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Jüdische Zeitung · 1916-04-14 · 15-16 (14.4.1916) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
15-16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15/16 JÜDISCHE ZEITUNG Seite[ 5 Otto Abeies. Ostjuden. (Tagebudhblätter aus der Flüchtlingszeit.) In den verflossenen Monaten hatte ich amtlich viel mit ostjüdischen Flüchtlingen zu tun. Ich zeichne hier schmucklos auf, was mir denkwürdig scheint. Ihr Wunsch. Eine abgehärmte Frau steht vor mir. Die Haare, die sich unter der Perücke hervorstehlen, sind frühzeitig ergraut! Mitgemacht hat sie ge-, rade genug. Sie stammt aus einem Orte, weit im Osten, der wiederholt von den Russen besetzt wurde. Hab’ und Gut geplündert, vom Sohne, der Soldat ist, seit einem halben Jahre keine Nachricht und die Fahrnisse, die sie hastig zur, Bahn trug, sind nicht aufzurinden. Ich verlange bestimmte Dokumente, um ihr behilflich sein zu können. Da erzählt sie die Schreckensgei schichte der letzten Nacht vor der Flucht, da die Kosaken ins Haus einbrachen, alles zusammenrafften, Leibesvisitation Vornahmen und raubten, was wie eine Banknote oder wie ein-Wertpapier aussah. Wie der Mann mitgeschleppt und wieder losgekauft wurde, wie man die Kinder prügelte, was man der dreizehnjährigen Tochter angetan habe .... , Sie erzählt es trocken, ohne Seufzer, sie hat es schon so oft gesagt. Dann, nach einer Pause, sieht sie mich an und fügt recht eindringlich hinzu: „Ja, lieber Herr, ich habe so viel Jammer, hinter mir, daß ich es verdienen würde, doppelt so lang zu leben“. .... i Doppelt so lang zu leben wünscht sie nach diesem Martyrium! w'ie die verkörperte Lebensbejahung unseres Volkes steht sie vor mir, die' heilige, alles Leid überstrahlende, wie das Sinnbild der ewigen, unbesiegbaren Lebenskraft Israels. — — Ich hatte das Bedürfnis, mich) vor dieser Frau zu verneigen. Kultur. Ein recht armer, chassidischer Jude aus Dobromil. Er ist ein häufiger Gast im Amte. Der (nichtjüdische) Amtskollege, der das Referat über die Angelegenheit dieses Mannes führt, hat ihm wiederholt mit großer Geduld erklärt, daß --alle weiteren Nachforschungen nach1 seiner Habe zwecklos sind, daß nichts unversucht gelassen wurde. Er kommt immer wieder und bittet beharrlich, noch hier und dort zu suchen und anzufragen. Schließlich führt ihn der Kollege zu mir, damit ich ihn überzeuge. Ich bemühe mich, ihm klar zu machen, daß wir als Berufsleute in diesen Dingen jedenfalls erfahrener seien als er, und daß er das doch endlich einsehen müsse. Das kleine, vernachlässigte, zerlumpte Männchen mit den lange nicht geputzten Stiefeln schaut mich mit lebhaften Augen an und sagt: „Der Herr ist doch Jude, wird er mich doch anhören, wenn ich ihn an das Wort der heiligen Schrift erinnere: Auch von den Toren nimmt der Weise Belehrung an.“ — Mein Amtskollege stand ganz stumm da und blickte verdutzt drein. Bisher war ihm der kleine „Itzig“ das Sinnbild des östlichen Schmutzes und der verkommenen Armut, für das er höchstens Mitleid aufbrachte — Mitleid vermengt mit Schwiegervater wieder ließ anspannen und schickte nach dem Doktor, das heißt, ich selbst mußte zu ihm fahren, und als er kam, winde ihr sofort besser, das Gesicht rötete sich wieder, die Augen begannen zu glänzen wie Brillanten in der Sonne . . . Und stellen Sie sich die Situation vor, wenn ich so zu ihm ins Zimmer treten muß, Sie können mir sicher glauben, wie in die Hölle — dort muß es angenehmer jSein! Und erst sein Gesicht anschauen, das feine Gesicht! Rot wie eine Rübe, ins Bläuliche übergehend, und mit hundert Pickeln bedeckt! Dabei hat er die Gewohnheit zu lächeln. Er lächelt, ob es paßt oder nicht, immer lächelt er, und mit jedem ist er freundlich, ganz besonders aber mit mir. Zuckersüß ist er gegen mich und weich — man könnte ihn auf eine Geschwulst auflegen. Seine Güte gegen mich ist ohne Grenzen! Unlängst war ich nicht ganz 'gesund, hatte die moderne Krankheit, die Influenza — da hätten Sie sehen sollen, wie sich der Mensch für mich aufopferte — das war schon übermenschlich! Und merkwürdig, je freundlicher er mit mir ist, desto mehr hasse ich ihn — möge mich Gott strafen — ich kann ihn nicht ansehen, besonders wenn er bei uns. ist und er und sie sich , Blicke zuwerfen . . . Ich glaube, wenn ich ihn beim Kragen packen und herauswerfen könnte — so wäre das sehr gesund für mich. Ich kann’s nicht ertragen, wie er sie anblickt und anlächelt, und hab’ mir nun fest und einfür allemal vorgenommen, daß die Geschichte ein Ende nehmen muß. Wie lange noch soll ich die Schande ertragen? Die ganze Stadt, müssen Sie wissen, be-. schäftigt sich mit mir! Nein, es gibt keinen anderen Rat für mich als Scheidung! Ich seh’ kei- Mißtrauen und Abscheu. Und nun drückt sich der kleine Itzig wie ein Pnilosoph aus. Ubt ihm wohl auldämmerte, daß unter der häßlichen, abstoßenden Hülle edle Werte verdeckt sindr Lachend teilte mir übrigens der Kollege nach einiger .Z.eit mit, daß der Kleine Itzig den richtigen Weg gezeigt habe und daß uurch seine Ratschläge sein armseliges Eigentum aufgeiunden woruen sei. * Ein Lebenskünstler. Die meisten, die in unserem Amte erscheinen, sind gedrücnt und vou Sorge um das Letzte, das sie vor dem Feinde retteten. Sie tragen beklommen und leise an, ob sicn mre ballen und Kisten gefunden hätten und ihre Augen flehen förmlich, ihnen kein „Nein“ zu erwidern. Einer aber kommt immer mit strahlend fröhlichem Antlitz, er ist stets in köstlich aufgeräumter Stimmung! senr höflich und doch herablassend jovial und trägt ein leichtes, 'überlegenes Läcneln zur Schau, wie einer, der Grund hat, auf sich zu halten. i Er ist „modernisiert“. Die Schläfenlocken trägt er wohl schon seit der Kindheit nicht mehr, der angegraute Bart ist beinahe sorgfältig gepflegt unu er spricht hochdeutsch. Den ueberrock ersetzt ein grünschimmernder, an den Ellenbogen kunstlos geflickter SalonrocK und die Schuhe — ja, die sind sehr geschmeidig und haben scheinbar überhaupt keine Sohlen und Absätze mehr.. Manhört den heiteren Mann nicht, wenn er ins Zimmer tritt und bemerkt ihn erst, wenn er mit gedämpftem1 Scharren und schief gestelltem Kopf eine senr würdige Verbeugung macht und einen .guten Morgen wünscht, wacn einer verbindlichen Erkundigung über das werte befinden und einigen längeren Bemerkungen über das Wetter und die Kriegslage, betremt er so nebenbei seine Angelegenheit. „Es geht mir nicht so um die anderen Effekten, wie um die Bücher und Manuskripte, die in der Kiste verpackt sind. Sie verstehen wohl, Herr Doktor“, — er reibt lächelnd den Zeigefinger am Daumen — »das ist mein Erwerb, ich bin nämlich Sprachlehrer und Publizist. Ich kann sozusagen meine Tätigkeit erst beginnen, bis ich die Bücher habe.“ Aber man merkt ihm’s an. Er kann’s erwarten und hat nichts zu versäumen. Vorläufig lebt sich’s doch so schön in der großen, fremden Stadt. Man sieht so viele Menschen und hört so viele Neuigkeiten. Das Morgen hat ihm wohl noch nie Sorge gemacht« und für das Heute gibt es irgendwo ein Mittagbrot und ein Nachtlager. Wie herrlich! Die Zeitungen sind bei den Trafiken ausgehängt. Da kann man spesenfrei stundenlang lesen. Am Donaukai trifft man ungezählte Bekannte aus der Heimat, aus vielen Städtchen, in' denen man sich ein paar Monate durchgebracht hatte, kann disputieren nach Herzenslust, kommt mit manchem noch wohlbestellten Bürgersmann zusammen, dem jetzt die Aussprachesehr willkommen ist und der einem dafür gerne ein wenig unter die Arme greift. Weltkrieg? Massenflucht? Was könnte diesen Mann aus seiner geruhsamen Zufriedenheit aufstören? Dieser Lebenskünstler lebt wirklich in der besten aller Welten. Eine Frau. Unvergeßlich bleibt mir die brave Marktfahrersfrau aus Gorlice. Sie kam immer mit den beiden heranwachsenden bildhübschen Töchtern, nen anderen Ausweg! Freilich, mein Interesse . . . der Schwiegervater ein schwerreicher Mann , . . Eine einzige Tochter, später einmal gehört alles ihr, .das heißt mir , . . Aber ich pfeife darauf! Was tat ich früher? Was tun andere junge Männer? Nein, es gibt keinen anderen Plan! Was sagen Sie? Nicht wahr, es gibt keinen anderen Weg als Scheidung?“ Hier holte mein Gast wieder einmal Atem, wischte wieder den Schweiß vom Gesicht und wartete auf meine Antwort. „Es scheint so,“ sagte ich, „daß für Sie kein anderer Weg bleibt als Scheidung. Zudem sehe ich nicht, daß ihre Liebe gar so heiß wäre und Kinder haben Sie ja auch nicht. In aller Leute Munde sind Sie auch. Was nutzt Ihnen also die ganze Geschichte?“ Während ich so sprach, drehte er an den Räderchen des Zweirads und blickte mich aus seinen schwarzen, ernsten, mitleidsuchenden Augen an. Dann rückte er noch näher, seufzte und begann wieder: „Wissen ‘Sie, was aas anoetrifft, ob ich sie liebe, nun . . . ich kann jedenfalls nicht sagen, daß ich sie hasse. Ich habe sie vielmehr lieb, ja sogar sehr lieb . . . Und daß ich in der Leute Mund bin . . . Hol sie der Teufel, mögen sie Himmel und Erde zusammenschwätzen! Nur auf ihn bin ich wütend. Auf ihn und auf sie. Warum vyird sie so lustig, wenn sie ihn anblickt? Warum, sagen Sie mir, bitte, wird sie nicht so lustig, so rot, wenn sie mich anblickt? Warum bin ich für sie weniger als er? Weil er ein Doktor ist und ich nicht? Hätte man mich studieren lassen, dann wäre ich vielleicht auch ein Doktor und vielleicht ein noch größerer als er gewordie sie in der sündhaften Residenz nicht aus der Nähe ließ. Eine kräftige, gedrungene Gestalt, Hände und Gesicht vom ständigen Aufenthalt im Freien förmlich gegerbt, frische, mutige Braunaugen. Ein kluges, gesundes Weib, das sich auis Klagen und Jammern nicht verstand, gewohnt, zu schaffen und für den Unterhalt uer Familie zu sorgen. Als sie eines Tages wieder in ihrem kurzen, ärmellosen Bauernpelz bei mir eintrat, wußte ich schon, daß ihre letzte Habe den Russen in die Hände gefallen war und es wurde mir wirklich schwer, ihr die Wahrheit zu sagen. Aber just kam sie mit hellem Gesicht: „Herr Kommissär, heut hab’ ich gute Nachrichten von meinem Manne, der unter den Russen in Gorlice geblieben ist. Er lebt und ist gesund! Was brauche ich mehr? Sollen meine Sachen verloren sein! Wie ich auf die Welt gekommen bin, war ich doch ganz nackt. Jetzt habe ich Kleider am Leib und gottlob zwei Kinder und einen Brief von meinem Manne habe ich auch! Gott sei Dank!“ Sie machte mir es wirklich leicht,’, die Wackere, ihr die Wahrheit zu sagen. * Ein Landjude. Er hatte wiederholt größere Posten Lebensmittel zusammengekauft und ins Innere Galiziens als „Reisegepäck“ mit sich geführt. Mehrere Kisten sind abhanden gekommen und er fordert nun den Gegenwert. Man macht ihm den Vorhalt, daß er derartige Waren -nicht hätte als „Reisegepäck“ abfertigen lassen sollen und daß er auf diese Weise die Frachtsperre umgangen habe. Insgeheim hatten die Herren schon ihr -Vorurteil gegen den „Plusmacher“, der die Situation benutzte, Waren in das Kriegsgebiet zu schleppen und den Soldaten für Sündengeld anzuhängen. Er wurde nicht gerade sanft behandelt. Da öffnete er den Rock, zog eine Visitenkarte hervor, fein säuberlich und dreifach in Papier geschlagen, legte sie auf den Tisch des Beamten und sagte: „Die Exzellenz Danki hat bei mir gewohnt, Sie müssen wissen, daß ich zu Hause acht Zimmer habe. Ich bin ein Oekonom und kein.Spezereiwarenhändler. Die Sachen habe ich über Ersuchen des Herrn General besorgt, weil sonst; er und sein Stab nichts zu essen gehabt hätte. Mit dieser Karte, die er mir mitgab, habe ich die Erlaubnis erwirkt, die Waren als Reisegepäck aufgeben zu dürfen.“ Und das bringt der Mann erst jetzt vor! Ein anderer hätte mit dieser Legitimation in Händen längst alle Instanzen überrannt und nachdrückliche Beschwerden angebracht. Ich schaue mir ihn näher an: Er trägt noch Kaftan und den üblichen Plüschhut, ist groß, kräftig, und sorgfältig gekleidet. Gewiß ein begüterter und gebildeter Mann, lebt wohl ganz seiner Familie und hält an den Sitten und Bräuchen seiner Väter fest, blieb bescheiden und einfach und ist frei in Sprache und Geste, weil er viel in Feld und Flur umherstreift. Mit welch wortkarger Gelassenheit er die Angelegenheit weiter bespricht, trotzdem man ihn doch jetzt mit ausgesuchter Höflichkeit. behandelte! Ich jubelte heimlich. » Das Säckchen Erde. Sie ist aus dem Flüchtlingslager nach Wien gekommen und bringt eine Bestätigung mit, daß den; Sie können miris glauben, in unserer Gelehrtenschrift kann ich’s noch mit jedem aufnehmen und in bezug auf Hebräisch stecke Ich ihn vielleicht sogar hundertmal in die Tasche. Aber andererseits, was habe ich sie denn am Ende Unrechtes t un sehen, daß ich mich von Ihr Sollte scheiden lassen müssen? Wegen des neuen Doktors? Und was täte ich denn eigentlich, wenn an Stelle des neuen Doktors solch ein anderer Unglückskerl käme? Oder wo steht denn geschrieben, daß eine junge Frau mit einem Doktor nicht bekannt sein darf; das ist eins. Und zweitens, was wird aus mir werden, wenn ich beispielsweise wirklich hingehe und mich von ihr scheiden lasse? Sie müssen wissen, ich bin ein Waisenkind, stehe ganz allein! Ohne Verwandte, ohne Freunde, soll ich wieder ein armer Heiratskandidat werden und noch einmal heiraten, das heißt, wieder beim Abc anfangen? Und woher weiß ich, daß ich dann besser fahren werde? Vielleicht gerate ich dann in eine noch schlimmere Hölle? Hier kenne ich wenigstens schon meine Leiden, und ich bin ja doch, wie ,er‘ sich ausdrückt, ein Kronprinz, Schwiegersohn des reichen Mannes, später einmal gehört doch alles ihr, das heißt mir . . . Verstesiehen Sie? Was werde ich da vief kombinieren, spekulieren? Es ist doch nur bin Spiel, eine Lotterie, wie? Nicht wahr? Wie meinen Sie? Es sei kein Spiel? Keine Lotterie?“ „Ich bin derselben Meinung,“ sage ich. „Es ist ein Spiel, eine Lotterie, und sicher ist es besser, in Frieden zusammen zu bleiben, als auseinander zu gehen.“ Ich bin aber froh, daß es so gekommen ist, daß ich meinen Rat mehr zugunsten des ehe-

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