Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 17 (28.4.1916)
- Date
- 1916-04-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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V Nr, 17 ___JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 getan, ein Bindeglied zwischen westlicher und östlicher Sprechkultur zu werden, sondern muß gerade durch das Eigenartige seiner Ausdrucksweise, und Aussprache befremdend und entfremdend wirken. . . . Die Grundlage hierfür ist die Frage: Bilden Ostjuden und Westjuden eine homogene Masse? Diese Frage ist zu verneinen und zwar aus rein historischen Gründen. Die westlichen Juden erfreuen sich schon mehr als 100 Jahre der Emanzipation. Wir wollen ihren Wert nioht überschätzen, wie es vielleicht geschieht. Aber die Tatsache, daß ein Jahrhundert Freiheit uns umgibt, ist nicht aus unserer Entwicklung fortzuleugnen. . . Nun will Dr. Goldmann die östlichen Juden nach Deutschland verpflanzen und sieht hierbei keinerlei Schwierigkeit. Müßte ihm nicht die Geschichte der Emanzipation der deutschen Juden zu denken geben, die so viele traurige Kapitel aufweist und uns eigentlich auf jeder Seite lehrt, „ wie bedenkliche Kinderkrankheiten sie durchzumachen hatte und daß sich die Eingliederung der deutschen Juden in den deutschen Gesellschafts¬ und Wirtschaftskörper keinesfalls so ohne jeden Widerstand von' außen und innen vollzogen hat? ... Der Lebensstandard des Gros der Ostjuden steht weit unter dem der gleichen Klassen und Stände Deutschlands angehörigen Bevölkerung. Die Folge davon wäre und müßte sein, daß die Ostjuden wegen ihrer geringen Lebensbedürfnisse auf den Arbeitsmarkt drücken werden. Ein Blick nach London und Newyork bestätigt uns dies, denn dort, gelten die Ostjuden als Lohndrücker schlimmster Art, umsomehr als sie sich dem gewerkschaftlichen Zwang dank ihrer individualistischen Denkweise zu entziehen suchen. Die Folge davon wäre wirtschaftliche und gesellschaftliche Unbeständigkeit und Wurzellosigkeit mit allen ihren trüben Begleit- und Folgeerscheinungen. . . . Aber ich kann mich dem Gedanken nicht verschließen, daß es gewagt erscheint, die deutschen Juden schon heute einer so gewaltigen . Belastungsprobe auszusetzen, wie sie die Aufnahme einer so großen Zahl von deutscher Kultur wesensfremden Glaubensbrüdern darstellt, für die man in gewissem Sinne die Verantwortung zu übernehmen hätte. Jeder, der bauen will, sucht festen Grund, gewachsenen Boden. Nun, dem Baugrund, in dem das deutsche Judentum wurzelt, fehlt noch teilweise die Tiefe. Soll die mühselige Kulturarbeit ganzer Generationen zunichte gemacht Werden durch ein gewagtes Experiment, das weder den Tatsachen, noch dem Kräfteverhältnis Rechnung trug? Und alles dies, weil, wie Dr. Goldmann meint, eine Ausnahmegesetzgebung, welche die Grenzen sperrt, unser schlimmster Feind sei. Gewiß, darin ist ihm zuzustimmen. Ein Ausnahmegesetz, welches sich nur gegen die Ostjuden richtet, müßten wir schon vom Standpunkt des Prinzipiis obsta mit aller Entschiedenheit bekämpfen. Von dem Einwanderungsverbot dürften jedoch nicht die Ostjuden als Juden betroffen werden. . Deshalb muß sich das Ausnahmegesetz gegen alle auf dieser Kulturstufe stehenden Elemente ohne Rücksicht auf ihre R e'l i g io n s z uge hörigkeit richten. Damit wird dem Verbotder Charakter des judenfeindlichen Ausnahmegesetzes genommen. Wir müssen, so schwer wir uns auch zu diesem vielleicht rigoros erscheinenden Standpnulct durchringen, im wohlerwogenen Interesse der Ostiuden selbst, wie in unserem eigenen, zur Verfechtung desselben entschließen und mit Entschiedenheit allen sentimentalen -Versuchen, den Ostjuden in großem Maßstabe Aufnahme in Deutschland zu gewähren, entgegentreten. "Die Ostjuden sind hierfür noch nicht reif. Sie müssen erst die Erziehung an sich erfahren, welche ein Jahrhundert deutscher Kulturarbeit an den westlichen Juden vollzogen hat. Da blüht uns reiche Arbeit. . . .“ In demselben Heft knüpft D. Gellert-Posen an die Ausführungen Rabb. Goldmanns die Anregung, die Ostjuden in ihren Wohnländem der Landwirtschaft zuzuführen. „Der blühende Stand der jüdischen Kolonien in Palästina, Argentinien, Brasilien, welche zum größten Teil von Ostjuden bewirtschaftet werden, .... beweist, daß die Ostjuden zum Teil wohl für den Betrieb der Landwirtschaft geeignet sind, der Staat möge nur " durch entsprechende Maßnahmen sie unterstützen. Er möge z. B. einige von den vielen Staatsdomänen oder von den geflüchteten Russen nach dem Kriege billiganzukaufenden Güter parzel- ■ Heren, in kleinere Güter, wie bei uns in Deutschland, zerlegen, diese Parzellen an für die Landwirtschaft geeignete Ostjuden verpachten oder gegen mäßige Rentenabzählung verkaufen: es würden sich dann geschlossene jüdische Kolonien mit eigener Synagoge, Volksschule und sonstigen religiösen Einrichtungen, bilden, in welchen sich diese wohlfühlen würden. Landwirtschaftliche Schulen, landwirtschaftliche Genossenschaften könnten sich hieran anschließen.“ Auf beide Entgegnungen repliziert Rabbiner Goldmann und hält seine Ansichten aufrecht. Die Redaktion aber betont ausdrücklich, daß sie ihre Stellungnahme keiner Richtung gegenüber festlegt. Als Gegenstück zu den „liberalen“ Ausführungen Prof. Philippsons sei zum Schlüsse noch eine Stimme aus dem neologen Lager wiedergegeben, die, zum Unterschied von Prof. Philippson, nicht vom Schreibtisch aus, sondern auf Grund. lebendiger Anschauungen an Ort und Stelle den vielverleumdeten Opfern eines traurigen Geschickes ein geradezu glänzendes Ehrenzeugnis ausstellt. Es ist der' Feldrabbiner Dr. Bäck, dem man eine übertriebene Vorliebe für die orthodox-religiöse Lebensanschauung der russischen Juden nicht nachsagen kann, und der über seine Eindrücke in einem der letzten Berichte an den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin Folgendes äußert: » a „Man kann diese Frauen und Männer verstehen, nur wenn man sie in ihrem Lande kennen lernt. Hier wirkt alles das natürlich', was vielleicht anderswo, wohin der Weg nach1 der Fremde sie führt, bisweilen an ihnen wunderlich oder verzerrt erscheint. . . Aber von ihrer Umgebung heben' sie sich doch deutlich ab, weit weniger äußerlich als vielmehr innerlich. Wenn man ihre Besonderheit kurz bezeichnen wollte, so könnte man zunächst' sagen: sie sind älter als die anderen. Das ist eine Eigentümlichkeit, die sie mit uns Juden allen teilen. Wir Juden schauen aus älteren Augen in die Welt: wir sind nicht erst von gestern und ehegestern; unsere Seele hat ihre lange Geschichte, in der sie gebildet wurde. Doch diese Juden des Ostens sind älter als wir. Das Schicksal, welches im Nehmen gibt und im Geben nimmt, hat sie dazu gemacht; die Kindheit hört bei ihnen früher auf, und das Leben, in seinem ernsten Sinn, beginnt eher. . . . Aber dieser Blick, in dem so viel Dasein liegt, so viel Verstehen und Wissen, bedeutet keine Erschöpfung und auch keine Müdigkeit; er ist ja auch nicht selten mit einem wundersamen, reizvollen Ausdruck fast kindlicher Harmlosigkeit vereint. Diese Menschen haben alle ihre starke Spannkraft und Stoßkraft, die in einem tiefen Selbstgefühl wurzelt. Sie tragen in sich das sichere Bewußtsein von einer geistigen und sittlichen Habe, die sie ererben, sie empfinden es lebhaft,, daß sie in einer alten; höheren Kultur wohnen. Nur weil ihre Seele diese Fähigkeit besitzt, hinabzusehen und verachten zu können, nur darum ist sie imstande, alles zu überwinden, was so mancher Tag über sie verhängt hat. Es ist gewiß, daß nicht in allen ein solches Bewußtsein als sittlicher Schutz und als sittlicher Ansporn wirkt; mancher geht im Gewöhnlichen und im Niedrigen auf, und es ist bekannt, daß, zumal in den größeren Städten jener ältere Blick aus den Mädchen- und Frauenaugen der sein kann, welcher von einem beklagenswerten Dasein in der Tiefe spricht. Das ist ja „des Unglücks eigentlichstes Unglück“, wenn es den Menschen schlechter auch noch macht. Aber trotz allem, es ist nicht anmaßend, zu sagen: in den Juden des Ostens besteht dort die höhere seelische Kultur, und sie wissen davon und sie leben von diesem Bewußtsein. Ihr Wille zum eigenen Dasein ist im Sittlichen begründet. Mit dieser ihrer Lebenskraft ist dann ein weiteres verwachsen, was manch einer aus der Ferne geneigt wäre, ihnen abzusprechen: ein starker Mut. Für diese Menschen, Frauen wie Männer, gibt es kaum ein Zurückweichen vor dem Ungewissen. Es ist nicht bloße Unternehmungslust; denn sie setzen nicht nur Geld und Gut, sondern sich selbst ein. W'enn es den Kampf ums Dasein, um die Zukunft gilt, wagen sie ihr Leben überall hin. Man kann es hier beobachten, wie sie bis in jedes Gebiet der Gefahr hineinzukommen suchen, um ihren Unterhalt zu erringen, wie sie oft mit ihren kleinen gebrechlichen Wagen die Winternacht hindurch durch fielen Wald fahren, um des Morgens an der großen Landstraße zu stehen und dort ihre Waren zu verkaufen. Mit diesem Mute treten sie auch dem Zukunftsschicksal gegenüber. Es gibt hier viel bittere Sorge; aus der Sorge und in die Sorge ist das Dasein hier hinanfgestiegen, aber es gibt dennoch keine eigentliche Verzweiflung, keinen Pessimismus in diesen Menschen. Sie alle glauben doch immer wieder an die Zukunft. Diese Männer und Frauen, sie sagen zu uns, mit dem Dichterworte, das aus ihrem ganzen Leben, aus ihrem alten und doch jungen Blick zu uns spricht: ,Wir heißen euch hoffen'.“ Die „Jüdische Zeitung“ ist im Einzelverschleiß in der Buchhandlung R. L ö w i t, I. Roten turmstraße 22 und in dem Zeitungsbüro Goldschmied t, I. Wollzeile 11 erhältlich. Rus ite jüdisdKB Hell. Der „Jewish Advocate“ berichtet in seiner Nummer vom 9. März über den Empfang einer jüdischen Deputation durch den Botschafter Herrn Henry Alorgenthau in Newyork. Die Deputation bestand aus den Herren Dr. Schmarjahu L e v i n, W. G 1 u s k i n, Dr. Ben-Zion Moss in s o hn und E. W. Le \v in - E p s t e i n, und suchte den Botschafter auf, um ihm für seine Hilfstätigkeit zu Gunsten der palästinensischen Juden ihren Dank auszusprechen. Herr Morgenthau teilte der Deputation mit, dab nach seiner Ueberzeugung die palästinensischen Juden keine weiteren Schwierigkeiten zu erwarten brauchten und zuversichtlich auf die freundliche Unterstützung der osmanischen Regierung rechnen dürften. Der „Jewish Advocate“ berichtet in der gleichen Nummer über eine Rede, die Herr Morgenthau am 5. März auf der Jahresversammlung der Newyork Educational Alliance gehalten hat. Er behandelte ausführlich die jüdische Kolonisation in Palästina und deren Zukunftsaussichten und gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß in Palästina die Ansiedlung vieler Millionen Juden zwar in absehbarer Zeit nicht möglich sein werde, sodaß die wirtschaftliche Notlage der Juden durch die jüdische Kolonisation Palästinas allein nicht gelöst werden kann, daß jedoch Palästina sehr wohl zu einem Zentrum höchst entwickelter jüdischer Industrie werden könne, „daß eine nationale Sphäre jüdischen Einflusses in der ganzen Welt geschaffen würde und daß jüdische Kunst und Literatur dort zu ihrer höchsten Blüte gelangen können“. Auch wurde zu Ehren Mor genthaus in Newyork ein, besonderes Komitee von 66 Ehrenbürgern eingesetzt, das dem Botschafter den Dank Newyorks für seine bisherige Tätigkeit in der Türkei ausdrücken sollte. Zur Versammlung, die zu diesem Zwecke veranstaltet wurde, kamen ungefähr 5000 Menschen. Unter den Rednern befand sich auch der Vorgänger Morgenthaus in Konstantinopel, Oskar Strauß. In den Interviews mit den Vertretern der jüdischen Presse schilderte Morgenthau die wirtschaftliche Lage der Juden in Palästina und ermahnte, großzügige Geldsammlungen zu ihrem Besten zu veranstalten. Botschafter Morgenth au beabsichtigt, am 5. Mai die Rückreise nach Konstantinopel anzutreten, um seinen Posten wieder aufzunehmen. Damit werden die Gerüchte widerlegt, die von seinem Rücktritt sprachen. •* Dem soeben erschienenen America n- Jewish Yearbook 1915—16 ist zu entnehmen, daß die Zahl aller Juden 13,277.542 beträgt und zwar leben in .Europa 9,988.197 (hiervon im europäischen Rußland 5,939.770 und in Oesterreich- Ungarn 2,258.262), in Asien 356.617, Afrika 413.259, Australien 10.415 und in Amerika 2,500.054 (allein im Staate Newyork 2,258.262) Juden. Den Angaben liegen die Resultate der letzten Volkszählungen zu Grunde. * Der bekannte jüdische Richter, Meyer S u 1 zberger in Philadelphia, der nach langjähriger vielseitiger Tätigkeit sich in den Ruhestand zurückgezogen, hat, wurde von dem Orientalistenklub in Philadelphia in einer eigenartigen Weise geehrt. Am 13. Jänner versammelten sich die Mitglieder zu einer Festsitzung, bei der dem gefeierten Kollegen unter zahlreichen Reden und wissenschaftlichen Vorträgen ein Gedenkband überreicht wurde. Der Band besteht aus Ansprachen in nicht weniger als 15 orientalischen Sprachen, alle in Originalbuchstaben und begleitet von einer .Uebersetzung ins Englische. Der Band enthält demgemäß Ausführungen auf Sumerisch, Assyrisch, Phönizisch, Aramäisch, Hebräisch, Arabisch,- Syrisch, Aethopisch, Aegyptisch, Persisch, Sanskrit, Avesta, Pah, Chinesisch und Türkisch. Die Originalität kann man dieser Ehrung jedenfalls nicht absprechen. ■* In jüngster Zeit fanden in Rußland drei wichtige Kongresse statt, ein Kongreß des kriegsindustriellen Komitees, ein Kongreß des Städteverbandes und ein solcher des Semstwo-Ver-- bandes. Sämtliche Tagungen sprachen sich in ihren Beschlüssen entschieden zugunsten der jüdischen Gleichberechtigung aus.' In Warschau befaßt sich eine aus Lehrern verschiedener jüdischer Schulen zusammengesetzte Kommission mit der Festsetzung einer jidischen Terminologie für mathematische Wissenschaften. Soeben wurde, dem- „Warschauer Tagblatt“ zufolge, der erste Teil, der die arithmetische Terminologie enthält, beendigt, der demnächst auch erscheinen wird. Dam (fhobfil muß von jedem Zionisten bezahlt werden. Die Zionistisdie v%l Idld Organisation muß erhalten und gestdrht werden.