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Jüdische Zeitung · 1916-06-02 · 22 (2.6.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
22 (2.6.1916)
Date
1916-06-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ' «e FEUILLETON. TagMNätter aus Oer FlOdtfOngs« zeit.* von Otto Abel es.: Im Evakuierungszug. Am Perron standen einige abgekoppelte Bahn" wagen, gefüllt mit Flüchtlingen. Man hatte. sie in Wien nicht aussteigen lassen. Die Wagen sollten weitergehen, unbekannt wohin. Ein totenblasses Gesicht am Wagefenster — ich erkenne einen jungen Kaufmann aus Mittelgalizien, mit dem ich gelegentlich beisammen war. Er winkt mir verzweifelt zu. Es wird mir gestattet, in den Wagen zu steigen. Erster, unvergesslicher Eindruck: Die „Modernisierten“ in unbeschreiblicher Fassungslosigkeit — die Kaftanleute still und gefaßt Die gut gekleideten Herren rufen, schreien kopflos durcheinander, schwingen Legitimationen in den Händen, — die Männer mit den Sammetkäppchen unter den Hüten stehen beisammen, streichen den Bart und erwägen, wohin man sie wohl führen werde. .Die Frauen in Pelzjacken und Stöckelschuhen sind in Thränen aufgelöst, schluchzen hysterisch, klammem sich an ihre Männer und beschwören sie, nichts unversucht zu lassen, um hier bleiben zu dürfen. — Die Frauen mit Perücken und Kopftuch beruhigen die erschreckten Kinder, machen sich bei ihren Packen zu schaffen, eine sitztauf ihrem Pinkel, stillt den Säugling und lächelt ihni zu. Wer sieht an ihnen diesen heroischen Gleichmut, diese Schicksalsüberlegenheit? Auch die Wohl- *Vergl. Nr. 15/16 und Nr. 19 der „Jüdischen Zeitung.“ . JÜDISCHE ZEITUNG Oie jüdische Spradie. Unter diesem Titel veröffentlicht der bekannte Orientalist Prof. Dr. Hermann Strack in der Sonntagsbeilage der „Vossischen Zeitung“ •vom 14. V. Mts. einen. Artikel. Wir geben ihn nachstehend auszugsweise wieder, nicht so sehr wegen der eigentlichen Gedanken, die uns' nicht neu sind, sondern mit Rücksicht auf die PersondeS Autors. Natürlich sind auch' Prof. Strack’, wie fast allen westlichen Fachgelehrten, die mehr die Schrift—als die gesprochene Sprache kennen, einige Irrtümer in der Deutung und in der Aussprache mancher Worte unterlaufen. Prof. Starck schreibt nach einer kurzen Einleitung:' „Jüdische Sprache?“ sO höre ich viele fragen. ..Meinst Du das verderbte Deutsch, das man oft Jiddisch nennen hört, und welches auch in der sogenannten Gaunersprache wuchert? Das ist doch gar keine Sprache." Nun. der Ausdruck Jiddisfch stammt' aus England und den Vereinigten Staaten von Nordamerika und sollte von uns nicht übernommen wer» den. Und die „Gaunersprache" enthält zwar aus dem Hebräischen Stammende Wörter, aber ‘das kommt nicht nur davon, daß es unter dem lichtscheuen Gesindel auch Juden gibt, sondern iri weit höherem Grade davon, daß das Hebräische, weil nur wenigen verständlich, GeheimSprache zu sein geeignet erschien. Doch davon vielleicht ein anderes Mal. Das Jüdische kann, obwohl Polen und einige ' assimilatorische Juden, übereifrige Hebraisten und die Unkundigen das bestreiten, mindestens ebensogut als eine Sprache bezeichnet werden wie das Englische. Das Hebräische ist für die Juden die „heilige Sprache" wie das Lateinische für die Angehörigen der römischen Kirche; es ist zugleich eine in der Gegenwart in einer etwas wunderlichen Weiterbildung wieder auflebende Sprache, namentlich für Palästina. Das Jüdische aber ist die „Muttersprache" (mame loschen), die Volkssprache von 6 Millionen MenScheu und wird von einer noch größeren Anzahl verstanden. Die „Literatur“ im engeren Sinne (von den älteren wesentlich hochdeutschen Erzeugnissen sehe ich hier ab) ist zwar noch jung, etwa.drei Vierteliährhunderte alt: aber, sie hat schon ietzt recht beachtenswerte Erzeugnisse aufzuweisen. Hier Seien nur drei Hauptautoren genannt: Abramowitsch, Perez (1915 gestorben), Salomo RabbinowitSch ( inzwischen ebenfalls gestorben. Die Red.) im übrigen vergleiche man die zweibändige fhisf 1890 reichende! „Geschichte der iüdischen Literatur“ von M. Pines, Warschau 1911. Eine erhebliche Anzahl jüdischer Zeitungen .erscheint, nachdem mit dem Ausbruch' des Krieges die russische Regierung ihnen ein _ vorläufiges Ende bereitet batte, in den von den deutschen Heeren besetzten Teilen Polens und Litauens und verhütt eit den Juden daselbst einen großen Teil ihres Wissens. Aebnlichesgilt für die Juden' in New York. Die Jüdische Sprache macht auf den, dem zuerst, noch dazu meist in mangelhafter Umschreibung, eine Probe zu Gesiebt kommt den Nr. 22 Eindruck des! Wunderlichen, namentlich' durch' das Zusammengefügtsein von hebräischen oder polnischen Wörtern mit deutschen Bildungssilben. Dann vergleiche [er das Englische! mis-interpreted (missdeutete) romanischer Stimm, mit Vorsilbe und Nachsilbe germanischen Ursprungs.. In der jüdischen Spradie ist die deutsche Grundlage viel deutlicher als die germanische im Englischen. Es fehlt aber nicht an festen sprachlichen Gesetzen, und die Fähigkeit zu neuen Bildungen ist sehr groß. Kraftvolle Kürze wird ermöglicht durch die verbale' Adverbien bildende Endung '„dior“, z. B. „gebendig", indem er ging; „unfihlendig“, ohne zu fühlen; vgl. auch „um! gericht" (für: „ung.“), ohne daß man Sich darauf gerichtet hatte; „ungefregterh'eit“, ohne daß man gefragt hatte. AlteS deutsches Snrachgut erkennen. wir in „Leilach“ Leintuch, „.Leifzen“ Lippen, “Trehr“ Träne. Anmutende Ausdrücke sind: ..Brüderlech“ Stiefmütterchen, - „Summervogel“ Schmetterling; „MoScheh Rabbenn's behemale“ (unsere Lehrers Mose Viehxhen) Marienkäferch'en. Zwei große Schwierigkeiten Stehen unserem Verständnis entgegen: __• Erstens1 die Tatsache, daß viele Wörter (die Gründe sind mangels alter Ueb'erlieferiing oft mir unsicher oder gar nicht mehr zu erkennen) andere Bedeutung PIS in tins'rem Deutsch (haben (vergll englisch „manv" „viele“, nicht .manche“). Hier eine Anzahl von' Beispielen; „ Süb'Sfantiva: „Jauch“ Suppe: „Maul“ Mund; „Gesind, GeSindel“ Familie und Hauso-enoss'en: „Gaß“' Straße; „Bruk“ Pflaster; Schtub“ nicht nur Stube, sondern auch Haus. EigenScliaffwörter: „dreist“ mutig: „gering“ leicV: „modne“ Sonderbar; schlaff“ schwach. Verba: „Antrinken“ zu trinken geben; „behalten“ verbergen; „derlangen“ verabreichen, jemandem etwas voreetzen: „darfen“ müssen: „versagen“ befehlen „schmecken“ riechen; „Schmeichler!" lächeln: „flihen“ fliegen. Umstandswörter: „allenfalls“ jedenfalls; „m ganzen" gänzlich; „überhaupt" besondere; „nächten“ gestern: „fun deswegen“ trotzdem. Die zweite Schwierigkeit liegt in der Durchsetzung mit fremden Bestandteilen. Aus dem Hebräischen, bzw. dem Talmudisehen, Stammen nicht nur viele dem religiösen Gebiete angehörige Ans-» drücke, sondern auch viele.Partikeln, manche Redewendungen und leine Reihe einzelner-Wörter. Der Dieb >z. B. heißt Stets „gannab“. stehlen „ganbenen", töten „der-hargen“ falthebr. harog totschlagen 1.- der Rat „ecah“.— Dem Polnischen gehören viele Ausdrücke des täglichen Lebens an;; einiges dem Litauischn oder dem Ruth'enischen. Das dem Russischen Entnommene (Kriegswesen, Polizei, Gericht uSw.) wird in den jetzt vom rus sischen Joch befreiten Gebieten zum größten Teil bald verschwinden. Dafür wird der Einfluß des Deutschen einerseits, des Polnischen andererseits wachsen. Mit Nachdruck muß noch darauf hingewiesCn werden, daß zum Verstehen jüdisch geschriebener Zeitungen und Bücher genaue Bekanntschaft auch' mit der . Religion.’ dem Lehen und dem Denken der luden, besondere der „östlichen“, erforderlich ist. Das Jüdische wird meist mit hebräischen «rollendsten kommen über die unappetitlichen Kleider,' die Bettfedem im Kopfhaar und den unfreien Gang nicht hinweg. ... So löste ihr Anblick nicht Genugtuung, sondern Bitterkeit in mir aus. Ich war mit meinen Gedanken bei den Lästerern und Verächtern, (die ich hätte hieherzerren mögen), während ich meinen Bekannten zu beruhigen suchte. Seine Gattin beteuerte im höchsten DJskant, sie werde wahnsinnig, wenn man sie nach dieser zweitägigen Fahrt noch weiterschlepne. Ob denn ihr Mann nicht sehe, daß die Kinder am Sterben seien; er solle doch nicht so grausam sein und durchsetzen, daß man aussteigen könne. Sie müsse die Reise zuntindesf unterbrechen, um sich zu restaurieren; im Grand-Hotel, wo sie Stammgast sei, werde sie bestimmt Unterkunft finden.. Ich hielt mit meiner Meinung nicht zurück. Daß ich von ihm mehr männliche Fassung und von ihr, einer gebildeten Frau, mehr Verständnis für die Situation erwartet hätte. Die Residenz sei nicht mehr aufnahmsfähig und die Maßregel, weiteren Zufluß abzulenken, müsse begriffen werden. Das Flüchtlingslager — das wisse er gut — bleibe ihm ja erspart, da er Mittel besitze. „Fassen Sie sich und bringen Sie Ihre Frau zur Vernunft! Nehmen Sie sich an denen dort ein Beispiel!“ - Das Abfahrtssignal ertönte, ich mußte hinaus. Hätte noch gerne Milderes und,Gütiges hinzugefügt, denn ich fühlte, daß ich zu rauh war, — weil ich an den verhassten' Langbärten gesehen hatte, daß man sich auch anders verhalten könnte. Als ich noch den abfahrenden Zug begleitete, hielt mir eine äbere Frau von der rückwärtigen Plattform ein Stück Papier entgegen. „A Briewl, lieber Herr, a Briewl, bitte nehmt es!“ Die hatte währenddes Trubels auf einem Endchen Packpapier ihrer in Wien wohnenden Tochter mit mühseliger, ungelenker Hand geschrieben, daß sie leider nicht aussteigen dürfe und weiterfahren müsse, gesund sei und auf Gott vertraue. Sie sollte sich . keine Sorgen machen. „Mit vil gesund deine Mutter ... “ Das „Briewl“ flatterte herab, ich fing es auf, las es, wie eine Engelsbotschaft von der heimlichen Kraft und gütigen Treue jüdischer Mütter und lief es schleunigst bestellen. .; ■ « Der alte Becher. - Ich nahm bei einer Flüchtlingsfamilie an ihrem ersten Freitag-Abend in der Fremde teil. Die fehlenden Sessel ersetzten Kisten und Koffer, die Kerzen staken in Kartoffelscheiben und über den Tisch waren statt des sabbatlichen Linnens weiße Papierbogengebreifet. Die Familie mit fast alleri ihren Zweigen war in der Stube versammelt und erwartete den Familienvater, der in einem Refhause weilte. Als er mit hei- , terem „selmlem' alechem“ eingetreten war, holte er verstohlen lächelnd etwas aus einem Winkel hervor und stellte es bedeutsam vor sich hin: den guten alten Kiddusch-Becher, das stolze und frohe Familienerbe. Er hatte es auf der überstürzten Flucht nicht zurückgelassen, der Entweihung nicht preisgegeben, sondern in sein buntes Sacktuch geknüpft und an seinem Körper geborgen. Und da sich nun das Licht der Kerzen in dem köstlichen, dunkelsilbernen von Geschlecht auf Oeschlpcht überkommenen Sabbathbecher brach, trat . die Prinzessin Sahbafh ein, nicht anders als daheim im Städtl, alles betrachtete das Erbstück wie ,ein gerettetes Mitglied der Familie, traulich wurde die Enge und der Tischkreis der Kinder und Enkel und Eidame und zukünftigen Schwiegersöhne gar friedlich. Die Lichter flackerten, die Welt draußen versank. die trauten Semirotlieder erklangen und alle Augen spiegelten Freude und Wohlbehagen. Auf dem Heimweg dachte ich: Sie sind doch überall zuhause,’ — solange sie nicht auf die Gasse gehen.

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