Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 21 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 21 ßunüsdian. Städtische Selbstverwaltung in Warschau. Warschau erhält eine autonome Stadtverwaltung. Das Statut ist bereits veröffentlicht. Die Wahlordnung stellt ein gemischtes System der österreichischen und deutsdien Städtewahlord - nung dar. Die Wahlen werden auf Grund des! Kuriensystems vorgenommen' werden, wobei aber in den meisten Kurien das proportionelle Verhält-, nis eingeführt ist. Nach der neuen Wahlordnung nehmen an den Wahlen alle Schichten der Gesellschaft tei[, ohne ‘Rücksicht auf Vermögen und Bildung, geschweige denn auf Religio n oder Nation. Für die Juden ist dabei von größter Wichtigkeit, daß man ihnen keine Forderung stellt, lese- und schreibekundig gerade in der polnischen .Sprache zu sein, wie das Bürgerkomitee in seinem Projekt beabsichtigt hat, wodurch sie in ihrer nationalen Ehre gedemütigt, eingeschränkt und bei der Durchführung mannigfaltigen Chikanen preisgegeben worden wären. Jetzt ist es sogar, um (in der 3. Intelligenz-Kurie zu stimmen, nicht erforderlich, gerade in der polnischen Sprache gebildet zu sein: Die Forderung, die polnische Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen, ist nur nötig zur Erlangung des passiven Wahlrechtes, d. h. um als Mitglied des Stadtrates gewählt zu werden, was ganz verständlich ist. Denn nachdem die polnische Sprache als Amtssprache anerkannt wurde, muß man dieser Sprache mächtig sein, um ‘sich in derselben öffentlich' verständigen zu können. Es wird aber nicht, wie 'Wiederum das Bürgerkomitee geplant hat, der Besitz von Mittelschul-Bildung gefordert, um Stadtverordneter zu werden, was besonders für die Juden einer Beschränkung gleichkam, denn gerade die Juden verhinderte die russische Regierung am rücksichtslosesten, Schulbildung zu erwerben. Das größte Zugeständnis für die Juden ist jedodi Artikel 4, der proportionelle Wahlen fesfsetzt. Für eine nationale Minderheit, wie die Juden es sind (und insbesondere bei der Behandlung der Juden in Poleh) ist die Verhältniszahl die unumgänglichste Bedingung, um ihre Vertreter durchsetzen zu können und um nicht, trotz aller theoretischen Gleichstellung in der Praxis durch die Mehrheit überstimmt, allenthalben boykottiert zu werden. Dag Proiekt des) Bürgerkomitees mißachtete diesen Grundsatz geflissentlich, um eben unter schönen Redensarten die prinzipielle „Gleichberechtigung“ in einen leeren Schein umzuwandeln. Allerdings enthält diese Wahlordnung auch' eine Bestimmung, daß nur die Bürger des Königreiches Polen das aktive Wahlrecht besitzen, was den Ausschluß der in den letzten fahren eingewanderten russischen Juden vom Wahlrechte .bedeutet. Man muß jedoch diesbezüglich eine nachträgliche amtliche Erläuterung abwarten. Wenn man aus der bisherigen Praxis der deutschen Behörden einen Schluß ziehen darf, so ist anzunehmen, daß sie alle Einwohner Polens, insoweit sie keine Ausländer sind, als „Bürger“ betrachten werden. . Immerhin sind die Juden vollkommen gleichberechtigt und erhalten in den neuen deutschen Bestimmungen die erforderlichen Garantien, um ihre Rechte in der Tat ausüben zu können. Jetzt ist somit an sie die Reihe, die Wahlen "derart: durchzuführen, daß sie in einer so wichtigen Einrichtung, wie sie die Verwaltung einer Stadt ist, welche die zahlreichste jüdische Gemeinde Europas beherbergt, wirkliche und treue Vertreter des jüdischen Volkes besitzen. * Ein Junctirrt. Die letzten Vorgänge in der russischen Duma und das traurige Finale der bekannten Interpellation deS jüdischen Deputierten Bomasch haben die Beziehung der Kadetten zur Judenfrage ins richtige Licht gerückt. Als Ergänzung hiezu kann ein Artikel über die Jüdenfrage dienen, den die „Rjetsch“, das Organ der Kadetten, neulich veröffentlichte und der folgende charakteristische Stelle enthält: „Oie Judenfrage 1— Schreibt „Rietsch“ — bietet Rußland viele Schwierigkeiten. Die Mehrheit sei der festen Meinung, daß in der Judenfrage man über Erleichterungen nicht hinauSgehendarf. Denn es lasse sich schwerlich die Tatsache ignorieren, daß die Erweiterung der jüdischen Rechte vielen Schichten der Bevölkerung mißfallen würde. Diese Erweiterung der jüdischen Rech-! te ließe sich jedoch' viel leichter durchführen^ weiin zugleich mit ihr der übrigen Bevölkerung die Möglichkeit gegeben würde, die ökonomische und politische Uebermacht der Juden, vbr aer jene Bevölkerung Sich so sehr fürchtet, z u b ek ämpf en.‘Eine Regelung, die die. jüdische Frage auf den ersten ' Plan treten ließe, würde die Bevölkerung in höchstem Maße aufreizen.“ Nun sind die Karten aufgedeckt: Nicht Gleich Berechtigung, sondern nur gewisse Rechte sollen den Juden in Rußland eingeräumt werden, aber auch dienur dann, wenn die übrige Bevölkerung dafür die Möglichkeit erhält, die jüdische Uebermacht zu bekämpfen. Werden die russischen Juden auch' weiterhin ihr Heil von den Kadetten erhoffen, und werden die jüdisch-politisChen Kreise Rußlands nicht endlich einsehen. auf welch falschen Wegen sie solange gewandelt sind? * * * Verwechselte Rollen. Vor einigen Tagen fand in Warschau — wie „Moment“ -meldet — die Versammlung eines gewissen professionellen 'Arbeitervereines, dem Juden und Christen angehören, statt, in der über verschiedene ökonomische Fragen beraten wurde. Die Verhandlungen -wurden die ganze Zeit in polnischer Sprache geführt. Schließlich betrat ein Pole die Tribüne und erklärte zu jedermanns! Üeberraschung folgendes: Da ein großer Teil der Versammelten Juden feeien. für die jidischdie leichter verständliche Sprache ist. und da er gerade jidisch verstehe, halte er es für seine Pflicht; die gehaltenen Reden für die jüdischen Mitglieder ’inS Jidische zu übersetzen, Worauf er tatsächlich jidisch zu sprechen begann? Wie erstaunt mußte aber dieser naive Pole gewesen sein, als er den Lärm und die Protestrufe bemerkte, die «ein scheinbar so einfacher und gerechter Vorschlag hervorrief. Ein Teil der Versammelten verließ demonstrativ den VersammlungsSaal. Der Anführer der Demonstration war ein Jude.... Verwechselte Rollen: Ein Pole spricht jidisch und die Juden — demonstrieren. ... i 1;! 1 Ein ähnlicher Fall wird aus Minsk berichtet. In ‘dem "dortigen Bürgerkomitee, in dem die Juden bei weitem nicht nach Gebühr vertreten sind und die’ jüdischen Interessen kaum beachtet werden, Wurde letztens' über die Frage der hohen Kerzennrefce verhandelt. Da fand sich' unter den Mitgliedern des' Bürgerkomitees ein Pole, der beantragte, man möge bei Festsetzung der Kerzenpreise die arme jüdische Bevölkerung berücksichtigen und ihr die Kerzen zum Samstaggebrauche billiger berechnen. Schier wäre dieser Antrag angenommen worden, wenn sich nicTr1gerade ein jüdisch es Komiteemitglied zu Wort gemeldet und erklärt' hätte: Der jüdische Ritus schreibe den Gebrauch von Kerzen an Samstagen nicht vor, die Juden daher auf die Kerzen gänzi lieh verzichten können. . . . Und da frage man noch, wozu die Juden i W - re eigenen Vertreter haben müss'en. . . . . M.H. Ein Symptom. Vorbemerkung der Redaktion. Trotz unserer entschieden ablehnenden Beziehung zur hiesigen „Reichspost“, als dem Sprachrohr der Christlich-Sozialen, erachten wir es für unsere Pflicht, auf den „Die Judenfrage in Polen“ überSchriebenen Leitartikel dieses Blattes in seiner Nummer vom 10. d. M. besonders binzuweisen. Die hierin geäußerten Gedanken sind nicht neu. ■ Neu erscheint uns aber der sächliche Ton, den die „Reichspost“ diesmal bei Behandlung der Judenfrage gebraucht, und bedeutsam scheint uns der Umstand, daß ein solcher Artikel in der ..Reichspost“ erscheinen konnte, deren nahen Beziehungen zu den maßgebendsten Sphären bekannt sind. Es ist höchst symptomatisch, daß dies e s Blatt es als notwendig bezeichnet, die juden als ein selbständiges Volk a n z u e rke n n e n. Darum ist eS leicht erklärlich', daß diese Stellungnahme in den polnischen Kreisen peinliches Aufsehen erregte, so daß die Lemberger „Gazeta WieCzorna“ zu einer sofortigen Schärfen Auseinandersetzung mit der „Reichspost“ sich veranlaßt fühlte. Dabei ist es interessant, daß die G. W. keine wichtigeren Gegenargumente vorzuhringen Weiß, als den . zum Ueberdruß wiederholten alten Einwand von der „inneren Verwandtschaft zwischen 'dem jüdischen Separatismus und dem Antisemitismus“. Wir la=sen nun die Ausführungen der „Reichspost“ auszugsweise folgen: ..'Aus dem unheimlichen Dunkel hälbasiati- ' scher Verhältnisse jählings in den hellen Brennpunkt der mitteleuropäischen Kultur . gerückt, kann die Jüdenfrage in Polen selbstverständlich nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen gedeihlich' gelöst, werden. KuFuren auseinandergehender Richtungen lassen sich' nicht über Nacht überbrücken.. Die Soziale, wirtschaftliche und kulturelle Struktur in Polen ist ein Spezifisch selbständiger Kulturkreis, der weder mit dem ‘Osten noch mit dem Westen etwas. Wesentlich Gemeinsames hat und ist es daher naheliegend, daß ihm nur eine Verfassung frommen kann, die seinem ureigenen Wesen entspricht. ES kann übrigens-nicht gar so schwer, sein', den tatsächlichen Verhältnissen Rechnung zu tragen. Es gehört nur ein ungetrübter Blick dazu. Vor allem ist eS notwendig, die luden als Selbständiges. Volk anzuerkennen . Der Standpunkt, der gegen die nationale Anerkennung rW ostösterreichischen Juden ins Treffen geführt wird, daß nämlich die Juden Galiziens eigentlich Polen sind und die der Bukowina. obwohl raSsenbewußt. das Deutsche als Muttersprache pflegen, daß hier also das hervorstechende Merkmal einer selbständigen Nation, die Nationalsprache fehlt, kann den luden in Polen gegenüber nicht angewendet Werden. Sie wollen gar nichts anders sein als Juden und besitzen überdies eine eigene Volkssprache, das lidisdhe. zwar aus Deutsch, Stavisch; und Hebräisch zusammengewürfelt, doch immerhin eine durch mehrhunderthährige Entwicklung auf festen. Grund gebrachte Mischsprache, etwa wie das Holländische, dem doch gewiß niemand die Kulturfähigkeit und Sprachliche Selbständigkeit absprechen kann.“ Nach einer Zitierung aus1 Birnbäum'S „Den Ostjuden ihr Recht!“ heißt esl weiter: (.Vorwärts. Reb Kassriel!" ruft jetzt der Schaffner, pfeift, und — wir fahren. Aber nur einige Schritte. Denn schon bleibt der Wagen wieder stehen. Die Tür gebt auf, und Irgend ein Mann steckt seinen Kopf herein: „Ist da nicht Moische?“ ».WaS für ein Mojsche?“ fragt Jossel. der Schaffner. , ~ ' i1 ..Ein iunger Mann mit einer Mütze“, antwortet. der Kopf. „Der in einem Eisengeschäft dient?“ fragt Jossel. der Schaffner. „Ta, ja, der!“ i,,Ich kenne ihn“, sägt Jossel, der Schaffner und pfeift. „Vorwärts," Reb Kassriel!“ Und wir fahren weiter. „Einen Fahrschein!“ wendet sich' der Schaffner an mich.Ihr kommt mir nicht bekannt vor, seid wohl nicht von hier? . . . Habt Ihr. die Absicht, lange hier zu bleiben? Dann kann ich Euch in ein'Gasthaus bringen, zwar kein Hotel, aber rein, ohne Wanzen'. . . . Und auch, wo Ihr billig und gut essen könnt, kann ich'Euch zeigen . . . .“ Idi danke ihm und säge, daß ich hier Be- kan-te habe. Er will wissen, wer und was sie sind. ... Ich nenne ihm einen beliebigen Namen und bin ihn los. Er geht darauf zu dem' Manu im Pelze und will ihm einen Fahrscheini geben. Der aber zuckt die AchSeln und meint: (,Ach was! Nicht einen Groschen habe ich' bei 'mir.!sb wahr ich lebe.“ „Aber Ihr fahrt diese Woche schon das dritte Mal ohne Fahrschein“, meint JoSsel, der.Schaffner, ärgerlich. ..Na, und ... . Soll ich etwa zu Fuß gehen?“ ist die ebenso ärgerliche Antwort. „Oder soll ich .etwa Dir zuliebe stehlen gehn?“ lossei, der Schaffner, macht eine resignierte Gebärde und wendet sich an den Mann öhnie! Pelz, den- Frierenden. Der stellt sich schlafencb -Heda, mit Verlaub, einen Fahrschein!“ Keine Antwort. Der Mann tut So, als ob er nicht hörte. Worauf ihm der Schaffner einen Naeenstieber versetzt: , „Herr Nachbar! Mit Verlaub“ . . . . Einen Fahrschein!“ Der Mann. fährt wie aus dem Schlafe auf und reibt Sich die Hände. „Einen Fahrschein", wiederholt Jossel, der Schaffner. „Ich höre“, antwortet der Mann endlich und haucht sich in die Fäuste. •„Was heißt das, Ihr hört?" sagt nun Jossel, der Schaffner, schon in sehr energischem Tori. „Geht lieber einen Fünfer her, ja, und nehmt den Fahrschein!" „Etwas stiller", wehrt sich der Frierende. „Warum gleich SO hitzig? Seil* mal einer an: auch schon wer!“ „Macht keine SnäsSe“, Sa<rt TosSel, der Schaffner. ..”nd gebt Fuptti Fünf°r her!“;.Ich h-cce. Du wirst mir etwas nadilassen von dem Fünfer. „Wenn *hr das erlebt . . .“ antwortet Jossel. der Schaffner. „Nun, wird’S? Nicht? ' Sb' muß ich Euch' *-«4iqri bitten. Euch vom Waueb hinunter 711 bernu’1-'" . . . Reb Kassriel, hälfen!“ Kassriel, der. Kutscher, o-‘-horcht gern. Und das Pferd Sicherlich nicht minder. ..Bitte, mit dem rechten Fnß!“ sägt Tossel, der Schaffner, zu -'“m Frierenden, der sich die Hände reibt, die Füße tänzeln läßt, im übrigen aber sieb nicht vom Fleck rührt. „Ihr wortet, ‘sebeint’s, auf besondere Aufmerksamkeit .... ich soll Fuch wohl beim- Krauen fiehmpn und hinanswerfen’ .... Na. wenn Welwel. der Kontrolleur, kommt — er ist gprade bei einer Beschneidung, bei unserem Kassierer —. der wird’« Euch schon zeigen . . : Vorwärts, Reb Kassriel!" Und der Wauen fährt weiter. „Es ist wirklich keine Gerechtigkeit auf der Welt“, läßt sich da plötzlich die Frau mit den Aepfeln hören. 'Wieso ist der Mann schlimmer als der andere, der ohne Fahrschein fahren darf! Fr wird Dir wohl ein Stück Bank abnützen? Wie? Oder glaubst Du Dir einen goldenen Grabstein damit zu verdienen?" „Wer bat Euch gebeten, hier als Verteidigerin äufzutreten?"■ gibt Jossel, der Schaffner, zu-