Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite?4^?^; JÜDISCHE ZEITUNG r - Nt. 18 lesen, ebenso (herrscht für das „Jüdische Kriegsarchiv“ und {andere Neuerscheinungen auf dem Gebiete der „jüdischen Kriegsliteratur“ das. lebhafteste Interesse. Als Vertreter des Landeskomitees leitet die Arbeit in ■Czemowitz Gg. Dr., Markus Krämer. Ihm' ist auch die Arbeit für das „Jüdische Kriegs» axchiv“ übertragen. Sehr eifrig arbeitet insbesondere unser Gg. Ing. Dr. Markus .Treiner mitl Die .wichtigste Tätigkeit umfaßt das Hilfswerk für diejenigen, die durch den Krieg in Not geraten sind. Abgesehen von den verarmten Czemowitzer jüdischen Bevölkerungsschichten, leben in der Landeshauptstadt Hunderte von. Flüchtlingen aus den. angrenzenden galizischen Ortschaften und evakuierten Bukowinaer Dörfern, die auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen sind. Unter der Leitung des Regierungskommissärs als. Vorsitzenden /des provisorischen Kultusrates Herrn Landesausschußbeisitzers Dr. .Neumann - . Wender wurde /ein Hilfskomitee ins "Leben gerufen, dem auch .als Vertreter des Landeskomi- * tees Gg.. Pr. Markus Krämer angehört. Dieses Hilfskomitee 4iat (mit Hilfe eines Komitees von Czemowitzem in .Newyork, der . österreichischen Zjonisten in IWien und der Israelit. Allianz bis heute mehr als 30.000 Kronen zur Verteilung an Notleidende gebracht. Insbesondere für Ostern winden -in .Czemowitz und in vielen Dörfern Unterstützungen verteilt Auch Kotzman, Wiznitz, Sereth usw. wurden vom Hilfskomitee mit Hilfe der Allianz bedacht .Ueber Vorschlag des Dr. Krämer in seinem Berichte, den er im Namen des, eben erwähnten Hilfskomitees an die Allianz erstattet hat, soll eine systematische Hilfstätigkeit inauguriert werden und hat die Allianz die Mittel hiezu In Aussicht gestellt Derzeit wird das statistische Material auf Grund eines ausführlichen , Fragebogens verarbeitet. Eine in Aussicht genommene Selbstbesteuerung dürfte dem Hüfswerk beträchtliche megelmäsSige Eingänge sichern. Das Hilfswerk ist gerade jetzt von nicht zu unterschätzender (Bedeutung, da nicht nur. Hungernden geholfen werden, sondern auch mannigfachen Answüchsen im jüdischen Leben entgegengearbeitet werden Soll. Die Not birgt auch mannigfache Gefahren für die Art des Erwerbslebens und den moralischen Habitus in sich und wenn auch /die letzthin in /den Tagesblätteml eingehend erörterte Verrohung der Jugend bei den Juden im geringeren Maße "zutrifft, kann: es doch niemandem gleichgültig sein, wenn frühere Gymnasiasten, jetzt als Hausierer, Bettler heriimvagieren. Das Hilfskomitee, welches auch' die Errichtung eines Arbeitsnachweises, eines ärztlichen Ambulatoriums, (Rechfeschutzbüros u. s. w. .plant? (wird Versuchern, diesen Uebeln zu steuern. Die Tätigkeit' des Herrn Dr. Wender muß (hier jmit aller Anerkennung erwähnt werden. "Auch Herr Dr. Reisth widmet seine Zjeit der' Tätigkeit im Hilfekomitee. Anläßlich der Erhebungen über die Kriegs'- schäden hat Dr. Krämer mit Zustimmung des! Stadtmagistrates Und der Bezirkshauptmannschaft in den von Herrn Dr. Wender zur Verfügung) •gestellten Räumen der jüdischen Volksschule ein Büro errichtet, in welchem unter Mitwirkung freiwilliger Hilfskräfte die Anmeldungen der Kriegsschäden für die jüdische Bevölkerungaus Stadt und Land voigenommen wurden. Es wur-c den über 2000 Anmeldungen aufgenommen und die Formulare den Behörden abgeliefert. Im1 jüdischen Schadenerhebungsbüro wurden' größere Beträge für Kriegsfürsoige und für jüdische Kriegswaisen gesammelt Demnächstsoll ein Provisorisches Zionistisches Lokalkomitee eingesetzt werden, welches sich nach Möglichkeit mit einer intensiveren zionistischen Tätigkeit befassen solL Da die Toynbeehalle nicht geöffnet ist und auch andere jüdische Institutionen ihre . Tätigkeit nicht wieder kufgenommen haben, wird es Aufgabe des Lokalkomitees sein, sich ■ mit der Sammeltätigkeit und insbesondere (mit der Wiedererrichtung des jüdischen Turnvereines und Wanderbundes zu befassen. , : . Zur Sdnife uni) SpraAenfrage. Das Petersburger Komitee der Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung1 unter den Juden Rußlands („Mefize -haskala“) hatte kürzlich eine Beratung; um die Bildungsfragen der{ Juden, insofern sie sich durch die Ereignisse des Krieges heu gestalteten, zu behandeln. Anl der Beratung nahmen insgesamt 60 Delegierte teil. ' Im Mittelpunkt der Debatte stand der Bericht über das Programm der neuen Schulen für die Flüchtlinge. Die Hauptursachen, die die Gesellschaft zwangen, das Programm ihrer. Schulen zu revidieren und bis zu einem gewissen Grad; neue Bahnen einzuschlagen, sah der Berichterstatter!. in der Erweiterung der Tätigkeit der Gesellschaft infolge der Evakuierungen und 2. in dem "kurz vor Ausbruch d^S Krieges gfegebe-c neu Gesetz über die Volksschulen, dem zufolge alle Lehrgegenstände .— außer der .russischen, Sprache «hd der russischen Volks- und Landeskunde':— in der -Muttersprache der. Schüler vorgetragen werden dürfen. Demgemäß führte das Komitee, das zur Gründung neuer Schulen schritt ,— gegenwärtig hat die Gesellschaft 100 Flüchtlingsschulen mit ca. 15.000 Schülern, bei einem Jahresbudget von 100.000 Rubel — folgende Bestimmungen ein: Sämtliche Fächer — außer den obengenannten — werden in jidisdher Sprache vorgetragen. Die hebräische Sprache, Bibel und bei günstigen Bedingungen, d. h. wenn die Schüler damit erst im 4. Schuljahre beginnen — auch jüdische Geschichte können auch' im Jiebräischen vorgetragen (werden. Dem religiösen Unterricht muß ein entsprechender Platz in der Schule gewährt werden, Zji den Lehrgegenständen zählt auch der Unterricht der jidischen Sprache. Die russische Spräche muß gründlich erlernt werden. Der Hauptbesihluß des Komitees, daß die Unterrichtssprache für die allgemeinen Lebrgegenstände die jidische sei, begegnete fast von keiner Seite ernstlichen Einwendungen. Der Leiter der pädagogischen Tätigkeit der Gesellschaft führte aus, daß es keinen anderen Weg gab, als die Umgangssprache der Kinder zur Vermittlerin der Schulbildung zu machen. So lautete das Gebot des Lebens. Außerdem war es auch eine ernste politische Frage. Sämtliche Völker Rußlands bauen ihre Schulen auf ihre Muttersprache - auf und die Juden dürfen dabei nicht zurückstehen.; Aber ohne eine weitgehende Berücksichtigung der hebräischen Sprache kann diese Erziehung nicht national sein. Daher muß die hebräische Sprache in. der Volksschule gründlich betrieben Werdern I Die heftige Debatte, die, sich dem1 ‘Bericht anschloß, drehte sich hauptsächlich um die Frage, welchen Platz der Unterricht der hebräischen Sprache und Literatur und der Unterricht der jidisdien Sprache im Lehiprogramm einnehmen soll. Es wurden seitens der Jidischisten ünd der* Hebraisten je drei Generalredner aufgestellt Was die Generalredner der Jidischisten auf dieser Beratung verlangten, war die Ausschaltung des Hebräischen von der Volksschule. (!!) „Das Kind darf nicht (nationalen Tendenzen zum Opfer fallen,“ sagte Herr N. Stief. „Sie glauben nicht an die Zjukunft des jüdischen Volkes, das sie für lahm halten una ihm daher eine künstliche Krücke, das Hebräische, in die Hände geben wollen. Wir glauben an die Lebenskraft des Volkes und brau-; chen keine künstlichen Arzneien. Wir träumen von einem gesunden jüdischen Kind, das nicht blutleer und schwach ist, sondern einen Ä,goji-> sehen“ Kopf hat und rote Wangen.“ „Hebräisch“ — erklärte ein zweiter jidischistischer Generalredher — „ist einie Sportsache, (!!) die in einer Volksschule nicht betrieben werden kann. Die Grundlagen der normalen jüdischen Volksschule müssen allgemein-wissenschaftliche Bildimgsf ächer in der jidischen Sprache sein.“ „Wir streben“ — sagte Herr Raskin — „nach der großen europäischen Kultur, hemmt uns nicht durch religiöse Ketten und klerikale Bande! Mögen sich die Assimilanten an die Bibel fesseln, denen sonst vom Judentum nichts übrig, geblieben ist. Wir aber wollen eine europäische. Schule in der jidisdien Sprache aufbauen.“ Ch. N. ßialik dankte den jidischistischen, Repräsentanten für ihr offenherziges Auftreten’ gegen daS Hebräische, das den . Kampf erleichl-, tert. Herr Stief sehne sich nach, einem jüdischen Schüler mit einem gojischen Kopf und roten Wangen. Dieser Wunsch lasse sich leichter und. radikaler erfüllen — durch die Taufe! Die Bedürfnisse des Volkes seien die Richtlinien für die Volksschulen und die Erziehung guter Söhne des Volkes sei die Aufgabe der Schulen. Nur d/e Sprache ist die nationale, deren Ursprung im Ursprünge des Volkes selbst wurzelt, die/ zusammen mit dem Volke entstanden und mit ihm zusammen organisch verwachsen sei. Mit einer Krücke würde keiner geboren, mit dem Hebräischen ajber sei das Volk jn die Welt gekommen. Krücken seien daher vielmehr die sonstigen Sprachen, die das jüdische Volk auf dem Wege seiner Geschichte wiederholt benutzt und wieder abgelegt habe. Auf eine solche Sprache alles zu setzen, sei eine Gefahr. „Ich! bin kein Feind des Jidischen“ -— erklärte den Dichter „hier aber ist tatsächlich von etwas ganz anderem die Rede, es wird versucht, unrf seren, Kindern den herrlichsten Schatz des jüdischen Schaffens — die Bibel — zu rauben und die nationalen historischen Ketten zu sprengen.“ Herr A. M. Goldstein führte u.a.auS: „Ueberall, wo es gilt, zwischen der jidischen und. der Landessprache zu wählen — sind wir Zionisten immer auf seifen der jüdischen Sprache.“ „Das Ideal der roten'Wangen, dem das Hebräische zum Opfer gebracht werden soll, ist einj gefährliches Ideal. Sie werden später gezwungen sein, "die Konsequenzen dieses derben Utilita-' ' rismus zu ziehen. Das Kind wjrd groß werden) una erfahren, daß die Tatsache der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke eine noch viel Schwerere „Last“ als das Studium iper hebräischen) Sprache ist. Wird es dann nicht versuchen, sich auch von dieser „"Last“ zu befreien?“ „in eueren Händen liegt jetzt das! Schicksal der Erziehung von mehreren tausend jüdischen Kindern. Unternehmt keine Experimente mit der Seele des Volkes. Zerreißt nicht die geschichtlichen Bande der nationalen Kultur!“ . Der Standpunkt des Komitees wurde vom jüdischen Historiker S. M. Dubnow verteidigt. Seme ‘Anschauungen hinsichtlich der Schulfrage seien frei von jedem voreingenommenen Parteiurteil. ,;UnSere Volkssprache — die jidische — muh als Vermittlerin des Unterrichtes dienen una.unsere nationale Sprache — die hebräische — zusammen mit den jüdischen und allgemeinen Kulturwerten müssen eien Inhalt des Programms atismachdn. Es ist auch unzulässig, das religiöse Moment von der Schule auszuschalten. Die 'Säkularisierung der Schule wie der Gemeinde ist ein dauernder historischer Pro- zeß und kein Schlagwort des Tages.“ Schließlich wurden folgende Resolutiqnen angenommen: 1. In den Flüchtlingssfchulen werden alle Lehrfächer — ausgenommen die russische Sprache, Volks- und Landeskunde — in jidischer Sprache vorgetragen; 2. die hebräische Sprache und die Bibel werden entweder hebräisch oder jidisjeh vorgetragen; .3. die jüdische Geschichte wird in der jidischen, unter geeigneten Verhältnissen in der hebräischen Sprache vorgetragen; 4. dem Religiösen wird ein angemessener Platz in der Schule .eingeräumt; 5. die jidische Sprache bildet ein besonderes Lehrfach, 6. beim Studium der hebräischen Sprache und der Bibei, strebt die Schule dahin, daß die' Schüler nach Verlassen der Schule eia hebräisches Buch' lesen und verstehen vermögen. '* . * * . Vor einigen Tagen veranstaltete der „MerkaS Hazionim“ in Warschau einen Diskussionsabend in der Schulfrage. Nach einer mehrstündigen Debatte, an der sich Vertreter sowohl der hebräischen als auch der jidischeni Richtung beteiligten, gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Während unser Verhältnis zu Jidisch1, als zu einer Sprache, die Millionen unseres Volkes sprechen, ein positi ves jst, ist unsere Beziehung zum JidiSchismus (als Anschauung), der das Grundprinzip unseres nationalen Lebens nicht anerkennt,, die historische Grundlage unserer Existenz. untergräbt und auf diese Weise daS nationale Bewußtsein unseres Volkes verdunkelt— eine negative. Von diesem Standpunkte ausgehend, fordern wir: ( 1. daß in der Volksschule, die eine nationale ist und die Aufgabe hat, die junge Generation zu erziehen und ihr die Liebe zu unseren historischen Werten beizubringen, die jüdischen Lehrgegenstände wie: Sprache, Bibel, Literatur und jüdische Geschichte, vom ersten Schuljahr angefangen in Hebräisch unterrichtet werden und üab diese Gegenstände im Schulprogramme den wichtigsten Platz einnehmen; 2. daß ‘als Unterrichtssprache in der Volksschule entweder Hebräisch oder Jidisch eingeführt werde und 3. daß den Volksschulen sowohl mit hebräischer als auch mit jidischer Unterridhssprache dieselben Rechte zuerkanut werden, die alle anderen Volksschulen im Lande genießen.“ * * * . Unter dem Vorsätze deS Gg. Dr. Markus Brau de fand unlängst in Lodz eine Versammlung der dortigen bedeutenden Zionisten und Nationaljuden statt, die die Gründung eines hebräischen Kulturvereines „Jawne“ beschlossen hat. Diesem neuen Verein soll die Aufgabe obliegen, Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache zu gründen.; flus Ser jüiisAeo Nett. Der landwirtschaftliche Zentralverein in Warschau erhielt'die Genehmigung, der Behörden, den Kriegsschaden im Lande zu. schätzen und in größeren Städten Schätzungskommissio-/ nen einzusetzen, die den Schaden der Kriegäbetroffenen zu untersuchen und zu registrieren: haben. Der Hauptaufsichtsrat hat jetzt ein Statut a,usgearbeitet, das ,den Okkupationsbehörden in Vorschlag gebracht wird und laut' dem sämt-, liehe Organisationen, die sich mit der Schätzungsarbeit befassen, diesem Aufsichtsrat unterstehen. Die Kommission zur Unterstützung der. jüdischen Kriegsnotleidenden an der jüdischen Gemeinde ersuchte angesichts der großen Bedeutung, die diese Schätzungsarbeit für die jüdische Bevölkerung Polens hat, diesen Aufsichtsrat, in dem, kein einziger /Jude, ist, eine gesetzliche Vertretung der Juden in dieser Schätzungskommission zuzulassen. Diese Forderung wurde vom Aufsichtsrat abgelehnt. Die Mitglieder, der jüdischen Gemeindeverwaltung, Rundstein und Kempner , wandten sich nochmals an den Aufsichtsrat mit einem Schreiben, in dem sie darauf aufmerksam machten, welche Gefahr die Situation für die jüdische Bevölkerung Polens in sich birgt, wenn das jüdische Eigentum von der Willkür einzelner Gesellschaften und. nichtjüdischer Institutionen» abhängig ist, Ohne daß die Juden durch gesetzliche Vertreter in der' Kommission ihre Interessen wahren könnten. Der Aufsichtsrat, der, übrigens fast aus-/ den; .. selben Personen -besteht,