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Jüdische Zeitung · 1916-05-19 · 20 (19.5.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
20 (19.5.1916)
Date
1916-05-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 20 ungekünstelten Kunst wieder. Das sind die Grundzüge seiner literarischen Physiognomie. Eine ausführliche Charakteristik bringen wir in einer der nächsten Nummern. * « Schalom Alejchem wurde im Jahre 1859 in Pereiaslaw, Gouv. Poltawa, geboren. Seine erste Erziehung genoß er im „Cheder“. Anfänglich1 Kaufmann, schriftstellerte er in der ersten Zeit, u. zw. hauptsächlich in hebräischer Sprache, aus „Liebe zur Kunst“, er wurde jedoch später infolge harter Lebensgeschicke zum jidisdien Berufsschriftsteller. Er .unternahm auch viele Reisen, die seine Popularität vergrößerten: Vor einigen Jahren erkrankte er ernstlich und mußte sich fortab schonen. Nun haben die letzten Ereignisse — vor mehreren Monaten verlor er auch1 einen Sohn,- der in der Schweiz studierte — seinem Leben frühzeitig ein Ende bereitet. M.H. Eine Unfmöung mit Israel Belhinö. „Ein Türke ist draußen!“ kommt mir mein Kanzleifräulein melden. Fröh erstaunt über den Zulauf eines so exotischen Klienten, trete ich) ins Vorzimmer und, richtig, leuchtet mir aus dem Halbdunkel ein blutroter Fez entgegen. Doch schon lächelt darunter ein wohlbekanntes Gesicht hervor: Israel Beikind, wie er leibt und lebt! Wer kennt nicht Beikind? War er dodu einer von den Helden der ßilu, die vor mehr als drei Jahrzehnten von den russischen Hoduj schulen als Pionierschar hinauszog ins Väterland, hat er doch vor fünfzehn Jahren die Broschüre „Kirjäth Sefer“ geschrieben und sich zu dem darin entwickelten Plan der Errichtung einer landwirtschaftlidien Volksschule mit Internat in Palästina die Zustimmung des IIösterreichischen Parteitages in Bielitz (1902) errungen und war doch er es,' der „die Waisen von Kischinew“ unter den Segenswünschen der österreichischen Zionisten nach Erez Israel hinübergeldtet hatte, um sie dort, als Hoffnung unseres Volkes einzupflanzen. Beikind kommt geradewegs aus Haifa, wo er den Krieg bisher uberdauert, und ist nach der Schweiz und Amerika unterwegs. Die Bagdadbahn hat ihn mit zwei (Unterbrechungen, die üin an noch unausgebauten Teilstrecken zu Wagenfahrten von zwölf und achtzehn Stunden nötigten, nach Konstantinopel und der Balkanzug hat ihn nach Wien gebracht. In der Schweiz will er — nach' langer Trennung — Weib und Kind -Wiedersehen und 'in den Vereinigten Staaten will'er — im Einverständnis mit dem Berliner Aktionskomitee — für seinen alten Plan „Kirjath Sefer“ Anhänger und Mittel werben. Denn das muß er mit Schmerz gestehen, daß sein erster Anlauf, die Waisen von. Kischinew zur Landwirtschaft in Palästina zu erziehen, mißglückt ist. Seine Schule hatte sich nach einem "Bestand von kaum anderthalb Jahren aus Mangel an Mitteln auflösen müssen; seine Zöglinge wandten sich vielfach dem Handeinbrechen, eine innere Rechtfertigung muß es dafür geben, vor dem Tribunal der Gottheit, allem Werden und Vergehen muß ein leuchtender Sinn innewohnen. Darum seine Eindeutigkeit, die so fern ist vön problematischer Zerissenhejt, seine selbstsichere kindhafte Art, die ihn zumi Erlöser der Suchenden macht, ihm etwas vom gefesteten Olympiertum gibt, das den Promethiden als Ziel winkt. . Als sein grellster Widerpart muß wohl I. Cb. Brenner aufgefaßt werden. Sdion die Herkunft aus-den gleichmässigen, kahlen, natur-i losen Ebenen Lithauens, das Emporwachsen inmitten von ewig um das bittere Brot ringenden Menschen bedingt seine harte, rein intellektualistische Art der Welt- und Lebensbetrachtung. Und dazu noch das Erlebnis der russischen Revolution, mit der er durch das eigene Judenschicksal und persönliche Verknüpfungen eng verbunden ist. Die Menschen, die an das große Werk der Befreiung des russischen Volkes mit scheinbar so echter Lifbe herangetreten sind, erblickt sein desillusiomertes Auge und durchleuchtet sie in der erbarmungslosen Nacktheit ihres wahren Wesens: sie, die nach Freiheit dürsten und doch selbst die versklavten Dog-, matiker einer neuen Lehre, die fanatischen Apostel Marx' Herzens oder Plechanows sind. Er kann nicht von der Idee des Ganzen, des historischen Ereignisses imitgerissen werden; er muß den Menschen ins Auge gehen, die die. Idee tragen. Aber, er ist auch kein Aesthet, der die Sünde des bloßen Schauens begeht. Der Uebersetzer der stärksten naturalistischen Stücke Gerhard Hauptmanns trägt eine Ahnung von der! überwältigenden Größe der Tat Seine Reise nach Palästina lehrt den mitleidlosen Kritiker sich beugen vor der Wirklichkeit des dort Geschaf-, werk und anderen Berufen zu, die es ihnen ermöglichten, rascher selbständig zu werden, ja so manche von ihnen haben Palästina wieder verlassen. — Es ist Beikind ein geringer Trostj daß seine Schützlinge ihn noch heute in innigen Briefen mit „Awinu hajakar“ (Teurer Vater) anreden und daß sie die hebräischen Namen, die er ihnen statt der russischen und deutschen beigelegt, treu behalten haben. Nicht er trage an dem Scheitern jenes Planes Schuld, führt Belkina voll Eifer aus, doch möchte er die Verlautbarung seiner Verteidigungsschrift für später verschieben. — — Ich schlage ein anderes Thema an: wie es jetzt um die zionistische Sache in Palästina stehe. In Haifa, erzählt Beikind, sei die ganze jüdische Bevölkerung, Aschkenasim ünd Sefardim, gut zionistisch und hebräisch gesinnt, bis auf Herrn Finkeistein, der, als Aufseher über( den leeren Bau des Technikums gesetzt, natür-i lieh das Lied seiner Brotgeber, des Hilfsvereins der Deutschen Juden, singt. Ich bin in den galiläischen Städten und Kolonien während des Krieges herumgekommen — setzt unser Gewährsmann fort — und habe feststellen können, daß die Lebensmittelnot oder richtiger Teuerung nicht so arg ist als etwa in Konstantinopel und nicht so arg, als man es sich hier vorstellt. Ueber Judäa freilich1 kann ich aus eigener Wahrnehmung nichts aussagen. Mehr bedrückt fühlen sich die Kolonisten durch die einer weiteren Ausdehnung der jüdischen Besiedlung offen feindliche Haltung des Überkommandanten der syrischen Armee Djemal Pascha. Im Gegensatz hiezu ist das Verhältnis der in Palästina stehenden türkischen Truppen zu den Kolonisten ein völlig ungetrübtes. Die Truppen halten tadellose Mannszucht, was requiriert wird, wird auch, wenn bisweilen erstem Jahr später, vollbezahlt und die türkischen/ Offiziere der bei Merchawjah und Redhowotb stehenden Formationen verkehren geradezu herzlich mit' den Kolonisten. So wird das Andenken des nachher an den Dardanellen gefallenen Di-, visionäre Ali Risa Pascha in Merdiawjäh stets treuinnig gewahrt bleiben. Wenn früher Klagen wegen bedrückender Requisitionen laut wurden, erklärt sich dies aus dem Ungewohnten, da vordem kaum jemand im Lande zu militärischen Leistungen herangezogen worden war. Wer nur ein halbwegs1 europäisches Kleidungsstück trag, den mußte die türkische Behörde von irgend einem Konsul „geschützt“ glauben und, wollte sie keine diplomatischen Konflikte haben, wie das Feuer meiden. Erst im Krieg hat sich '"■die Türkei durch Abschaffung aller "Kapitulationen und durch Otfomanisierung der Fremden jene Verfügungsgewalt über die ganze Bevölkerung gesichert, wie sie irgend ein anderer Staat genießt. So sehr die Kolonisation, Handel und Wandel "durch die Absperrung Palästinas nach" außen jetzt naturgemfb gelitten haben, so günstige Bedingungen Schemen zum Teil gerade durch den Krieg für die Zukunft gesichert. So ist die schon seit Jangem projektierte Anschluß-Balm von der an der Strecke Haifa-pamaskuS gelegenen Station Apliule (bei Merchawjah) nach. Jerusalem jetzt in ganz kurzer Zeit nicht nur ausgebaut, sondern nach Süden von "Sedja nächst Hulda an der Bahn Jaffa-Jerusalem bis zur neuen Grenzfeste Bersdba fortgesetzt. Daß die Teilstrecke Aphule-Jerusalem nicht den .früher projektierten Weg längst des Gebirgskammes im Innern des Landes nimmt, sondern von Djenin gegen die Küstenebene Saron abbiegt und diese am Hügelrand bis Rämleh (zum Anschluß an die Strecke Jaffa-Jerusalem) durchquert, ist nur ein Vorteil für unsere gerade in der Küstenebene gelegenen Siedlungen.. Auch Chausseen von früher uneihörter Solidität wurden dank des Krieges gebaut, wie die von Nazareth über Tiberias, Safed und Rosch- Pinah bis hinauf nach unserer nördlichsten Kolonie Metule. So kann man heute wahrhaftig unser Erez Israel „von Dan bis Berseba“ auf gebahnten Wegen durchqueren. Mögen sich unseren hehren Zielen, auch ahe andern Wege ebnen! Mit diesem herzlichen Wunsch schied ich von Israel Beikind. Michael. Zionismus in öen Ententelänäern. Der Präsident des Order of Ancient Maccabeans hat' an alle Abteilungen des Ordens ein. Rundschreiben erlassen, in welchem er dringend zur sofortigen Hilfeleistung für die notleidenden " Juden Palästinas .auffordert. — Der Order of Ancient Maccabeans hat den Beschluß gefaßt, mit der English Zionist Federation gemeinsam ein Massenmeeting in East End zu veranstalten, um1 die Haltung der englischen Zionisten gegenüber der neugebildeten „Nationalen Union für jüdische Rechte“ und dem Conjoint Committee klarzulegen. Die Jahresversammlung des Order of Ancient MaccabeanS findet am 11. und 12. Juni in Manchester statt. Der 4. Juni ist von der English Zionist Federation als „Deklarationstag“ festgesetzt worden. Seit Wochen werden von der 'English1 Zionist Federation ■ unter den englischen Juden Un-: terSchriften für diese Erklärung, die eine Zji-\ Stimmung zum Basler Programm bedeutet, gesammelt und es.haben Schon viele Tausende unterschrieben. Die Sammlung von Unterschriften soll in nächster Zeit auch auf die übrigen Teile Großbritaniens und die Kolonien ausgedehnt werden. Die Zusammenarbeit der English Zionist Federätion mit der Organisation" der „Synagogues ana Friendly Societies“ macht weiter gute Fort-v schritte. Auf einem Meeting der Mitgliederder Bethnal Green Great Synagogue wurde der Be- . Schluß gefaßt, daß der Schekel #Is Teil der synagogalen Abgaben zu entrichten ist. Andere Synagogen haben Versammlungen einberufen, um einen entsprechenden Beschluß durchzuführen. In den Pessachfeiertagen wurde in vielen SynagoJ gen für den Nationalfonds gespendet. Die Ligue Franoo-jSioniste, die kürzlich unter dem Protektorate einer Reihe bekannter französischer Politiker, Gelehrter und Künstler gegründet wurde, hat in der letzten! Zen eine Reihe von Konferenzen und Versammlungen veranstaltet, in denen über den Zionist mus und die jüdische Kolonisationsarbeit in Palästina ' Referate erstattet wurden. Die Liga bemüht sich, die, öffentliche Meinung in Frankreich über die Bestrebungen der Zionistischen BevVefenen und seine karge Anerkennung der stillen Helden Galiläas bedeutet hohes Lob. In seiner verdüsterten, sonnenberaubten Seele quillt langsam die Gewißheit empor, daß er nicht als ein letzter Verteidiger auf den unterwühlten Mauern des jüdischen Volkes stehe, sondern die Bestim-’ mung seines Stammes noch unerfüllt in die Zukunft weise. Die unerbittliche Art Brenners, die unbekümmert den Weg der Wahrheit geht, ist nicht darnach angetan, Liebe für sein dichterisches Werk zu erwecken und doch empfinden wir scheue Ehrfurcht vor seiner stolzen Einsamkeit. Die Realistik seiner Darstellung löst immer mehr und mehr .seine künstlerische Form auf.; Ganz seltsam nimmt sich neben BrennerSaul Ts'cliernichowski aus, der hebräische Dichter, der von Jugend naturhafte Heiterkeit sein eigen nennt, da er aus den reichen Gefilden Südrußlands gekommen ist, den niemals die häusliche Armut des AnSiedlungsrayons verwundet hat. Ganz seicht hat man ihn als Hellenisten unter den Juiighebräern klassifiziert, 'mit der halben Berechtigung, die dazu seine souveräne Beherrschung der Form gibt. Gewiß, er verfügt mit treffsicherer Eigenmächtigkeit über das ererbte und schon geprägte hebräische S.prachgut; ihm wird das Symbol nicht zu blassen, Schatten der Wirklichkeit, sondern es dient ihm zur klaren Verkörperung des Wesentlichen, dessen Züge nun erst greifbar Umrissen heraustreten; er sucht die Distanz von den wildeni Wirrnissen; er verwendet die griechische Kunstform 'des "Epos, wo doch der Jude kaum das geringere und doch schon ruhefordemde erzählende Gedicht meistert; er wählt die Idylfe, die die jüdische Dichtung seit den sonnendurch - glühten Tagen des Schir-haschirim nicht gekannt. Allem zum Trotz, der Tschernichowski, der auf den Knien vor der npollonischen Schönheit als Seine Göttin die Astarte verehrt, die einstmals seine Väter auf nachtdunklen Wegen aufsuchten, ist kein Hellene. Gerade „Baruch von Mainz“, der alle Eigenart von Tscherni-i chowskis Kunst in hohem Maße in sich vereinigt, zeigt, daß auch hier der Jude nicht zum! bloßen Poeten'herabsank, sondern das Tschernichowski für die grause Wirklichkeit der Pogrome nur die künstlerische Läuterung durch) ■ die Projektion in die Vergangenheit brauchte, dab in ihm aber jenes heilige Feuer der längst im Israel Vergessenen glüht, die von der Einheit des Schönen und der Güte träumten. Der Dichter des „Baruch von Mainz“ wandelt andere Wege als seine Genossen. Aber sein edelgeformter Sang hallt in gleicher Weise wieder in den;. Seelen seiner Brüder, wie das bald suchende, bald zärtlich liebevolle und bald unerbittlich; prüfende Wort seiner Genossen: sie alle verweisen mit der untrüglichen Instinktheit und Ehrlichkeit des Künstlers den werdenden Tag. In vier Vorträgen hat eS Abraham Sonne unternommen,' Persönlichkeiten h,erauszustellen und zu deuten, die ob ihrer Entfernung von jedem Literatentum in Wahrheit die Kraft" und das Leben künden, das die junghebräische Dichtung durchpulst. Sie geben 'darum 'die feste Gewißheit von dem Zukunftswillen des ’ ganzen Volkes. Jeder, der den Worten des Vortragenden folgen durfte, wird aufs neue bestärkt, diese Gewißheit hinauszutragen. Und das ist sicherlich der reinste Dank, den wir Sonne abstatten können. Dr. Wilhelm Stein.

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