Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 23 (9.6.1916)
- Date
- 1916-06-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2438141-2438572-2438594--4831-2444745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JÜDISCHE ZEITUNG HK« NRTIDNHL -JÜDISCHES DRGRN rvrrum Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ S? Erscheint* wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II-, ZirfciagaaK Nr. 33. — Spr«*stunden ■ ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurOckgestellt. — Abomemenstspreise: Für Uest»-_ ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjibr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. | Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: GanzjSir. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 23 Wien, Freitag, den 9. Juni 1916 — 8. Siwan 5676. X. Jahrgang. n!*- -.u*- ■■ —~ur--S in JüDisiiiep Rational: Kalenöer 5677. Redigiert von Otto Rbeles und Gudwig Batö. Verlag „JQdische Zeitung“ (dien.! Erscheint Mitte Hugust! □iczz =^yr= —1u r— —— —«V U =>\n Dtr neue galizisdte Staithaliep iür Sie Juden. Der nenernannte Statthalter für Galizien, General Baror, Di 11e r,empfing gelegentlich, seines ersfen Besuches in Lemberg eine Aborcfnimgi desf dortigen „Jüdischen Hilfskomitees“, bestehend aus den Herren Prof. Bromberg, Dr. 'Ringel, David Rubenzahl und Prof. Schorr. Der. Sprecher dieser Deputation schilderte eingehend die trostlose Lage der jüdischen '.Bevölkerung in Galizien und Idie großein Aufgaben, die des! Ko-1 miteeS harren. Er wies auch auf die bisherigen! Leistungen des Komiteeoihin. das bislang mit Privatmittein arbeite und betonte, daß es die Pflicht des Staates sei, diesem! Komitee, dessen Mittel bereitsl erschöpft seien, zu Hilfe zu kommen. Die Deputation übergab dann dem Statthalter ein jum-t fangreiches Memorandum, das eine genaue Schilderung der Sachlage und der schwierigen Aufgaben des Komitees enthielt und die .Wünsche desselben stipulierte. . , In Erledigung dieses Memorandums erhielt das Jüdische Hilfskomitee neulich die Verstän-, digung seitens der Statthalterei in Biala, wonach die Lemberger Stadtverwaltung angewiesen wurde, dem Komitee den Betrag von K 50.000 auszuzahlen. Ferner erließ jetzt der Statthalter zwei Verordnungen, die eine offizielle Anerkennung deS Jüdischen (Hilfskomitees und dessen, Leistungen bedeuten und die Wünsche der jüdischem Bevölkerung teilweise befriedigen. Eines dieser Zirkulare, datiert vom 29. v. M., ist nämlich an die k. k. Bezirkshauptmaimschaften von Bobrka,: Buczacz, Cieszanow, Grodek Jag., Horodenka, Kolomea, Lemberg, Mosttska, Nadworna, Przemyslany, Radziechow, Rohatyn, Rudki, Sokal, Zloczovv, Zolkiew und Zydaczow gerichtet. Hierin wird die Aufmerksamkeit der Bezirkshauptmannschaften auf die ungeheure Notlage der jüdischen Bevölkerung in, Ostgaliziejn gelenkt und (zugleich darauf hingewiesen, daß die lokalen jüdischen Hilfskomitees und die Kul-* tusgemeinden, die Sbis nun die Hilfsaktion, für die Juden mit privaten Mitteln leiteten, nunmehr erschöpft sind, und daher solche nicht weiterführen können., Die BezirkshauptmannSchaften werden somit angewiesen, diese Hilfsaktion für die Juden |aus (den ihnen, zur Verfügung Stehenden Staatsmitteln ausgiebig zu unterstützen. Es wird ihnen die Pflicht auferlegt^ die diesbezüglichen Gesuche der einzelnen Kultusgemeinden und jüdischen Hilfskomitees Wohlwollend und unverzüglich zu .erledigen, für welchen Zweck sie von der Statthalterei die Mittel verlangen können. Von jeder Subventionsgewährung ist das zentrale Jüdische Hilfskomitee in Lemberg offiziell in, Kenntnis zu setzen. , Durch die zweite Statthalterei-Verordnung wird das zentrale Komitee zur Fürsorge für die jüdischen Kriegswaisen reorganisiert, indem diese Fürsorge der Sektion für 'Kriegswaisen beim Jüdischen Hilfskomitee, der Prof. Bromberg, Dr. Hausner, Frau Rosa Metzer, Direktor Oransz und D- Rubenizahl angehören, übertragen ,und ihr das unlängst ernannte zentrale Landeskomitee angeschlossen wird. Diese Maßnahme wird (seitens der Statthalterei damit motiviert, daß das Jüdische Hilfskomitee, bezw. seineKriegswaisen-Sektion sowohl über das nötige statistische Material als auch über Erfahrungen aui diesem Gebiete verfügt, Wasi unnütze Aus-, * gaben ersparen und eine schleunige Durchführung dieser Angelegenheit ermöglichen wird. Vor wenigen Wochen noch, und zwar gelegentlich der GriindungsVersammlung des Kriegswaisen-Landeskomitees, durfte sich Dr. Löwen- Stein dem .'Prof. Schorr gegenüber, der sich in seinem (Referate als Mitglied des Hilfskomi-i tees girierte, den Zfwischenruf gestatten, er sei als Professor Schorr und nicht-als'Mitglied des Jüdischen Hilfskomitees eingeladen worden. Heute wird diese ganze Kriegswaisenaktkm offiziell .der Sektion .jenes Komitees übertragen und dessen Leistungen und Erfahrungen gebührend gewürdigt. Das Jüdische Hilfs-r komitee kann .daher m,it vollem Recht die erwähnten Verordnungen jplsi Erfolg seiner Rührigkeit und der unausgesetzten Aufklärungsarbeit bezeichnen. Aber auch die gesamte jüdische Bevölkerung Galiziens wird diese Verordnungen mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen und sie als einen guten Anfang begrüßen. Dm Sie zionlsfisdie Nee. Durch den Ausbruch des Krieges ist eine Diskussion über das Wesen der zionistischen Idee hinausgeschoben (worden, die notwendig kommen mußte, Rollte nicht Verstimmung und Verbitterung gerade die Denkenden im zionistii sichen. Lager entzweien. Die theoretischen An* Stchauungen, auf welchen Herzls „Judenstaat“ und die gesamte Parteiorganisation aufgebaut waren, hatten im Laufe der [Bewegung .eine Weiterentwicklung erfahren, die aber nicht allseits anerkannt, ja oft mpt großer Heftigkeit bekämpft worden war. Es sei hier an den zusammenfassenden Aufsatz von Robert W e 11 s c h '„Theodor Herzl und wir“ im Sammelbuch „Vom Judentum“ erinnert, der Erörterungen zeitigte, die kaum zu einer Klärung, geschweige denn zu einer Einigung reiften. Als Zentralproblem dieser Auseinandersetzungen muß wohl die Stellung des Westjuden zum Judentum gelten. Und schon regt das erste Heft der Zeitschrift „Der Jude“ durch Hugo Bergmanns Aufsatz „Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg“ die Diskussion von neuem an, die aber durch die Erwiderung, welche Hanna Helene Oöh(ct in Nummer 20 des ,Jüdischen Echo“ bringt, leicht in. ein mißverständliches Fahrwasser gebracht werden könnte. Hugo Bergmann legt das Hauptgewicht' auf die Forderung, daß das Jüdische an dem Juden keine einzelne, losgelöste Qualität sei, die bei feierlichen Anlässen und in begeisterten Stunden in den Vordergrund geschoben werde» sondern daß das Judentum den ganzen Menschen durchdringe und ihn eben darum erhebe und besser mache; damit trete aber auch eine Höhergestal- FEUILLETON. Sdiolem RleJdtem. Von Dr. Nathan Birnbaum. Witz ist Spitze, die an der Oberfläche der Dinge ritzt, Humor kommt breit aus der Tiefe und Saugt sich in die Dinge ein. Witz ist Virtuosität, Humor ist Genie. Witz ist Luxus, oft Glasperlenluxus — der sogenannte billige Witz — Humor ist wahrer Wert. Es gibt Witz ohne Humor und Humor ohne Witz (und, .Wo sie vereint Sind, ist Witz die Nebensache. Der „jüdische Witz“, notabene der, den man hierzulande So nennt, ist Freude am Spiel der .Worte und Wendungep und im (besseren Fall eine Art iTaschenspielerei fnjt Lachwirkung. Es ist viel jüdische Klugheit in ihm, aber vom Genie der jüdiScben Rasse nur irgendwann einmal ein letztes Fünkchen. Von. Humor gesellt sich ihm nur hie und da ein ßdiimmerchen; Wie aus ferner, versunkener Vergangenheit. Die Situation scheint etwas peinlich — der Feind aur der Lauer! — ist es aber nicht. Denn die, denen sie es sein könnte, wollen ja gar nicht, dab es einen jüdischen Humor gebe. (Den jüdischen Witz nehmen sie noch mit, so wie man sich etwa noch zur Gänseleber jbekenlnt.) Die Kundigen dagegen wissen, daß es, weitab vom „jüdischen .Witz“, einen jüdischen Humor gibt, u. a bei 10 Millionen .Östjuden, also bei drei Vierteln des ganzen Volkes. t Am 10. Ijar (13. Mai) starb in Newyork ein Kronzeuge des ostjüdischen Humors — Schülern Ale je hem (Sch. Rabbinowitz). Man kann nichtsagen, daß er nicht auch Witz hatte und daß dieser Witz nicht eine gewisse Verwandtschaft mit dem hierzulande sogenannten „jüdischen Witz“ besitze. Es fehlteihm picht an den spielerischen Einfällen, Ueberfällen und Umfallen, die zum Lachen reizen, aln den taschenspielerischen Pointen, über die sich die jüdische Gescheitheit so freuen kann. Aber nicht durch seine Witze wurde Scholem Alejchem das, was er geworden ist, sondern dadurch, daß er das ostjüdische Leben in seiner ganzen Buntheit und Seltsamkeit, in seinem ganzen stillen Glücke und in seiner ganzen stillen Größe — ja Glück und Größe! — zu malen verstand. Weit mehr als! durch das Lachen*!zu dem; er uns reizt, hat er sich den Lorbeer und unsieren Dank durch das stille, gedenkende Lächeln verdient, das er um unsere Mundwinkel und in unsere Augen zaußerte. , Man hat x>ft mit einem gewissen Vorwurf darauf hingedeutet, daß Scholem Alejchem nicht nur der Liebling des Volkes, sondern auch derjenigen war, die sich den Lebensformen des Volkes oft piit den weitestgehenden Entfernungsabsichten entfremden. Und viele unter diesen Leuten mochten und mögen ja wirklich geglaubt haben und glauben, daß er sie nur deshalb anziehe, weil er ihnen Gelegenheit zum Lachen und Auslachen gebe. In Wahrheit aber ist es der Erlöser aus ihrer Verlorenheit, dem sie unwillkürlich, wenigstens für eine kurze Stunde, folgert. Groß sind die Nöte und Unzulänglichkeiten der Ostjuden und doch noch größer ihr Glück: Daß ein starkes Lebensgefühi das ganze Volk durchströmt, daß ein Lächeln auf allen Wegen ist, selbst dort, wo sie den einzelnen in Not, Unglück und Unrecht führen. Der Geizhals in der Geschichte „Der Tahs koten“ („Die Wette“) ist sicherlich kein erbaulicher Herr, und wie er