Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1916-04-14 · 15-16 (14.4.1916) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
15-16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438572-2438587--4759-2444666
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite. 12 ist nämlich der Verwaltung in Polen zugeteilt. — Red. „Jüa. Ztg.-j in gleichem Maße von‘den polniscnen Juden. Ihre Wiederkehr nach iJeutsdiland wäre ja im (jrunde eine Heimkehr (.') nacJi acm Lande, . . dessen Spracne ... sie noch heute sprecnen. Nun sollen sie diese Spracne jetzt gründlich erlernen, um so bald ais möglich in größeren Massen nach Deutscmand zu ziehen und dort ihre Mission ertuhen zu können. Deutschland bedarf ihrer.“ Wir hätten ein lustiges Ideal: eine Purim- Nummer des „Simpiicissimus“ mit diesen Ausführungen an der äpitze. Der letzte Abschnitt des Aufsatzes konstatiert jedoch, daß die Ostjuden gar nicht daran denken, in Massen auszuwandern, In Ruß - land hat das reaktionäre Regime bankerott gemacht und mit ihm die bisnerige Judenpolitik — sagt unser Autor. Beweis: die Stadtverordneten-Versammlung in Smoiensk hat sich für die Abschaffung aller beschränkenden Judengesetze erklärt, ebenso das lrkutsker und Charkower ßö rsen komitee, die Ban k fachmänner zur Finanzierung russischer Kurorte und dergleichen mehrere. In Polen wieder — na, das wissen wir ja schon. Una hätte es noch eines beweises für die künftige glänzende Stellung der Juden in diesem traditionellen Judeneldorado bedurft, so „erhellt das unzweideutig aus dem Manifest des Obersten Polnischen Nationalkomitees“, welches der Autor langmächtig zitiert. Er fügt jedoch ausdrücklich hinzu: „Es hat aber dieser feierlichen Versicherung gar nicht bedurft ,— —Punktum. (Fortsetzung folgt) Der ameribaniscti-jüdisdie Kongreß. Die schon lange begonnene Bewegung für die Einberufung eines amerikamschjüdisdien Kongresses, die besonders von den Zionisten und nationalen Elementen in Amerika geleitet wird, hat bereits viele Phasen zu verzeichnen. Das „American Jewish Committee', das mit der Idee eines Kongresses auf nationaler und demokratischer Grundlage von Anbeginn nicht sonderlich sympathisierte, hat mehrrach seine Stellung in dieser Frage unter verschiedenen Vorwänden gewechselt, bis es schließlich zu seiner jetzigen, ablehnenden Haltung gelangte. Nun hat sicn diesem Komitee auch der assimilatorische Flügel des sozialistischen Arbeiterverbandes, der sich ursprünglich für den Kongress erklärte, angeschlossen. Ungeachtet dessen arbeitet das rührige Kongresskomitee weiter. Zum1 Zwecke der Entscheidung über die Frage des Zeitpunktes wie auch der Tagesordnung des Kongresses und der Ausarbeitung eines Planes für die Wahl von Delegierten zu demselben, wurde vom Kongresskomitee für den 26. März nach Philadelphia eine allgemeine Organisationskonferenz einberufen. Ueber das Ergebnis dieser Konferenz liegen bislang keine Berichte vor. Dafür bringen die amenkanisch-jüd.sclien Zeitungen ausführliche Berichte über die Vorkonferenzen in den einzelnen Städten, in welchen die Wahlmänner für die Organis'ationskomerenz gewählt wurden, die die begeisterte Stimmung der gesamten Judenheit für den Kongress widerspiegeln. Eine solche Vorkonferenz fand am. 22. Feber auch in Newyork statt. Es war zu erwarten, daß hier, im Herzen aller Verhandlungen und Reibungen, die Konferenz einen stürmischen Verlauf nehmen werde. Für Kenner der Verhältnisse war es auch klar, daß die Beschlüsse Newyorks für die amerikanische Provinz richtunggebend sein werden. An der Konferenz, auf der nur Manhattan vertreten war — für Brooklyn und Bronxville werden demnächst besondere Konferenzen einberufen werden — beteiligten sich 687 Deleierte von 448 jüdischen Körperschaften. Darunter efanden sich vier große Föderationen (die polnische, beßarabische, galizische und rumänische), 26 Kongregationen, 65 Landsmannschaften, 25 zionistische Vereine, 2 Talmud-Thora-Gesellschaften, 10 professionelle Arbeitervereine und 100 Logen verschiedener Orden. Den Vorsitz führte der Großmeister des Ordens Brith Abraham1 Leon Sanders, und die Hauptredner , waren Rabbiner Stephan D. W i s e, der Vorsitzende des Ordens Bne-Zion Joseph Barondes, und der Vertreter des Arbeiterverbandes und Führer der Poale-Zion Amerikas Dr. N. S i r k i n. Die mit einer überwiegenden Mehrheit beschlossenen Resolutionen enthielten unter anderem folgende Punkte: Die Konferenz wünscht, daß das vorläufige Tätigkeitsprogramm' des Kongresses die Frage der bürgerlichen, politischen und nationalen Rechte der Juden in den Ländern, in denen sie dieser Rechte beraubt sind, und die Frage der jüdischen Heimstätte in Palästina enthält. Die Konferenz wünscht, daß der Kongress sobald wie möglich einber-ufen wird, ohne Rüdesicht darauf, ob der europäische Krieg schon beendet sei oder nicht. Der Punkt über Palästina erregte, den Berichten aller Zeitungen zufolge, den enthusiastischen Beifall der Konferenz. Sämtliche Delegierte erhoben sich' von ihren Plätzen und ein minutenlang anhalten¬ JÜDISCHE ZEITUNG der Sturm der Begeisterung unterbrach dje Verhandlungen. Hier und dort erscholl die „tiatikwah“. cs war eine deutliche Antwort an uie Assimilanten von rechts und links, die darauf bestanden, die Paläsrinafrage von der Togesordnung des Kongresses zu streichen. Die Konferenz wählte dann 80 Deligierte, die auf der Organisations-Konterenz in Philadelphia am 26. Marz die gefaßten Resolutionen zu verteidigen haben. An der Spitze der Arbeiter-- Vertreter in dieser Delegation steht Ing. R. Ruttenberg. Eine ähnliche Konferenz fand vor kurzem auch in Chicago statt, auf der eme große Anzahl Gesellscharten mit insgesamt ca. luü.üuO Mitgliedern vertreten war, die dieselben Resolutionen faßte, wie die Konferenz in Manhattan, Brooklyn und Bronxville hielten ihre Konferenzen am 12. Mälz ab. Einen wichtigen Schritt für die Kongressbewegung stellt die Konferenz dar, die am 26.—29. Fehruar in Argentinien statttand. Mit Ausnahme der „Bundisten“ nahmen sämtliche jüdischen Organisationen, professionellen Vereine, Synagogen-Wohltätigkeitsgesellschaften' und Orden in Argentinien an dieser Konferenz teil. *' Aus Kopenhagen wird soeben gemeldet, daß an der am 26, Mäjrz in Philadelphia stattgefundenen Konferenz 400 Delegierte teilgenommen haben, welche. 3ü0 versemedene Organisationen und Einzelvereine vertraten, •Es wurde eine Resolution angenommen, wonach der geplante amerikanisch-jüdische Kongreß längstens im Dezember d, J. einberufen werden und einen demokratischen Charakter tragen soll, Ais naup.forderungen dieses Kongresses smd gedacht: 1, Die Gleichberechtigung der Juden in alien Ländern, 2.) Die. Anerkennung der jüdischen Nationalität Ueber Sie Gage Des Zionismus. Das bekannte russische A.-C.-Mitglied Herr Boris Golunerg ist in einer gescnäftlichen Angelegenheit in Newyork eingetroffen. Unser dortiges Bruderblatt „Das jüdische Volk“ veröffentlicht den Inhalt einer längeren Unterredung mit demselben über den gegenwärtigen Stand des Zionismus, aus der wir das Wesentlichste nachstehend wiedergeben: in Rußland — bemerkte Goldberg- — ist die Tätigkeit hauptsächlich auf die Kriegshilfsfürsorge konzentriert. Aber auch die zionistische Arbeit im engeren Sinne wird dort fortgesetzt, ungeachtet der großen Gefahren, denen sich die Zionisten hiebei aussetzen. So wird z. B. das Verkaufen eines Schekels als politisches Verbrechen betrachtet und noch jetzt werden einige A.-C.-iMitgüeder wegen ihrer Anteilnahme an einer zionistischen Konferenz . im Auslande verfolgt. Dies vermag jedoch die russischen Zionisten von inrer zionistischen Betätigung nicht abzuhalten. Das Büro in Kopenhagen wird während der ganzen Dauer seines Bestehens fast ausschließlich von ihnen erhalten. An den Zeichnungen auf eine Anleihe für die palästinensischen Kolonisten beteiligten sich die russischen Zionisten mit einer Million Francs. Ende Dezember fand in Rußland eine zionistische . Konferenz statt, an der sich Vertreter von sechzig Städten Rußlands beteiligten. Betreffs des Zionismus in den anderen Ländern äußerte sich Goldberg folgendermaßen: Ich habe in den letzten Monaten Dänemark und Skandinavien, Frankreich und England besucht und konnte überall konstatieren, daß der Zionismus jetzt stärker und mächtiger ist, denn früher. Dank dem Kriege haben sich für unsere Ideale solche Kreme zu interessieren begonnen, die uns fernstanden. Das bezieht sich natürlich' nur auf unsere Idee. Die. zionistische Organisation hingegen hat naturgemäß durch den Krieg gelitten. Dennoch ist sie die einzige jüdisch-nationale Körperschaft, ,die nicht aufgehört hat, überall zu arbeiten. So treten jetzt die Mitglieder des großen A.-C., die zionistischen Vertreter aus den verschiedenen sich; bekriegenden Ländern, zum dritten Male zu einer gemeinsamen Konferenz zusammen, ln Frankreich und in England ist bei den jüdischen Massen die Sympathie zum Zionismus gewachsen. In England ist dies gelegentlich des Kampfes in der Frage der Verteilung der Kriegshilfsgelder am deutlichsten zum' Vorschein gekommen. Der Forderung der Zionisten, 15 Prozent dieser Gelder für Palästina; zu bestimmen, sind bloß die sogenannten „Jehudim“ entgegengetreten. Die ganze jüdische, öffentliche Meinung hingegen, inklusive der Arbeiterpresse, war auf Seite der Zionisten. Die zionistische Propaganda in England zielt jetzt dahin, die zionistischen Bestrebungen zu allgemeinjüdischen Forderungen zu machen, auf welchem1 Gebiete eben das E. A.-C.-Mitglied N. Soko- R>w sich erfolgreich betätigt.. . Nr. 15/16 Jliis flerallgeineinenjresse. Wir haben in Nr. 11 dieses Blattes einen Auszug aus dem im letzten Dezemberheft der „Preußischen Jahrbücher“ erschienenen Aufsatz „Vom jüdisch-deutschen Geist“ von Dr. - Max Boehm gebracht. Diese außerordentlich interessante Abnandlung hätte die Broschüre Hermann Cohen's „Deutscntum und Judentum'“ vom Standpunkt des Deutschen aus ganz scharf äbgelehnt und ihr als ein Dokument richtigerer, tierer Einsicht in das Wesen des Judentums und sein Verhältnis zum Deutschtum das vom Verein jüdischer Hochschüler Bar Kocliba in Prag herausgegebene Sammelbuch „Vom1 Judentum"- gegenuoergestelltl Wir haben auch auf die Erwiderung von Goldschmidt-Faber hingewiesen, die dortselbst in dem FebrUarhefte erschienen ist, und die den bekannten assimilatorischen Standpunkt vertritt. In der Märznummer nun ist eine Antwort von Dr. Max Hildbert Boehm aufGoldschmidt-Fabers Einwände abgedruckt, die „Nochmals: Vom jüdisch-deutschen Geist“ überschrieben ist. ln aller Deutlichkeit stellt Boehm nochmals fest: „Meine Ausführungen, die sich auf die Gedankengänge eines positiven Judentumsi berufen konnten, mußten sicn gegen em Assimilationsjudentum richten, das sicn in Theorie und Praxis die. Angleichung zu leicht macht, indem es den wesenhaften Gegensatz begrifflich zu verkleistern sucht.“ In der Deutung des Wesens des Judentums scheinen ihm die „jungjüdischen Zionisten Bedeutenderes geleistet zu naben als Cohen.“ Der Kern seiner Ausführungen, schließt er, „bestand theoretisch in der AufrechterhaU tung eines Gegensatzes zwischen Judentum und Deutschtum und praktisch in der Forderung, daß sich' auf dieser Grundlage innerhalb des Judentums eine klarere Scheidung von entschlossener Selbstaufgabe und entschlossener Selbstbehauptung, von Assimilationsjudentum und Zionismus durchsetzen möge.“ In demselben Märzheft der „Preußischen Jahrbücher“ sind noch zwei Aufsätze abgedruckt, die unser Interesse erheischen: „Palästina im Kriege“ von Dr. Fritz Grobba und „Die polnisch-jidische Presse“ von Dr. Wolfgang Heinze. ln ersterem werden die allgemeinen Verhältnisse Palästinas, besonders die wirtschaftlichen behandelt und den Gründen nachgegangen, warum dort die Landwirtschaft im allgemeinen niedrig steht. Folgende Sätze, die sich auf die jüdische Kolonisation beziehen, mögen hier wiedergegeben sein: „Das gute Beispiel der deutschen und jüdischen Kolonisation übt schon jetzt einen gewissen Einfluß auf die Umgebung aus. . . Durch die, jüdische Kolonisation ist schon vielfach der verarmte und gleichgültige Fellach' durch die kapital- und kreditkräftigen und strebsamen jüdischen Kolonisten verflrängt worden. Diese .Entwicklung wird fortschreiten zum Vorteile des Landes. Ob sie dem Arabertum großen Schaden zufügen wird, wie die nationalistischen Araber befürchten, erscheint fraglich, da der Fellach später selbst als Arbeiter eine Existenz haben wird, die der jetzigen yorzuziehen ist. In Händen yon Juden befinden sich zurzeit etwa ein Zwölftel der bebauten Fläche Palästinas. .... Noch eine, zu erheblichem Teile politische Strömung, die gleichfalls den Besitz des gelobten Landes erstrebt, verdient, der Erwähnung* es ist die Zionistische... Do'ch scheint die türkische Regierung diesen Beteuerungen (der strikten Loyalität) nicht ganz zu glauben. Schuld an dem Standpunkt der türkischen Regierung, mögen u. a. sein die warnenden' Stimmen aus der Araberwelt, vielleicht auch antijüdische Bewegungen der christlichen Araber oder antizionistische Bemühungen westeuropäischer jüdischer Assimilanten.“ Der Autor des dritten Aufsatzes, Dr.Heinze, hat seinerzeit, wie auch in diesem Blatte mitgeteilt worden ist, .in "den „Preußischen Jahrbüchern“ Grenzschutzmaßregeln gegen eine ostjüdische Einwanderung nach Deutschland verlangt. Unterdessen hat er in mehrmonatigem1 Aufenthalt in Warschau das ostjüdische Leben kennen gelernt und sich anscheinend mit redlichem Eifer lim eine tiefer eindringende Kenntnis bemüht. Die Folge ist eine so unvoreingenommene Beurteilung des jüdischen Lebens in Russisch- Polen und seiner Voraussetzungen und Forderungen," besonders auf dem Gebiet der öffentlichen Meinung, daß der Aufsatz über die polnischjidische Presse eine wirklich gute Arbeit zu nennen ist. Heinze sucht „die Notwendigkeit einer eingehenderen Kenntnis der polnisch-jidischen Presse“ darzulegen, wobei er übrigens nicht die jidis che Presse allein, sondern die gesamte jüdische Presse, mit Einschluß der hebräischen Hazefirahj meint. Er weist darauf hin, daß der jüdischen Presse im1 Osten noch die Eierschalen einer Entwicklung anhaften, die nicht ohne Analogie mit jener ist, die europäische Blätter durchzumachen hatten. Er betont aber mit Nachdrück, daß es direkt eine Aufgabe der jüdischen Presse sei, ihre Leser nicht bloß durch Nachrichten zu' informieren, sondern auch zu belehren und zu erziehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.