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Jüdische Zeitung · 1916-04-14 · 15-16 (14.4.1916) · p. Seite 9

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
15-16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15/16 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 9 t nähme), WeiSs Bertha (Interne II und Frauen), Weiss Gisela (Frauen), Zwirn Ciili (Frauen). Am Jahrestage der Eröffnung des Ambulatoriums, der durch eine Ansprache des Präsidenten und durch die Beteilung der Mitarbeiter mit einem Abzeichen (Magen David mit AeskulapStab), einem Kunstwerke der Stahlschneidekunst, gefeiert wurde, konnten bereits 46.586 behandelte Fälle ausgewiesen werden, wie sie in nachstehender Tabelle, nach den einzelnen Ambulanzen spezifiziert, angeführt sind. Diese Tabelle hat historischen Wert, da sie bei der offiziellen Ausstellung der Kriegsfürsorge verlautbart \var. 1 Augenkrankheiten 5321, Chirurgie 5329, Frauenkrankheiten 4218, HalS- und Nasenkrankheiten 4139, Haut- und Geschlechtskrankheiten 4495, Innere Krankheiten I 3281, Innere Krankheiten II 3331, Innere Krankheiten III 4218, Kinderkrankheiten I 2878, Kinderkrankheiten TI 677, Nervenkrankheiten 1735, Ohrenkrankheiten 2438, Orthopädie .1673, Zahnheilkunde 2835. Gesamtzahl der Fälle 46.568 Seither sind weitere Fälle zugewachsen: Vom 14. Dezemb. 1915 bis 31. Dezemb. 1915.2037 Vom 1. länner 1916 bis 29. Februar 1916 . . 7335 Vom 1. März bis 31. März 1915. . . . - - 3433 12.805 Also insgesamt 59.373 Patienten seit Bestand des Ambulatoriums. Speziell für die Zwecke des Ambulatoriums wurden bisher 70.000 Kronen gesammelt. Und daß die Wiener Zionisten über den dringenden Bedürfnissen der Flüchtlinge auch deren kulturelle Interessen nicht aus dem Auge verloren haben, erhellt daraus, daß das Zentralkomitee noch im Oktober 1914 den unter der Leitung der Frau Erna Patak befindlichen „I. Wiener Zionistischen Kinderhort* II., Malzgasse 16, eröffnete, in welchem bis zur Stunde 80 Flüchtlingskinder tagsüber erzogen, bekleidet und gespeist werden. Dank der tüchtigen, in Palästina fortgebildeten Kindergärtnerin, sprechen und singen die Kleinen ebenso gut Jidisch und Deutsch, als Hebräisch1 und im übri-: gen beweist schon das nebenstehende Bildchen, wie wohlgepflegt, gesund und heiter unsere Schützlinge sind. Schließlich sei noch des gleichfalls vom Zentralkomitee angeregten, in seinen Räumen beherbergten und von Gg. Oberingenieur Robert Stricker geleiteten „Jüdischen K r i e g s a r c h i v s“ gedacht, daß nicht in letzter Linie auch der Verteidigung der von so vielen Seiten angegriffenen Ehre der jüdischen Kriegsflüchtlinge dient. an welchem sich im weiteren Verlaufe die hier Daß dieses Hilfswerk der Wiener Zionisten, weilenden Gesinnungsgenossen aus Galizien und der Bukowina mit allem Eifer beteiligten, von unseren Brüdern, den Flüchtlingen aus dem Osten, dankbaren Herzens gewürdigt worden ist, hat sich so recht an dem herrlichen Junitag erwiesen, als sie zu Tausenden und Abertausenden, mit Weib und Kind, unserem Winke folgend, über die Ringstraße zogen und jubelnd die Wiedereroberung Lembergs feierten — als treue Oesterreicher und ' selbstbewußte Juden zugleich. Dr. Wilhelm Stein. noritz Sfeinsdineiöer als Vorläufer Oes Zionismus. Der Schöpfer der hebräischen Bibliographien, einer systematischen Durchforschung der mittelalterlichen Bücherschätze, ist anläßlich des 31. März in gebührender Weise gefeiert worden. Es bedurfte wieder einmal der öffentlichen Anerkennung von Leistungen, die von der breiten Oeffentlichkeit nicht gewertet werden können, um diesem opferwilligen Bahnbrecher durch die dunkeln Schächte der Wissenschaft des Judentums einen Teil der Schweren Dankesschuld abzutragen. Dabei übersah man meist gern die jenseits seiner bibliographischen Arbeiten liegenden Leistungen und- Käm"*-’ für das Judentum selbst. Denn der in Ribliotheken unter Staub und Moder wühlende Moritz S^in-chneider hat an den ersten Regungen des nnt!'i-a,:üdis'chen bezw. zionistischen Gedankens aktiv Teil genommen. Als ein von gährendem Woben erfüllter Jüngling ist er im Jahre 1833 nach’ Prag gekommen, um hier seine begonnenen weltlichen Studien fortzusetzen, wozu ihn sein frommer Vater durch die Teilnahme am chrktlichen Unterricht in seiner Vaterstadt Proßnitz angeregt ha^e; srin jüdischer Lehrer, dem er später nach Nikolsburg gefolgt war, Nehemia Trebitsch, wurde nachmals Landesrabbiner von Mähren. In Pra<r herrsdite damals eine entschieden aufklärerische Stimmung. Versuchte doch von hier aus der aus dem Mendelsohn’Schen Kreise hervorgegangene Herz Homberg reformierende Arbeit unter der Judenschaft der gesamten österreichischen Staaten zu leisten, wiUig unterstützt von Peter Beer und Ben-sew. Zu diesem Zwecke war eine kaiserliche Lehrerbildungsanstalt mit dem Sitze in Prag errichtet worden, jda die drückenden Aufenthaltsbestimmungen für Wien noch in ihrer ganzen Härte bestanden; die in Wien ansässigen tolerierten Juden, die übrigens Herz Homberg feindlich gesinnt waren, brachten es hur bis zur Begründung einer Religionsschule. Steinschneider selbst war Schüler der Lehrerbildungsanstalt und erhielt ein von Herz Homberg unterfertigtes Zeugnis, nachdem er sich gleichzeitig ganz intensiv mit modernen Sprachen, Aesthetik und Pädagogik beschäftigt hatte. In dieser allzu freigeistigen Atmosphäre des Herz-Hombergschen Kreises mag in Steinschneider, der sich als guter Jude fühlte, die Befürchtung erwacht sein, die Tätigkeit der Reformer in Prag könne ob ihrer inneren Zusammenhangslosigkeit mit dem Judentum ähnliche Erfolge zeitigen wie Mendelsohns Bestrebungen in Berlin : sie könnten in gleicher Weise zum Abfall selbst führen. Er fand in dieser Stimmung einen gleichstrebenden Freund an Abraham Benisch, einem böhmischen Juden, der an der Prager Universität Chirurgie studierte. Dieser sah in seinen Studien eine Vorbereitung zurTJebersiedhrng na2h Palästina, um dörr für die Wiederaufrichtung eines jüdischen Reiches wirken zu können. Steinschneider schloß sich diesem Gedanken mit Feuereifer an, umso mehr als Ihm Benisch' durch seinen Ezechielkommentar für die Landau’sche Bibelausgabe in wissenschaftlicher Beziehung Vertrauen eingeflößt hatte. In geheimen Konventikeln, zu denen nur wenige geladen wurden, besprach man eifrig die Heimkehr eines Teiles des jüdischen Volkes nach Palästina und die Wirkung dieser Tatsache auf die geistige Hebung der Zurückgebliebenen. Es wurde auch die Aussendung von Sendboten in andere jüdische Zentren beschlossen und besonders England als Ausgangspunkt ins Auge gefaßt, da es vermöge seiner freien Verfassung und seiner großzügigen Orientoolitik hiezu am geeignetsten erschien. Steinschneider selbst (ring zur Fortführung seiner orientalistischen Studien im Jahre 1835 nach Wien und gewann hier Albert Löwv aus- Aussee für den palästinensischen Plan. Dieser kam bald darauf als Rabbiner einer Reformgemeinde, wohin auch Abraham Benisch vorgeschlagen wurde, der dann den „Jewfeh Chronicle“ gründete und Jahrzehnte lang leitete, Bis er 1S78 starb. Steinschneider wiederum, obwohl er . als Lehrer moderner Sprachen in höhe Wiener Adelskreise Eingang fand — er unterrichtete die Brüder Fürsten Lichnovsky und Fürst Khevenhüller-Metsch — hatte er unter den schmählichsten Zurücksetzungen zu leiden. Er durfte nicht an der orientalischen Akademie hören und erhielt nicht einmal die Erlaubnis, in die der Hofb'bliothek gehörigen Handschriften Einsicht zu nehmen oder gar daraus Auszüge zu machen; lediglich der. Besuch der orientalischen Vorlesungen des Professor Kärle an der theologischen Fakultät war ihm gestattet. Ein Ausweisungsbefehl der Wiener Staatspolizei zwang ihn, trotz aller Intervention Isak Noah Mannheimers, die Stadt plötzlich zu verlassen. Drei Jahre verzögerte sich die Ausfertigung seines Reisenasses, die Steinschneider zu einem für ihn fruchtbringenden Aufenthalt in Leipzig zwang. Von Franz Delitzsch zur Mitarbeit an der Herausgabe des „Ez Chajim“ des Koräers Aron ben Elias aus-Nikomedia herangezogep und bei seiner Ankunft in Berlin von Leopold Zunz und anderen für die Wissenschaft des Judentums umworben, kam Steinschneider Jmmer mehr und mehr zur Einsicht, sein und seiner Freunde zionistisches Projekt sei undurchführbar. Als Steinschneider 1842 — 44 wiederum in Prag weilte, diesmal als Leiter einer Mädchenschule, war es lediglich die Gründung eineö ..Jüdischen Kulturvereines“, gemeinsam mit dem konservativen S. L. Raooport und 'Michael Sachs, die ihn fesselte. Unter dem Eindrücke seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, waren es nicht mehr nationale, sondern einzig kulturelle Tendenzen, die ihn beherrschten. Und doch ist in dem Cödificator der Ro'dleiana zu Oxford eine letzte Spur seiner nationalen Gesinnung wach geblieben. Als alle seine Mitstrebenden Immer deutlicher die Wissenschaft des Judentums der Theologie dienstbar machen wollten, da protestierte Steinschneider durch die Tat. Er weigerte sich, seine unsichere Stellung als unabhängiger Gelehrter aufzugeben, trotz der Bemühungen, ihn für den Rabbinerberuf zu gewinnen und schlug noch 1872 eine Professur an der Berliner Theologischen Lehranstalt und 1877 ein Anbot der Pester Landesrabbinerschnle aus. Das Judentum galt ihm niemals als gleichbedeutend mit der 'Religion, hs war ihm immer äll- =eitige Scbönfung des jüdischen Volksganzen. Die zionistischen Pläne in Moritz Steinschneiders Leben waren aus seiner jugendlichen, gradlienjgen Begeistenmgsfä>>igkeit geboren, der tiefnationale Kern seines Wesens dauerte sein gesegnetes, arbeitsreiches Leben hindurch, allen augenblicklichen Heftigkeiten zum Trotz. Die „Jüdische Zeitung“ ist im Einzelverschleiß in der Budrhandlung R. Löwit, I. Rotenturmstraße 22 und in dem Zeitungsbüro Goldschmiedt, I. Wollzeile 11 erhältlich. Siegfried Schmitz. Urtel Birntaum. hat etwa 70 Zeichnungen bei Hugo Heller (I., Bauernmarkt) ausgestellt. Die Hälfte davon sind Bilder zum Buche Daniel, in farbiger Tusche ausgeführt. Sie sagen etwas. Dieses liegt eigentlich jenseits dessen, was man in Europa Kunst nennt. Denn trotz reicher Farbensprache fesselt hier nicht Farbigkeit; der Sinn für Bewegtes oder sich Bewegendes ist nicht stark in diesen Blättern. Wirksam wird hier ein anderes: eine mit heiligem' Ernst zum Absoluten drängende Kraft. Das ßuch Daniel an sich hat schon trotz seiner Fülle der Gesichte und Geschehnisse eine eigenartige Undinglichkeit der Darstellung. Sie ist dem jungen, von keiner kunstakademischen Blässe angekränkelten Menschen, der diese Blätter schuf, zur Linie in seinem Schaffen geworden. Er sucht das Unbedingte in den Dingen und Gestalten formend zu fassen. Er stellt Daniels Gebet dar: Das Bild ist kulissenhaft gestellt; aber die Linie der betenden Danielgestalt hat den ganzen Inhalt des reinen Begriffes „Gebet“ zum Ausdruck gebracht. Birnbaums Darstellung des Belsazarmahles löst das panisch Ueberwältigende der todkündenden Gotteshand in ein urelementares Schreckenslicht auf. In solchem aufs Absolute gerichtetem Sinne erlebt der Zeichner auch die Erscheinung Gottes, die der Prophet sah. Diesem Streben nach dem Absoluten dankt der Künstler auch sein glücklichstes Bild, die beiden Männer (Schlußkapitel des Buches Daniel). Eine eigenartige Zuständlichkeit herrscht durch die Fläche, in welcher die beiden Männer wie die Grenzgemarke einer übermenschlichen Zeit aufragen, jener Zeit, für welche der Prophet das Wort fand, „daß es eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit währen soll.“ Dieses. Erstreben des Absoluten ist das Schöpferziel aller Kunst, liegt aber schon jenseits von ihr, soweit sie an die Endlichkeit der Form gebunden ist. Es ist eine Art des Erlebens, Allerlebens im Menschen, wie sie Europa nur in Auserlesenen bervorgebracht hat. Die stärkste Bahn zur Verwirklichung ging diese überanschauliche Anschauung im Geiste des Judentums; ward fast ganz ans Ziel gebracht in seiner Prophetie, in den Urmysterien der Nazaräer vielleicht noch zur Zeit der großen Weltwende, die Siegeszug des Christentums heißt, seither lange nicht. Ein Aufleuchten ist das reine, echte chassidische Weltbild, das vielleicht nie verwirklicht ward. Uriel Birnbaum hat ein Teil von diesem Geist seiner Väter übernommen und es wurde ihm zum' formenden Schaffen. Es ist unsinnlich und geht doch dem Sinn der Dinge nach, die es darstellt. Die „Plünderung Jerusalems“ wird bei ihm zum Erschauen des zerstörenden Urtriebes, der sich im Bilde in dräuenden Herrscherfarben formt. Die Elemente werden stets zum stärksten Ausdruck gebracht; ihre Vereinigung, welche erst das Leben formt, glückt dem Zeichner selten. Die Masse, wie er sie darstellt, ist nie etwas Harmonisches; bald erschaut er in ihr eine grauenerweckende Wesenheit, wie in der „Einnahme Jerusalems“, wo sich das Erobererheer wie eine Schlange in die Stadt einfrißt; bald wird sie zum tollgespenstischen Schemen, wie in der „Anbetung des goldenen Bildes.“ Der Sinn für das Absolute, die Urform hat Birnbaum auch gehindert, den Menschen als Menschen oder sein Abbild zu sehen, ohne Beziehungen. Die Bilder des Danielzyklus, welche auf dieser Art des Schauens sich aufbauen, sind meiner Ansicht nach die schwächsten; wie „Die vier Männer im Feuerofen“, „Michael der große Fürst“ oder die „Erscheinung Gabriels“. Dabei spielt noch mit, daß hier die technischen Voraussetzungen, welche unerläßlich sind, fehlen. Dadurch ist auch dem Bilde „Daniel in der Löwengrube“ starker Abbruch getan. Wo jedoch der Mensch gewissermaßen zum Sinn wird, wo er das Urwaiten des Lebens im Absoluten bedeutet, dort findet Uriel Birnbaum auch im künstlerischen Probleme „Mensch“ starke, reine schöpferische Kraft wieder.. Sie liegt in einigen der „Köpfe“, die in Schwarz-Weiß gearbeitet sind. Ich möchte sie visionäre Porträts nennen. Je entfernter sie sozusagen dem menschlichen Erinnerungsvermögen sind, das immer das Individuelle behält, desto wirklicher sind sie. Sie sprechen dann stets vom absoluten Ursinn des Menschen, heben aus dem Individuum das All hervor. Ein Kopf J e h u ’ s und ein Josefk o p f ragen weit über das Gewöhnliche hinaus. Jenes Streben nach dem Absoluten lenkt den Sinn des Künstlers in Bahnen, wo bereits die gewissermaßen normalen Beziehungen, welche die Elemente miteinander eingehen, dem visionären Schauen entschwinden. Dann waltet frei die schrankenloseste Phantasie. So mögen wohl die „Bilde r aus anderen Welten“ entstanden sein, wo Getier, Gewürm, Gestein und Gestrüpp sich zu niegelebten Formen verbindet, die aber ein neues Leben leben, durch ihres Schöpfers Willen. Daß dabei das Bizarre geboren wird, ist natürlich. Wo es sich frei im Absoluten auslebt, ist Birnbaum frei (wie in allen seinen Werken); ■ ■ Jff ‘h •it,;s:

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