Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 15-16 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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‘ Nr. 15/16 __JÜDISCHE ZEITUNO_Seite 13 Ein Brief naxim ‘ Die „Jewr. Nedeljä“ vom 7. 10. Februagenthält einen bemerkenswerten Brief von Maxim Gorki an Baal - Machschavvoth. Letzterer hat nämlich die Gründung der „Russischen Gesellschaft zum Studium der jüdischen Frage“, an deren Spitze Gorki stand, besprochen und sich über Gorki im mitleidigen Tone ausgesprochen. Gorki antwortet ihm nun: „Ich begreife, daß Sie als Jude einem-Russen i$nißtrauen, selbst dann, wenn der letztere zu ihm kommt mit den Gefühlen der aufrichtigsten Freundschaft und mit offenem Herzen. - Wir Russen sind sehr verspätet mit der Lösung der jüdischen Frage im Sinne der Gleichberechtigung. Aber wir haben ja auch unsere Lebensfrage noch nicht gelöst. Auch wir kennen die Begriffe „TsCherta“ und „Pogrom“. Aber wir wollen unsere Wunden nicht gegenseitig biosstellen. Wir müssen unsere Kräfte anspannen im Kampfe gegen die Unterdrückung und Knechtung der Menschen.“ Gorki wendet sich gegen die Auffassung, als ob die Juden und besonders die jüdische Intelligenz der „Russischen Gesellschaft“ fern-, bleiben sollten. Im Gegentpil: Ist es denn nicht notwendig, daß die breiten Volksmassen wissen, wieviel der Jude, den wir jagen, auf geistigem Gebiete geleistet hat? Ich wiederhole, ich verstehe Ihre traurige Ironie, Baal Machschawoth. Ich ziehe' auch nicht darüber mit Ihnen ins Feld. Aber es gibt Fälle,- wo sogar ein edler Skeptizismus nicht ganz am Platze ist. Das ist das, was ich Ihnen sagen wollte.“ Bus Palästina. Ueber die Tachkemoni - Schule in Jaffa wird folgendes berichtet: < Der Unterricht an der Schule wird in normaler Weise fortgesetzt. .Es wirken augenblicklich 13 Lehrer an der Schule. Die Schülerzahl, außer dem Kindergarten, beträgt 176, die auf 9 Klassen verteilt ist. Die Schüler zeichnen sich durch tüchtiges* Wissen in jüdischen und profanen Lehrgegen-i ständen aus und ist die Zucht und Ordnung lobenswert. Im vergangenen Sommer nahmen auch die Lehrer und Schüler an der Bekämpfung der Heuschreckenplage teil. Aus Jerusalem wird der „Frakf. Ztg.“ unter dem 25. Januar geschrieben: Seit gestern Abend haben wir tüchtiges . Schneegestöber und die heilige Stadt hat sich nun in ein ehrwürdiges Weiß gehüllt. Den Oelberg ragt empor wie ein weißer Riese, selbst die Kuppel der griechischen Kapelle hat über ihren goldenen Glanz die weiße Decke werfen müssen, und der Oelberg wehrte sich vergeblich, er mußte seine immergrünen Blätter verzuckern lassen. Ganz ruhig liegt die Stadt unter ihrer weißen Hülle: fast alle Läden; sind geschlossen, die meisten Schulen mußten den Unterricht zu ungewöhnlich früher Stunde abbrechen, da die geringe Anzahl der Schüler und Schülerinnen der Mühe nicht lohnte: viele Kinder waren wegen unzureichender Fußbekleidung daheim geblieben, aber manche hatten sich auch einfach nicht in die Kälte hinausgewagt. Jerusalem ist nicht auf einen harten. Winter eingerichtet. Nur wenige Häuser besitzen Oefen und die' kalten, untapezierten Steinwände, die im Sommer - die Zimmer angenehm kühl erscheinen lassen, geben im Winter eine unbarmherzige Kälte. Und doch müssen wir diesem Schnee sehr dankbar sein. Er brachte uns das langersehnte Wasser für die Zisternen, denn der Regen hat dieses Jahr lange auf sich warten lassen und ist nur spärlich gefallen. Außerdem hofft man, daß die Heuschreckeneier, diese Hüllen der millionenköpfigen, schlafenden Gespenster, deren Erwachen im nächsten -Sommer man stets mit solcher Furcht entgegensieht, erfrieren werden. Und wenn die Schneewölkchen das zustande bringen, dann sind sie uns willkommene Gäste .in 'Jerusalem. * In Jerusalem ist der deutsche Generalkonsul Schmidt gestorben. Generalkonsul -Schmidt hat in den langen Jahren seiner Wirksamkeit in Palästina sein Interesse für die jüdische Bevölkerung -bekundet und sich den Ruf wohlwollender Sachlichkeit erworben. Der Hingang des verdienstvollen Beamten, der sich durch seine große Menschenfreundlichkeit die Achtung weiter Kreise erworben hatte, weckt allgemeine Teilnahme. * In Jerusalem werden gegenwärtig die Stadtverwaltungswahlen vorbereitet. An Stelle der fünf austretenden Mitglieder der Verwaltung werden, fünf neue gewählt. Seitens der Juden wurden als Kandidaten die Herren Joseph Eljaschar, Izchak Adass, Israel Porath und Jaakow W a 1 er o aufgestellt. In dem vom Frauenverein veranstalteten Vortragszyklus hielt Herr A. M. Lifschitz einen Vortrag über die „Lehre der Psychologie von Herbert-lind Wundt“ und Herr Sch. Schüler über „Jehuda Halevi“. Oie Beteiligung 1er Juten am Kriege. Ein Appell an die Kultusgemeinden. Die Budapester „Allgemeine Jüdische Zeitung“ hatte angeregt, daß jedes ungarische Rabbinat eine genaue Statistik der Beteiligung der Judenschaft des betreffenden Rabbinatsbezirkes am Kriegsdienst zusammenstelle. Sie erhielt nun die erste Zusammenstellung aus dem Bezirke B ethlen. 238 Juden sind dort eingerückt und zwar 113 Verheiratete (die insgesamt 198 Kinder haben) und 125 Ledige. 34 sind jünger als 20 Jahre, 102 stehen zwischen dem 20. und 30., 57 zwischen dem 30. und 40., 36 zwischen dem 40. und 45., und 9 zwischen dem 45. und 50. Lebensjahre. Dem Berufe nach sind: 2 Advokaten, 1 Gerichtsexekutor, 1 Bezirks-Rechnungsrevisor, 1 Steueramtspraktikant, 1 Advokaturskandidat, 4 angehende Aerzte, 6 Buchhalter, 5 Kanzlei-Angestellte, 3 Agenten, 18 Kaufleute, 8 Handelsangestellte, 14 kleine Landwirte, 82 Handwerker una Handwerksgehilfen, 64 Gastwirte und Gemischiwarenhändler, 12 Fuhrleute und 6 Arbeiter. Dem Range beim Militär nach sind: 1 Oberleutnant, 3 Leutnants, 6 Kadetten und 24 Unter- Offiziere. Bis jetzt waren 172 an der Front, 18 werden noch ausgebildet. Den Heldentod erlitten 10. In Kriegsgefangenschaft gerieten 12. 13 wurden schwer, 27 leicht verwundet, 5 sind gänzlich invalid. Ausgezeichnet wurden bis jetzt 8. Wie ersichtlich fehlt in dieser sonst mustergültigen Statistik noch die Angabe der Zahl der "in dem Bezirke wohnenden Juden im Alter von 18 bis 50 Jahren, — eine Angabe, durch welche man auch das perzentuelle Verhältnis der jüdischen Eingerückten zur Zahl der jüdischen Einwohner in den in Betracht kommenden Altersjahrgängen feststellen und dann mit dem entsprechenden Verhältnis auf nichtjüdischer Seite vergleichen könnte. In einer statistische^ Aufnahme im orthodoxen Rabbinatsbezirke K o 11 a (Komitat Komom) für die „Allgemeine Jüdische Zeitung“ ist denn auch schon dieser Mangel beseitigt. Nach dem betreffenden Berichte sind von den 40 Juden des Bezirkes, die im Alter zwischen 18 und 50 Jahren stehen, 30 eingerückt, wovon 18 ledig und 12 verheiratet sind. Wenn die jüdischen Kultusgemeinden nicht nur in Ungarn, sondern auch in Oesterreich und anderwärts, ihre Aufgabe in dieser verantwortungsvollen Zeit verstehen wollen, dann müssen sie der Anregung des ungarisch-jüdischen Blattes Folge leisten. Es gibt doch für jede Gemeinde, ob groß oder klein, wirklich nichts leichteres, als eine Statistik, wie die beschriebene, auszulegen und zu führen. Möge bedacht werden, daß , sich aus diesen Einzelstatistiken ein genaues und bedeutsames Bild der jüdischen Gesamtleistung im Militärdienste ergeben würde. Wir appellieren an alle jüdischen Kultusgemeinden, uns ihre Zusammenstellungen einzusenden. An uns wird es liegen, sie für den Gesamtzweck zu sammeln und zu verarbeiten. Jüdisches Kriegsarchiv. Wien, II., Zirkusgasse 33. , Zionistisdie Bewegung. Wien. Die durch ihren in dieser schweren Zeit doppelt rühmenswerten, zionistischen Eifer bekannte „Vereinigung absolv. Handels- und Exportakademiker Neure Jehuda“ organisierte im Laufe der letzten Monate auf ihrer Bude einen Kreis jüdischer Mädchen, die dem Zionismus bisher gänzlich ferngestanden waren und die nunmehr einen selbständigen zionistischen Mädchenverein bilden. Diesem schloß sich auch der bisher bestandene Mädchenverein „Moriah“ an, dessen Namen der neue Verein angenommen hat. Wenn die neue „Moriah“ die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen wird, dann werden wir Kreise erobern können, die uns bis jetzt wegen der mangelnden weiblichen Agitation unzugänglich waren. Allwöchentlich und zwar an jedem Mittwoch um 8 Uhr abends veranstaltet die „Moriah“ auf ihrer Bude (9., Servitengasse 10) einen Vortragsabend, um die jungen Damen über den Zionismus, seine Theorie und die praktische Betäti* gung, zu belehren. Wir wollen .hoffen, daß unsere Gesinnungsgenossen die Wichtigkeit einer festgefügten zionistischen Mädchenorganisation erkennen und in ihrem Bekanntenkreise für die neue „Moriah“ werben werden. Ei. P. * Krakau. Hier fand in letzter Woche eine zionistische Zusammenkunft statt, bei der Gg. Advokat Dr. Wahrhaftig ein ausführliches Referat über eine kürzlich in Wien im Beisein des E. A. C.-iMitgliedes, des Dr. A. H a n t k e, abgehaltene Vertrauensmännerkonferenz erstattete. Die Tätigkeit des E. A. C. fand einstimmig Zustimmung. Für den Zentralfonds wurden an Ort und Stelle 300 Kronen gesammelt. Es wurde beschlossen, eine regere Tätigkeit für den Palästina-Hilfsfonds zu entfalten. Das Arbeitskomitee hat sich neu konstituiert, und zwar wurde Gg. Advokat Dr. F e 1 d b 1 u m zum 'Vorsitzenden und Gg. Dr. Spiegel zum Schriftführer gewählt. Die Sammlungen werden energisch fortgesetzt. — In allen Parteiangelegenheiten wolle man sich an das Arbeitskomitee per Adresse der „Kredit-Union“ in Krakau, Stradom 23/1, wenden. » Im Verlage des Hauptbüros des Jüdischen Nationalfonds (Den Haag, Bierkade ^a) ist soeben als Nr. 2 der Nationaifonds-Bibiiothek eine umfangreichere Schrift von Adolf Böhm, betitelt „Der Jüdische Nationalfonds“ erschienen. Dieselbe ist auch bei der NF-Sammelstelle, Wien, 2-, Zirkusgasse 33 (Preis K 1.30) erhältlich. Hus (er jüdisdien Nett. Unserem Gg, Dr. Moses S c h o r r, Privatdozent für semitische Sprachen und Geschichte des altsemitischen Ostens an der Universität in Lemberg ist der Titel eines außerordentlichen Universitätsprofessors verliehen worden, Der Ungarische IsraelitischeLandesfonds hat beschlossen, die verwüsteten jüdischen Schulen des Karpatengebietes — Opfer russischer Vernichtungswut — wieder aufzubauen, ferner: neue Schulen zu gründen und solche zu unterstützen. Der Landesfonds hat zu diesem Zwecke 10.000 Kronen aus eigenem Vermögen zur Verfügung gestellt. Ein sehr warmer Aufruf fordert die ungarische Judenschaft zu reichen Spenden auf. Kürzlich fand in Warschau eine gemeinmeinsame Beratung der Vorsteher "äw* Synagogen statt, an der ungefähr 170 Synagogenvorsteher teilnahmen. Die Beratung hatte zum Ziel, die Verwaltungen der vielen Synagogen der Stadt zu einer einheitlichen Organisation zusammenzufassen. An der Beratung beteiligten sich auch Rabbiner Dr. Poznansky, Farbstein, Dr. Klumel, Jazkan und viele andere. Der Versuch stieß aber auf heftigen Widerstand seitens einiger Führer der Chassidim, denen es endlich gelang, die Vereinigung zu verhindern. * Bekanntlich sind 35 jüdische Rechtsamvaitsgehilfen zu Rechtsanwälteiudes Moskauer Gerichtsbezirkes ernannt worden. Nunmehr wurde beschlossen, die Zahl der jüdischen Rechtsanwälte auf 5 Prozent herabzusetzen. Es muß sich also die Zahl der christlichen Rechtsanwälte um das Fünffache vermehren, bis ein neuer Jude von einem Gehilfen zum Rechtsanwalt avan-i. eieren kann. Wie die „Rjetsch“ feststellt, kann ein jüdischer Advokat, der bereits drei Jahre als Gehilfe tätig war, im besten Falle erst im Jahre 1940 zum Rechtsanwalt ernannt werden. » Die Gehilfen des Ministers des Innern, die Herren Plehwe und Beletzki, wurden, als die verantwortlichen Urheber des berüchtigten geheimen Rundschreibens an die Gouverneure vom 9. Januar gegen die Juden, zwar ihrer Posten enthoben, doch wurde Plehwe unter Beförderung mit dem Titel eines Geheimrates und Hofmeisters zum Mitglied des Senats, Beletzki mit einem Jahresgehalt von 54.000 Rubeln zum Gouverneur von Irtusk ernannt. ♦ Wie „Dagens Nygeter“ melden, betragen, laut offiziellen Angaben der russischen Militärstatistik, die Verluste der russischen Armee vom 1. Jänner 1915 bis zum Ende des Jahres 1,942.610 Mann. Davon sind gefallen 406.348, in den Spitälern infolge ihrer Verwundung gestorben 265.716, infolge anderer Ursachen in den Spitälern gestorben 201.122, vermißt sind 476.155, verwundet 573.269 Mann. Die Juden, die Weniger als 4 Prozent der Gesamtbevölkerung betragen, sind an den Verlusten mit 4.5 Prozent beteiligt. » Wie eine Zusammenstellung des Israelitisch. Zentralkosistoriums in Paris ergibt, sind bis zum 1. Februar 1276 jüdische Soldaten gefallen, 250 wurden zitiert a l’ordre de larmee, 433 von der Division oder vom Regiment, 120 wurden ausgezeichnet mit der Militär-Medaille, 210 mit der Ehrenlegion. In die Zahl der Toten sind die der vielen fremden Juden, zirka 4000—5000 (Russen, Rumänen usw.), die in den Fremdenlegionen kämpfen, nicht mitgerechnet.