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Jüdische Zeitung · 1916-05-19 · 20 (19.5.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
20 (19.5.1916)
Date
1916-05-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE ZBTIJNG ■ ■ j____ _ _ _ _ _ SfifiP NATIONAL -JÜDI5CHE5 GROHN Wg r*rrrw Mit Beilage: „DER JÜDISCHEM NATIONALFONDS“ rtWn B Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Ziriuisgawe Nr. 33. — _ Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nadsnittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abotmemenstspreise: Für Oester- _ ™ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjahr. Mk. 5.—, Vierteljahr.- | Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkontb 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 20 Wien, Freitag, den 19. Mai 1916 — 16. Ijar 5676. X. Jahrgang. Der Srtielttl. In dieser (Zeit, da der schöpferische Auf-» schwung nationaler Energie wieder einmal das Bild der Geschichte wandelt, fühlen wir stolz; dab sich in unserer Bewegung der Lebenswille eines Volkes verkörpert, das in den wilden Wehen der Kulturvölker an seiner nationalen Zu-: kunft nicht verzweifelt. Das jüdische Volk lebt und will leben. Und der Zionismus lebt und muß leben. Die Zionistische Organisation aber ist kein mechanisches Parteigefüge, dessen Dauer an die Gunst der Verhältnisse gebunden wäre. Der Zionismus selbst, der zürn lebengestaltenden Ideal für die Besten unseres Volkes geworden ist, bürgt für die Organisation, mit der er zu einer unauflöslichen Einheit verwachsen ist. Darum gibt es keinen,Zionisten, der die Zuversicht una die feste Hoffnung verloren hätte, wenn! er, in diese ungeahnten Umwälzungen hineingeriSsen, der Zukunft und der Arbeitsmöglichkeiten der Zionistischen Organisation gedachte. Von den weiten Schlachtfeldern Europas', aus Palästina und von jenseits des Atlantischen Ozeans, aus Lazaretten und verwüsteten Städten, aus dem Lager jüdischer Flüchtlinge und aus der1 Mitte der in der Heimat , zurückgebliebenen Freunde finden die Zeugnisse eines glühenden zionistischen Enthusiasmus, einer unerschöpfii - chen Hingabe und einer ungebeugten nationalen Zuversicht den Weg zur Leitung der Zionistischen Organisation. Wie eine unsichtbare Kette schließt uns alle der nationale Wille zusammen und wir fühlen freudig, wie stark unsere Entscheidungen una Entschließungen, unser Denken und Tun im Banne der Einheit unseres Volkstums stehen. Wir Zionisten erkannten in der Erschütterung aller Bedingungen und 'Beziehungen des Lebens, als der Einzelne vor dem Wirbel desf. Neuern erschauerte, daß der Zionismus für uns die gestaltende Macht geworden ist, die unseren Willen zur Gemeinschaft geformt, hat. Wir Zionisten FEUILLETON. Jungbebräisdie Didifcr. Der Vorwurf mußte -uns Zionisten wegen seiner Berechtigung immer schmerzlich treffen, dab uns trotz aller Programme und Festreden eine tiefere Kenntnis des Judentums, sei es seiner Vergangenheit oder selbst seiner Gegenwart abgehe. Mit einem so geringen Maß jüdischen Wissens haben sich fast alle begnügt, daß wir1 schier an der geistigen Selbständigkeit im breiten Kreise zweifeln durften. Während die na-) tionalen Bewegungen anderer Völker immerauch die Sehnsucht nach der Geschichte geweckt haben und die echte Freude an dem geistigen Leben der Gegenwart, hat bei uns fast immer eine interesselose Apathie geherrscht. Es flüchtete daher alle Vorhandene Regsamkeit in abgeschlossene Zirkel, denen eine dauernde Wirkung auf die große "Masse versagt bleiben muß. Und doch ist jede nähere Beschäftigung mit den Marterien der jüdischen Kultur eine Vertiefung und Verankerung an sich inhaltloser Parteisätze. Freudig muß daher jeder Versuch begrüßt werden, aas Wissen vom jüdischen Volk herauszutragen aus den engen Konventikeln und es allen nutzbar zu machen. waren nicht mehr ganz - Isolierte, uns hatte schon unser Zionismus auf den Weg aus der Verein-i zelung geführt. Darum haben wir iuns selbst nicht verloren und uns die;beharrende Kraft unseres Wollens bewahrt. Die Kraft und Reinheit unseres Zionismus aber, gestählt in der zielbewußten Arbeit vieler Jahre, hat sich an all den Unzähligen bewiesen, auf denen der Bau unserer Organisation ruht, die die zionistische Bewugng sind. 'Mit stolzer Genugtuung kann die Zionistische Organisation ihre Reihen mustern. Unter den vielen, vielen Tausenden, die den nationalbewußten Kem unseres Volkes in einer politischen Einheit bilden, ist kaum Einer freiwillig verloren gegangen. Die Treuen aber, die schon bisher dem Vaterlande ihr Blut geopfert haben, sind mit dem stolzen Schwur der Treue für Juda’s Volk getaUen... •„Der Zionismus, .der in Hunderttausenden unserer Volksgenossen lebendig ist, kann ‘durch kem Ereignis .entwurzelt werden, darum muß auch die Zionistische Organisation, das große Werk Theodor Herzls, alle Gefahren überdauern.“ Uns allen aber ist die Verantwortung aiiferlegt, aus ganzer Kraft zu tun, was die Organisation verlangt. Alit hundertfach gesteigerter Hingabe muß jeder Zionist das Seine tun. Auf jeden Einzelnen kommt es an, wenn das Ganze dauern soll. Der Zionistischen Organisation ist, so wie es 'Herz! verstanden hat, die negotiorum gestio für das jüdische Volk auferlegt; in der Zeit der dringenden Gefahr muß sie das Steuer führen, weil sie die einzige allumfassende nationale Repräsentanz des jüdischen Volkes ist. Schon das ist ihre Legitimation vor der Zfeitgeschichte und ihre Vollmacht gegenüber den Mächten, die an Volksgeschicken schmieden. Die Zionistische Organisation, ihre unerschütterte Einheit una ihr ungeänderter Aufbau, ist ein kostbares Gut, für das wir dem jüdischen Volk für alle Zeit verantwortlich bleiben. In jahrzehntelanger Friedensarbeit aufgebaut, ist sie, wie sie ist, die einzige Verkörperung des jüdischen Volks- In diesem Sinne schon wären Abraham S o nnes Vorträge über junghebräische Dichter, die er an vier Abenden im Saal der Literaturfreunde in Wien gehalten hat, eine wertvolle Gabe, säe sind es aber in noch höherem Maße dadurch!, dab der Vortragende nicht möglichst viel Wissensstoff und Datenmaterial aufgehäuft hat, sondern lebenskräftige Bilder von den dominierenden Persönlichkeiten zeichnete, die ihm Träger der im national-orientierten Volke flutenden Strömungen scheinen. Die Einleitung bildete, abweichend von der üblichen Schilderung der neuhebräischen Dichtung, nicht Pei*ez Smolenski, sondern Micha Joseph Berdyczewski. Und das mit gutem Grunde. Bei allem Verdienst um die Propagierung des nationalen Gedankens ist Smolenski doch immer bewußter Vorkämpfer, zielvoller Aufklärer gewesen; seine energische Ablehnung Moses Mendelsohns charakterisiert ihn selbst. Er zergliedert von dem einseitigen Blickpunkjt des Politikers aus die Gefahr der Assimilation und rät zur Abhilfe. Berdyczewski dagegen gestaltet künstlerisch in dem Schicksal seiner Menschen den Kampf gegen die Ueberlieterung una zugleich auch wieder den Zweifel an der Berechtigung dieses Widerstreites. Er ist zu sehr ahnungsvoller Künstler, jenseits von einem parteiprografnmatischen Verwerfen der Ueberliefewilfens. Darum wissen wir alle, wie grob unsere Pflicht ist, für ihre Integrität zu sorgen. Jeder Zionist muß das fühlen. Eigensucht und Passivität müssen sich in der selbstlosesten Hingebung an das Ganze, in rückhaltsloser Einordnung in die Organisation auflösen. Die Zieit duldet kein Ausweichen. Darum ist kein ZAveifel möglich, daß die Zionisten dem Aufruf des Engeren Aktions-Komitees "der Zionistischen Organisation unverzüglich und "bis zum letzten Mann folgen werden*. Wir wissen und erwarten, daß 'in der kürzesten Zeit alle Schekel eingegangen sein werden. Keine Ortsgruppe wird versagen, kein Zionist wird bei der Arbeit fehlen. Wir verlangen selbst von den im Felde stehenden Zionisten den Schekel! Nur durch, die Zahlung des Schekels kann die Zionistische Organisation arbeitsfähig bleiben — una sie wird es! ' 5> - Schalom Alejchem. Sch. Rabinowitsch. Einer radiotelegraphischen Nachricht aus N e w y o r k zufolge ist dort der volkstümlichste jüdische Schriftsteller Schalom Rabinowitsch, bekannt unter seinem Pseudonym „Schalom Alejchem“ am 13. d. M. gestorben. Der Tod dieses Volksdichters ist für das jüdische Volk, dessen Liebling er war, und namentlich für die jidische Literatur ein fast unersetzlicher Verlust. Denn Schalom Alejchem war der jidische Dichter par excellence, stofflich sowohl, als auch der Form nach. Sein eigentliches Gebiet war die volkstümliche jüdische Humoristik, der er die Bezeichnung als der „jüdische Mark Twain“ verdankte. Die „jüdische Gasse“ mit all ihren Sorgen und Nöten, das Tageswerk und das graue Leben mit all seinen Konflikten und Problemen spiegeln sich in den Schilderungen Schalom Alejchems mit Seiner naiv-rühTenden, ehrlichen Komik, in einem goldenen Humor und in einer rung, als dab ihm ihr Verlust so klar und selbstverständlich wäre. Andererseits aber sucht um-> sonst er als Künstler die bedingungslose allseitige Ganzheit des jüdischen Lebens, auf die der blob intellektuelle Achad Haam bei seiner einseitigen, nür logischen Suche nach dem Sinn des Judentums verzichten zu dürfen glaubt. Die Grundlinien von Berdyczewskis Schaffen sind dauernde Kernfragen jedes echten Ringens um die jüdische Zukunft. i Ueber das Problematische ist Chajim Nachman B i a I i k schon hinausgelangt. Er ist zum Ziele der jungen Juden und zu ihrem Sprecher geworden, weil er in seiner Persönlichkeit und der daraus strömenden Lyrik die jüdische Dreiheit: Enthusiasmus, Pptimjsmus und Güte in reiner Vollkommenheit konzentriert. Von dem Gedicht „An der Schwelle des Beth Hamidrasch“ bis zur „Flammenrolle“ ist es immer ein inniges Sichergießen, ein freudiges Hingeben des Dichters an -die Dinge. Aber er wäre kein 'Judet, könnte er restlos in den Dingen der Umwelt aufgehen, ein Zurückschwingen muß folgen, ein Sichselbstergreifen. Nichts kennzeichnet aber wiederum so deutlich Bialiks nie wankenden Glauben, wie seine Auffassung von dem furchtbaren Ereignis der Pogrome: ein Bedürfnis nach dem Sinn dieser scheinbar sinnberaubten Vorgänge. Denn mag noch so Furchtbares über Israel her- « i

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