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Jüdische Zeitung · 1916-04-14 · 15-16 (14.4.1916) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
15-16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15/16 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 So zieht allmählich der Sederabend mit seinen tiefen Symbolen und inneren Schönheiten an mir vorüber. Jedes Bild, jedes Wort weckt die alte Sehnsucht und zaubert heimatsüße Träume hervor, die wie lenzberauschte Schmetterlinge meinen Sinn, umSchWirren und meine Seele weit über Zeit und Raum in märchengoldene Fernen entführen.- Indessen aber tat unbemerkt die Tür sich auf und glanzumflossen, mit silberwallendem1 Bart tritt Eliahu der. Prophet über meine Schwelle. Ehrfurchtsvoll erhebe ich mich vom Sitze und reiche ihm' den Kelch, der.seit ungezählten 'Generationen auf Judas Sedertisch den .erlösenden Segens'spruch erwartet. Da neigt sich (der greise Prophet mit mildem Flüsterton zu mir: „Noch ist die Zeit nicht da“, und eine Träne rollt aus! dem leuchtenden Auge in den vollen Pokal der Jahrhunderte. — — Ich aber erwache aus der Vision und aus der Tiefe dieser weihevollen1 Stunde rufe ich: „— Nicht für uns o, Gott!“ — — * Die Kerzen sind heruntergebrannt, die Kelche stehen halbgeleert und eine süße Mattigkeit liegt mir wie Schwerer Wein in den Gliedern. Leise singe ich vom Lämm’chen, das Vater um zwei Suse erworben und das von der lüsternen Katze mit Haut und Haar vereneist wurde. Diesmal bringt mich aber dieses alte Liedchen auf gar trübe Gedanken und wieder denke ich' an mein Heim, das in Trümtnern liegt, das der wilden Feindeswut zum Onfer »fiel — — — — Doch mir dämmert nlötzürh die Erkenntnis' auf: Das war ja gar nicht mein Heim — — — Und tiefer denn ie emnfinde ich den Schlußsatz : „Leschana habaah bjiruschalajim!“ Dr. Egon Zweig. Das Hillswft öcp Wiener Zionisten für die Kriegsflürtitlinge. Die Zionistische Organisation ist trotz aller Kriegssriirme aufrecht geblieben, hierzulande wie anderwärts. Das Aktionskomitee in Berlin steht mit allen Organisationen in Verkehr und überall werden nach einheitlicher Direktive unsere noli+ischen Ideale genfleat, wird für Schekel. Zentral- und Nationalfonds eifrig gesammelt. Dabei sind die für unsere Arbeit bereitstehenden Kräfte durch die Einberufung fast unserer ganzen lugend ar<r gelichtet und außerdem ist uns gerade in Westöstereeich durch das Hilfswerk für die Kriegsflüchtlinge eine neue schwere Aufgabe erwachsen. Diese Aufgabe ist von unseren Gesinnungs- •genossen in Prag. Iglau. Teolitz. Brünn. Gaya, kurz allerorten snontan in Angriff genommen und bis zur Stunde unermüdet fortg.eführt worden. Ein ab~chließender Ueherblick über die-Summe dieser Arbeit fehlt der Zentrale .Wien vorerst noch. Doch ist es heute, nach 20 Kriegsmonaten, wohl am Platz, wenigstens die Leistungen der Wiener Zionismen ‘ zusammenfassend darzustellen.. Und zwar wollen vvir nicht davon Snrechen, wie sich Zionisten und zionistische Kömerschaften. wie etwa der Verein ..Rlau-Weiß“ im Ordnerdienst oder der Jüdische ■ Nationalfonds durch den Vertrieb von Hilfsmarken und d<tt. für allgemeine Kriegsfürsorgezwecke betä- ■ tigt haben, denn das haben sie als Oesterreich'er schlechthin getan, wir wollen uns vielmehr auf die Darstellung der Arbeit gerade für die Kriegsflüchtlinge beschränken. Sofort nach Kriegsbeginn richteten die Wiener Zionisten durch ihre -Vertreter in den Beleb weiß nicht mehr recht, was in diesem Augenblicke mit mir geschah. DaS ganze Blut schoß mir in den Kopf, es wurde mir schwarz vor den Augen, ich packte meinen Gast bei der Gurgel, preßte ihn an die Wand und schrie mit einer Stimme, die nicht mein war: „SChe.iden lassen, du Lump! Scheiden! Scheiden! Scheiden!!“ — — — — — Auf unser Geschrei waren alle meine Hausleute zusammengelaufen. Was ist denn los? Was ist geschehen? , — Nichts! Gar nichts! Und ich erkannte mein eigenes leichenblasses Gesicht nicht im Spiegel. Bei dem. jungen Mann aber entschuldigte Ich mich' mehrmals, drückte ihm die Hand, bat ihn tausendmal; zu vergessen, was zwischen uns vorgefallen sei. Es komme ja zuweilen vor, sagte ich ihm, daß ein Mensch sozusagen aus der Haut fahre. Er war ein bißchen verwirft und gab zu, daß sich ein .MensCh nichtvollkommen in der Gewalt habe und' manchmal aus der Haut fahre. Dann ging er mit demselben Gruß von dannen, mit dem er gekommen war, verbeugte sich, trat ein paar Schritte zurück, machte die gleichen Reverenzen, rieb ebenso die Hände. „Entschuldigen Sie, Wenn ich Ihnen vielleicht Ihre Zeit geraubt habe! Und viel Dank für Ihren guten Rat! . . . Nochmals besten Dank! Adieu!“ „Keine Ursache . . . Adieu!“ zirkskommissionen und im Kultusvorstand selbst an diesen den dringenden Appell, die jüdische Hilfsaktion zu übernehmen, zu zentralisieren und einen Kriegszuschlag zur Kultussteuer auszuschreiben. Der Kultusvorstand lehnte aus dem „Prinzip“ heraus, jede Hilfe sei Sache der Regierung, ab, und er ist — abgesehen von den zahlreichen Konvalidierungen ritueller Ehen von Kriegsflüchtigen — in seiner Untätigkeit auch verharrt. Da griff das zionistische Zentralkomitee für Westösterreich rasch selbst zu. Als ab September 1914 viele Tausende flüchtiger Brüder von Galizien und von Ungarn her, durch wochenlange Fahrt zermürbt, elend und verzweifelt, rat- und hilflos in den Wiener Bahnhöfen einlangten, trafen sie einen tadellos organisierten zionistischen Bahnhofdienst an, der vom Ministerium des Innern ermächtigt, für die Beratung, vorläufige Unterbringung und den Schutz der Flüchtlinge gegen private Ausbeutung und behördliche Mißgriffe Sorge 'trug. Dieser Bahnhofdienst, der durch Monate Tag und Nacht von unseren jungen «Leuten versehen wurde, stand unter der energischen Leitung Dr. Leopold Plaschkes. . Die Kunde von dieser unserer Hilfsbereitschaft verbreitete sich wie ein Lauffeuer überall hin, wo jüdische Flüchtlinge in Not und Bedrängnis waren. In tausenden Briefen aus dem In- und Ausland und durch Deputationen von auswärts wurde das Zentralkomitee um Hilfe angegangen, insbesondere um Abstellung arger Gebrechen in den improvisierten Flüchtlingslagern von Gaya, Pohrlitz und Nikolsburg. Wieder mit Ermächtigung des Ministeriums, bereisten Ermittlungskommissionen des Zentralkomitees bestehend aus den Gg. Dr. Leopold Plaschkes, Ing. Charles Bernhard, ‘ k. k. Reidhsratsrevisor Rudolf Taussig, Dr. Egon Zweig und Dr. Fischl Waschitz, die Lager, wirkten an Ort und Stelle ausgleichend und organisierend und unterbreiteten, heimgekehrt, ihre Wahrnehmungen und Postulate in ausführlichen Memoranden nicht nur allen maßgebenden jüdischen Körperschaften, sondern vor allem auch den Regierungsstellen in Brünn und Wien. Das Ministerium des Innern hat denn auch, nach gründlicher Aussprache mit den Delegierten "des Z. K., den meisten Forderungen entsprochen, so nach Schaffung einer gewissen Autonomie in den Barackenlagern, Erleichterungen bezüglich der Freizügigkeit, Anstellung von Amtsärzten, Separierung .nach Familien, bezw. Geschlechtern u. s. f. In Wien selbst galt es für die hier angesiedelten Flüchtlinge zu sorgen, soweit die Regierung nicht helfen konnte oder wollte. Wo die staatliche Flüchtlingsfürsorge von 70 h und später von 90 h per Kopf nicht ausreichte, wurden Verteilungen von Brot, das uns von gesinnungsgenössischer Seite gespendet worden war, •oder von Speisemarken vorgenommen. Insbesondere nahmen wir uns der oft alleinstehenden Mittelschüler an, denen zunächst die F r e i - ttischaktion unter Leitung von Frl. Laura Neumann zustatten kam. Auch der nach Wien versprengten und durch den Kriegsausbruch hilflos gebliebenen Palästinenser nahmen wir uns an. Diese Unterstützungen wurden umso dringlicher, als die Regierung nach wiederholt von uns erwirkten Aufschüben vom 10. Dezember 1914 an jeden weiteren Zuzug nach Wien als illegal behandelte. Auch neuerdings ist trotz der Rückwanderung von etwa 60.000 Flüchtlingen nach Westgalizien und der Bukowina die Unterstützung der zurückgebliebenen wieder vielfach dringlich geworden, denn eine Flüchtlingsunterstützung neben dem Unterhaltsbeitrag wird nicht mehr gewährt. Für diese „allgemeine H il f s a k t i o n“, der insbesondere Revisor Taussig und Ing. Bernhardt ihre Kraft widmeten, liefen bisher 43.000 Kronen ein, fast durchwegs von den in Wien ansässigen Gesinnungsgenossen ‘ gespendet. Größere Beiträge haben uns u. a. die österreichischungarischen Zionisten Amerikas, das „Haager Komitee für die Opfer Galiziens und der Bukowina“, endlich die Israelitische Kultusgemeinde Görz geleistet. Da die Flüchtlinge zumeist nur notdürftig bekleidet in Wien einlangten, errichtete das Zentralkomitee noch im Oktober 1914 eine Kleidersammelstelle, 9., Türkenstraße9, die, unter der tatkräftigen Leitung der Frau Erna Patak stehend, bis ins Frühjahr hinein nicht weniger als 8000 Personen mit uns gespendeten Kleidern, Schuhen, Wäsche und Bettzeug, andere mit Küchengeräten und Hausrat beteilte. Hieran schloß sich, als der erste Xriegspessach herannahte, die durch eine Spezialsammlung des „ Zionistischen . Frauenvereins “ ermöglichte Kartoffelverteilung an ca. 3000 Parteien. Dank unserer allseitigen Beziehungen konnten wir auch einen Arbeitsnachweis improvisieren, der inVerbindung mit dem „Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis“ tausenden von Näherinnen und Handwerkern lohnende Beschäftigung verschaffte. Schon bald nach Kriegsbeginn hatten die Büros des Zentralkomitees und des Nationalfonds es auf sich genommen, die Korrespondenz zwischen den Juden aus den vom Feinde besetzten Teilen der Monarchie mit ihren Angehörigen diesseits der Schützengräben auf dem Wege durch das neutrale Ausland ans Ziel zu leiten, und haben so unendlich viel Trost und Hilfe gebracht. Im Anschluß daran hat sich dann efin neuer Zweig des Hilfswerkes rasch und stark entwickelt, nämlich die Vermittlung jener G e'I der, die Privatpersonen aus Nordamerika ihren im europäischen Kriegsgebiet zurückgebliebenen hilfsbedürftigen Verwandten und Bekannten zugedacht haben. Im August 1915 hat das Provisionar Executive Committee for "Zionist Affairs in Newyork durch Gg. Johann Kremenetzkv mit dem Zentralkomitee in Wien eine Vereinbarung getroffen. '.-.ßy Andrang bei der Nummernverteilung. üü V. ■‘£'.•».«5»? $ssSs8t fei ir-tx» 3f*r.'k- SÄ® UiSeS»**

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