Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NfiTIQNFIL -JUDI5CHE5 Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ H Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, IIn Zkfcusgaase Nr. 33. — Sprechstunden _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—S Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstsprelse: Für Oester- _ ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjahr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. S.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 b. — Postsparkasaenkooto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 24 Wien, Freitag, den 16. Juni 1916 — 15. Siwan 5676. X. Jahrgang. _ __ sa Zionistischer Zentralverein in Wien, II. Bezirk, Zirkusgasse. Nr. 33 | Mittwoch, 21 Juni | VORTRAG | Hotel CONTINENTAL | 1916 I des Herrn Dr. ARTHUR=HANTKE (BcrEn) | n. Taborsira*e 4 J 8 Uhr abends: mm Mitglied des Engeren Akiiomkomiies der Zionisiisdien Organisation über: Der Zionismus während des Krieges a ■ i ■ und nach dem Kriege* ■ ■ ■ Regiebeltrag 40 Heller lüdisdupolnisdie Diskussion. Die unumgängliche Voraussetzung jedweder Verständigung — Sowohl unter Individuen, als auch unter Völkern — bildet vorerst eine offene und klare Aussprache über die Prinzipien und; leitenden Gedanken, von aenen beide Parteien ausgehen. Die Fixierung dieser Gesichtspunkte muß natürlichnicht immer und nicht unmittelbar zur gewünschten Annäherung -zwischen den beiden Gruppen führen. Nationaler Chauvinismus, alteingewurzelte Vorurteile u .dergl. machen oft, indem sie die Gegensätze aut die Spitze treiben,, eine friedliche Lösung ungeheuer Schwer. Auf jeden Falt gilt jedoch der Satz: eine ehrliche; Aussprache muß picht zum Frieden führen, aber ohne ehrliche Aussprache gibts keinen Frieden! Darum begrüßen •'wir jeden Versuch einer objektiv gehaltenen jüdisch-polnischen Diskussion — Diskussion, nicht Polemik! — -mit besonderer Genugtuung. Wobei wir nicht bloß den Umstand für wesentlich halten, daß in der Diskussion die Standpunkte gegeneinander abgegrenzt werden upd Klarheit wenigstens in der Theorie geschaf-, fen wird,\ Sondern noch mehr den Vorteil, daß; dabei Tatsachen fesrtgestellt und anerkannt' werden können. Im politischen Leben erscheint ein Problem bereits zur Hälfte gelöst, wenn die ihm zugrundeliegenden tatsächlichen Zustände als ein unverrückbar und nicht wegzuleugnendes Objektives hingjenommen und außer Streit gestellt werden. ( Eine derartige Tatsache, ein in diesem Sinne aufzufassendes ,0 b j e k t i v e s bildet in der jüdisch-polniSchen Diskussion die Frage, ob die polnische Judenschaft, in ihrer Gesamtheit als Nation anzusehen und somit anzuerkennen ist, oder nicht. ln der offiziellen Diskussion muß als Ausgangspunkt polnischerseits die Erklärung des ehemaligen Präsidenten des Obersten polnischen Nationalkomitees, Prof. v. Jaworski, gelten, die bekanntlich im wesentlichen besagte: Die Regelung; der polnisch-jüdischen Beziehungen darf -nur nach allgemein-europäischen Grundsätzen erfolgen. Die Polen müssen mit aller Energie die Assimilierung der jüdischen Bevölkerung betreiben; Mittel zum Zweck: Gleichberechtigung. "Gegenüber dieser Enunziation vom Sommer 1915, die noch ganz den alten polnischen Standpunkt der Assimilationspolitik vertrat, berührte fast sympathisch ein längerer. Aufsatz über die Ostjudenfrage, den die Wochenschrift „Polen“, das offizielle Organ desselben Komitees, in der Nummer vom 15. Oktober 1915, „als einen interessanten Beitrag zur jetzigen Erörterung der Judenfrage in Polen“, gebracht hat. Der Aufsatz rührte vom Redaktionssekretär der Zeitschrift, Herrn Andrzej Boieski, also einer offiziösen Persönlichkeit, her, war aber mit folgender vieldeutigen Redaktionsanmerkung [versehen: „Eine grundsätzliche Lösung, (durch eine offene und eingehende Erörterung vorbereitet und angebahnt, kann selbstverständlich nur bei den hiezu berufenen Faktoren Stehen.“ — Daß Herr Boieski 3en Juden kaum ein Minimum nationaler Rechte gewährt wissen will, daß er sie als Fremde, oder, nach der beliebteren Terminologie, als „Gäste“ gehandelt; daß er namentlich die national gesinnten Juden am liebsten idem Westen Europas und 'Amerika abtreten möchtej — in-: teressiert uns hier wenig. Von Bedeutung ist für uns hingegen, daß sich Bo ieski für „die prin-, zipielle Anerkennung der jüdischen Nation“ bedingungslos entscheidet. Er sag't wörtlich: „Da genügt es nicht mehr, von der bürgerlichen (Boieskis Unterstreichung) Gleichberechtigung einer bisher erniedrigten Gesellschaftsschichte zu sprechen: es tritt vor uns ein besonderes Volk, Jas durch seine Vertreter di: Ane'keunung seines eigentümlichen Volkstumes verlangt und fordert.“ Ich betone nochmals: Herrn Boieskis rein negative Konzession, die darin gipfelt, daß wir nicht unbedingt Polen sein müssen („Nicht-t Pofen zu sein — dieses Recht kann ihnen in jedem Augenblick eingeräumt werden...“), vermag selbstredend keine befriedigende Lösung zu schaffen, — doch bedeutet seine Anerkennung, der jüdischen Nationalität, ‘insbesondere gegenüber der Assimilationsbewegung in Polen, einen gewaltigen Schritt nach vorwärts. „Das offene Hmstellen der Tatsache, — sagt Herr B o f e s"k I an einem anderen Ort, — daß wir (Polen) in unserer Mitte ein seine nationale Sonderheit klar und dffen aussprechendes Volk haben, ist, eben dieser Offenheit wegen, eines der besten Erleichterungsmittel in der schweren Frage“. — Rein theoretisch genommen, wäre nunmehr, nach obigen Feststellungen B o I e s k i s, die erste Schwierigkeit in der jüdisch-polnischen Diskussion glückfich überwunden. Leider ist aber Herrn Boleskfs Anschauung im offiziellen polnischen Lager vorläufig n.cht die vorherrschende. — Ein Beispiel mehr, wie ungeheuer schwierig es ist, einer Tatsache, die man sozusagen mit Händen greifen kann, die vor aller Welt offen daliegt, dazu zu verhelfen, daß sie |überall als solche anerkannt werde _— Anläßlich des Artikels nämlich unseres Gesinnungsgenossen, Herrn Dr. Leon Reich, in der Wochenschrift „Polen“ vom 26. Mai 1. J.,' von welchem in der vorletzten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ ein Auszug abgedruckt War, be-> nützt die Schriftleitung dieses offiziellen polnischen Organs die Gelegenheit, um sich in der jüdisch-polnischen Frage etwas ausführlicher auszusprechen. Es geschieht dies in einer längeren Vorbemerkung zum Artikel Dr. Reichs, in der der alte polnische Standpunkt wieder voll una ganz beibeh alten wird. Diese „Vorbemerkung“ ist leider nicht besonders deutlich abgefaßt und läßt nur schwer erraten, was sich eigentlich die Redaktion unter der Wendung vorstellt, daß die Schlüsse, zu denen sie gelangt^ in der Theorie den Gedanken Dr. "R e i ch S widerstreiten, daß sie sich aber „in der Praxis einander sehr nähern können.“ .Wohl wird dieser rätselhafte Sinn durch den nachfolgenden Satz etwas klarer: „Den Unterschied bedingt die Auf-i fassung des Judentums als einer besonderen Nationalität in Polen'...“ Die Redaktion kann sich nämlich zu dieser" Auffassung nicht entschließen: „Die Polen sehen keinen Bruch der, Kontinuität in ihrem Verhalten in" der Judenfrage seit der Zeit des ,Großen Reichstages', una heute wie damals erscheint ihnen die bür-, gerli ehe Gleichstellung als des geeignete und ia.usreichende Mittel zur Lösung des Problems; heute iwie damals erklären sie mit aller Offenheit, daß außer dem" idealen Ziele der staatsbürgerlichen Gerechtigkeit, die den Juden eine Besserung ihrer Lage bringt, auch das praktische Ziel der Assimilierung für sie m aßgebend bleibt.“ — — So sehen wir also die Brücken wieder abgebrochen. Die einzig mögliche Plattform einer, ehrlichen und durchgreifenden Verständigung, die Anerkennung der jüdischen Nationalität, wird ,von der offiziellen Vertreterschaft des polnischen Volkes abgewiesen. — > Trotzdem möchten wir in den Bemerkungen der "Redaktion des „Polen“ zum Artikel Dp. Reichs nicht nur das unseren Postuläten gegenüber ablehnende Moment hier festgehalten haben. Wir wünschen keineswegs, daß die jüdisch-polnische Diskussion für diesmal abgebrochen wird. Im Gegenteil, wir wünschen ihre Fortführung, und (zwar je intensiver desto besser, bis zu 'einem gedeihlichen Ende, und deshalb* wollen wir gerne hervorheben, daß wir darin ein gutes Vorzeichen erblicken, daß da9 offizielle Organ des Obersten polnischen National-Komitees den zionistischen Standpunkt in einer zioni- Stischen Interpretation seinen Lesem nicht vorenthält und daß es weiterhin — trotz seiner im übrigen jablehnenden Haltung — die jüdisch-nationale Bewegung in Polen ausdrücklich als Tatsache hinstellt und „die programmatischen Wünsche und Strebungen der polnischen Zionisten“ als Strömungen bezeichnet „d'i e b ek anntun der wogentsein 's ollen, ehe man zu Urteilen und Vorschlägen von Entscheidungen gelangt“. — Indem wir nun aus diesem Teil der Ausführungen der Redaktion „Polens“ glauben schließen zu dürfen, daß bei den maßgebenden polnischen Faktoren trotz allem der Wille zu einer Verständigung vielleicht vorhanden 'ist, halten wir es für angebracht, bei dieser Gelegenheit nochmals zu betonen, — weil nämlich politische Schädlinge und Brunnenvergifter immer wieder die Wahrheit in ihr Gegenteil zu verdrehen suchen, — daß wir ZJondsten ein friedliches Zusammenleben des jüdischen Volkes mit dem polnischen aufs sehnlichste erstreben. Wir hegen, dabei die feste Ueberzeugung, daß die Konstituierung der polnischen Judenschaft als nationale Gemeinschaft, mit nationalen Rechten aus-. gestattet, ein solches Zusammenleben nicht nur nicht erschweren, sondern umgekehrt a n b a hnen und «ermö glichen wird.