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Jüdische Zeitung · 1916-04-14 · 15-16 (14.4.1916) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
15-16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG . :_Nh 15/16 men Vögte, die das Volk martern und wund peitschen lassen. .In solchen Zeiten erwacht die Freiheitssehnsucht mit doppelter Kraft, erblüht von neuem die Hoffnung auf bessere,- glücklichere Zeiten. Weil uns die Geschichte des Exodus erzählt, daß wir Knechte waren, können wir auch auf Zeiten hoffen, in denen wir die "Parias gewesen sein werden. Aber" diese Hoffnung darf nicht ein müßiges Harren sein, ein blosses Hinausschauen in eine bessere Zukunft, ohne eine Hand zu bewegen, sie herbeizuführen, das Erwarten einer Ernte ohne-gestreute Saat. Der nach Freiheit Lechzende muß auch ein nach Freiheit Strebender, ein um die Freiheit Kämpfender sein. . Die Befreiung muß der Ausfluß eines starken Willens und einer klug berechneten, Zeit und Verhältnisse nutzenden Tat sein. Mehr als in früheren- Zeiten, müssen die Juden in' der Gegenwart den Willen zur- Freiheit besitzen, und die nötige Kraft und Ausdauer, diesen Willen in die Tat himzusetzen. Nur die Tätigen dürfen auf Erlösung hoffen. Nur die Tatjuden werden das Land der Verheißung sehen — den leuchtenden Sinai der Freiheit. Max Brod. Im Volhston. (Nach dem Neu-Hebräischen des 'Ch, N. Bialik.) Nicht in Nächten, nicht in Tagen Will ich den Spaziergang wagen. Nicht am Gipfel, nicht am Saunt Steht dort der Akazienbaum, Der die fernen Rätsel rät, Das Zukünftige erspäht. Die Akazie will ich fragen, Wer mich frein wird, soll sie sagen. Wird der Gute mich aus Polen Oder aus Lithauen holen? Fährt sein Wagen stolz im Trabe? Kommt er nur am Wanderstabe? , i i . i , i : v: Bringt er Schnüre" von Korallen? Perlen gar, mir zu gefallen? Schwarze Augen oder blau? Bin ich schon die zweite Frau? Ist er alt? — — Ihr Aeste .droben, j Nein, dann will ich schmollen, toben. „Vater“ schrei ich, „nimm mein Leben, Nur" mich keinem Alten geben!“ Vaters Knie will ich halten: „Nur den nicht, — nur keinen Alten!“ Tun wir unsere Pflicht und steuern wir dem Palästinahilfswerk für die Kolonien bei. Unsere Pioniere tun das ihrige, sie essen bloß an i— sechs Tagen der Woche I Moses Gross. fln Die Heimat. Noch wandert ruhlos meine Seele — doch hat mein Fuß sich müd’ gegangen. Es regt sich, wenn der Abend ruft, ein tiefes, heil’ges Heimverlangen. v Der Sonne letztes Gold verblich, der Wälder bunte Lichter starben, der fremden Länder Reiz verging, Dein Bild nur glüht in Sehnsuchtsfarben. Ich will zu Dir, o Sehnsuchtsland, heimkehren still — Du sollst nicht fragen — und draußen bleibt, was ich durchlebt, ein buntes Kleid, das abgetragen. Mathias Acher. Die 9rä Gruppen uni) - wir. Zwei' Hauprisse gehen durch die europäische Menschheit und spalten sie in drei Völkergruppen. Im Grunde wiederholt sich das Schauspiel . in jedem Volke, aber im Ganzen steht jedes Volk in der einen oder zweiten oder dritten der drei Gruppen." Da sind die Einen, die Erben der Antike, mit den nackten Instinkten und den nackten Beschwörungsformeln des Verstandes, die- -Kulturgebeizten mit den schmalen, gegliederten Seelenleibem und den schönen Schmetterlingsflügeln; die, denen Freiheit und Gleichheit ein antithetischer Rausch ist, der sich in den Zeiten ihrer eigenen Herrschafts- und Knechtschaftsexaltationen in ihnen entwickelt hat. Sie kommen sich1 immer fertig, immer gebend, immer strählend, immer bedankenswert vor. >Und da sind die Zweiten, die zwischen wachem _Traumwandel und schlafschweren Exzessen schwanken, die. sarmatischen Frühgeburten der Kulturmensc(iheit, mit ganzen Himmels- und Hexenküchen in Herz und.Hirn, die gerne, ach so gerne „ausgetragen“ sein möchten und sich in dieser fast hoffnungslosen Sehnsucht für Apostel der Freiheit halten. Und da sind — zwischen Beiden, — die Dritten, cjie mit abgemessenen, schwerfälligen Schritten, auslugend und nach innen lächelnd, ihres Weges ziehen; die Unerschütterlichen, die; immer Ordnung in sich und um sich haben müssen, die da Macht bauen, fast ohne es zu wollen, und die sich, in freiwilliger Unterordnung unter das Gesetz des Ganzen, jenseits von Knechteszorn und Freiheitsschein stellen. Und jetzt haben sich, die Ersten und die Zweiten, die Kulturschmetterlinge und die Frühgeburten, gegen die Dritten, die „Ausgetragenen“, unter Führung von schon „übertragenen“ Ueberläufern, vereinigt. ... Wir aber, — die Vierten, die wenigen Vier- - ten? .... Nun wir haben allen Grund uns zu erinnern, daß unsere uralte Sehnsucht nach Menschheitserlösung keine Rauschantithese von Kulturlogikern und keine Sehnsucht unglückseliger Kulturembryonen ist, daß auch uns die Tat, das Werk, der Aufbau, die Ordnung näher sind, als der leere' Protest und das ohnmächtige Getöse. Und dann haben wir die Pflicht, uns zu erinnern, was wir waren und wieder werden sollten: das Volk jenes Weltenpathos, hinter dem der Sturm Gottes braust, das Volk des großartigsten Selbstzuchtgedankens, das Volk der großen Saat. Seite 4 eben des Menschenbewußtseins, Erlösungsträume, Rettungsversuche, Wüstenwanderung und — der leuchtende Sinai der Freiheit. Im Mittelpunkt des jüdischen Dramas in Aegypten steht-Moses; um ihn rotiert die ganze Handlung, mit ihm beginnt die eigentliche Tragödie, weil erst durch ihn der Sklave sich seiner Sklaverei bewußt wird. Bevor Moses auftrat, war das Judenvolk eine stumpfsinnige Sklavenhorde, der der Sinn für die Freiheit fehlte, wie dem Blindgeborenen der Sinn fürs Licht. Sie trug geduldig das ihr auferlegte Joch. Ihre Kettehj klirrten nicht, weil sie nicht an ihnen rüttelten. Menschen mit versklavten Seelen sind bedauernswerte Geschöpfe, aber keine tragischen Helden. Denn nur bewußtes Leiden enthält alle Momente, die man, in einem Brennpunkt vereinigt,. Tragik nennt. Moses war das Gewissen des Judenvolkes. Indem er ihm die Möglichkeit des Freiwerdens zeigte, wurde es sich seiner Unfreiheit bewußt, und weil er ihm das Leben in der Freiheit als das allein menschenwürdige pries, fing es an, die Knechtschaft als Schmach zu empfinden . . . So ward durch Moses die jüdische Tragödie lebendig. Moses ist der Mann des großen Mitleids, der starken Empfänglichkeit für die Leiden anderer. Moses litt nur insofern, als er die Leiden anderer in sich aufnahm. Ihm selbst blieb ein sonnbestrahlter Lebensweg Geschieden. Im königlichen Palast auferzogen, wurde er wie ein Königskind behandelt und nahm am pharaonischen Hof eine hohe Stellung ein. Dieser Hebräersohn hatte mit den Hebräern im Lande Gosen nicht viel gemein. Moses hätte im Mantel aus Purpur und mit Ringen und goldenem Flechtwerk geschmückt einhergehen können — ein echter Aegypter. Aber „da Mose groß ward, ging er aus zu seinen Brüdern“, erzählt die Bibel. Das sollte richtiger heißen: Da Mose zu seinen Brüdern ausging, ward er groß. In diesem Gang zu seinen Brüdern zeigt sich seine Größe. Indem er aus der Höhe des königlichen Palastes in die dunklen Hebräerwohnungen hinunterstieg, wuchs er zum Ewigkeitsmenschen empor. Er führte Sklaven aus der Knechtschaft, formte ■aus einer rohen Masse, ein" gesittetes Volk und zeigte diesem Volke, durch den Exodus, den leuchtenden Sinai der Freiheit Der Auszug aus Aegypten war bestimmend für die Befreiung aus der jeweiligen Knechtschaft aller anderen Zeiten. Dieser Auszug war der Untergrund, auf dem die Freiheit des jüdischen Volkes sich aufbaute. Der Auszug aus Aegypten machte erst alle anderen Freiheitskämpfe in der jüdischen Geschichte möglich, denn er gab das Beispiel von der Möglichkeit des Freiwerdens. Deshalb ist uns das Pessachfest nicht nur ein Gedenktag an die Vergangen-, heit, sondern auch ein "Fest der Hoffnung und der Zuversicht für die Zukunft. Das Pessaehfest ist eine Quelle der Belehrung, der die befreiende Tat folgen kann. Und das eine tut not: die befreiende Tat. Denn die jüdische Tragödie erneuert sich. Unsere Brüder im Qsten, in Rußland und auch anderswo, erinnert das Pessachfest nicht nur an die Leiden und die Bitternisse, der löiechtschaft in Aegypten, es erinnert sie auch an die Leiden und Qualen des eigenen Lebens, des Lebens voll des Jammers und des Schmerzes, voll der Erniedrigung und Entwürdigung. Sie haben Mizrajim vor Augen. Es ist dasselbe von Tränen durchtränkte Brot, das unsere Vorfahren im Lande der Pharaonen äßen. Es sind dieselben grausa¬ „Entschuldigen Sie, junger Mann“, unterbreche ich ihn wieder mitten in der Rede, „ich glaube, Sie wollten sich doch mit mir über irgend .etwas beraten?“ »„Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen "Ihre Zeit raube. Ich habe Ihnen vom Doktor zu erzählen begonnen, weil der eben derjenige ist, der. an allem Schuld hat — mein Unglück ist er, mein Mörder. Wenn nicht er, wäre ich ja der Glücklichste auf der Welt, denn ich bitte Sje, worüber sollte ich mich beklagen? Eine Frau habe ich, müssen Sie wissen, eine Erscheinung, man kann sagen, eine Schönheit, und Kinder, müssen "Sie wissen, haben wir noch nicht, und eine einzige Tochter ist sie, nach hundertundzwanzig Jahren gehört alles ihr, das heißt mir, und Ehren habe ich auch . genug, als Schwiegersohn eines reichen Mannes: man sitzt Gott sei Dank obenan, hat Maftiran Sabbaten und Festtagen, wird geehrt, wenn’s irgendwo eine Beschneidung'gibt, auch bei den Hoschanoth gehe ich nach dem Schwiegervater als Erster mit dem "Ethrog: Zuerst natürlich der Chasan, dann der Raw, nach ihm der Schwiegervater und erst nach, mir alle andern. Und selbst im Gemeindebad — wenn ich mich ausgezogen habe und hineinkomme — macht der Badediener ein Geschrei: ,Platz, Platz, Leute!' Ich schwöre Ihnen, daß es mir unangenehm ist, ich kann’s nicht leiden. Vielleicht sage ich zuviel, denn jeder hat ein Vergnügen, wenn ihm geschmeichelt wird und niemand verzichtet gern auf Ehren. Aber was zu viel ist, ist zu viel, und besonders da ich weiß, daß ich es nicht verdiene. Wofür eigentlich? Weil der Schwiegervater reich ist? Sollen sie ihm schmeicheln, die Speichellecker, bis sie bersten — was habe ich damit zu tun? Schreckliche Menschen, sage ich Ihnen, sind es, ganz schreckliche Menschen, und ich muß wie in einem Gefängnis mit. ihnen zusammen sein, denn mit irgend jemand anderem Zusammenkommen läßt man mich nicht — wie paßt das für den Schwiegersohn des reichen Mannes? Mit dem Schwiegervater selbst habe ich nichts zu reden: Ein gewöhnlicher Mensch1, müssen Sie wissen, sehr gewöhnlich, ganz unwissend .— er soll " mir’s nicht übelnehmen, hören tut er’s nicht und so wird’s ihm wohl nicht schaden — und sie, .eine wilde Ziege, eine einzige Tochter, wie ich Ihnen sagte: Bald lacht sie,. bald weint sie, 'eben war noch ha-ha-ha und schon hat sie sich aufs Bett geworfen und man schickt nach dem neuen Doktor — und der neue Doktor — der Teufel soll ihn holen! Wenn ich mich an ihn erinnere, wird mir mein Leben zuwider! Sie dürfen mir’s glauben, daß ich manchmal ein Messer packen und mich erstechen möchte, oder an den Fluß laufen und mich, ertränken — so*zuwider ist mir dieser Doktor.“ Und der junge Mann verfällt in ein trauriges Sinnen. „So haben Sie sie also" im Verdacht?“ frage ich und bin besorgt, kein Wort zuviel zu sagen. „Behüte Gott,“ antwortet er mit einem Satz, wie wenn er verbrüht worden wäre, und rückt noch näher an mich heran. „In Verdacht — sie? Wie kann ich das? Doch eine jüdische Tochter! Ein reines Kind . . . Ich - spreche von ihm, sprech’ ich, von dem sauberen"" Doktor, verflucht soll er sein!" Und eigentlich auch nicht so sehr er, wie sein Väterchen, das schielende Schneiderlein mit dem wattierten Kaftan! Geht Tag und Nacht in der ganzen Stadt herum und klappert und "paukt. Sie glauben vielleicht, daß hinter seinem Klappern etwas steckt? Nichts, gar nichts, hat eine Zunge, klappert sie. Sie können sich denken, ich würde midi nicht mehr darum kümmern, als um den vorjährigen Schnee, es ist aber ein Haken dabei: Daß ein Mensch Ohrent hat, Ohren horchen gern, und wenn man gut horcht, bekommt man 'Dinge zu hören, die man lieber nicht hören möchte — zumal bei uns in der Stadt. Es ist eine Stadt, müssen Sie, wissen, von lauter Zuträgern und Verleumdern, mit weltberühmten loseh Zungen. Kommt einer bei uns in die Mäuler, dann ist er fertig. In meiner Gegenwart nimmt man sich natürlich in Acht, aber hinter meinem Rücken habe ich mehrmals Reden gehört, die midi dazu veranlaßten, aufzupassen, und, wirklich, ich habe nichts bemerkt, durChauanichts, außer eines, daß sie eine ganz andere wird, wenn er kommt, ein anderes Gesicht kriegt sie dann, andere Augen, das heißt, sie ist natürlich dieselbe mit demselben Gesicht, denselben Augen, bloß der Blick ist» anders. Sie verstehen doch? .Ein ganz anderer Blick, ein ■ ganz anderer Glanz! Glauben Sie etwa, daß ich nicht so klug war zu fragen: ,Sag doch, mein Herzdien, was ist denn das, daß du eine ganz andere wirst, wenn er kommt?' Raten Sie, was sie antwortet? Nichts als ein so gewaltiges Hahaha, daß ich lebendig in die Erde zu versinken meinte, gleich darauf aber warf sie sich natürlich’ mit einem solchen Geheul aufs Bett, daß die Schwiegermutter im türkischen Shawl gelaufen kam und ihr Hilfe zu leisten begann, wobei sie natürlich auch ihre Predigt herunterleierte. Der ,

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