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Jüdische Zeitung · 1916-05-26 · 21 (26.5.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
21 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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D NRTIDNFIL -JÜDI5CHE5 DRGRN Mit Beilage: „DER 1UDISCHE NATIONALFONDS“ •N Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II- ZMcusgaaae Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Aboonemenstsoreise: Für Oester- _ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—. Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, Iralbführ. Mk. 5.—. Vierteljahr. " ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 b. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 21 j Wien, Freitag, den 26. Mai 1916 — 23. Ijar 5676. X. Jahrgang. flusbliifi. Der Krieg. der über das jüdische Volk so viel Leid und Ungemach gehäuft hat, hat uns Zionisten dabei auch eine große und tröstliche Erkenntnis gebracht: die Erkenntnis: von der, Bedeutung und Rolle des nationalen Gedankens für das Judentum. — Wir erlebten jetzt einen teils rapiden, teils allmählichen Zusammenbruch aller Organisationen, die das internationale Moment im Leben der Völker irgendwie verkörpern. Es rissen sofort' beim Ausbruch des Krieges die Fäden, welche die wissenschaftliche Welt miteinander verbanden. Stärker und dauerhafter schien anfänglich die Idee und Organisation der internationalen Solidarität des Proletariats zu sein. Aber auch' diese wurde bald von den blutigen Wellen des Krieges weggespült und heute wird bereits mancherorts' im sozialistischen Lager von einer neuen Internationale gesprochen. War nun bei dieser Sachlage nicht auch die Grundfeste des Judentums von höchster Gefahr bedroht? Ist doch das Judentum — im Sinne der Anschauung seiner offiziellen Kreise und im Sinne des tatsächlichen Zustandes, den w i r abzuändem uns bestreben, — zwar ein eigenartiges, doch entschieden internationales Gebilde. Als solches hätte es eigentlich nach Aufhören des internationalen Verkehrs in einzelne Judentümer zerfallen müssen. Daß eine solche Entwicklung der Dinge nicht bloß theoretisch möglich war, sondern auch tatsächlich in gewisser Hinsicht iri Erscheinung getreten ist, beweist zur Genüge die Stellung der Alliance Israelite Universelle zum Weltkrieg. Diese — außer der zionistischen — einzige jüdische, auf Grundlage ‘der alljüdischen Solidarität aufgebaute Weltorganisation, verleugnete im Kriege, wie ja noch erinnerlich, ihre alljüdische Devise, indem sie sich an: die Seite einer kriegführenden Mächtegruppe stellte.*) Sie machte aus ihrem Judentum, das ihr Selbstzweck Bein sollte, ein Mittel und gab FEUILLETON. Ruf Ser Trambahn. Von Schalom Alejehern. Es war ganz früh morgens, noch vor dem Beten, als ich im Herbst mit , der Eisenbahn in Berditschew ankam — es geht Gott sei Dank Schon eine hin. Draußen sprühte ein feiner Regen, der freilich genügte, um einen ausgiebigen, lockeren Morast zu bilden. Ich war kaum aus dem Wagen, als schon ein ganzer Trupn Hoteldiener auf mich losstürzte. Alle hatten sie gelbe Bärte, trugen gelbe Röcke und auf gelben, abgenützten Mützen gelbe Schilder. „Herr Nachbar! .Grand HotelU“ >,,,Hotel FranciaU Herr Nachbar!“ „Herr Nachbar! ,ItahV!“ „Herr Nachbar! ,Portugaliaf!“ „Herr Nachbar! ,Türkalia‘!“ Mit großer Mühe gelang es mir, mich durch den Trupp durchzuwinden, sofort fiel ich aber einer anderen Gesel]s-haft in die Hände: Droschkenkutscher mit großen Stiefeln und 'langen Peits'chen, die mich ernstlich beinahe' in Stücke gerissen hätten. Einer von ihnen, ein riesiger Kerl, riß mir, ohne mich viel zu fragen, meinen Koffer aus der Hand. Ich erhob natürlich ein mächtiges konsequenterweise dadurch sich selbst auf — dieselbe Alliance, die in den Augen der nichtnationalen jüdischen Welt als das einzige Bollwerk, als geheiligte Verkörperung der jüdischen Einheit angesehen wurde. — Und wenn gegenwärtig gewisse, wenn auch nicht die maßgebendsten Kreise der deutschen Judenschaft für die Grenzsperre eintreten, so spricht daraus genau derselbe Geist eines Judentums, das in viele Teile zerfallen ist. Wären nun außer dem Geiste dieser Landes^ Judentümer keine anderen Kräfte und Tendenzen im modernen Judentum lebendig gewesen, so hätte der Krieg sicherlich auch den jüdischen Organismus gespalten, unsere Einheit zerissen und mannigfache Zwietracht in unsere Reihen hinneingetragen. Daß dies nicht geschehen ist, daß über aller-1 lei Differenzen staatsbürgerlicher Natur das nationale Moment als das in jeder Hinsicht Primäre und absolut Geltende fortbestehen blieb, — dies ist uns ein Beweis dafür, daß die nationale Idee im Judentum Boden gefaßt hat und in der Tiefe der Volksseele weitergewirkt — eine Erkenntnis von nicht hoch genug einzus'chätzender Bedeutung und Wichtigkeit. Dabei ist vielleicht nicht das das Wesentliche, daß die zionistische Organisation wohl als die einzige zwischenstaatliche sich erhalten konnte und trotz mancher Hemmungen und Widerstände ihre Arbeit fortsetzt und sogar ausbreitet (Amerika, Skandinavien); daß das geistige Leben in unserem Lager heute vielleicht reger ist als Sonst, — sondern eher noch der Umstand, daß außerhalb unserer Reihen unsere Gedanken fruchtbare Aufnahme und tiefes Verständnis finden. Ist es nicht in höchstem Sinne bezeichnend, daß die Liebe zu Palästina im amerikanischen Judentum So stark entflammte und solch prachtvolle Blüten zeitigte? Oder daß man in England für die Juden der feindlichen Türkei, die Palä-? stinas, Geld gesammelt hat? Und trug nicht die Hilfe derselben amerikanischen Juden für die Geschrei: „Meine Manuskripte! Meine Papiere!“ worauf sich zwei seiner Kollegen meiner annahmen. Da «mich aber jeder für sich haben wollte, kam es zu^einer Prügelei zwischen ihnen, und diesen Umstand nützte ich aus, um meinen Koffer und mich zu befreien und zur Trambahn zu laufen. Hierher, hierher, Leutchen! Einen Fünfer die Fahrt! Einen Fünfer pro Person! Von hier bis Ecke Belepobernasse im Ganzen nur einen Fünfer! Fünf Kopeken pro Person!“ Der dies ausrief, war der Schaffner selbst — ein junger Mann mit einem blonden Bärtchen und einer gurgelnden Stimme, einen "Messingknopf auf <Jer Mütze und einer Tasche um den Hai«. NeberN-ihm stand ein Mann im zerissenen Rock, eine Peitsche in der Hand: der Kutscher. Und beide zeigten auf einen sogenannten Wagen mit zerbrochenen Fensterscheiben, der, ein bißchen nach einer Seite geneigt, dastand. Ein dürres Pferd, das den Kopf herabhängen ließ und sanft schlummerte, war an einer langen Deichsel vorgespannt. „Gebt acht,“ warnt mich der Schaffner, „daß Ihr nicht stolpert. Es fehlt ein Brett im Fußboden. Man repariert den Wagen . . . .“ Ich setze mich hin, lege meinen Koffer neben mich und warte. Es ist etwas kühl. Ich schlage die Füße aneinander. Brüder im Osten einen Charakter, der mit dem widerlichen Almosengeist nichts gemein hatte, einen 'Charakter einer großzügigen nationalen Tat?; So erblicken wir in dem siegreichen Weiterbestehen unserer Organisation, als realen Mittelpunktes nationaljüdischer Arbeit, eine historische Bestätigung der Richtigkeit unseres Weges und ethischen Berechtigung unseres Werkes. — Der Krieg hat uns aber auch gelehrt, daß, wiewohl unser Weg auf der Linie der Selbstbejahung des Judentums liegt und also untrüglich und einzig ist, unsere bisherigen Erfolge doch verhältnismäßig überaus gering sind. Wir bilden ein Häuflein innerhalb der Nation. Die Ausstrahlungen unseres Gedankens beginnen wohl das Herz des Volkes zu ergreifen und 'in seinem' Hirn zu wirken, aber wie weit sind wir davon entfernt, daß unser Volk den Drang in sich» fühlte und den Mut besäße, die Zügel seines! Geschickes in die eigene Hand zu nehmen. Ein national einiges und bewußtes Judentum, wirtschaftlich stark und auf festem Boden fußend, hätte den Krieg ganz anders erleben — und vielleicht auch beeinflussen können. Ein solches Judentum wäre möglicherweise nicht »bloß passiver Erleider gewesen und ohnmächtiger Zuschauer geblieben .... Wir stehen am Anfang unseres Werkes — und der Krieg hat uns anschaulich gezeigt, wie weit wir von unserem Ideal noch entfernt sind und wie groß und ernst die Arbeit ist, die unser harrt. Dr. Wilhelm Berkelhammcr. *) Wohl wurde dann die Schuld der Verbreitung des bekannten Konsistorium-Aufrufes dem Sekretär B i g a r 'in die Schuhe geschoben, was jedoch an der Sache nichts ändert, zumal derselbe diesen' angeblich so mißbrauchten Posten auch weiterhin bekleiden darf. Die Red. „Schaffner,“ wende ich mich an den jungen Mann, „wird’s einmal oder nicht?“ „So Gott will,“ antwortet er. „Du, Josse!, gib etwas Tabak her!“ sagt der Kutscher zu ihm. „Knaster ist für Euch gut genug, Reb*) Kassriel,“ meint darauf der Schaffner. „Von gutem Tabak könnt Ihr noch Kopfweh kriegen!“ „Mach’ keine faulen Witze, dummer Junge, sondern gib her!“ fordert Kassriel, der Kutscher, wieder. Und dann drehen sich beide ihre Zigaretten. „Wann fahren wir?“ frage ich wieder den Schaffner. ,jHeute“, erwidert er ganz kaltblütig und gibt dem Kutscher Feuer. Ich warte. Langsam kommen die Passagiere zusammen. Der erste ist ein Mann mit einem1 zerrissenen Pelz. Es ist schwer zu sagen, von. was für einem Tiere das Fell ist; für einen Fuchs ist es zu weiß, für eine Katze zu rot. Dann steigt einer ein, ohne Pelz, frierend, sieht sich nach allen Seiten um, sucht seufzend einen Platz und setzt sich dann schließlich in eine Ecke an der Tür.Ihm folgt ein Korb mit Aenfeln und diesem eine Frau, die in drei Tücher eingewickelt ist. Man merkt, daß ihr sehr kalt ist... *) Anrede, beiläufig so viel wie: Herr.

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