzugehen; meine An beit war eben mein Leben. Wenn mich aber die anderen Aerzte von früh bis spät unterwegs sah-, en, konnten sie sich mein Tim nicht anders erklären als mit jüdischer Habsucht. Da ging es mir ganz deutlich auf: gerade, was diese Deutschen mir vorwarfen, war mein deutsches Wesen, war mejn Teil an jener Geistesart, die ich nicht anders als deutsch zu bennen wußte, war die bewußte Fortbildung des Triebes, der mich nach Deutschland geführt hatte. Denn das Deutsche in mir ist mein Verhältnis zur Arbeit...... Ich habe mich Schon gefragt, ob mein" angebliches Deutschtum nicht doch ein Judentum mit kantiseh - idealistischem Anstrich ist. in jenen ersten Kriegslagen war es freilich anders, und meine freiwillige Meldung zum Heeresdienst war für mich wie die letzte Vermittlung mit dem Volke meiner Wahl und Sehnsucht.

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