Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1916-06-09 · 23 (9.6.1916) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
23 (9.6.1916)
Date
1916-06-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438572-2438594--4833-2444747
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 23 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 koipmen. In welchem Maße die Ansiedlung’ fremder Kolonisten 'erwünscht ist, d. 'h. wieviele« Menschen die zur Besiedlung geeigneten Gebiete demnächst Raum bieten werden, das kann ich Ihnen allerdings heute noch nicht sagen. Wir Sind (überzeugt, daß sich unsere neuen Zoll- und Steuergesetze von hohem .Wert für unser ganzes .'Land und auch für die ottomanisierten jüdischen Ansiedler erweisen werden. Besonders das neue Agrargesetz wird sehr viel zur Hebung der wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung beitragen. Von großem Wert werden aber auch die neuen Einfuhrzölle Sein. Solange wir unter dem Druck der Kapitulationen der fremden Mächte auf alle Waren'gleichmäßig einen Zoll von 11 Prozent legen mußten, konnte unsere Industrie natürlich nicht aufblühen. Aber bei dem neuen Zolltarif (Wird besonders die landwirtschaftliche Industrie sich' zweifellos bedeutend heben. Und gerade auf industriellem Gebiet erwarten wir, daß die ottomanischen Juden sich sehr bewähren werden. > Einen Antisemitismus im europäischen Sinne hat die Türkei nie gekannt. Man hat bei uns niemals die jüdische Religion bekämpft, sondern; gern den in anderen Ländern Unterdrückten eine Zuflucht gewährt. Wenn z. B. gegenwärtig in Deutschland Gerüchte z->kuh'eren, die türkische Regierung habe angeordnet, in den Schulen ihres Reiches dürfe nur noch muhamtnedanischer Religionsunterricht erteilt werden, So ist das einfach lächerlich. Natürlich sind die türkischem Staatsschulen muhammedanische Schulen, aber in den Religionsunterricht der übrigen, fremden Schulen mischt sich die Regierung durchaus nicht ein. Nur bitiß sie natürlich Wert darauf legen, daß in den Schulen des Reiches u. a. auch türkischer Unterricht erteilt wird. Sie dürfen überzeugt Sein, daß die türkische Regierung, nachdem sie sich von der Loyalität ihrer jüdischen Un* *ertanen überzeugt hat, den Zuzug jüdischer Ansiedler und ihre Betätigung in Ackerbau und Industrie mit Freude begrüßen wird.'“ Der Meine Arbeiter aus Petafe liftwafi. Vom südwestlichen Kriegsschauplatz schreibt uns k. n k. Feldrabbiner Dr. Ernst Deutsch: In N. war es, auf der Krankenabschubstation. Ein Transport war bereit, ins Hinterland abgeschoben zu werden. In einer Krankenbaracke fand ich einen jungen Mann, der auf steinern Bette 'mit verweinten: Augen da la". Auf der Tafel oberhalb de»1 Bettes war seine Muttersprache ersichtlich: „U“, also ungarisch. Auf meiner Frage, warum er so bitter weine, antwortete der Jüngling: „Herr Rabbiner, ich habe keine allgemeine Körperschwäche, ich will nicht ins Hinterland und Wenn ich rauch erst 17 Jahre alt bin, so kann ich'immer noch meinen Mann stellen.“ „Du bist also ein Freiwilliger“, sagte ich. „Jawohl! Sogar ein Zionist aus Petach- Tikwah!“ Seine bleichen Wangen fingen zu glühen an und steine Augen leuchteten auf, indem er sprach. Ohne weiter gefragt zu werden, erzählte er dann mit der Klugheit eiges Mannes, der viel (mitgemacht hat, wie er Soldat wurde und ins! Feld hinauskam. Hätte ich die Papiere dieses jungen Helden nicht mit eigenen Augen gesehen, müßte ich die ganze Geschichte in die Welt der iMärchen weisen. „Meine Eltern — begann er zu erzählen — waren Wohlhabende Kaufleute in Hajdunanas in Ungarn. Mein Vater, ein .frommer Jude, der in Palästina begraben werden Wollte, (machte Vor 5 Jahren (aheT zu Geld und wir fwanderten nach Erez Israel aus. Dort kauften wir lein Häuschen samt einem kleinen Garten und mein Vater begann wieder zu .„lernen“. Ich wurde schon als kleiner Junge mit dem Zionismus bekannt und wollte nicht mehr ins Bet Hammidrasch. Ich ging nach- Petach- Tikwah und Wurde Landarbeiter, erlernte so ziemlich hebräisch, kann auch schon etwas arabisch und habe mich rasch in die neuen Verhältnisse eingelebt. Da kam der Weltkrieg und als ich es hörte, meine alt? Heimat geht gegen ihren Erbfeind und gegen den Erzfeind meines Volkes, da ergriff mich eine unstillbare Sehnsucht, als Mitkämpfer gegen Rußland auszuziehen; brannte durch, blieb aber in Konstantinopel fast ein Jahr stecken. Endlich gelang es mir,, weiter zu reisen und als ich in Budanest-Kelenföld glücklich ankam, da wollte der Zufall, daß, eine Marschformation eines Honved-Regiments dort durchreiste. Es gelang mir, unter den Soldaten einige zu gewinnen, die mich — wie dies schon mit anderen Jungen'geschah — mit sich nahmen. So kam ich an die Südwestfront, wo ich v über 2 Monate tapfer mitgekämpft habe. Und jetzt schickt man mich zurück, weil ich zu schwach bin!“ Zwei große Tränen fielen hiebei über die bleichen Wangen. Ich stand ergriffen und stumm an seinem Bette, eine ganz neue Welt tat sich mir auf, beschämt bewunderte ich dieses Kind — er war ia wirklich kindisch naiv und schwach, wie ein Kind und dachte bei mir: Dies sind die Früchte unserer zionistischen Erziehung; nicht nur in unseren Intellektuellen, wie Zuckerman - und Domeny, auch in dem Herzen des einfachen jüdischen Bauers lodert zu heller Flamme die treue Erfüllung der heiligsten Bürgerspflicht auf. Zionlslisdie HM in Eranhreidi Mährens Oes Krieges. Die in Paris erscheinende neue Halbmonatschrift „Le Peuple Juif“ schreibt in ihrer zweiten Nummer vom 1. Mai 1916 über die zionistische Arbeit in Frankreich während des Krieges wie folgt: „Was ist aus der Zionistischen Organisation in Frankreich während der langen Kriegsmonate geworden? Wir wollen zuerst in wenigen Worten sagen, wie sie vor dem Kriege tätig war. Es gab nur sehr wenig zionistische Verbände und Vereine ausser in Paris, Algier und Tunis. Diese Verbände oder Vereine hatten als offizielle Vertretung die Federation des Sionistes de France, deren Sitz Paris ist, und die die Vermittlerrolle zwischen diesen lokalen Verbänden und der Zentralstelle der Zionistischen Organisation inne hatte. Ein Zei.t alkomitee. das aus Delegierten aller Verbände bestand, hatte die Aufgabe, der zionistischen Propaganda Einheitlichkeit und Intensität zu verleihen. Außerdem gab es noch eine unabhängige Zeitschrift, das „Echo Sioniste“, die das zionistische Programm nicht nur in Frankreich verbreitete, sondern überall, wo französisch gesprochen wurde. Mit dem Kriege erlitt auch dieses bescheidene Gebäude das Schicksal, das auch viel ältere und bedeutend mächtigere erdulden mußten. Die Verbände. die ihren Sitz hatten verlassen müssen, gingen auseinander; die Föderation, die ihres Führers beraubt wurde, hörte auf zu arbeiten; das Zentralkomitee, dessen Vorsitzender eingezogen wurde, stellte seine Arbeit ein, und die Stimme des „Echo Sioniste“ wurde durch den Kanonendonner erstickt. Seit einiger Zeit jedoch, seitdem die Gemüter beginnen, sich auf irgend eine Weise mit der augenblicklichen Situation abzufinden.beginnen die Zionisten in Paris mit der Reorganisationsarbeit und suchen, die Rolle zu umgrenzen und zu erfassen, die ihnen in dem Finale des größten aller menschlichen Dramen zugedacht sein wird. Zionistische Zusammenkünfte werden in den verschiedensten Vierteln von Paris häufiger abgehalfen, und wenn das Talent und die Autorität des Redners auch nicht immer gerade hervorragend sind, so sind sie doch zum mindesten Beweise dafür, dass nicht nur unsere Pariser Zionisten ihrer Ueberzeugung treu geblieben sind, und daß die anhaltenden Bemühungen der Federation und ihrer hervorragenden Führer ,, nicht umsonst waren, sondern daß die zionistische Idee momentan wirkliche Fortschritte unter der jüdischen Masse in Paris macht Wir möchten besonders die zionistische Tätigkeit des Herrn Bernfeld hervorheben, eines jungen Juristen und begeisterten Zionisten, Gründer der „Ligue Franco-Sioniste“, der es sich zur Aufgabe gestellt hat, die Sympathien und Mitarbeit hervorragender französischer Persönlichkeiten, Juden und Nichtjuden, für die zionistische Sache zu gewinnen. Es erübrigt sich, viel Worte über das Wiedererscheinen des „Echo Sioniste“ zu verlieren. Seine literarische Stellung, seine maßgebenden Mitarbeiter haben aus ihm seit langem schon eine der am meisten geschätzten jüdischeu Zeitschriften gemacht. Sein neuer Name „Le Peuple Juif“, sein Wahlspruch, der heutigen Zeit entsprechend „Wenn ich nichts für mich tue, wer wird es tun? Und wenn nicht jetzt, wann dann?“, sein häufigeres Erscheinen, die grössere Zahl seiner Mitarbeiter, die aus allen jüdischen Kreisen stammen, werden nur noch stärker die Aufmerksamkeit all derer erregen, die iür die jüdische Frage Interesse haben. Die „Föderation des Sionistes de France“ hat kürzlich Herrn Dr. A. Klein zu ihrem Präsidenten gewählt, einen alten und bewährten Zionisten, dessen Name unter der jüdischen Bevölkerung in Paris sehr populär geworden ist, und ein zionistisches Arbeitsprogramm aufgestellt, von dem wir die besten Resultate erhoffen dürfen.“ v Auf der letzteu Tagung der Französischen Zionistenföderation wurde zum Präsidenten der Föderation Herr Dr. A. Klein, zu Vizepräsidenten Fräulein Mirjam Schach und Herr H. Scherschevsky gewählt. Das Bureau der Föderation befindet sich jetzt: Paris, 20 Rue de Rivoli. Am 6. April veranstaltete die Ligue Franco-Sioniste eine Konferenz, bei der Herr Gustave Kahn einen Vortrag über „Die jüdische Kolonisation in Palästina in ihren Beziehungen zu den internationalen Fragen“ hielt_ Ras Der jQiisdien Welt. Der galizische Statthalter im jüd. Theater. Der neue galizische Statthalter, General Baron D i 11 e r, besuchte während seines jüngsten Aufenthaltes in Lemberg auch das j ü d isehe Theater. In seiner Begleitung befand sich FML. Letowski, sowie ein Admiral. Aufgeführt wurde das Stück „Hand und Herz fürs Vaterland“. Das ganze Haus war ausverkauft. Einen großen Teil des Publikums bildeten k. u. k. Offiziere. Der Statthalter wohnte der Vorstellung bis zum Schluß bei. Höhere hebräische Kurse. In Warschau fand die feierliche Eröffnung der höheren hebräischen Kurse statt). Sch. L. Gordon, Hillel Zeitlin, F. Lachow e r, Agronom Einhorn und Sch. Z e m a c h dozieren. Bibel, jüdische Geschichte, Geschichte der jüdischen Literatur und der jüd. Philosophie, Naturwissenschaft, Botanik werden in hebräischer Sprache gelehrt. Die Kurse beabsichtigen als| erstes die Heranbildung guter hebräischer Lehrer. Hy', "f£:' . "SV' -Xi' ' '$• . ' dg- :|I: 1; TS*; ’ M'h f: i: Judeseins, des ZusammeHiancres mit dem großen jüdischen Weltwunder. Und darum ist die Sfädteldichtung niemals Idyll, niema’s "Romantik, niemals Vergangenheit, niemals nur auf die Behaglichkeit oder auf das verlorene Paradies eingestellt, sondern immer vnd überall Dichtung des Volksschicksa1e=, der. Volksidee, des Ueberzeitlichen im jüdischen Volke. Und nirgends) tritt dies überzeugender hervor, als gerade in der Dichtung, die da~ stille G’ück des Volkes1 malen Will. Gerade Weil iedes Detail an Sich so unscheinbar ist, wirkt das Pathos des Gesamten umso stärker. Jeder Gruß und ieder Fluch, jeder Witz und jede Klag?, jedes Licht und jeder Schatten ist von Jninen heraus zur Ueberlebensgröße gesteigert und zum Bewegendem, nicht izum Ruhenden, gestemoelt. Mit einem Worte: Wir erleben im ostjüdistehen Humor die Wiedergeburt des Großen i m Kleinen. Damit Wird er uns aber, damit wird uns! auch Scholem -Alejchem zum Bürgen dafür, dab uns auch noch' die Wiedergeburt deS Großen aus dem Kleinen zuteil werden wird, daß wir nicht vor dem Abend, sondern am Vorabend stehen. Und das ist wohl des dahingegangenen Dichters größter Ruhm. Niliielm Waditel. (Zur Ausstellung bei Halm & Goldman n.) Seit Jahren ist es mir gegönnt, die künstlerische Entwicklung unseres Wilhelm Wachte lals (genießender Laie Verfolgenzu (dürfen. Erst Vignettenkunst und Buchschmu k, dann weiche, verträumte Bilder aus dem „Städtl“ — darunter die „Totenklage“, die ich auf der Krakauer Ausstellung 1906 bewunderte — dann die plötzliche Abkehr vom Ghetto und die Hingabe an die jüdische Antike. An anderer Stelle („Die Welt“, 1914) versuchte ich zu schildern, wie1 sich dieser herzhafte und begeisterte Künstlermensch in die biblische Vergangenheit versenkt hat und das Land der Juden mit der Seele sucht). Der Krieg hat ihn aus seinen Träumen gerissen. Jetzt sieht er nur die furchtbar tragische jüdische Gegenwart. In seinem Atelier steht ein grandioses Bild auf der Staffelei, zunächst in verhältnismäßig kleinen Dimensionen ausgeführt: Ein Zug russischer Juden, von Kosaken ins, Hinterland getrieben. Ich glaube, dieses Gemälde — ein Gegenstück zu Hi rs zenbergs „Golus“ — wird des Meisters Hauptwerk werden und. deinen Namen in die Zukunft tragen. Eine kleinere Gruppe vertriebener russischer Juden, gleichsam ein Ausschnitt des erwähnten monumentalen Werkes, ist gegenwärtig im Schaufenster bei Halm & Goldmann am Opernring zu sehen und zwingt die Vorübergehenden zum Stehenbleiben. In den Räumen dieser Kunsthandlung hat Wachtel eine kleine Auswahl seiner Arbeiten ausgestellt, die 32 Nummern aus verschiedenen Schaffensperioden umfaßt. Neben dem schon bekannten, sehr geschätzten „Osterabend“ wird die Besucher das rührend schöne „Flüchtlingsmädchen“ (Nr. 17), die *Alte Frau“ (Nr. 22), der „Jüdische Knabe“ (Nr. 11), vor allem aber eine Oelskizze erfreuen, die ein aufrecht sitzendes, eingeschlummertes Weib aus dem Volke darstellt (Nr. 2), eine müde aber tapfere, schicksalsüberlegene jüdische Frau. Der „Knieende Akt“ (Nr. 14) ist eine sehr bezeichnende Studie zu dem Ziklus „Schir-Hasichirim“ und zu seiner „Judith“, die auf der großen Lemberger tWachtel - Ausstellung — sie umfaßte mehr als 140 Bilder — die Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Es erübrigt rieh, auf die von Kennern in der Tagespresse sehr gelobten Skizzen aus der Pariser und jüngsten Wiener Schaft'enszcit hinzuweisen, durchaus sprechende Porträts. Wilhelm Wachtel, der aller Reklame abholde, vornehme, mit eiserner Selbstzucht arbeitende Zeichner und Maler gehört heute zu unseren Besten und ist unser Stolz. Otto Abeies.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.