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Jüdische Zeitung · 1916-06-02 · 22 (2.6.1916) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
22 (2.6.1916)
Date
1916-06-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Buchstaben gedruckt; zum Schreiben bedient man sich einer besonderen Kursivschrift.— Ein von mir bearbeitetes „Jüdisches Wörterbuch“ ist gegenwärtig in Druck und wird in Kürze bei J. Q< Hinrichs in Leipzig erscheinen. fiep vorderasiatische Getaufte.*) Von Nachum G o 1 d m a n n. Auf die Frage: Wie kann das Judentum den Born originaler Schaffenskraft wieder erlangen, wie soll tlas zerstreute .Judenvolk wieder in einem eigenen Territorium vereinigt werden? — wira uns die Erfassung der anderen großen weit* kulturellen Aufgabe Antwort geben, die das Judentum zu. erfüllen hat. "Diese Aufgabe aber wird s'icl\ uns am klarsten enthüllen, wenn wir vom Standpunkte der bisher gewonnenen Erkenntnisse noch einmal einen umfassenden Blick auf den Werdegang der jüdischen Geschichte zurückwerfen. Wir sahen: Die weltkulturelle Bedeutung des alten Judentums bestand darin, daß es die .höchsten Ideen des vorderasiatischen Kultursystems in reinster und vollkommenster Weise formu-i liert und in dieser Formulierung an die Völker des Okzidents vermittelt hat. Als mit dem Zusammenbruch der vorderasiatischen Kultur sich der Schwerpunkt der Weltgeschichte nach Europa verschob, verließ das Judenvolk sein Land una wanderte nach Europa, wo es nun in 2000jähriger Wanderung die Mission erfüllte, die Ideen seiner Kultur unter den. europäischen Völkern zu verbreiten. Diese seine Mission schreitet in einem gewissen Sinne jetzt ihrer Erfüllung] entgegen. Die Zeit ist gekommen, da eine neue Weltkultur zu entstehen beginnt, die von den Ideen und Tendenzen des Judentums getragen sein wird. Während aber das jüdische Volk diese seine Mission erfüllte, ward die Zieit reif, da Vorderasien, seine 'Heimat und sein Ursprungsquell’, wieder zu neuem Leben ' erwachen sollj Sen Jahrhunderten liegt es wüsit, verödet, verlassen da. Nun ist der Gedanke .entstanden, dieses uralte Heimatland der Kultur wieder zu beleben und in den KheiS der Menschheitskultur: zu ziehen. Dieser Gedanke, der im politischen Schlagwort Berlin-Bagdad zum Ausdruck kommt, und eine der Leitideen der gesamten deutschen Weltpolitik, damit auch eine der Leitideen dieses Krieges darstellt, ist von allen neuen und großen Konzeptionen der Gegenwart gewiß eine der geschichtlich bedeutsamsten und zukunftsreichsten. Wer aher wäre fähiger und berufener, an ihrer unmittelbaren Verwirklichung eifriger und erfolgreicher mitzuarbeiten als das jüdische Volk, das durch Abkunft und tiefe Veranlagung noch orientalisch, durch seine 2000-jährige europäische Wanderung aber auch europäisch geworden ist? Liegt nicht tiefer weltgeschichtlicher Sinn darin, daß dieses Volk, das beim Zusammenbruch Vorderasiens seine Heimat verließ, um die größten Ideen seiner Kultur zu retten und an die neue europäische Kultur ‘zu vermitteln,' nun, da der Tag der Neubelebung 'Vorderasiens herannaht, wieder in seine Heimat zurückkehrt und die Auf-» *) Aus: „Von der weltkulturellen Bedeutung und Aufgabe des Judentums“. (Siehe „Jüdische . Zeitung“ Nr. 17 vom 28. April 1916.) , Weltfremd. Handeln, Vorteile suchen, Gewinn erjagen, jeden Schimpf einstecken — alles ertragen, wenn sich nur die Münzen im Beutel mehren: so sieht sie die Welt. Aber der blonde, gründliche Beamte, der jetzt mit ihnen zu tun hat, erlebt manchmal seine Wunder und beginnt irre zu werden. Von einem merkwürdigen Reklamanten hat er mir schon wiederholt erzählt: „Er kommt ins Zimmer, sucht sehr umständlich nach der Aufnahmebescheinigung über seine Fahrnisse und wenn er sie glücklich aus einem der Büchlein, die er in den Brusttaschen trägt, hervorgeholt hat, legt er sie auf meinen Schreibtisch und redet kein Wort Ich weiß mir mit ihm nicht zu helfen. Er erkennt seine Habe nicht, oder hat scheinbar Angst, etwas Fremdes an sich zu nehmen. Bin schon selbst mit ihm in allen Lagerräumen gewesen und mußte ihm einen Korb, der zweifellos^ sein Eigentum ist, förmlich auf drängen. Wenn nicht mitunter seine Frau mitkäme, wäre alle Mühe umsonst.“ . - Jüngst sah ich ihn im angrenzenden Zimmer meines Amtskollegen sitzen. Ein Rabbi im -Seidenkaftan, trägt .Halbschuhe, schwarze Strümpfe über den Beinkleidern und einen runden, flachen Plüschhuf. Tief schwarz ist der Bart, zart geädert sind die Schläfen und fein gegliedert ist die schmale, durchsichtige Hand. Und da ich ihn so sitzen sah, gelassen und versunken, verstand ich es, daß er nicht praktisch und zweckmäßig seine Sache zu vertreten, mit dem Beamten über die Beschaffung seines Eigentums oder die Leistung eines Schadenersatzes zu verhandeln weiß. Er kann sich nicht stören lassen, denn er hält Zwiesprache mit seinem Gotte. * ■ gäbe auf feich nimmt, eifriger Mitarbeiter an diesem Werke der Neubelebung zu werden? Entspricht es nicht der inneren Harmonie und Gesetzlichkeit alles historischen Geschehens, daß das jüdische Volk, das seit zwei Jahrtausenden der große Vermittler vom Orient nach dem Okzident ist, nun da der Prozeß jeiner Verbindung und Berührung beider Kulturreiche wieder einzusetzen beginnt, .diesmal aber in entgegengesetzter Richtung, .wieder die alte Rolle über - nimmt? Wie Palästina vor 2000 Jahren, da die Kultur von Vorderasien nach Europa wanderte, Ausgangstor bildete, so soh es jetzt, da der Weg von Enropa nach Vorderasien führt, die Eingangspforte bilden. Von diesem Standpunkt erhält auch das jahrhundertlange Ahasverdasein ats jüdischen Volkes neuen Sinn; bestimmt, Vermittler zwischen Vorderasien und Europa zu sein, mußte es vom Ende der einen Vermittlungstätigkeit bis zum Beginn der neuen durch alle Länder und Völker Europas wandern, um fähig zu sein, ihrer aller Kultur wieder nach Vorderasien zu verpflanzen. Damit aber ist auch die Frage beantwortet, wie die Lebensbedingungen zu schaffen seien, die das jüdische Volk wieder zu großem originalem Schaffen befähigen würden. Die Antwort gibt der zionistische Gedanke.. Das Ahasverdasein Jsraels — besagt er —soll ein Ende nehmen; es soll wieder ein Volk gleich allen anderen werden, frei, Selbständig, in ungehinderter nationalkultureller Entwicklungsmöglichkeit, und all dies in seinem altneuen Heimatland, mit dem' es durch alle Jahrhunderte des Exils durch die stärksten Bande der historischen Erinnerung und Zukunftshoffnung verbunden blieb. Mit der Verwirklichung des zionistischen Gedankens wäre beides in einem erfüllt, ‘ die Vorausset^fng zur Mitarbeit des Judentums an der künftü^n sozialen Weltkultur geschaffen und die Grundlage zu seiner Anteilnahme am Werke der Wiederbelebung Vorderasiens errichtet. Der Entwicklungsgang der jüdischen Geschichte, der Sinn der weltkulturellen Bedeutung und Aufgabe des Judentums verleiht der. zionistischen Idde höchsten weltgeschichtlichen Sinn und tiefste Berechtigung. Und nunmehr muß noch auf ein Letztes hingewiesen werden, das den Kreis unserer Betrach* tungen erst ganz vervollständigt: der große Gedanke der Neubelebung Vorderasiens ist in Deutschland geboren, und Deutschland ist derjenige europäische Staat, unter dessen Aegide und Führung dieser Gedanke verwirklicht werden soll. Die gesamte deutsche Orientpolitik, der Grundpfeiler der deutschen Weltpolitik überhaupt, ist auf der Basis dieses Gedankens ge* gründet. Damit iaber erhält unsere Erkenntnis von der Wesensparallelität von Deutschtum und Judentum, unsere Forderung einer Kulturgemeinschaft beider für die Zukunft neue Begründung auch von dieser Seite her. Auch in der Verwirklichung des großen vorderasiatischen Gedankens, zweifellos eine der höchsten Kulturaufgaben der Zukunft, deren Erfüllung bestimmt ist, eine neue Epoche der Weltgeschichte zu eröffnen, sind Deutschtum und Judentum zur Mitarbeit berufen. Was Deutschland durch seine politische und kulturelle Unterstützung und Leitung mittelbar leisten wird, kann und soll das Judentum an Ort und Stelle unmittelbar vollbringen helfen. Beide Seiten der weltkulturellen Aufgabe des Judentums weisen auf seine kulturelle Zusammenarbeit mit ‘dem Deutschtum hin. , Heute aber — die Stunde klingt noch in mir nach — heute habe ich den Rabbi noch ganz anders gesehn, würdig der Seide, die er trägt, würdig seiner schlichtedlen Stirne. Diesmal suchte er nicht in den Taschen und sprach laut und fest — bei aller Geruhsamkeit, die seinem Wesen eigen ist Er hatte bei einer der mühsamen Unterredungen und protokollarischen Feststellungen den Wert eines in Verlust geratenen Gutes angegeben, und es war ihm schriftlich eine angemessene Ausgleichsumme angeboten worden, mit der Begründung, er habe den Schaden nicht nachgewiesen. Nun kommt er mit diesem Schriftstück und frägt den Beamten: „Wer hat dieses Schreiben an mich unterzeichnet?“ (Er spricht im Amte ein fehlerloses Hochdeutsch). „„Der Chef der Abteilung. Sind Sie nicht einverstanden, dann bitte Ihren Gegenvorschlag schriftlich niederzulegen und 'zu begründen.““ . „Das will ich nicht Ich möchte mit dem Herrn Beamten sprechen, der dieses Schreiben unterzeichnet hat.“ „„Der Chef der Abteilung wird Ihnen nichts anderes sagen können als ich. Rekurieren Sie, Ihre Eingabe wird gewissenhaft geprüft werden.““ „Ich will aber nicht rekurieren. Ich will nur dem Herrn Beamten, der an mich geschrieben hat, sagen, daß das wahr ist, was ich angegeben habe.“ Und der Referent führte den Weltfremden richtig zum Chef der Abteilung und der Rabbi sagte dort nichts anderes, als daß seine Angaben auf Wahrheit beruhten. Man erhöhte die Schadensvergütung bis zu der von den Vorschriften gesetzten Grenze. Der blonde, gründliche Beamte beginnt wirklich irre zu werden.— — Aus Palästina. Für die jüdischen Spezialisten im Lande, wie Agronome, Ingenieure, gibt es jetzt ein reiches Arbeitsfeld. Die Behörden betrauen gerne Juden mit der Leitung öffentlicher Arbeiten. So z. B. wurde dem Agronomen Kraus, dem Direktor von Mikweh Israel, die Bepflanzung eines bisher brach liegenden Stückes Erde übertragen. Die Verwaltung der Farm bei Latrun, welche früher den Trappisten gehörte, wurde dem jüdischen Agronomen Buskela übergeben. Eine Farm im Libanon, welche früher den Jesuiten gehörte, steht unter der Verwaltung des Agronomen Apfelbaum. Mit der Voibereiturig von Maßnahmen für die Bekämpfung einer etwa neu einbrechenden Heuschreckenplage wurde der Agronom Aronsohn betrauL Die Aufsichtskommission der Regierung beim Bau einer Chaussee bestand großenteils aus Juden. Die großartige Straße in Jaffa, die nach dem Oberbefehlshaber der türkischen Palästinaarmee Avenue de Djemal Pascha heißt, wurde von Ingenieur G. Wilbuschewitz gebaut Derselbe ist jetzt in Damaskus mit ähnlichen Arbeiten beschäftigt. Sein Bruder N. Wilbuschewitz hat dieselbe Aufgabe in Jerusalem übernommen. Auch die meisten jüdischen Aerzte sind im Militärdienst beschäftigt Ueber die Schülerzahl der hebräischen Schulen in Palästina während der ersten Monate des laufenden Schuljahres 5676 gehen uns folgende Daten zu: Die Anzahl der Schüler betrug in Jerusalem: Seminar- und Kommerzschule 85, Knabenschule 251, Mädchenschule 362, Kindergärtnerinnen-Kurse 39, Tifereth Jerusalem 275, Cheder Thora 68, Bezalelschule 22 ordentliche und 55 externe. — Jaffa: Gymnasium 444, Knabenschule 137, Mädchenschule 360, Tachkemoni 146. — Haifa: Realschule 142. — Saffed: Mädchenschule 100. — Petach-Tikwah: Landwirtschaftliche Schule 45. Die Schülerzahl in den Vorstufen des Jaffaer Gymnasiums beträgt 106, in der Jaffaer Mädchenschule 146, in der Tachkemonischule in Jaffa 88, und in der Haifaer; Realschule 53. Infolge der Einstellung des Unterrichtes im Jerusalemer Gymnasium sind die Schüler der einzelnen Klassen in die Knabenschule, die Mädchenschule und das Hebräische Gymnasium in Jaffa eingetreten. — Der Jaffaer Mädchenschule ist das Lewinsky-Lehrerinnenseminar m4 3 Klassen und zusammen 37 Schülerinnen sowie eine Handarbeitsschule mit 16 Schülerinnen angegliedert — In den hebräischen Kindergärten befanden sich zuletzt: in Jerusalem (Nr. 1) 101, Jerusalem (Nr. 2) 84, Haifa 67, Tiberias 89, Jaffa Tachkemoni 30, Jaffa Tel Awiw 93 Mädchen und Knaben. Von den in den gemischten Schulen unterrichteten 832 Schülern sind 554 Knaben und 278 Mädchen. Unter den palästinensischen Neuerscheinungen der letzten Tage befindet sich auch ein hebräisches Lehrbuch der Geometrie (Stereometrie), verfaßt von Dr. Rosenstein, dem Lehrer der Mathematik am Herzl-Gymnasium in Jaffa. Die Augenklinik des Vereins „Lemaan Zion“ in Jerusalem ist während des Krieges sehr stark ln Anspruch genommen worden. In der Poliklinik wurden während der Wintermonate an manchen Tagen mehr als 800 Kranke unentgeltlich behandelt. Der Leiter der Klinik ist Herr Dr. Tycho. Da infolge der schwierigen pdcuniären Verhältnisse, unter denen die Augenklinik! ebenfalls leidet, das Aerzte- und Pflegepersonal verringert werden musste, so hat Djemal Pascha der Klinik 4 Absolventen der Hochschulen von Damaskus und Beyruth zur Verfügung gestellt. Die Nationalbibliothek „Beth-Neemon“ in Jerusalem ist die ganze Dauer des Krieges hindurch offengehalten. Die Besucherzahl im Jahre 1915 betrug 22018. Pajäslinabilisuerft für Die jäöisibea Kolonien.*) Mit dem heutigen Ausweis hat unsere Sammlung die ersten zwanzigtausend Kronen überschritten. In Anbetracht der anderen laufenden zionistischen Sammlungen und der verhältnismäßig kurzen Zeit stellt unsere Sammlung wohl ein günstiges Ergebnis dar, al'ein im Verhältnis zur ungeheuren Not, die es in Erez Israel zu lindern gilt, haben wir noch bei weitem nicht unsere Pflicht erfüllt. Es'ergeht daher an alle Gesinnungsgenossen die dringende Bitte, zu unserem Hilfswerke beizusteuern und an der Sammlung tatkräftig mitzuhelfen! *) Geld- und Briefsendungen sind zu richten an: Palästinahilfswerk für die jüdischen Kolonien, Wien, 18„ Hasenauerstraße 43. Bei Einzahlungen im Wege der Postsparkasse bediene man sich mit entsprechendem Vermerk der Erlagscheine des Verbandes „Zion“ Nr. 47115. x'-r fr,«;:- ‘M M fl

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