Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 21 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3! „Jawohl, die großen Kämpfe um die Anerkennung der Juden als selbständiges Volkstum, wie sie vor dem Kriege in den östlichen Landesvertretungen und im Reichsrate durchgefochten wurden, erscheinen beim Auftauchen des Fünfmillionenvolkes der polnischen Juden wohl recht hinfällig. Ihre Entnationalisierung ist eine Utopie, und nicht einmal eine schöne, wejl sie dem Volke, in dessen nationalen Verband sie eingereiht werden sollen, nur Nachteile brächte. Zwar glauben einzelne polnische Parteien die heikle Judenfrage am besten auf die Art zu lösen, daß den Begriff „jüdisches Volkstum“ nicht anerkannt werde. Sie möchten der galizischen Judenpolitik auch in Polen Tür und Tor öffnen, bedenken aber nicht, daß ihre Assimilationspolitik durch das allmählich immer stärker erwachende 'Nationaljudentum jn Galizien ad absurdum geführt wird. Zudem ist der Assimilationsgedanke, abgesehen davon, daß er vitale polnische Interessen negiert, ein wahres Musterbeispiel von Zwie-> spältigkeit und Unaufrichtigkeit. Denn während er den „Polen mosaischen Glaubens.“ volle Freiheit auf allen Gebieten des Erwerbslebens eingeräumt wissen will, "kündigt er dem Nationaljudentum ap, daß es sich darauf gefaßt machen müsse, durch das immer mehr um sich greifende nationale Wirtschaftsleben geschädigt und vielleicht ganz entwurzelt zu werden.“ Es folgt dann eine Auslassung über die „Lutwaki“, die der allgemeinen falschen Meinung über sie entspricht, und die ihre Bedeutung weit überschätzt. Sodann heißt es im Artikel Weiter:. „Eine Assimilationspolitik wäre keineswegs im' Interesse der Polen gelegen. Denn gesetzt der Fah, sie könnte verwirklicht werden, so käme sie einem furchtbaren Schlage gegen die Polen gleich. Als „Polen mosaischen Glaubens“ würden die Juden das Land wirtschafts-politisdi zweifellos noch mehr (beherrschen. Ist ,es wahr, daß diel Ueberführung der überflüssigen, polnischen Volkskraft in Berufe, die ihr bisher verschlossen sind, das wichtigste nationale Problem ist, um die Massenauswanderung hintanzuhalten, so muß es auch wahr sein, daß diese berufliche Neuorientierung auch dann vor sich gehen muß, wenn alle fünf Millionen Juden in Polen äußerlich' ihr Volkstum ablegen. Denn ist die Judenfrage vornehmlich eine wirtschaftliche Frage, so kann sie durch Verschiebung auf das nationale Nebengeleise nicht gelöst werden. Im Gegenteile, die Bedenken gegen eine solche unsachliche Lösung steigen ins Riesenhafte angesichts der Tatsache^ daß beim Fortbestände eines „polnischmosaischen“ Wirtschaftsmonopols auch die letzten sicheren .Zufluchtstätten für die überschüs-i sigen eigenen Volksmassen definitiv verrammelt wären. Was soll also geschehen? Es liegen uns einzelne jüdische Stimmen aus Deutschland vor,. die da und dort den Nagel auf den Kopf zu tref-r fen scheinen. Bodmer und Birnbaum wollen verhütet wissen, daß aus den Ostjuden eine zweite Ausgabe deutscher Juden werde. Sie fordern eine nationale jüdische Autonomie und Bürgschaften für die Seßhaftigkeit der Juden. Lewin propagiert die Ueberfuhrung \ großer Judenmassen nach Palästina. Fritz und Simon treten für einen Grenzschutz gegen die Ostjuden ein, um einer Ueberflutung des Westens durch die polnischen Juden einen festen Riegel vorzuschieben. Da und dort wird auch der Wunsch ausgesprochen, man möchte den Juden einen angemessenen Landstrich zur Verfügung stellen und sie zu dessen Besiedelung und landwirtschaftlichen Bearbeitung veranlassen, um die nationalen Gegensätze zwischen Juden und Polen aus der Welt zu schaffen. Man mag diese Vorschläge gutheißen oder verwerfen, sie scheinen uns aber zur Lösung der Frage geeigneter zu sein, als die utopistischert Träume verschiedener Reformisten, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen und den äußeren Firniß für lauter Gold haltern.“ rück. „Wie könnt Ihr die beiden vergleichen? Den einen kenne ich. Er ist aus gutem Hausq und verarmt. Der andere aber . . ..“ — erzeigt auf den Frierenden — „ich weiß njcht, wer er ist, irgend ein hergelaufener Habenichts!“ Da richtet sich die Aepfelfrau auf: „Na, und wenn? Muß er deswegen schon hinausgeworfen werden? Gleich hinauswerf en! Seh’ mal einer, was für schreckliches Verbrechen er begangen hat! Das Pferd zieht doch ohnehin den Wagen in die Stadt. Ob mm einer mehr dasfitzt oder nicht? Stell’ Dir vor, Du hast schon den Fünfer: wird die Suppe davon fett?“ „Wer hat Euch um Eure Meinung befragt?“ Sagt Jossel, der Schaffner. „Gebt lieber Euerm Fünfer her und nehmt Euem Fahrschein.“ Die Frau schlägt mit der flachen Hand auf ihre Kleider: „Habt ihr schon so efwas gehört, Leute?... Ich hab’s aber gewußt, daß er zuletzt auch zu mir kommen wird! Ich soll so glücklich sein, wie ich’s gewußt habf.“ „Was denn habt Ihr gemeint? Daß ich Euch umsonst mitnehmen werde?“ „Was heißt das: Du wirst mich mitnehmen? Der Wagen nimmt mich mit, nicht Du. Sieh mal Die Lage in Galiläa. Wie in der ganzen Kriegszeit bietet auch jetzt Galiläa mit seinem jungen, arbeitenden Kolonistenstand und dem kräftigen Arbeiterstamm in den Kolonien und den nationalen Farmen einen freudigen und trostreichen Eindruck. Der arbeitende jischub, „Hajischub Haowed“, wie die Arbeiterpresse mit Stolz die junge galiläische Siedlung nennt, hat sich während des Krieges dieses ihres Namens würdig gezeigt. Mehr Mut und hingebungsvollere Arbeit, sowie ein starkes Selbstvertrauen zeichnete öaliäa vor anderen Teilen Palästinas aus. Bessere Versorgtheit mit Lebensmitteln. und Geschütztheit vor dem Hunger, wie er in anderen Stellen Palästinas auftrat, war der Lohn, der dem galiläischen- Jischub während des Krieges zuteil wurde. Trotz zahlreicher Schwierigkeiten ist fast überall die Anbaufläche ganz, bestellt worden und an erster Stelle stehen unsere nationalen Farmen und dann auch die Großbetriebe privater Gesellschaften, über die wir im nachstehenden berichten wollen. 1. Merchawjah. Die Kolonie ist ein Zentrum einer starken jüdischen Arbeiterschaft geworden, die in der Nähe der Bahn arbeitet und in der Siedlungsgesellschaft ihren Stützpunkt findet. Die Siedlungsgesellschaft selbst zählt jetzt 35 Arbeiter, die ständig in der Wirtschaft Be-, schäftigung haben. Von ihnen müssen zurzeit sechs an der Bahn bei Regierungsarbeiten teilnehmen. Außerdem hat die Farm acht Taglöhner. Dank dem Eifer und der Hingebung der Genossenschaft ist es gelungen, die ganze laut dem' Etatvoranschlage vorgesehene Fläche zu bebau-, en. Es wurden bestellt: 800 Dunam mit Weizen, 200 Dunam mit Hafer, 150 Dunam mit Ackerboh-* nen, 7-i/a Dunam mit Damascener Bohnen, 140 Dunam mit Heu, 350 Dunam mit Gersite, 250 Dunam mit Chumus, U/e Dunam mit Zwiebeln, 18 Dunam mit Erbsen, 25 Dunam mit Rüben, insgesamt 1942 Dunam. Außerdem konnte die Genossenschaft 40 Dunam mit Mandeln, Oliven und Zierbäumen im letzten Winter bepflanzen, die alle schon aufgegangen sind. Dank der Arbeit und dem ausgiebigen Regen im letzten Winter stehen die Felder in der Siedlungsgenossenschaft in diesem Jahre recht schön und ist es zu hoffen, daß die diesjährige Ernte, die jetzt beginnen soll, gute Erträge brin-, gen wird. Der Gesundheitszustand ist «rfreulicherweise dank der Assanierungsarbeiten, die mit Hilfe der Gelder, die der Nationalfonds für Notstandsarbeiten in Palästina aufgebracht hat, dort vorgenommen wurden, ein guter. Die 'Beköstigung der Arbeiter jst mit Hilfe der Gemüse-, und Milchprodukte der Farm eine ziemlich reichliche. Von den Kolonisten hat einer Merchawjah verlassen und ist für die Dauer des Krieges! nach Deutschland zurückgekehrt. Die anderen Kolonisten haben ihren Boden trotz der großen Schwierigkeit fast ganz bestellen können und sehen einer guten Ernte entgegen. Einige von ihnen haben Einkünfte aus verschiedenen Handwerken, die sie betreiben, wie Schusterei, Bäkkerei, Fuhrwerke und Gasthof. 2. M e s r a. An den Boden von Merchawjah schließt sich Mesra an, wo eine Arbeitergruppe ein Terrain von zirka 1000 Dunam bearbeitet. Diese Gruppe zählt 20 Arbeiter, unterhält 11 Pferde und acht Kühe. Auch hier konnten sämt-» liehe im Etat vorgesehenen Arbeiten ausgeführt und die ganze Fläche bestellt werden. Es wur? den ausgesät: iWeizen auf 528 Dunam, Gerste auf 330 Dunam, Ackerbohnen auf 99 Dunam, Erbsen auf 381/2 Dunam, Viehfutter auf 87 Dunam, insgesamt 1082i/2 Dunam. Außer diesen 1082i/3 Dunam werden noch mit Sommergetreide bestellt werden: Humsbohnen, Sesam und Durra und zwar auf einem Teran: hat sich einen Messingknopf aufgesteckt und kommandiert! Ich erinnere mich doch, wie Du: noch Behelfer*) bei Lejser Hersch warst, die» Kinder in den Ghejder getragen hast und ihre Frühstückstöpfchen dazu. Mir erzähle also keine Geschichten von Fahrscheinen! Faaaahrscheinen!“ „Na, was sagt Ihr zu meinen Passagieren?“ wendet sich jetzt Jossel, der Schaffner, an mich und setzt sich neben mich hin. „So, wie Ihr .sie) da seht, so sind hier alle. Wer Geld hat lind zahlen kann, geht zu Fuß, und wer keins hat und nicht zahlen kann, fährt mit der Trambahrt. Und davon soll man leben und eine alte Mutter und eine verwitwete Schwester unterhalten... Da, schaut, meine Stiefel“, — er zeigt sje mjir „wie sie das. Maul aufreißen . . . .“ In diesem Augenblick kracht’s — zwei Deich-. Sein sind aneinander geprallt und zwei Pferde keuchen. Zwei Wagen, die von entgegengesetzten Seiten auf demselben Geleise daherkamen, sind zusammengestoßen. Ein wildes Fluchen und Schelten geht los: „Die Pest über dich!“ , „Soll dir das Maul auf eine Seite herunterrutschen!“ *) Gehilfe des Melamed (Lehrer) oder des Rebben. rain von 700 Dunam, sodaß sich die gesamte Anbaufläche auf 1782i/> Dunam belaufen wird. Der Gesundheitszustand dieser Gruppe, die bereits das dritte Jahr in Mesra ansässig ist, ist ebenfalls ein guter. 3. Dagania. Die Genossenschaft Dagania hat ihren langersehnten Anschluß an die Farm- Kinereth und die übrigen Kolonien des Tiberiassprengels gefunden. Die türkische Regierung hat nämlich an den Ruinen der alten Römerbrücke, die bei Um il Kanatra über den Jordan führt, eine ausgezeichnete JBrücke errichtet, die jetzt die Verbindung zwischen Ost- und Westjordanlana im Sommer und Winter aufrecht erhält. In der Genossenschaft Dagania arbeiten zur Zeit 22 beständige Arbeiter und außerdem sind zehn Taglöhner beschäftigt. An Arbeitstieren hat die Farm jetzt pur noch acht Pferde und Maulesel. Außerdem arbeitet ein Paar bei Regierungsarbeiten in Berseba. Trotz des Mangels an Arbeitstieren und der vielen Störungen, die der Krieg mit sich brachte, konnte auch in Dagania die ganze im Etatvorschlag vorgesehene Fläche bestellt werden. Es wurden gesät: 1050 Dunam mit Weizen, 4S0 Dunam mit Gerste, 220 Dunam mit Bakia, 200 Dunam mit Ackerbohnen, 60 Dunam mit Erbsen, 60 Dunam Chumus, 50 Dunam Versuchsfelder, 800 Dunam Brache, insgesamt 2920 Dunam. Der Stand der zirka -70 Dunam umfassenden, Pflanzungen in Dagania ist ebenfalls ein guten Die Genossenschaft hofft in diesem Jahr auf eine über den Durchschnitt gehende Ernte. 4. K i n e r e t h. Dagania, wie die ihr benachbarte Farm der P. L. D. C., Kinereth, bilden einen wichtigen Stützpunkt für die Arbeiter, die augenblicklich an den Bahnarbeiten bei Semach am Tiberiasee beschäftigt sind. Auch in Kinereth konnten sämtliche vorgesehenen Arbeiten von der dort angesiedelten Arbeitergruppe, die bereits das vierte Jahr den Boden bearbeitet, aus-l geführt werden. Es wurde ausgesät: Weizen aut 484 'Dunam, Gerste auf 176 Dunam, Hafer aut 2^ Dunam, Chumus auf 55 Dunam, Ackerbohnen auf 55 Dunam, Erbsen auf 22 Dunam, Bakia aut 33 Dunam, Bakiaheu auf 100 Dunam, Futtermais auf 22 Dunam, Gemüse auf 50 Dunam, insgeJ samt 1019 Dunam. Die Farm hat fünf Paar Arbeitstiere, außerdem einige Kühe, die der Gruppe Milch für den Lebensunterhalt geben, sowie, wie alle anderen Farmen, Geflügel für den eigenen Bedarf. Besonders beschäftigt man sich in Kinereth mit dem Gemüsebau, für den 50 Dunam reserviert sind. Der Gesundheitszustand der Arbeiter ist ein guter und aller Voraussicht nach wird dieses Jahr ein ertragreiches sein. 5. Mädchenfarm Kinereth. An die Arbeitergruppe der P. L. D. ,C. in Kinereth schließt sich die Mädchenfarm an. Die Leiterin, Frau Dr. Maisel-Schochat, hat es mit ihren sechzehn Mädchen durch ein großeswirtschaftliches Verständnis und Hingabe zur Arbeit verstanden, trotz der unregelmässig und spärlich aus denn Auslande eingehenden Mittel die Farm über Wasser zu halten. Hoffentlich wird es der Farm-, die für die Erziehung der jüdischen Frau von hohem Nutzen ist, gelingen, nach dem Kriege sich auszubauen und die Zahl der Mädchen zu vermehren. 6. Poriah. Einen ausgezeichneten Eindruck macht das am Tiberiasee auf einer Anhöhe gelegene Poriah. Trotz der Verwüstungen durch die Heuschreckenplage haben sich die Pflanzungen wieder erholen können und sind größtenteils von dauernden Schäden verschont geblieben. In Poriäh arbeiten jetzt 42 Arbeiter, 13 Pferde und ein weiteres Paar, das bei Militärarbeiten in Berseba beschäftigt ist. Insgesamt wurden bisher 2400 Dunam mit Pflanzungen besetzt und zwar in der Hauptsache mit Mandeln. Ein kleiner Teil des Bodens in Poriah ist für den Ackerbau reserviert i,Wo hast du die Augen, du Bankert? Siehst doch, daß ich rechts fahre, ... kannst doch» links fahren!“ „Wo steht das geschrieben, du Trotte!, daß du rechts zu fahren hast und ich links? Vielleicht ist’s gar umgekehrt: der Pelz auf der andern Seite. Ich rechts und du links.“ „Mordsvieh, du! Dazu gibt’s doch zwei Geleise: ich hin, du her.“ „Bist selber ein dummes Vieh! Wo steht’s denrt geschrieben, daß du hin und ich her?“ „Weißt was? Hol’ sie der Kuckuck mit ihren Geleisen, ihren Wagen und ihrer ganzen Trambahn. Gib lieber Tabak her, wenn du welchen hast, Asriel, mein Herz! Unsertwegen können sie mit der Trambahn zusammen im selben Feuer verbrennen! Was macht deine Alte? Schon etwas stiller?“ „Wenn man sie so lange prügelte!. Nur wenn sie schläft, ist sie still. Was gibt’s bei, dir?“ „Was soll's geben? Man ärgert sich ....“ Und so lassen sich die beiden Kutscher inf ein langes Gespräch in ihrem Kutscher-Jargon ein. Auch die beiden Schaffner unterhalten sich gar friedlich und gemütlich. Bis Welwel, der Kontrolleur, von der Beschneidung, die im Hau-