Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 15-16 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNO Seite 11 Nr. 15/16 aber alle auch Erwiderungen zu, die mehr oder weniger in unserem Sinne gehalten waren. Den gegnerischen Keigen eröffnete merkwürdigerweise Professor Martin Philippson, der einstige Propagator des deutschen „Juuentages“, einer Jldee, die ihm damals von mancner assimilatorischen Seite den Vorwurf eines beinahe jüdisch-nationalen Separatismus eingebracht hat. Zum Angriff gegen die Ostjuden legte er los in — natürlicn — Professor Ludwig Geigers „Allgemeinen Zeitung des Judentums*:, ln zwei Aufsätzen unter dem Titel: „Oie Zukunft der Juden des Ostens“ (Nr, 41, 4o ex 1915) führte er aus, daß den östlichen Juden die volle Gleichberechtigung zu gewähren sei, aber dafür gesorgt werden muh, sie nicht „als fremden Bestandteil im nationalen Körper zu erhalten und damit der Vereinzelung, dem nicht unbegründeten Antisemitismus preiszugeben . . . Es steht jedenfalls fest, daß für die neu zu errichtende Schule der Unterricht im Hebräischen, in der Tora, sowie für die höheren Klassen im Talmud erhalten werden muß.“ Aber die Schulsprache soll in Kurland deutsch, in Litauen Russisch, in Nordpolen und in den größeren Städten, wo „es ein starkes deutsches Element“ gibt, Deutsch, im mittleren und südlichen Polen Polnisch sein. (Also an einem schönen Mosaik fehlt es nicht, wenn wir auch noch das Ruthenische für den Südosten vermissen.) Er wendet sich Weiters sowohl gegen die Orthodoxen (deren Organ, der Mainzer „Israeiit“, sich in der ganzen Frage sehr lobenswert wacker gehalten hat) als äuch gegen die Zionisten, welchen er bedenkenlos den Dr. Birnbaum zuzählt. Sie alle wollen eine Scheidewand zwischen den Juden und den herrschenden Nationen aufrichten; er aber fordert die liberalen Juden auf, dem Eifer der Orthodoxen und Zionisten nachzustreben, welche nicht nur in Deutschland für ihre Forderungen arbeiten, sondern auch ihre Abordnungen nach Polen gesandt haben. Er stößt den Seufzer aus: „Die liberalen Juden Deutschlands dagegen verharren — wie leider so häufig — in Untätigkeit!“ Sie müßten in LTebereinstimmung mit den Polen Vorgehen. Der Orthodoxie macht er folgendes zum Vorwurf: „Die Orthodoxie nimmt keinerlei Rücksicht auf die geistigen und materiellen Interessen der drei Millionen, um die es sich hier handelt. Sie will, daß das polnische Judentum bleitje, wie es ist, mit Bewahrung der Chedarim, des Jargons, des ganzen Aberglaubens und Schmutzes. . . . Freilich, wenn man unter „Religiosität“ das ganze mittelalterliche Zeremonial- und Formelsystem versteht, das die Religion in der ungeheuren Mehrheit der polnischen Juden überwuchert, so hat mein Gegner recht. Aber wir liberalen Juden, die die Mehrheit des deutschen Judentums bilden, verstehen unter Religiosität etwas anderes: die freudige Verehrung und herzliche Anerkennung der Glaubens- und Sittenlehre unserer uralten Religion, und eine solche wird durch politische und sprachliche Annäherung an die Nation, unter der wir wohnen, in keiner Weise gemindert.“ Ihm antwortete in Nr. 49 derselben „Allgemeinen“ Handelshochschuldozent Dr. Julius Hirsch, auch als liberaler Jude. Er war sechs Monate als Soldat in Polen, kennt also die Verhältnisse, anders als Philippson, aus eigener Anschauung und behauptet, daß eine sprachliche Assimilation dort nicht möglich sei, weil die Juden in Massen auftreten und die eigentlichen Träger der westlichen .Kultur in Polen seien. Hirsch würdigt eingehend die große Bedeutung des Jidisch a 1 s deutschen Sprachdialekt und fordert schließlich die Verdeutschung aller jüdischen Schulen. In Nr. 51 derselben Zpitung geht Philipp- ■ son mit ihm scharf zu Gericht. Er schreibt u. a.: „Die westliche Kultur, die angeblich die Juden in Polen vertreten, ist nur bei einigen wenigen Gebildeten zu Hause, kaum bei einem Hundertstel der Gesamtbevölkerung. Ja, hat Hirsch bei. seinem - sechsmonatigen „unfreiwilligen“ Aufenthalt in Polen nichts davon erfahren, daß eine stärke Anzahl der dortigen Juden den ■ Goi als ihren natürlichen Feind betrachtet, den in jeder Weise auszubeuten nicht allein ihr Recht, sondern' ihre Pflicht ist? Haben ihm Offiziere und Mannschaften unseres Heeres nichts von der scheußlichen Prostitution erzählt, zu der viele Juden ihre eigenen weiblichen Angehörigen benutzen, wenn sie dadurch ein gutes Geschäft machen können? ln solchem entsetzlichen materiellen und moralischen Elend hat die jahrhundertelange Trennung zwischen Juden und Christen in Polen und die daraus erfließende Unterdrückung der- Juden unsere unglücklichen Stammesbrüder herabgedrückt; und da soll man nichts unternehmen, um diesem Zustand ein Ende zu machen und jene verhängnisvolle Scheidung wenigstens zu mildem! Sie sollen die Träger der'westlichen Kultur in Polen sein? Die Schamröte steigt uns in das Gesicht, wenn wir einen solchen der Wahrheit geradewegs zuwiderlaufenden Satz zu lesen bekommen. Die Juden sollen nach Hirsch’ Meinung die eigentlichen Träger des Handels und des Gewerbes in Polen sein. Hat denn, der Herr Handelsschuldozent noch nichts davon gehört, daß seit Jahren die Juden, eben wegen ihrer nationalen Trennung, durch die Polen gänzlich boykottiert und menr und mehr von jedem Lebensunterhalt gewährenden Erwerbszweige zurückgedrängt werden? . . . Der zweite Einwand Hirsch’ geht dahin, daß „der Versuch einer sprachlichen und kulturellen Assimilation an das Slawentum die deutschen Interessen schädigen würde“. Das ist ein Grund, den wir auch von wohlwollender Seite häufig hören und der selbst bei vielen Elementen der deutschen Regierung Anklang ' findet. . . . Ja, wir gehen noch weiter una sagen: die systematische Heranbildung der Juden zu einem germanisierenden, dem Polentum nicht allein tremden, sondern feindlichen Element innerhalb Polens muß notwendigerweise die Gesinnung des polnischen Volkes gegen Deutschland aut das äußerste erhitzen und immer gehässiger gestalten. ts wird aiso uer gewünschte Zusammenhang zwischen einem neu erstehenden Polen und Deutschland beziehentlich Oesterreich-Ungarn durch den Versuch einer absichtlichen Germanisierung der polnischen Juden lediglich gestört und unmöglicn gemacht. Für diesen zweckwidrigen Versuch sollen die Juden Polens dem schrankenlosen Hasse ihrer christlichen Mitbürgerausgesetzt und geopfert werden? Als Deutscher wie als Jude muß man sich gegen ein solches Unternehmen durchaus erklären. Endlich weist man auf die unleugbare Tatsache hin, daß unter polnischer Herrschaft die Juden in Galizien sehr schlecht weggekommen seien, und daß also die Juden Kongresspolens durch Assimilation an das Deutschtum lediglich gewinnen könnten. AJ>er. weshalb stehen denn die Juden Galiziens ökonomisch wie moralisch auf einem so niedrigen Standpunkt? Gerade weil sie es hartnäckig abgelehnt haben, sich irgend mit dem herrschenden Polentum zu verschmelzen, weil sie sich soigfältig von den Christen absondem und ihre „jiddische“ Sprache anstatt der polnischen festgehalten haben. Das Schicksal der galizischen Juden ist eben der schlimmste Beweis dafür, daß eine fortdauernde Absonderung der Juden von der Nation, unter der sie leben, die Feindschaft der nationalen Mehrheit und damit das materielle und sittliche Verderben der betreffenden Judenheit zur Folge haben muß. Die Vorgänge in Galizien stellen uns deutlich vor Augen, daß ein Verfahren, wie die Orthodoxie oder die Gesinnungsgenossen Hirsch’ es wünschen, die Juden Polens mindestens auf den Tiefstand ihrer galizischen Glaubensgenossen herabdrücken würde. (Ein Trost sind den galizischen Juden die Worte des Gouverneurs, des Herrn General Diller: „Das Niveau der russisch-polnischen Juden ist ein viel niedrigeres als das der Galizianer.“ — Anm. der Red. der „Jüd. Ztg.“) ln Galizien hält die österreichische Regierung noch einigermaßen das Unheil in Schranken — wenn erst Kongresspolen seine Selbst;- regierung hat, würde das Unglück der dortigen „jiddischen“ oder deutschen Juden ein grenzenloses sein.“ , , , In einer Erwiderung, die in Nr. 2/1916 erschienen ist, .bleibt ihm Hirsch die Antwort nicht schuldig, nur weist er dessen generalisierenden Verleumdungen nicht entschieden genug zurück. Charakteristisch ist, daß dieser wohlwollende Beobachter, der sechs Monate in Polen weilt«^ die Bedeutung der Bezeichnung, „Moschko“ so erklärt: „weil ihre Sympathien nach dem Moskowitertum stehen“. — .Wie sieht es, in den Köpfen der anderen aus, wenn die Gründlicheren so informiert sind! Ebenfalls in der „Allgemeinen“ (Nr. 48 von 1915) findet sich ein Aufsatz von Dr. Willy Cohn, „Zukunftsfragen des deutschen Judentums“, der in unserem Blatte schon einmal gehörig beleuchtet wurde und in welchem folgende Sätze zu unserem jetzigen Thema gehören: . „Wir wollen unsere jüdischen Glaubensgenossen des Ostens, die, vielleicht durch diesen Krieg zu Deutschland in engere Beziehungen treten, in jeder Weise zu heben suchen^ ihre Entwicklung, wo es immer geht, unterstützen und fördern, aber wir wollen und müssen auch zwischen ihnen und uns eine Scheidelinie errichten, wollen wir nicht das deutsche Judentum auf das empfindlichste schädigen. Sie in die Gemeinschaft des deutschen Judentums aufnehmen, hieße das Judentum zu einem undeutschen machen, und auf dem „deutsch“ liegt der Schwerpunkt und soll er liegen. Schwere Probleme birgt die Judenfrage des Ostens in sich; wenn wir ihre Lösung versuchen, so müssen wir immer in erster Linie unser deutsches Judentum in den Vordergrund treten lassen, wollen wir keinen Selbstmord an unserer Art begehen.“ Nr. 5/1916 derselben Zeitung bringt einen Artikel von der Feder A. Brückners, des Professors an der Berliner Universität, eines gebürtigen Polen, unter dem Titel: „Das Ostjudentum am Scheidewege.“ Der Aufsatz, der mit einiger Einschränkung von der Redaktion warm empfohlen wird, enthält u. a. folgende Ausführungen : „Uns interessiert hier nur der Jargon als Unterrichtssprache. Im Prinzip das einzig Gerechte: die jüdischen Kinder verstehen nichts als den Jargon, folglich muß ihnen der Unterricht im Jargon erteilt werden, sSoII er nicht zu einer Quälerei ausarten. Gerade die Polen, welche am eigenen LeiDe nie wunaeroaren pädagogischen Enolge fremdspracMicnen urnerriuns scnmcrzhatt spüren, weraen nach'dem Urunusaiz: lue nicht anderen an, was dir seiost ntcnc lieb ist, uas vone Recht uer .jüdiscnen Kinder aut Jargon als untemchisspracne anerkennen; uaraus ergibt sich uie Notwendigkeit, daß poiruscne und jüdische Kinder tur immer getrennt bieioen, was ja die jüdischen Nationalisten gerade wünschen, uieser erste oenrue zient jeuoen weitere, bedenkuchere, nach sich. Man kann uoen nicht alle jüdischen Kinder, die ja, da die Juden hauptsacnucn nur in Stauten wohnen, Stadtkinder sinu, zur btoßen voheuunng der Antangsschuie annaiten; manche woden weiter hinaus, über eine bloße nueiscnuie weg. Ist nun der Jargon aucn tür einen etwas notieren Unterricht geeignet? Die rrage ist unbedingt zu verneinen.. . . Ja, näite uer Jargon eine hundertjährige Entwicklung hinter sien, wäre er eine aCiirirtspracne (wie das V lännscitle zum Beispiel), aber erst ihn künstlich zu einer Schriftsprache zu züchten, die keinen Augenblick genügen kann, von der man stets zur deutschen ochnttsprache greiien muß, wäre wohl unverzeihliche Verschwendung von Zeit und Müne... Die polnischen Juden sind auf Polen angewiesen, sie sind keine internationalen Freimaurer und noen weniger heimatlose /.lgeuner; inr eigenstes Interesse ist daher mit dem des Landes aurs engste verknüpft; wer oder was würue ihnen Polen ersetzen? Amerika, Palästina etwa? Eine nüchterne Erwägung muß sie belehren, daß sie zum Lande gehören, daß jeder dauernde Separatismus, daß jedes Ausspielen fremder Intervention (ob nun uer russischen oder deutschen) sich an innen seiost räcnen muß... Gewiß soll die jüdische Jugend Hebräiscn lernen, das schuldet sie schon inrer vieltausendjänrigen Geschichte, aber zur wirklichen beiebung der toten Sprache, dieses Latein oder Griecniscli1, dürfte es nicht leicht kommen, namentlich 'wenn der Purismus, der Klassizismus siegen würde, der ja einst schon dem Latein den Garaus gemacht hat. Nun ist die Kluft zwischen nebräisch und Jargon nicht zu überbrücken; eine hebräische V/eltgeschichte oder Astronomie ist eine hochverdienstliche Sache, eine solche, im Jargon könnte eher nur die Lachmuskeln reizen. Uer Jargon sollte daher nur. Notbehelf sein, sollte auf polnischem Grund und Boden nicht zum Deutschen, sondern zum Polnischen überleiten. Man denke an die Verhältnisse in Galizien; sie sind gewiß nichts weniger als ideal, aber hat hier je der Antisemitismus Orgien gefeiert? Auch hier übersteigt ja der Prozentsatz der Juden die Zahl 10, auch hier wohnen sie hauptsächlich in den Städten, aber gerade die Jugend beider Religionen ist sich hier nicht entfremdet, ein gedeihliches Zusammenleben möglich; nur gibt es hier keine Jargonschulen, die die jüdische Jugend von der Berünrung mit der polnischen ausschlössen. Die jungen Juden sprechen und lernen Polnisch, bleiben dabei doch Juden: ein Verhältnis, das jedenfalls dem vorzuziehen wäre, was sich in Polen anzubahnen scheinE“ * „Ost. uncl West“, Feber-Märzheft, bringt einen anonymen großen Aufsatz, ,,Die üstjudenfrage“, in welchem merkwürdigerweise viele Sätze beinahe wie von Segels berüchtigter Broschüre abgeschrieben erscheinen. „Polen und Juden“ heißt es darin, „vertrugen sich ausgezeichnet“ und nur der Zarismus verursachte den polnischen Antisemitismus. „Da nun Rußland aus Polen wieder abgezogen“, so werden wieder „jene normalen, ruhigen Formen zurückkehren“ und so fort in gratia. Auch in Rußland „wird die Judenfrage viel von ihrer Schärfe und Bösartigkeit verlieren. . . . Man sieht also (!), daß die Ostjudenfrage in ihren Heimatländern im Erlöschen begriffen ist“. Gegen Fritz und Paphnutius gewendet, die in der Einwanderung der Ostjuden eine Gefahr für Deutschland erblicken, weist er darauf hin, daß die durch die Emanzipation der deutschen Juden ermöglichte Mitarbeit derselben am Staate diesem zum Segen gereicht hat, Rußland aber trotz' oder wegen seiner Judengesetze in seiner Entfaltung zurückgeblieben ist. Ueber alle Bestrebungen, diese Juden irgendwohin planmässig zu umsiedeln — Palästina, Mesopotamien — macht er sich weidlich lustig. „Den wichtigsten Lösungsvorschlag“ nennt unser Anonymus eine Deduktion aus Georg Cleinows Aufsatz, den dieser im Dezember 1914 in der „Neuen Rundschau“ veröffentlicht hat Darin wird die jetzige Judenfrage in Polen .der vor 40—50 Jahren in Posen gleichgestellt. Und wie dort auch hier als einzige Lösung d i e angesehen : Abwanderung der Juden in mittel- und westdeutsche Tndustrie- und Handelszentren und Einna’hme ihrer Positionen durch die Polen. „Der ganze Strom der Juden aus Polen soll nach Deutschland abgeleitet werden. . . . Wenn ’ nun Herr Geheimrat Fritz mit Recht verlangt, daß die aus Rußland und aus der ganzen übrigen Welt heimkehrenden Ansiedler deutscher Abkunft j.in Deutschland Tiir und Tor geöffnet finden, so gilt das nach der klaren Willensbestimmung der Ver - waltung der besetzten Gebiete (Cleinow s'-ns D:’* I •; ‘S V -‘1 1"; ■■ .a;v > r»,- k-,';$r- •r-'V!;H; ( :;Vr •j: *,' K -f« ■ ■■ t -I '■h ■ i ‘y! . :'i ■ r ’ K