Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr; 18 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3? jüdisches Gefühl, sowie eine langjährige Betätigung in-der ungarisch-jüdischen Presse haben ihn im jüdischen öffentlichen- Leben der Hauptstadt sehr populär gemacht; Sein Urteil hat umso größeres Interesse erweckt, als er gerade im Kreise derer seine Tätigkeit entfaltete, die für die Entartung dieses öffentlichen Lebens in erster Reihe die Verantwortung tragen. Dr. Hajdu befaßte sich' in seinem Referate zunächst mit der „Offiziellen-konfessionellen Presse“, mit (dem auCh> unseren Lesern satt7 sam bekannten „Egyenlöseg“, Er. wies auf die komische Tatsache hin, daß sichdiese Presse mit den inneren Angelegenheitender ungarischen Judenheit und den allgemeinen jüdischen Fragen überhaupt nicht befasse und ihr ganzer Ehrgeiz darin bestehe, in den unter- Ausschluß der, Oeffentliehkeit erscheinenden Käseblättern der Provinz nach judenfeindlichen Bemerkungen zu fahnden und gegen diese das Judentum Woche für Woche zu verteidigen, södaß sie sich tief unglücklich fühle, .Wenn sie solchen „Angriffen“ nicht auf die Spur zu kommen vermag. Er kam dann auf die Angelegenheit der galizischen Flüchtlinge zu sprechen, für die sich diese Presse nicht verwendet habe. Was die Tagespresse anbelangt, überiäuft es sie kalt, wenn; sie eine jüdische Nachricht zu veröffentlichen habe. Einer der Hauptgründe der Entartung des jüdischen öffentlichen Lebens sehe , er darin, daß die (ungarische Judenheit nicht über eine große, selbstlose, lediglich dem öffentlichen Intereesse dienende Presse verfüge. Er erwarte von den Zionisten, daß sie das schlummernde Judentum aus seiner Lethargie aufrütteln und zur produktiven Arbeit anspornen werden. Hierauf sprach Gesinnungsgenosse Advokat Dr. Josef Schönfeld, Mitglied--des Zionistischen Landeskomitees, in seiner bekannt geistreichen und scharfen Weise. Er nahm die einzelnen jüdischen Institutionen, Organisationen und Gemeinden, unter sein Seziermesser und wies überall auf. dievorhandenen Anomalien hin. Die Juden in führender Stellung betrachten ihr Amt als äußere Zierde und anstatt zu führen, werden sie von anderen,- ihren Untergeordneten, geführt. Der Krebsschadenliege darin, daß die ungarischen Juden keine Persönlichkeiten aufweisen können, die jüdisches Wissen und jüdische Begeisterung in sich vereinen und mit entsprechender Energie und Sachkenntnis zu führen vermöchten. Das Grundübel bestehe in der Spaltung in ein neologes und-orthodoxes Lager. Auf der einen Seite stehe die Intelligenz* die aber nicht jüdisch sei und den Grundsatz verfolge: Omne judaeum ä me alienum puto (Alles Jüdische bleibe mir fern), auf der, anderen Seite die Orthodoxie^ die in ihrer Verschlossenheit das Prinzipaufstelle: ,,Omne non judaeum a me alienum puto“ (Alles Nichtjüdische*.- bleibe mir fern). So könne sich die Kultur und das Judentum nichtvereinen. Die ungarische Judenheit bilde ein großes! 'Chaos — und. ein Gewässer, von dem man aber nicht sagen könne: Ruach elohim merachefet, denn über diesem Gewässer schwebe weder jü-. discher, noch göttlicher Geist. Aus diesem Chaos glaubten die „Götter“ der Judentümer, — nach biblischem Beispiel — einen Ausweg zu finden, indem sie iden Himmel von (der Erde schieden. Sie schufen eine neologe und eine orthodoxe Landeskanzlei, von denen jede glaubte, sie sei der Himmel und die andere die Erde. Die ungarische Judenheit schwebe zwischen diesen beiden Kanzleien wie zwischen Himmel und Erde, und erwarte immer irgend ein großes Wunder, um' sich1 vereinigen^ zu können. Bahnte sich eine Vereinigung an, da fanden sich1 immer Juden, die diese zu vereiteln verstanden. Die Tätigkeit dieser beiden Landeskanzleien bestehe darin, daß sie gleichsam- Kain und Abel wetteifern, dem Ewigen größere Opfer darzubringen. Und wenn die eine sehe, der Ewige nehme das Opfer der anderen gnädiger auf, bringe sie ein noch fetteres Opfer dar. Diese beiderseitigen Opfer sieien — das. Judentum'. Und wenn dieses um Hüfe flehe und sich an die Kanzleien wendet, dann antwortet jede: „Bin ich der Hüter meines Bruders? Nicht ich vertrete das 'Judentum, sondern dieandere!“ Handle es sich1 jedoch darum, wer als Vertreter des Judentums zum Magnatenhausmitglied oder wer zum königlichen Rat ernannt werden möge, beanspruchen beide Parteien die Alleinvertre - tung des Judentums für sich. Im weiteren Verlaufe seiner Rede kritisierte Dr. Schönfeld die völlig veralteten Statuten der Pester isr. Kultusgemeinde. Von 40.000 Steuerzahler n besitzen bloß 15.000 das Wahlrecht. Es genüge nicht Steuern zu zahlen, um das Wahlrecht zu erlangen, hiezu bedürfe es der Entrichtung einer eigenen Inkorporationsgebühr. .Das Interesse für die Kultuswahlen sei gleich null. Bei den letzten Wahlen seien 280 Wähler erschienen. In das Vertreterkollegium! entsenden die politischen Klubs diejenigen Wahlmacher, denen die Würde eines Kultusvorstehers noch imponiere. Es sei wunderlich, daß die Juden, die die Fahnenträger aller radikalen und progressiven Ideen sind, für eine demokratische und moderne Verfassung der jüdischen Gemeinden sich nicht begeistern können. Die Pester „Chewrah Ka discha“, die heuer eine Mehreinnahme von einer halben Million auf weist, spendete für die galizischen Flüchtlinge 500 Kronen. So hoch schätzte' sie ihre eigene jüdische Gemeinbürgschaft, ihre eigene Stellung im Kreise der jüdischen Organisationen der Welt und ich glaube, sie habe sich richtig eingeschätzt. Den Weg der gesunden Entwicklung des jüdischen Lebens zeigte uns der Zionismus, als er die Parole ausgab: Erobert die Gemeindestuben, die stärksten Wälle des jüdischen öffentlichen Lebens. Die Voraussetzung eines gesunden öffentlichen Lebens ist jedoch, daß das Interesse des Einzelnen dem Interesse der Allgemeinheit . untergeordnet werde, es müssen daher an seine Spitze Männer gelangen, die kraft ihrer Berufenheit dessen würdigsind und die zu führen vermögen. Zum1 Schlüsse seiner,Rede, die dieser Tage als Broschüre .erscheinen wird, forderte Dr. Schönfeld zum Kampfe gegen die Korruption des jüdischen öffentlichen Lebens auf. Beide Referenten, besondere Dr. Schönfeld, fanden beim Publikum, in dem sich viele Nichtzionisten befanden und das den Saal bis zum letzten Plätzchen füllte, begeisterten Beifall. Die deutschen Juden im Kriege. Nach Schätzungen werden jetzt über 900 Juden als Offiziere, ungerechnet der Militärärzte, im Felde stehen. Viele sind wegen besonderer Tüchtigkeit befördert worden, das „Hamburger Israel. Familienblatt“ stellt schon über 20 Träger des. Eisernen Kreuzes 1. Klasse fest (z. B. der Flieger Frankl, der Reichstagsjabgeordnete Haas), darunter waren alle Waffengattungen vertreten. Auch «bei der Marine und in den Schutztruppen haben sie sich ausgezeichnet. Nach dem Kriege werden die Ziffern insgesamt zur Verfügung stehen. Das in Breslau erscheinende „Jüdische Volksblatt“ hat die Namen veröffentlicht, die bestimmt dem Judentum angehören. Darnach haben bis zum Herbst 1915 knapp 5000 Juden (also fast 1 Prozent der gesamten deutschen Judenheit!) das Eiserne Kreuz erhalten, von über 300 Juden konnte namentlich festgestellt werden, daß sie den Heldentod fürs Vaterland gefunden. Leider kann diese wöchentliche Zusammenstellung nicht den Anspruch aut Vollständigkeit erheben. Da die jüdische Jugend, soweit sie nicht gedient hatte, gleich zu Beginn des Feldzuges freiwillig in großer Zahl sich stellte, sind die Verluste sehr stark. In allen jüdischen Jugendvereinen wird diese Tatsache festgestellt. So ist z. B. in der jüdischen Turnerschaft eine Kriegssterblichkeit, die sich in den einzelnen Untervereinen bis 33 Prozent der Mannschaften (wie z. B. bei dem Ruderklub „Ivria“) stellt. Die meisten Tum- und Sportvereine der jüdischen Tumerschäft mußten zu Beginn des Krieges ihren Betrieb aufgeben, da alle Mitglieder zu den Fahnen eilten. Die Mitglieder der jüdischen studentischen Verbindungen stellten gleichfalls viele Freiwillige. Von den 2000 Mitgliedern des K. C. (Kartellkonvent) und des K. J. V.' (Kartell Jüdischer Verbindungen) rückten fast alle aus; ein Drittel davon als Kriegsfreiwillige. Sehr zahlreich war auch die Beteiligung freiwilliger jüdischer Aerzte. Nach einer Statistik weist die Verlustliste schon über 100 jüdische Aerzte auf. Auch der jüdische Arzt hat an der Front und im Seuchenlazerett seinen Posten ausgefüllt. Die Rage Ser Juden in Rumänien. Eingabe des Verbandes einheimischer rumänischer Juden. „Herr Minister! Wir erlauben uns, Ihnen einen Fall von großer Ungerechtigkeit zur Kenntnis zu bringen, und bitten Sie, Verfügungen zu treffen, damit derselbe nicht zur Durchführung gelange: Es handelt sich um die Frau und das Kind eines seit Monaten eingerückten! Soldaten, welche bedroht sind, Hungers zu sterben, weil sie, aller Existenzmittel beraubt, bei ihrer Mutter-in der Gemeinde Baltatesti wohnen. Hermann Grünstein, Reservist im1 Regiment . . ., ist seit einigen Monaten eingerückt und, da er arm ist, hat er Frau und Kind zu seiner Mutter geschickt. Nun ist seine Frau aufgefordert worden, bei sonstiger Brachialgewalt die Gemeinde binnen 30 Tagen zu verlassen. Damit Sie sehen, in welcher Verzweiflung sich der eingerückte Soldat und seine Frau befinden, legen wir Ihnen eine Abschrift des Briefes der unglücklichen Frau an ihren Mann und einen Auszug aus einem Schreiben bei, das der Soldat an einen Beschützer geschickt. Wir bitten Sie, Herr Minister, das zu tuir, worum wir Sie nun--schon« wiederholt ersudit haben, nämlich: in diesen schweren. Zeitläuften alle Austreibungsbefehle gegen die in« den- Landgemeinden wohnhaften, einheimischen Juden zu suspendieren. Ihr guter Glaube ist1 oft von den unteren Behörden getäuscht worden. Der Fall von Mendel P i 1 p e 1 aus der Gemeinde Cotusca; Distrikt Dorohoi, dem die Erlaubnis, in der Gemeinde zu wohnen, während er konzentriert war, entzogen wurde, ist himmelschreiend; Dieser Unglückliche, für den wir wiederholt« bei Ihnen einschritten, ist mit Gewalt ausseinem! Dorf« vertrieben worden. Wenn Sie nicht einschreiten, wird auch Hermann Grünstein ein unschuldiges Opfer sein-und auf die Straße geworfen werden, während1 «er im Dienste des Vaterlandessteht. Solche Maßregeln machen einen tiefen Eindruck auf die einheimischen Juden. Sie fragen sich mit Recht, wie die Menschen so behandelt werden können, welche in dem Volksheer des Landes ihre Pflicht erfüllen. Seit Monaten — vielleicht seit fast einem Jahr — haben' sieihren Herd und ihre Geschäfte verlassen, und ihre Familien befinden sich in Elend; Dies demoralisiert sie völlig, und wir, Herr-Minister, mödtten sie gerade seelisch aufrichten, damit sie; wenn es gilt, ihre Blutpflicht gegenüber dem Vaterland ah erfüllen, mit Begeisterung!. insBeld' ziehen. - Wir ersuchen Sie deshalb, zu verfügen,, daß die ungnlückliche Frau m Ruhe gelassen werde und, damit derlei Fälle sich nicht wiederholen,, durch eine allgemeine Verfügung zu veranlassen, daß diese Männer, wenigstens die, welche im Dienste sind, nicht aus ihren Wohnungen vertrieben werden.“ Brief aus CzwnowilK. (Von unserem Korrespondenten.) Nach den beiden feindlichen Invasionen istr das. normale Leben in der Stadt, trotzdem sie} seit mehr ials einem Jahre wieder in unserem Besitze ist, noch nicht wieda-gekehrt. Ineineit Entfernung von 8—10 Kilometern von der Stadt' dehnt sich die Kampffront aus .ünd sind dier schweren Kämpfe vom Mai-Juni 1915 und Jänner 1916 an der Bukowinaer-Bessarabischeii Grenze noch' jedermann in. Erinnerung. Wohl' hat diel. Stadt äußerlich ihr* gewöhnliches Aussehen wieder eingenommen und wickelt sich bei der großen Zahl durchmarschierender Truppenein; lebhafter Verkehr ab, aber das kulturelle Leben ist hier naturgemäß — da der größte Teil’ deic. Bevölkerung entweder eingerückt oder geflüchtet ist — zu einem Stillstände gelangt. > Das jüdische Wirtschaftsleben leidetinfolge, des Krieges an mannigfachen Anomalien. Ute Kaufmannschaft hat mit den Schwierignkeiten, der Warenzufuhr zu kämpfen und bedingen es.- die mit der Marktlage nicht immer in Einklang stehenden Tarife, daß sie oft nur unter großen. Schwierigkeiten: die Geschäfte weiter, betreiben, können. Die gleichmässige Beteiligung aüer.praduzierendea und handeltreibenden- Schichtender verschiedenen hier wohnenden Nationen: an den. vor den Strafgerichten verhandelten Fällen von« Preistreiberei beweisen (wieder, daß Krankheitserscheinungen im Wirtschaftsleben nicht, einer Rasse oder einer Nation auf das Schuldkonto gesetzt werden dürfen. Von einer zionistischen. Tätigkeit konnte hier bis in die letzte Zeit keine Rede sein.. Di« Mitglieder der akademischen Verbindungen: sind; zum größten (Teile hn Felde; Die zionistischen- Vereine haben begreiflicherweise ihre Tätigkeit nicht wieder aufgenommen. Das Bukowina«! Zionistische Landeskomitee, .welches; seine« Sitz/ im Wien aufgeschlagen bat, hat trotzdem, wieder Verbindung mit den einzelnen Bukowinaer- Städten (Kimpolung, Dorna, Doma-Kandreny, Gurahumora, Radautz, Sereth) gefunden und seine Vertrauensmänner zur 'Arbeit angeeifert. Sohat die Schekelsammlung in Czemowitz und einigen anderen Orten ein verhältnismässig günstiges Resultat ergeben; Für die Kriegslaadspende, eine Institution, die in der Bukowina überaus populär geworden ist, sind in diesem Jahre 2237 Kronen eingeflossen. Die Sammlung für die. 100f- Dunam-Stiftung zu Ehren des. Bürgermeisters-Dr; v. Weisseiberger und. des. Gg. Dr. Philipp Men-- czei dürfte das erwartete Resultat ergeben. Audi, für das Palästinähilfswerfc sind Spenden aus der- Bukowina eingelaufen, letzthin auch von der. jüdischen Jugend aus Czemowitz. Bei dem Mangel an Arbeitskräften und der geringen Anzahl der in der Stadt verbliebenen, wohlhabend er en- Bürgem ist .eine größere Sammeltätigkeit« picht möglich. Die Zionisten versammeln sich jeden- Samstag beim Stammtisch im Cafe Habsburg) und können hier jedesmal Gesinnungsgenossen aus dem Felde begrüßt werden. Die „Jüdische Zeitung“ una die „Jüdische Rundschau“ werden ge* Juden, zeichnet die vierte österr. Kriegsanleihe!