Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 23 (9.6.1916)
- Date
- 1916-06-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 <3 tung der Gemeinschaft ein, in die sich' das Inviduuni einfügt, ohne sidh zu verleugnen oder zu verlieren. Nur .wenn wir auch Jiier Schon, um Galuth, die nur dem jüdischen Menschen eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten, wenigstens teilweise befriedigen und verwirklichen können, sind wir eine Gemeinschaft, die den Namen Volk tragen darf. Demgegenüber stellt sich Hanna Helene Cohn auf den rein palästinenschen Standpunkt, als sei mit solchen Forderungen vom alten Ideal des Zionismus nichts übrig geblieben, als der eigentlich unsinnig gewordene Name; denn für Theodor Herzl (sei nur in Palästina der ganze jüdische Mensch möglich gewesen. Hugo Bergmann aber müsse seinen Gedanken, überall wo Juden wohnen, könne eine jüdische Gemeinschaft aufgerichtet werden, zu Ende denken, wie es Max Mayer in der ,Jüdisjchen 'Rundschau') auf Grund einer ähnlichen Voraussetzung getan, daß nämlich die ostjüdische Kultur zugleich Kultur des gesamten jüdischen Volkes werde, daß aus der Verehrung ihrer Schöpfung aus der Ferne eine völlige. Aneignung durch restlose Aufnahme, etwa in das westjüdische, Kulturbewußtsein werden müsse. In Fortführung dieses Gedankens hat dann der gleiche Autor unter dem Titel „Zweisprachige Einheitskultur“ die Meinungvertreten, der Westjude möge sidh eben mit dem Doppelwesen des Ostens, wofür die Zweisprachigkeit nur ein äußerer Ausdruck ist, abfinden und sie verstehen lernen. Wir wollen zu Max Mayers Auslassungen vorderhand keinerlei Stellung, -nehmen, sondern uns lediglich mit H. H. Cohns, wie wir glau-i ben, mißverständlicher Auffassung Hugo Bergmanns beschäftigen, da es sich hiebei um die Kundgebung und Formulierung von Anschauungen handelt, die vor dem Kriege Inur in einem engen Kreis verbreitet, wesentlich zur Vertiefung und Verinnerlichung der zionistischen Idee beitragen müssen, wenn sie Gemeingut der gesamten Bewegung werden. Wir verstehen Bergmann am besten, wenn.wir uns seinen Aufsatz „Die Heiligung des Namens“ im Sammelbuch „•Vom Judentum“ und seine Einleitung in die „Worte Mosis“ zurückrufen,-die trotz einzelner sachlicher Irrtümer dem Grundgedanken Ausdruck geben, das Judentum Sei nicht eine Summe von Gebräuchen und Zeremonien, eS Sei auch nicht eine erhöhte Feierlichkeit einzelner Tage oder Augenblicke, sondern der Jude hatte das Ziel, daß (sein ganzes Leben, als sein Tun und Wollen; jede Tat iund (jeden Schritt 5m Hinschauen auf die höchste Vollkommenheit, im Bewußtsein der Gottheit geleibt werde. Diese Auffassung der alten jüdischen Religiosität, gerade in unserer Zeit der Halbheit und des Hinkens nach beiden (Seiten zu verkünden, zeigt einen- Weg Zu Bergmanns Deutung des Zionismus, der ein Kiddusjck häschern in unseren Tagen sei. Die Frage rührt unendlich tief. Soll unser ganzes Dasein dm Galuth nur (äußerliche Vorbereitung für Palästina sein, Inur , ein Sammeln von Geld, Kenntnissen und Energdeen für den Aufbau des heiligen Landes und wir, wie unsere Väter am Scderabend im Reisekleid und mit dem Wanderstab unser Leben auf dem Sprunge verbringen, (Ujm dorthin zu gehen, ganz wie wir jetzt sind? Oder fühlen wir, daß Erez Israel die Idee, der Sinn unseres Daseins ist, der Mes-< sianismus, der über unserem Alltag leuchtet und uns besser, wreil vollständiger macht? Das werden wir nicht leugnen können, daß Jahrzehnte und vielleicht Jahrhunderte uns noch im Galuth sehen werden, und daß wir alle Anspruch auf ein wahres Leben und Wirken auch in dieser Welt schon haben. Ein Sichbereiten ist noch kein ewiges Bereitstehen auf Abruf im nächsten Augenblick. Sind wir uns aber der Tragweite dieser Fest-. Stellung bewußt, und seit den Jahrzehnten der Aufgabe der Charterpolitik sollten wir es, dann ist uns die Gegenwart gegeben und sie ist nach der zionistischen Idee mit dem Hammer unseres ernsten Wollens umzuschmieden, indem wir die Lebensbedingungen und Lebensformen umgestalten, was -wieder nur durch die Revolutionierung der Einzelpersönlichkeiten möglich ist. Der zionistische Studentenzirkel, der begeisterte Reden schwingt, der Turnverein, der hebräische Kommandosprache einführte, Selbst solche, die eä biS zur 5. Lektion eines hebräischen Lehrbuches brachten, haben Stückwerk geleistet, wenn es bei dieser Einzelheit bleibt, die überdies noch gefährlich ist, da sie in eine gewisse Befriedigung wiegt. Wir müssen vielmehr über solche Aeußerlichkeiten hinweg in die Tiefe dringep, Jeder bei sich selbst. Jeder-hat die Pflicht, wenner als den innersten Wesenskern seiner Persönlichkeit das Jüdische begriffen hat, es auch1 als Beherrscher seines ganzen Daseins anzuerkennen. Er ist dann trotz aller unjüdischen .äußeren Umwelt, ein Individuum mit dem ernsten Streben nach Ganzheit und darum — immer den Emst seines Strebens vorausgesetzt — ein höherer, reinerer Mensch, da das, Zentrum seiner Persönlichkeit wirkt und nicht äußerliche Beziehungen sein Leben beherrschen. Solche Juden aber sind auch befähigt, hier im Galuth eine Gemeinschaft zu bilden, während die von Aeußerlichkeiten, wie Parteidogmen oder Materialismus regierten, selbst in Palästina versagen müssen. Dies will uns Hugo Bergma nn sagen und er verlangt von uns, d|aß wir diese Erkenntnis uns zu eigen machen (und Weiter tragen. Daß in der Ferne uns allen dann Palästina leuchtet, braucht er nicht erst auszusprechen: est Lt uns allen ja letztes, höchstes Ziel. Dr. Wilhelm Stein Eine Bidifigsfellung. In der Lubliner Zeitung „Mysl Zydowska“ ist vor kurzem ein Bericht über eine .vom Sekre-> tär des „Oesterreichischen Zentralkomitees zur Wahrung der staatsbürgerlichen Interessen der jüd. Bevölkerung jm nördlichen Kriegsgebiete“ (Präsident Dr. R .v. Gomperz) in Lublin-abgehaltene Besprechung erschienen, welcher von vielen polnischen und jüdischen Blättern reproduziert wurde. Der Bericht erregte in nationaljüdischen Kreisen starkes Mißfallen, da in demselben einige gegen die nationalen Bestrebungen gerichtete Aeußerüngen,;u. a. die Forderung, die Juden mögen unter Beibehaltung ihrer Konfession polnische Kultur annehmen, als Grundsätze des Komitees hingestellt wurden. . Herr Sekretär S. Fl eis!eher stellte nach seiner Rückkunft nach Wien innerhalb des Komitees feSt, daß dem Beifchte [eine durchaus falsche Auffassung zugrunde liegt. Er übermity telte uns nachstehende, an die Redaktion den „Mysl Zydowska“ gesandte Berichtigung: „Wien, jam 2./Juni 1916 Sehr geeh rter Herr Redakteur! In der /Nummer 10 der „Mysl Zydowska“ vom 17. Mai d' J. findet Such :ein Bericht über eine von 'mir mit mehreren Herren in Lublin abgehaltene Beratung, in weldhem mir eine Reihe von Aeußerungen in den Mund gelegt werden, welche ich (als die Anschauungen des „Oesterrdchisdien Zentralkomitees zur Wahrung der staatsbürgerlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung im (nördlichen Kriegsgebiete“ hingestellt haben Soll. Ganz abgesehen davon; 'daß in dieser Darstellung (wichtige Aeußerungen enthalten sind, (die im Laufe der Diskussion von- Anderen vorgebracht wurden, bitte ich Sie, Ihren Bericht über die gedachte Konferenz dahin richtigstellen zu wollen, daß die mir zugesdhriebenen Erklärungen den Sinn meiner Ausführungen nicht richtig wiedergeben. Auch bitte ich festzustellen, daß die im Rahmen dieser: vertraulichen Besprechung von mir entwickelten Anschauungen lediglich als p e r s ö nl i c h e,. nicht aber als Willensäußerung des „Oesterreichischen Zentralkomitees“ vorgebracht (wurden. Durch die Aufnahme dieser Erklärung würden Sie mich zu besonderem Danke verpflichten. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener Siegfried Fleischer.“ Ein türkisdier Parlamentarier über die Juden in der Türkei. Der Vizepräsident der türkischen Kammer, Hussein Djahid .Bey, gewährte während seines jüngsten Aufenthaltes in München der. Schriftleiterin des „Jüdischen Echos“ eine Unterredung, während welcher er ihr Interessantes über die Juden in den türkischen Ländern mitteilte. Anerkennend Sprach sich ißeine 'Exzellenz über die im türkischen Heere dienenden jüdischen, Soldaten aus. „Sie haben Sich durchaus als tapfere Soldaten bewährt. Freilich haben wir Vielfach auf die geringe Gewöhnung der orientalischen Juden an kriegerische Leistungen und auf iliye mangelnde militärische Ausbildung Rücksicht genommen "Und sie weniger den kämpfenden Truppenteilen als Vielmehr den Pionier- und Trainbattaillonen zugeteilt,, doch haben sie sich an jedem 'Platze bewährt. Auch die älteren jüdischen Kaufleute in der Türkei, die für den Heeresdienst nicht jn Betracht kamefi, haben sich gerade in 'dieser Z.eit als (wichtiges Element im Staate ferwiesten. Die türkische Regierung ist überhaupt überzeugt, daß die Juden ein sehr nützlicher Bestandteil, der 'Bevölkerung werden können. Ich kann, allerdings nicht Verhehlen, daß man ..von vielen Seiten (leider. auch von jüdischer Seite — „Jüd.' Ztg.") /an die türkische .Regierung mit Verdächtigungen — besonders gegen die Kolonisten in 'Palästina — herangetreten ist. Man hat sie separatistischer Gelüste beschuldigt, und Sie werden verstehen, daß die Türkei, die in dieser Beziehung Schlimme (Erfahrung gemacht und ja gerade deshalb die Kapitulationen abgeSchafft hat,, weil sie nicht länger die politischen Sonderbestrebungen fremder Nationen in ihrem1 Reiche mitansehen wollte, die Bildung eines nicht-ottomanischen Staatswesens in ihrem Staate nicht dulden kann, inzwischen aber hat sich ja die Mehrzahl der Juden im türkischen Reiche ottomanisieren lassen (und hat damit ihre Loyalität gegenüber der ottomanischen Reg'ierung bekundet. Infolgedessen jiaben wir keine Veranlassung mehr,, (den Juden in .unserem Lande irgendwelches Mißtrauen zu bezeugen. Wir wissen genau, daß die jüdischen Kolonien in Palästina sehr nützliche Arbeit bei der. Versorgung unserer syrischen Armee mit Le-, bensmitteln geleistet haben, und wir werden es sicherlich begrüßen, .wenn sieb nach dem Kriege zahlreiche weitere .jüdische Kolonisten aus den Ländern, in denen Sie religiösen Verfolgungen auSgesetzt sind, jn den asiatischen Provinzen des türkischen Reiches ansiedeln wollen. Weite Gebiete unseres Landes harren der Erschließung, una es ist nur eine Frage Her geeigneten Arbeitskräfte und des erforderlichen Kapitals, um sie zu blühenden, reichlich Frucht tragenden Ländern zu machen. Welche Teile des Reiches für die Besiedlung in (erster Linie in Trage komm'en,! darüber bestehen; soviel ich weiß, heute bei der türkischen .Regierung noch keine bestimmten Pläne. Aber kennen, sie z. B. die Gegend bei Adana?:Aus 'diesem »Lande (wird sich außerordentlich viel (machen lassen, und /Ihre Glaubensgenossen werden sicherlich als-wichtiges Bevöikerungselement für die Erschließung in1 Frage .mögen noch Tausende andere sein. Aber die Scene im Eisenbahnkupee wird durch ihn nicht weniger frisch und bewegt. Er gehört mit dazu. Der Mann ohne Winterrock, .die Aepfelfraü usw. im Berditschewer Trambahnwagen sind sicherlich Leute, denen das Leben (nicht (leicht fällt iund doch schwebt über ÖJeser ganzen Gesellschaft, die sich in 'dem schäbigen, zerbrochenen, zugigen Wagen zusammenfindet, eine unverkennbare Heiterkeit. Die Flüche, die den Ostjuden so geläufig sind, wie anderen Völkern die Schimpfworte, entladen gewiß auch viel Bosheit und Jammer. Aber wer, der sie bei Scholem Alejchem liest, könnte verkenpen, daß sie in ihrer Gesamterscheinung nach der Seite des Gefluchten hin harmlos, ja gewissermaßen wohlwollend sind und für den Flucher den Beweis kräftig äusströmenden Lebensgefühles liefern? Tojwije, den „Milchiger“, den fahrenden Händler mit Milch und Atilchprodukten, trifft der schwerste Schlag, der einen jüdischen Vater treffen kann — seine Lieblingstochter läuft zu den anderen hinüber. Und doch, wäre das Eine Unglück nicht gewesen — das noch bezeichnender Weise aus fremder Welt kam — dann hätte ihm wohl nichts zum Glücke gefehlt. Es ist unmöglich, die Atmosphäre eines höheren Glückes zu leugnen, in der dieser einfache, biedere, herzhaft tapfere Mann lebt. Man muß ihn z. B. nur bei seiner Waldfahrt belauschen, da er die verirrten Damen in ihre Sommerfrische zurückbringt. Gerade dieser Tojwije der „Milchiger“ zeigt uns aber auch, daß Scholem Alejchem dort am besten ist, wo er am (ernstesten ist, d. h.- daß dort,!wo er am »ernstesten sein muß;, sein Humor die größte Kraft und Frische aufweistj. Daraus folgt, daß dieser Humor nicht einfach auf dem Boden duseliger — etwa der russischen „Oblomow“-Stimmung vergleichbarer — Lässigkeit ■ erwachsen sei, auch nicht aufs Idyll zurück-', geführt werden kann. Er muß vielmehr mit dem EpoS der (Geschichte in Zusammenhang stehen,’ kann nur einem Volke gehören, dem Größe innewoTint. Und diese Größe muß dann natürlich in allen Sachen Scholem Alejchems, nidit bloß ini seinen ersten, irgendwiezum Ausdruck gelangen. In der Tat reckt sich hinter und über allen den kleinen Leuten, mit denen uns Scholem Alej-, chem bekannt macht, hinter und (über allen den kleinen Begebenheiten, die er uns vorführt, hin-' ter und über allen den Tugenden und Kümmerlichkeiten, die jer bloßlegt, etwas Riesiges auf, ein Etwas, daä Wir auch von den. anderen ostjüdischen Dichtern her kennen: dais Weltenschicksal, das einzigartige Pathos des jüdischen Vol- ,kes. Man hat die strikte Empfindung: die Leute können nur deshalb so selig, lächeln», wenn! Schmerz und Not in ihnen .weinen, nur deshalb so gotteslästerlich fluchen, zur Zeit, da ihre» Herzen segnen ,(nur deshalb so stolzen Innems, sein, während (die Gebärde sich demütigt, nur deshalb ein Ijjo süß zartes und doch auch kernig herbes Jiddisch' sprechen, — /weil jenes Pathos sie stößt und führt, bestimmt und beherrscht. ■■! , Scholem A'ejcbem »isit „Städtel“-Dichter, ebenso Wie der Dichter des „Städtel“, Scholem Asch, una wie (übrigens alle Dichter der Ostjudenheit. die etwas sind, sowohl die jiddischen, als die hebräischen. (Aber das „Städtel“ ist etwas Anderes, als man nach der Analogie mit anderen Literatur glauben könnte. Man kann für die neue jüdische schöne Literatur. nicht mit dein Klassen- und Schichtungsunterschieden als mit wesentlichen Faktoren (rechnen. Das Städtel ist alles durch den Juden, durch den ostjüdischep- Menschen, wie (er in der Geschichte wurde. Selbst gibt eS den Juden nichts als die erhöhte Gelegenheit, selbst »zu sein; während er jenseits des Städtels diese Gelegenheit sich erst wieder zimmern muß, (aber ffm Grunde Her Städteljude bleibt. Das Städtel steigert die Intensität (des