Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1916-05-19 · 20 (19.5.1916) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
20 (19.5.1916)
Date
1916-05-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438572-2438591--4805-2444716
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nh 20 digenveise wenig Sympathien entgegengebracht hätten, „offenbar wegen ihrer Unfähigkeit, die Vereinbarkeit des Zionismus mit der Loyalität gegen das britische Reich einzusehen“. „The Standard“, London, vom 16. März behandelt die Frage, „ob die Juden nach dem Kriege nach Zion zurückkehren werden“. Der gegenwärtige Krieg habe den Anspruch aller Nationalitäten auf das Dasein schärfer formuliert, als es je zuvor der Fall war, und er müsse, wie immer auch die Entscheidung fallen werde, auch dem jüdischen Volke die Möglichkeit eigenen nationalen Lebens bringen. Die bisherige Kolonisation Palästinas biete den besten Beweis dafür, daß die Juden fähig sind, ihr Land zu entwickeln und eine neue jüdische Kultur zu schaffen. * Zur Ostjudenfrage. Wir haben in Nr. 15/16 unSereS Blattei? einen Auszug aus Dr. Wolfgang Heinzes1 Aufsatz in den „Preussischen Jahrbüchern“ über ..Die polnis'ch-jidische Presse“ gebracht. In Fortsetzung seiner wiedergegebenen Ausführungen, untersucht Dr. Heinze die Snrachenfrage, in aie er nun schon guten Einblick gewonnen hat, und konstatiert mit Recht, daß wenn die Ostjuden sich in der deutschen Sora che verständigen können, „das nicht als Ausdruck eines nagelneuen deutschen Gemütslebens, eines deutschen Herzens gewertet werden könne, von dem vordem bei ihnen nie die Rede war.“ Wir haben immer die Versuche abgelehnt, die Juden Russisch - Polens unbekümmerterweise fürs Deutschtum zu reklamieren und mit beflissener Tendenz sie zu Träo-em des deutschen Einflusses machen zu wollen. Man hat, wie auch Dr. Adolf Grabowskv in seiner sehr lesenswerten Schrift ..Die polnische Frage“ ausführt, mit solcher Methode den Deutschen wenig genützt und die Juden des Ostens, die man um ihre eigene Meinun hierbei nicht fragte, in Sehr erheblichem Maße geschädigt. Heinze weiß aus Warschau selbst zu berichten: „Es ist anzuerkennen, daß die .polnisch-jidische Presse nicht versucht, die Grenzen zwischen der .deutschen Sprache und dem Jargon zu verwischen oder zu verschleiern, und daß sie dadurch auch' der Erhaltung ihrer eigenartigen alten Stammesart große Dienste geleistet hat.“ „In engem Zusammenhang mit derHaltung der jidischen Presse zu ihrer Snrache steht die Auffassung über Verteidigung des jidischen Nationalbesitzes gegen die .Assimilatoren'.“ Heinze konstatiert 'anerkennend, wie scharf ‘die Presse gegen die Assimilation auftrete und daß sie an der Losung festhalte: „Das Jüdische Volk stellt eine selbständige nationale Einheit dar.“ Heinze will darum auch den verhängnisvollen Irrtum nicht aufkommen laslsen, „der nach der gegenwärtigen Sachlage wohl im allgemeinen deutschfreundlichen Bevölkerung nun flugs nationales (sc. deutsches) Empfinden anzudichten." In anerkennenden Worten spricht Heinze über den Charakter der Warschauer jüdischen PresSe und weist die Behauptungen des polnischen Assimilanten Bernhard Lauer vom Tiefstand dieser Presse zurück. Nochmals wird wiederholt und unterstrichen: „Jetzt ist die nolnisch-iidische Presse — wohl noch' mehr als ihre galizische Schwester — eine berufene Hüterin ihres Volkstums, dessen Aufrechterhaltung und damit die Trennung von Deutsch und Tidisch liegt aber im nationalen Interesse beider Teile." (Gerade im gegenwärtigen Augenb'ick ist der an so hervorragender Stelle erfolgte Hinweis Dr. Wolfgang Heinzes auf die iüdische Tagesoresse Warschaus von besonderer Bedeutung. Soeberi haben nämlich die Zeitungen ..Hazefirah“, „Moment“ und „Harnt" erst die Erlaubnis erhalten. Abonnements in Deutschland anzunehmen und die Zeitungen nach Deutschland und ins neutrale Ausland zu versenden.) Eine Ergötzlidikeit sei hier mitgeteilt: Unser gütiger Gönner, Herr Professor Ludwig Geiger, nennt in der „Allgemeinen Zeitung deS Judentums“ anklagend die von Professor Hans Delbrück herausgegebenen „Preußischen Jahrbücher“ ein Organ der Zionisten und fühlt sich darum wieder einmal berechtigt, seine harmlosen nichtsahnenden Mitbürger vor "den gefährlichen Zionisten zu warnen, die in ihrer Rührigkeit überall ihre Ideen zu propagieren wissen. RuföeAnng von Ruinen unO alten Synagogen in Palästina. Die „Deutsche Orient-Gesellschaft“ gibt soeben eine wissenschaftliche Veröffentlichung über „Antike Svnagogen in Galiläa“' heraus, die eine'"ausführliche Darstellung der Ergebnisse einer rund 10 Jahre zurückliegenden Entsendung einer Gelehrten-Kommission enthält, welche die Aufgabe l^atte, in Galiläa (Nordpalästina) die Reste der alten Synagogen auszugraben und aufzudecken. Durch diese erste Unternehmung der Deutschen Orient-Gesellschaft auf dem Boden Palästinas ist ein wichtiges, bisher vergessenes Gebiet antiker Baukunst neu erschlossen worden. Die galiläischen Synagogenruinen sind die einzigen bedeutenderen erhaltenen Reste jüdischer Synagogen aus dem späteren Altertum und waren bisher hur in ungenauen Aufnahmen bekannt. In der neuen Veröffentlichung sind auf 18 Tafeln und in über 300 Abbildungen sämtliche Architekturreste nach Zeichnungen und Photographien wiedergegeben; Grundrisse und Rekonstruktion erläutern das Jlild der aus Trümmern neugewonnenen Bauten, *und die Wiedergabe eines Modelles der Synagoge von Tel Haum (Kapemaum) vermittelt auch dem Unkundigen eine Vorstellung von ihrer ursprünglichen Erscheinung. In ausführlicher Darstellung wird die historische Stellung dieser so in die Architekturgeschichte des Altertums eingeführten Bauten untersucht, ihre Zeit und Ihre Bedeutung bestimmt. Von verschiedenen Seiten, aus der Prüfung der Bauglieder der jüdischen Abzeichnung und der heidnischen und jüdischen TJeberlieferung, ergibt sich ein einheitliches 'Resultat. •Um die Wende des 2. und 3. Jahrhunderts der bürgerlichen Zeitrechnung, unter dem Kaiserhaus des Septimius Severus, sind diese Bauten mit ihrem Stark heidnischen Einschlag und der gegen die Strenge Auffassung des jüdischen Gesetzes verstoßenden reichen figürlichen Dekoration entstanden. Es ist dje Zeit, in der die Mischna gesammelt wurde, eine Blütezeit des galiläischen Judentums, zu deren Beginn die geistige Leitung der jüdischen Gemeinden Galiläas der Patriarch R. Juda Ha-Nassi besaß, von dessen Beziehungen zu dem jungen Kaiser die Gemara zu berichten Weiß. Von hier aus erweitert sich die Darstellung zu einem Ueberblick über die Bauform der antiken Synagoge überhaupt, die bis in die hellenistische Z|ejt zurückverfolgt wird, auS der wir die großartige Synagoge von Alexandrien durch'die in. der Gemara überlieferte Schilderung kennen. Rvs 9er jfiOisdien Welf. Ministerpräsident Graf Tisza veröffentlicht in Angelegenheit der Versorgung der Kriegswaisen einen Aufruf, worin er a»f das edle Beispiel des Magnatenhaus'mitgliedes Adolf v. U11 - m ann (eines Juden! verweist, der auf seiner Besitzung eine 'Anstalt errichtete, wo 20 Kriegs-* Waisen untergebracht und Unterricht und Ausbildung genießen werden. Weiter habe Herr v. Ullmann sich chötig gemacht, darauf hinzuwirken, daß verschiedene andere unter seinem Ein f lu ß stehende Institute gleichfalls über300 KriegSwaisen in durch sie errichteten Anstalten versorgen. Der Ministerpräsident schließt mit folgenden Worten: ..Mich' beseelt die Hoffnung, daß die 'Opferwilligkeit der ungarischen Gesellschaft sich auch in der hier angedeuteten Richtung bewähren werde.“ Auch wir hoffen, daß sich die Opferwilligkeit der dortigen — jüdischen Gesellschaft bewähren werde. der die Vereinigten Staaten in Konstantinopel vertreten würde. Eine offizielle Nachricht ausl Washington liegt noch1 nicht vor. * Die Ostern ließen in Rußland die üblichen antisemitischen Ritualmordmärchen wieder aufleben. Nicht weniger als vierzehn russische Städte werden in der „Vossischen Zeitung“ namhaft gemacht, wo die jüdische Bevölkerung unter begründeter Pogromfurcht zitterte oder noch zittert. In elf russischen Großstädten, darunter Kiew, Odessa und Kiscliinew, hat die jüdische Gemeinde unter Beifügung von Erlässen und Aufrufen der dortigen Schwarzhundertorganisationen das zentrale Polizeidepartement um bchutzmaßregeln "flehentlich gebeten. Tier neue Departementchef General KI i m o w i t s‘ c h hat es für richtig befunden, die Hilferufe einfach nicht zu beantworten. In K i e w hat der berüchtigte Doppeladler-Verein einen Aufruf veröffentlicht, 'dessen Schlußsatz lautet: „Die Juden haben unseren Zaren und unsere christliche Armee um Silberlinge verraten, und ihre Osterbrote werden auch diesfnal Christenblut' enthalten. Seid iauf der Hut. Jede rechtzeitige Unschädlichmachung eines jüdischen Verräters rettet ein sonst der grausamen Vernichtung preisgegebenes Bataillon. Tod den verräterischen Judäem 1“ Im Februar wurde dem jüdischen Kriegshilfskomitee in Kiew von seinen Vertrauensmännern in Wolhynien mitgeteilt, daß Verordnungen über neue Evakuierungen der Flüchtlinge im Gange seien. 'Am 10. Februar wurde angeordnet, 2500 Flüchtlinge aus Rowno auszmveisen. Das Kiewer Komitee ersUchte telegraphisch den Verwalter der Flüchtlingsängelegenhcit an der Südwestfront, Fürst U r u s s o w, den Ministerpräsidenten und den Vorsitzenden der Reichsduma, die neue Evakuierungsverordnung der bereits Evakuierten aufzuheben. Sollte dies unmöglich sein, so bat das Komitee, die Ausweisung bis nach dem Pessachfest zu verschieben. Fürst Urussow teilte hierauf dem Komitee telegraphisch mit, daß 150 der zur Evakuierung bestimmten Flüchtlinge, die sich bereits in Rowno niedergelassen haben, aus der Liste der zu Evakuierenden gestrichen werden. Die Ausweisung der anderen wird bis nach dem Pessach-" fest verschöben. Bald darauf erfuhr da- Komitee, daß eine ähnliche Verordnung auch für W I a d i m i r e z ergangen war. Das Komitee telegraphierte nochmals an Fürst Urussow' und die Evakuierung wurde eingestellt. * Vor Ausbruch des Krieges zählte Luck 35.000 Einwohner, darunter 28.000 Juden. Gegenwärtig besteht die Bevölkerung der Stadt aus 24.500 Eimvohnem, darunter 23.000 luden. In der Stadtverwaltung, die der österreichische Kommandant ernannt hat, befindet sich kein Juae. Die „Liga der Fremdvölker Rußlands“ wrandte sich an den Präsidenten Wilson mit einer Note, in der sie ihn im N->men der Finnländer, Balten. Letten", Lithauer. Po'en, Juden. Ukrainer. Muselmanen und Georgier um 'Schutz vor Vernichtung flehen. Die Juden schreiben: Im Namen ■ der drei Millionen in den Vereinigten Staaten ansässigen Juden hat sich, wie der Draht aus Amerika berichtet, der Vorstand des: „Amerikanischen jüdischen Komitees“ in Newyork mit einer Bittschrift an den Papst gew’endet, worin er die Vermittlung des Papstes nachsucht, daß den in gewissen kriegführenden Ländern an den luden verübten Grausamkeiten Einhalt getan werde. Im Namen des Panstes beantwortete Kardinal Gasnarri die Bittschrift am 9. Februar, indem er bekannte, daß der Panst nicht in der Lage s' e i, sich über die in der beigegebenen Denkschrift berichteten besonderen Tatsachen auszusprechen, aber im Grundsatz als Haupt der katholischen Kirche, getreu ihrer Lehre und ihren ruhmreichen Ueberlieferungen alle Menschen als Brüder an sehe und deshalb jede Vergewaltigung der natürlichen Rechte der Kinder Israels ebenso verurteile, wrie die aller andern Menschen. Schmerzlicher als jemals fühle. der Papst angesichts des gewaltigen ' schrecklichen Krieges die Notwendigkeit" für alle ■ Menschen, sich' wieder zu erinnern, daß sie Brüder Seien. Er bete zu Gott, daß der Friede endlich erscheine zum Glück der Mensdhheit. . * Nach einer teleoraplirchen Mitteilung aus Amerika wird Mr. Henry Morgenfhau, der Botschafter'der Vereinigten Staaten in5 Konstantinopel 'auf seinen Posten nicht zurückkehren. „Jewish Chronicle“ meldet in seiner Nummer vom 5. "Mai 1916, 'daß die Nachricht vom Rücktritt Morgenthaus noch nicht bestätigt sei. Dennoch beschäftige man sich bereits viel mit der Person seines Nachfolgers, und Helfach wurde ein bekannter jüdischer Anwalt, Mr. Abram J., ETkus genannt, der somit der dritte Jude wäre* „Wir Juden Rußlands sind geknechtet wie kein anderes Volk der Erde. Wir w'erden gei-i stig und körperlich dem Siechtum "überlassen«. Wir W'erden am Bestich der Schuten und Univerversitäten gehindert. Zusammengepfercht in AnsiedlüngSYavons gab man uns steigender Verarmung und Verelendung preis1. In barbarischen Pogroms ließ man den Pöbel seine bestialischen Instinkte blutig an uns austoben. Durch den Krieg sind Hunderttausende von uns in die Fremde gejagt W'orden und viele Taufende sind dabei elend umgekommen. Unsere Wohnstätten sind ausgeplündert U"1 täglich verkommen unsere Volksgenossen im entsetzlichsten Elend.“ Ob und wie immer Wilson auf diesen Notschrei und Hilferyf der mißhandelten Völker reagieren wird, bei den. Juden Amerikas wird er offene Ohren und offene Herzen finden. Auf sämtlichen Stationen der Warschau-Wiener Eisenbahn Sind amtliche Bekanntmachungen in ji di sch er, deutscher und polnischer Sprache angebracht. In B i a I y s t o k. wmrde die erste jüdische Volksschule in der früheren Regierungsschule eröffnet. Das Lehrpersonal setzt sich, wie die „Bialystoker Zeitung“ mitteilt, aus 17 Lehrern und Lehrerinnen zusammen, 167 Kinder nehmen bereits am Unterricht teil. Das Schulgeld beträgt 50 Kop. monatlich. DaS Lehrpersonal arbeitet unentgeltlich. Die Schüler stehen im Alter von 8 bis 14 Jahren. Unterrichtssprachen sind deutsch und j i d i s c h. * Die russ.-jüd. Kriegsgefangenen des Somorjaer Lagers geben eine lithographierte Zeitschrift in jj’dis eher Sprache unter dem Namen „Der jüdische Kriegsgefangene“ heraus. 'Es ist eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.