Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 15-16 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG . Nr. 15/16 sie ihre letzte Kostbarkeit — ein Stirnband, wie es fromme jüdische Frauen an Feiertagen tragen — als Pfand gab, um das Reisegeld nach Wien leihen zu können. Sie steht da, öiaß, gebrochen, mit roten Augenlidern, das runzelige Gesicht verschwindet last vollständig zwischen dem braunen Seidenscheitel und dem dicken wollenen Tuch, das sie t;rotz der Sommerhitze um1 den Kopf gewunden hat. „Ich bin eine Rebbezin“, führt sie sich stolz ein. Warum sie persönlich nach Wien gekommen sei, fragt man sie. Das persönliche erscheinen könne die Angelegenheit, die in Behandlung stehe, nicht fördern. Da sagt sie halblaut; mit angstvollen Augen und erhobenen Händen, daß in dem Ballen Bettzeug, der ihr seit der. Flucht fehlt, auch1 ein Säckchen Erde mit eingepackt worden sei, heilige Erde aus Palästina. Der Rebbe sei krank, sterbenskrank und fürchte immer, die heilige Erde werde nicht da sein, sie ihm unter den Kopf zu legen, wenn man ihn auf den guten Ort trage. Deshalb habe sie das Letzte versetzt und sei nach Wien gekommen. Nur das Säckchen Erde wolle sie haben, auf alles andere verzichte sie. Ueberall, überall wolle sie suchen, ich solle es ihr erlauben, es sei keine Zeitzu verlieren. Ich solle ihr doch' tun Gottes willen zu dem Säckchen Erde verhelfen... Meine graue Amtsstube ist von heiliger Stimmung erfüllt.-— - , i PalästinahiHswerti für öie jüöisdrcn Kolonien. Pessadi, das Fest der jüdischen Freiheit steht vor der Tür. Wir wollen in diesen Tagen unserer Pioniere gedenken, die nach Palästina gingen, um in schwerer Arbeit den Grundstein für das große Nationalgebäüde zu legen. Wenn es'unser ernster Wunsch ist, in Erez Israel nach dem Kriege weiter zu bauen, dann liegt uns die Pflicht ob, das bisher in Palästina Geschaffene mit Aufbietung aller Kräfte zu erhalten. Steuern wir zum' Palästinahilfswerk für die Kolonien heil 5. Ausweis. Ing. Otto Mayer, Friedek 450.—, Eingegangen beim JNF (s. Nr. 8 u. 9 K 29.— und Nr. 15/16 K 80.—) 109.—, Jüdisch. Damenkomitee, Krakau, unter dem Vorsitze Dr. Flora Wahrhaftig, und Dr. Flora Kirschner 100.—, Durch Dr. Spiegel, Krakau: Joachim Ringel 30.—, Ing. Brünn 10.—, zus. 40.—, durch Ludwig Bato: Hofrat Julius v. Engel 20.—, Zentralinspektor Dr. Karl ßama 20.—, Erna Fischer, Budapest 6.—, zus, 46.—, A. Friedmann, Resica 31.—, Julius Oplatka, Königl. Weinberge 30.—, Ltnt Samuel Bleicher, Neutitschein 25.—, Julie Maier, Neunkirchen 20.—, Löwenthal, Wien 20.—, J. Schüssler, Wien 20.—, Kadett Rosen . (Verein „Theodor Herzl“J Wien 20.—, Dr. Samuel Wahrhaftig, Krakau 20.—, J. Feitier, Wien 20.—, IsakSchwadron, Zloczow 20,—, Consumsteuerpachtung durch Isak Schwadron, Zloczow 20.—, N. N. („Hessiana“J Wien 20.—, Dr. Med. Schweig, Wien 10.—, David Horovitz, Wien 10.—, Robitschek, Wien, E. Fr. S. Bloch im Felde 10.—, Chaim Abraham, Konstantinopel 10.—, Karl Preis, Marburg a. D. 10.—, Jakob Pfeffer, Myszkow 10.—, O. Salz, Wien 10.—, H. Lederer, Kostajnica 10.—, Emil Schwarzkopf, Triest, derzeit Lichtenwald 10.—, Ing. Emst Fischer, Wien 8.—, Sammlung Abraham Rappaport, Wien: Adolf Bauer, M.Rubin, A. Grossmann je 2.—, Z. Fagut, A. Drapal je 1.—, zus. 8.—, Sammlung Dr. M. Geyer," Kassa: Oberleutnant Rosenblatt,' Eher je 2.—, Dr. Geyer 3.—, zus. 7.—, Dr. Mehrer 5.—, Kadettasp. Erwin Drexler im Felde 5.—, E. Fr. Zugsf. Ignatz Bobasch, Olmütz 5.—, Dr. Angello Goldstein, Trautenau 5.—, Dr. Paul Cohn, Wien 5.—, Apotheker Rudolf Haffner, Csaktornya 5.—, Josef Eisenstädter, Wien 4.—, Brüder Bachar u. Comp. 3.—, Dr. Robert Lazarsfeld, Wien. 2.—, Dr. Nassau (Kartenpartie „Ivriah“J, Wien- 2.—, Salamon Oberländer, Wien 2.—. SelbstbesteueruHg. Durch Frl, Schoschana Meyer, Wien (für. MärzJ: Mirjam 5.—, med. Rosa Meyer, Rosa Donnenfeld, Bronia Alozowa, Mela Rappaport, Paulina Nebenzahl, med. Werner, med. Wilder, phil. Gruberg, med. Jul. Nageberg, Luise Kraft je 2.—, med. Löwenkopf 1.50, med. Salman Dick, med. J. Brandwein, med. Messer, Dr. M. Morecki, Klara Friedei, Ida Harnisch, med. A. Tieran, med. Ehrlich, Scheindlinger, Posthorn, med. Pomeranz, med. vet Moses Frosch, med. Jakob Abrahamowicz, med. Malvina Baum, med. Helwing, med. Bergmann, med. vet. Isak Lis, med. J. Klüger, phil. Lustig, med. Storch, med. vet.-J. Ekstein, Paulina Lustig, phil. Ueberall, med. Hirsch Kremer, med. N. Hochstädt, jur. ■Horowitz, med. vet. Michel Somer, med. Jakobowicz, phil. Grünberg, jur. E. Merz, med.-Holländer, Dr. B. Mantel, med. Pipano, med. Distier, med. Jonathan, med. Schwajuk, med. Agdern, med. Finsterbusch, med. M. Weissglas, F. B. Mandel, med. Weinstein je 1.—, med. M. Brandler —.60, div. 1.—, zus. 69.10. Dr. Emil Stein im Felde für März und April 20.—. Durch J. Gewitsch, Wien: Samuel Fried für April 4.—, Frau Gela Preis, Wien für April 5.—, zusammen 9.—. Summe K 1275.10 Hiezu bereits ausgewiesen „ 5365.62 ' Somit bisher K 6640.72 Spezifikation der in Nummer 14 ausgewiesenen Sammlung Abraham Zahler in Kolomea: S. I. Ball 6.—, Scheindl Wachs, S. Ball je 5.—, Schoschana Elster, Mania Helwing, Jägermann je . 3.—, Salomea Ellenberg, Malcia Borten, Wurman Manios, I. Ball,- Aheriiand, Delfiner, Schaffel, Hübscher je 2,—, E. Welzer 1.60, Etta Eifermann, Lea Nussbaum, Scheindl Diestenfeld, Goldhaber, M. Tau, L. Kohn, I. Lustig, S. Taub, Bernstein, ijäecher, Buchhalter, Nadler, Kleinmann, Tannenzapf, Neumann, Dücker, Bergmann, Horowitz, Roth, I. Ramler, S. Lustig, Schiffer, Ornstein je 1.—, Ringelbaum —.80, Lanczener, Tepper je —.70, div. Mautner —.60, div. Spenden 5.60, zusammen K 75.—. El.. Lädier. Seöerlräumerei. (zu Pessach 5676J. Aus stillen mondbeglänzten Höhen steigt der Sederabend hernieder. Auf leisen, sanften Schwingen kommt er hergeglitten' und streift mit seinem goldenen Stemenmantel die müde Erde .... die müde, blutgetränkte Erde . . . Und ich denke an meinen Sedertisch zu Hause, der einst im Silberglanz und Lichterschimmer festlich erstrahlte — — —. Und ich denke an mein Heim, das in Trümmern liegt, das der wilden Feindeswut zum Opfer fiel — --der wilden, alten Feindeswut, die seit Pharaos Zeiten sich noch nicht ausgetobt und immer wieder in roten Flammen zischend zum1 Himmel schlägt. # Noch dampft die "Erde vom Blüte der Menschen, noch hat das gewaltige Völkerringen sein Ende nicht erlangt-. Zum zweiten Male schon während dieser grauenvollen Zeit pocht der Sederabend an Israels Tür mit seiner stillen Weise, mit seiner stillere Mahnung. — — Nicht auf diesem Boden — tiüstert er aus allen Gesängen und aps allen altherbegrachten Bräuchen — nicht auf diesem heißen Boden und nicht unter diesem düsteren Himmel liegt deine Zukunft — dort, wo deine Vergangenheit lichtumhüllt dem Schoße des - dunklen Altertums sich entrang, wo deine junge Morgenröte die Schrieekuppen der majestätischen Berge und die schimmernden Wogen des Meeres vergoldete — dort reift die Edelfrucht der Erfüllung am Lebensbaume Israels. Wie die .Wunderharfe des Königs in schweigenden Nächten dem Nordwind sich entgegensehnte, daß er ihre Töne wecke und verkünde, so sehnt sich deine Zukunft nach dem Odem grpßen, tagbringenden Geschehens — deine Gegenwart aber ist ein neuer blutig-roter Ring in der langen Kette der Golusgeschichte. — — — — Und ich singe die alten Weisen una erzähle meinen' Kindern, wie uns Gott mit starker Hand und ausgestrecktem 'Arme vom Sklavenjoche Mizrajims befreite. Und wieder stehe ich in tiefer Demut vor der ehrwürdigen Versammlung der Weisen in Bne-brak, die sich in ihres Volkes Vergangenheit vertieften, und wieder höre ich, wie die alten Lehrer von ihren Jüngern sich die ersten Morgenstrahlen zeigen lassen — denn auch von' der Jugend Licht empfangen, ist . das. schönste jVlerkmal geklärten Alters. Ein frischer Lenzhauch weht mir aus dieser kleinen Erzählung entgegen, doch gar bald verfliegt meine Stimmung, sobald ich die kreischende Stimme des Bösewichtes vernehme:' Wozu euch1 diese Arbeit? und sobald ich in ihm den typischen Ueberläufer erkenne, der das Judentum für sein Sonderinteresse feilhält und jede jüdische Betätigung lahmzulegen Sucht. Du aber mache ihm die Zähne herbe — 'heißt es weiter, — mache seinen Giftzahn unschädlich', daß er deine Gemeinschaft nicht vergifte und künde ihm' sein; Urteil: Ausgestoßen aus unserer Mitte, ist er nur noch ein totes Glied am Körper unserer Nation — das Tote aber hat kein Recht auf Erlösung ..... Und weiter lese ich die Hagadah . und zähle genau und gewissenhaft alle die Plagen, mit denen unsere Unterdrücker bestraft wurden, und ich dämpfe den Ton und verschütte den Wein zum Zeichen der Anteilnahme, wie es dem ritterlichen Sieger geziemt. Doch gewissenhafter noch nur mit hellem Jubel zähle ich die Wohltaten, die der Ewige uns erwies und die alle in der erhabenen Sendung, in der. hohen Kulturmission gipfeln, die die göttliche; Weisheit uns zugewiesen. In diesem stolzen Bewußtsein verschlucke ich auch mannhaft das bittere Kraut; wohl gehen mir die Augen über, ich weiß aber die Tränen zu unterdrücken — bin ich an derwlei doch. gewohnt. — — — liehen Friedens ajs der Scheidung abgeben kann, und glaube schon mit dem Atanne fertig zu sein. Aber weit gefehlt: Er packt das Zweirad, rückt ganz nahe an mich heran, Gesicht an Gesicht, und sagt: „Ja, Frieden! Sie haben vielleicht ganz recht. Da erinnere ich mich aber an ihn, an den Doktor, mit seiner vollbepickelten Fratze, hol’ ihn der Teufel! Sein Vater, der schielende Schneider, geht, müssen Sie wissen, ohnehin in der ganzen Stadt herum und paukt aus, daß wir vor der Scheidung stehen. Verstehen Sie die Niederträchtigkeit dieses Wichts? Just er muß auch pauken! Wenn man aber einmal schon in der Stadt davon spricht, was hab’ ich da zu verlieren? Wie sagt das Sprichwort: ,Der Scherben zerbricht nicht mehr!' Solange es noch ein -Geheimnis war, konnte es noch so hingehen, ,ein Kniff in die Wange, um gesund auszusehen' — jetzt aber, wo alle Welt schon von der Scheidung spricht, ist es meinerseits, denke ich, nicht sehr fein, daß ich kleben bleibe, gibt es für mich schon kein anderes Mittei als die Scheidung? Wie? Wie meinen Sie? nicht auch so!“ „Ja, gewiß,“ antwortete ich. „Wenn schon alle 'Welt von der Scheidung wdiß und von der Scheidung spricht, so ist es natürlich1 nicht sehr fein von iliüten, daß Sie sich oiicht vom Platze rühren. Sie haben wirklich keine andere Wahl als die Scheidung.“ „Das will heißen,“ sagt er — indem er mit dem Stuhle fast auf mich hinaufiückt — „Sie sind der Meinung, daß ich ihr den Scheidebrief geben muß? Aber überlegen Sie die Sache genau! Nehmen wir an: Sie sind der Rabbiner und ich komme .zu Ihnen mit meiner Frau wegen Scheidung und Sie fragen mich: ,Sag mir, lieber junger Mann, warum willst du dich von deiner Frau scheiden lassen?' — was könnte ich ihnen da für Antwort geben? Da'ß sie den Doktor anblickt und der Doktor sie? Welchen Sinn hätte das? Sagen Sie doch selbst! Kann ich denn -beiden die Augen verbinden? Und was wird die Welt sagen? Geht dieser Mensch und läßt sich1 von so einer Frau scheiden! Schön, die einzige Tochter eines reichen Mannes, und. später einmal gehört alles ihr, das heißt ihm! Wie? Was wird die Welt sagen? Was kann sie anders sagen als: Verrückt! Total verrückt! Nicht so?“ Mein Gast rückte jetzt schon so nahe an mich1 heran, daß sich unsere Beine ineinander verflochten. Dann le_gte er das Zweirad aus der Hand, entschädigte sich aber sofort, indem er nach dem Tintenfaß griff. Schließlich tat -er einen Seufzer und begann wieder: „Nun ja, Sie haben es leicht, einen andern total verrückt zu nennen. Ich wäre doch neugierig zu wissen, wie z. B. Sie sich benehmen würden, wenn Ihnen so etwas passierte? Das ■ heißt: Wenn Sie einen Schwiegervater hätten, einen ungebildeten Kerl, eine Schwiegermutter in türkischem Shawl, die fortwährend brummt, und eine Frau, die frisch und gesund ist und doch fortwährend den Doktor braucht, uncTWenn alle Welt, auf Sie mit den Fingern deutete: Da geht er, der junge Mann von der Ziege? Ich glaube, Sie würden um Mitternacht aus dem Bette heraus, sich scheiden lassen und davonlaufen, dahin, wo der Pfeffer wächst? Wie? Hab’ ich nicht recht?“ „Gewiß, gewiß,“- sage ich. „Ich glaube auch, daß ich um Mitternacht aus dem Bette spränge, mich' scheiden ließe und davonliefe, wo der Pfeffer wächst.“ „Natürlich. Sie können leicht reden: Aufspringen, scheiden lassen, davonlaufen, dahin, wo der 'Pfeffer wächst. Was heißt das, davonlaufen? Wie? Wohin? Unter die 'Erde! Und daß sie die einzige Tochter ist . . . die ganz einzige . . . später einmal gehört alles ihr, das heißt mir — das ist wohl gar nichts? Wie?. . . Und überhaupt, was hab’ ich eigentlich gegen sie, was hab’ ich gegen sie? Nein, bitte, sagen Sie mir doch: Was habe ich gegen sie?“ „Nun freilich, ich bin derselben Meinung: Was können Sie gegen sie haben?“ „So? Und der Doktor? Den haben Sie vergessen? Wie? . . . Solangeich diesen Todfeind vor den Augen habe, kann ich sie nicht anschauen,-kann ich ihr-nicht ins Gesicht sehen!“ „Dann müssen Sie sich allerdings scheiden lassen!“ „Und was wird dann aus mir werden? Was soll so ein junger Mann in diesen schweren Zeiten anfangen? Bitte, sagen Sie doch? Zeigen Sie Ihre Weisheit!“ „Ja. dann dürfen Sie sich eben nicht scheiden lassen.“ „Nicht scheiden lassen? . . . Und der Doktor? Solange . . ' „So lassen Sie sich scheiden,“ sage ich und will zu Ende kommen. „Scheiden lassen?’ Und was wird aus mir werden? Was . . .?“ „Also -nicht scheiden lassen!“ „Und der Doktor?“' *