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Jüdische Zeitung · 1916-04-14 · 15-16 (14.4.1916) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
15-16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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f$ Nr. 15/16 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 österreichischen Problems als eines europäischen und für die jüdische Zukunft. Leider hat man in den letzten Jahrzehnten das Wesen der österreichischen Reichsidee, die Existenzbedingungen und die geschichtlichen Aufgaben der Monarchie nur sehr oberflächlich erlabt. Es bildete sich die irrige Meinung, durch den Zentralismus alter Observanz, den Dualismus, oder durch den länderautonomistischen Föderalismus die Nationalitätenprobleme der Monarchie lösen zu können. . Wie wenig dies gelungen ist, zeigt der deutsch-demokratische Abgeordnete Viktor Zenker in seiner neuesten Schrift „Die nationale Organisation Oesterreichs“ (in der er bedauerlicherweise die Judenfrage nicht berührt) unwiderlegbar. „Zuletzt — bemerkt Zenker richtig — waren die österreichischen Landtage wie auch der bosnische obstruiert, die böhmische, die steirische, die kroatische Landesautonomie ausgeschaltet, der österreichische Reichsrat gleichfalls obstruiert und vertagt und der ungarische Reichstag war nur durch einen parlamentarischen Staatsstreich vor dem gleichen Schicksale bewahrt worden. . . . Der Parlamentarismus hat die Grundlage unseres Reiches, seine nationale Organisation nicht zu lösen vermocht, wohl aber hat der toll gewordene Nationalismus das Verfassungsleben erschlagen. Ein konservatives Mitglied des österreichischen Herrenhauses hat einmal die Obstruktion das ungeschriebene Minoritäiengesetz genannt. Und es liegt etwas wahres darin. Man kann die Sache besenen, wie man will, zum Schlüsse ist der Grundsatz, daß man die nationale Frage nicht per majora entscheiden könnte, wirklich der einzige praktische Fortschritt, den die Entwicklung des nationalen Rechtes in Oesterreich während der Verfassungsära gemacht hat. Es wäre ein großer, in seinen Folgen unabsehbarer Fehler, wenn man die Giltigkeit dieser Erfahrung nach dem Kriege nicht mehr anerkennen würde.“ Und gerade hierin liegt die Hauptgefahr ieiner Ausgestaltung der Länderautonomie für alle Minderheiten und ganz besonders für die in der ganzen Monarchie zerstreute jüdische Minderheit. Gerade die Absonderung der beiden Reichshälften von einander, sowie die Sonderstellung Galiziens hat auch zur Absonderung der ungarisch-kroatischen und galizischen Juden von denen der Sudeten- und Alpenländer geführt. Diese ist auch das Haupthindernis einer großzügigen jüdischen Volkspolitik und einer strafferen nationalen Zusammenfassung geworden. Die Gefahren, welche in Vergangenheit, so auch in Zukunft aus der Ueberschätzung der Länderindividualitäten und der historischen Staatsrechte für die Minderheiten und die Gesamtmonarchie resultieren, erörtert der Abgeordnete Zenker eingehend und fordert eine diesbezügliche Revision des bisherigen staatsrechtlichen Aufbaues im Sinne der nationalen Autonomie und der Reichseinheit. „Alle Oesterreicher, die ernsthaft über die Zukunft Oesterreichs nachgedacht haben, sind immer wieder zu demselben Schlüsse gekommen*): einen großen starken Einheitsstaat und in dessen Rahmen die autonomen Nationen. Männer der verschiedensten Weltanschauung, Nationalität und politischen Richtung haben dies für die letzte praktische Möglichkeit einer Lösung des österreichischen Problems erklärt. Graf Stadion wollte *) Siehe Krakauer Programm. trotz aller Feindschaft gegen die Revolution und den konstituierenden Reicnstag noch am Schlüsse eben dort hinaus, wo der Kremsierer Verfassungsentwurf — dieser einzige aus dem versöhnten Geist aller Völker geborene Verfassungsgedanke — stehen geblieben war; der Väter des tschechischen Volkes Palacky ebensogut wie der Deutsche (Jude — Anm. d. Red.) Fischhof und der Rumäne Aurel Popovic ir der Sozialdemokrat Renner in grundsätzlicher Uebereinstimmung mit dem klerikalen Lueger, sie aße haben, wenn auch auf grundverschiedenen Wegen und durch grundverschiedene Mittel, die Ersetzung der jetzigen historischpolitischen Individualitäten durch eine nationale Gliederung des Staates als den einzigen Ausweg aus dem staatsrechtlichen nationalen Chaos bezeichnet.“ Daß bei einer Neuordnung der staatsrechtlich-nationalen Verhältnisse in der Habsburger- Monarchie die Judenfrage nicht übergangen werden kann, hat bereits vor einem Jahre in seiner Schrift „Europäische Ideen“ der Großösterreicher Dr. Anton Weselsky dargelegt. Der frühere Wiener Stadtrat trat für eine nationalkulturelle Autonomie der Juden auf Grund eines jüdischen Katasters ein. Diesen Gedanken hat sich auch Dr. M. I, Bo dm er in einer „Ein neuer Staatenbund und das Ostjudenproblem“ betitelten Broschüre zu eigen gemacht. Diese Schrift, welche die Schaffung eines lithauisch-ruthenisch-polnisch-jüdischen Zwtschenreiches als eine ideelle Lösung des Ostproblems für das deutsche Reich betrachtet, ist nach den letzten Erklärungen des deutschen Reichskanzlers eine aktuelle geworden. Dr. Bodmer betrachtet in Uebereinstimmung mit einer Reihe von anderen hervorragenden Schriftstellern die Verkleinerung und Schwächung Rußlands, die Befreiung der von Rußland unterdrückten Fremdvölker und speziell der Juden als einen Hauptzweck des Weltkrieges. Er schlägt einen Staatenbund vor, der sich von der Ostsee bis -zum Schwarzen Meer erstreckt. Derselbe sollte 12 Millionen Polen, 4 Millionen Lithauer und Letten, 5 Millionen Weissrussen, 12 Millionen Kleinrussen und 6 Millionen Juden umfassen,. „Das Schicksal des jüdischen Volkes sollte das tiefste Mitgefühl der ganzen gesitteten Menschheit erregen. Es wäre die herrlichste Aufgabe der Machthaber, die den europäischen Frieden diktieren werden, die Zukunft des jüdischen Volkes, besonders aber der Ostjuden, auf eine sichere Grundlage zu stellen, daß sie vor solcher Not künftig bewahrt werden und zu höherer Menschlichkeit emporsteigen können,. . . . Er (der Weg hinzu) bes.teht in der Autonomie für Sprache und Kultur der nationalen Minderheiten, die ihre erste staatsgrundgesetzliche Verwirklichung in einem neu zu schaffenden Staatenbund der Völker des europäischen Ostens finden könnte.“ Dr. Bodmer konstatiert ferner die Unmöglichkeit cfer Assimilation, die Notwendigkeit eines palästinensischen Emigrationszentrums für jene Minderheit von Juden, die auswandern kann oder auswandem will, nebst der Notwendigkeit einer national-kulturellen jüdischen Autonomie für jene Juden, die nicht zum Wanderstabe greifen. Für die letzteren fordert Dr. Bodmer einen ihrer Zahl entsprechenden politischen Einfluß auf die Geschicke des Landes. Die Schrift Bodmers sowie eine stündlich anwachsende Literatur über die Idee eines Staatenbundes, für welche das bedeutsame Buch für sie Leben und Seele sind, wie sie sagt, und für die sie das Aug’ im Kopfe ist, so daß sie nur etwas unwohl zu werden braucht, damit gleich der Doktor da ist und die Welt von oberst zu unterst gekehrt wird! Nim, ist es da ein Wunder, wenn so eine Person wie sie sich überhebt und glaubt, daß die ganze Welt nur für sie geschaffen sei? Und dazu ist sie, müssen Sie, wissen, nicht gerade übermäßig klug, das heißt: wenn Sie so mit ihr reden, ist sie, scheint es, nicht dumm, gar nicht dumm, man kann sogar sagen, klug, hat einen Kopf wie ein Mann. Nur daß sie so verzärtelt, so verwöhnt ist — eine wilde Ziege, entweder 'Tag und Nacht haha-ha oder aufs Bett geworfen 'und geweint, wie ein kleines Kind. Was ist dir? Was fehlt dir? Warum weinst du? Was willst du? Stumm wie die Wand! Doch das wäre noch halbwegs zu ertragen: Wenn eine Frau weint, weint sie so lange, bis sie müde wird. Gibt’s doch eine Schwiegermutter, erfährt die es und kommt, einen türkischen Shawl auf den Schultern, wie rasend angeläufen,' ringt die Hände und leiert im Tehina-Ton, und eine Stimme hat sie, müssen Sie wisseg, wie ein Mann: Was ist dir, liebe Tochter? Wieder er, der Räuber, der Mörder? Weh mir! Was kümmert ihn auch, daß ich nur ein Auge im Kopfe habe? Hat er um dich gelitten? . . . Und schüttet Worte aus wie aus einem Sack. Mir will es scheinen, daß sie ewig so schütten wird — niemals aüfhören, da preßt’s mich beim Herzen, nagt mir an der Seele und ein Verlangen packt mich, ihren türkischen'Shawl in den Händen zu zerknüllen, mit den Füßen zu zertreten und in tausend Fetzen zu zerreißen. Wiewohl ich docl\ eigentlich, genau besehen, nichts gegen ihren Shawl haben kann. Ein Shawl wie alle türkischen Shawl, die man aus Brody bringt. Sie kennen sie wohl, diese türkischen Shawls. Rot, gelb, grün, weiß und schwarz, karriert, mit Sprenkeln, und haben Fransen...“ „Entschuldigen Sie, junger Mann,“ unterbreche ich ihn mitten in der Rede, „ich glaube, Sie wollten sich in einer Angelegenheit mit mir beraten ..." / „Verzeihung,“ antwortet er, Atem schöpfend, „wenn ich Ihnen vielleicht Ihre Zeit raube. Aber das alles war nötig, verstehen Sie, damit Sie das Haus und die Menschen kennen lernen. Denn erst, wenn Sie das Haus und die Menschen kennen werden, werden Sie meine Lage verstehen... Also, sobald s' i e. unwohl wird, die Meinige, beginnt die Schwiegermutter zu brummen und der Schwiegervater läßt anspannen und schickt nach dem Doktor, nach dem „neuen Doktor“, so nennt man ihn nämlich bei uns, den „neuen Doktor“ — den Namen will ich Ihnen nicht sagen, hol ihn der Teufel — und damit fängt erst eigentlich die ganze Geschichte an, wegen der ich mich mit ihnen beraten wollte.“ Mein Gast unterbricht sich auf eine Weile, wischt sich den Schweiß vom Gesicht, rückt mit seinem Stuhl noch etwas näher und schickt sich an, seine Erzählung fortzusetzen. Dabei zeigt es sich, daß er zu den Menschen gehört, die etwas in der Hand halten müssen, wenn sie erzählen sollen. Auf meinem Schreibtisch stehen verschiedene Säckelchen, Raritäten, Nippsachen, unter ihnen auch ein kleines Zweirad zum Zigarrenabschneiden, das meinen Besuchern so>sehr gefällt, daß jeder ohne Ausnahme danach’greift. Auch mein junger Atann findet offenbar großes Friedrich Naumanns „Mitteleuropa“ bahnbrechend wirkte, beweisen, daß neue Wege zur Lösung des Nationalitätenproblems m üesamteuropa und auch in unserer Monarchie nach dem Kriege eingeschlagen werden müssen, daß aßer ohne gleichzeitige Inangriffnahme der Lösung der Judenfrage ein Kernproblem der Nationalitätenfrage ungelöst blejben würde. S._Meisels. Die jüdistbe tragäOi«. Das Urbild der jüdischen Tragödie in der Geschichte ist im Lande Gosen, der Leidenswiege Israels, geprägt worden. Dort wurde der Plan entworfen, nacn dem die kommenden Zeiten die jüdischen Dramen ausarbeiteten. Gosen hat den späteren Jahrhunderten zur Schaffung ihrer Judenüramen als Modell gesessen. Die ganze lange Leidensgeschichte Israels hat dem Urbilde nur kaum sicntbare Nuancen hinzuzutügen vermocht. Und seit Gosen bis auf unsere Tage ist die jüdische Tragödie zugleich die Tragödie des gesamten jüdischen Volkes — gleicnviel, ob die Gemeinschaft oder der einzelne der Held der Handlung ist. Jeder Teil der Judenheit verkörpert in sich, die Leidensgeschichte Israels, jedes einzelne Glied ist im Leidenszustande der Repräsentant der Gattung. Die Leiden des Juden wie der jüdischen Gemeinschaft sind derart kommensurabel, daß man füglich an jedem Einzelfall die Geschichte der Gattung studieren kann. Ein tragisches Schicksal hat die Gemeinschaft Israel in unzählige Teile versprengt, aber esi war nicht erfinderisch genug, tür die .verschiedenen Teile verschiedene tragische Fälle zu ersinnen. Geradezu wie ein fleißiger, aber wenig begabter Schulbub wiederholte das böse Fatum seine Aufgabe an dem einzelnen wie an der Gesamtheit in sinnlos gleichmäßiger Weise. Es drehte an der Kurbel eines Kaleidoskops und roßte immer wieder dasselbe Bild herauf. Die Abwechslung bestand nur im Umfang, das Bild selbst blieb unverändert. Deshalb ist auch das Judenlos im Laufe der Zeiten langweilig geworden, weil es sich in der. Geschichte bis zum Ueberdruß wiederholte. Man muß sagen, die Geschichte hat sich hier als stümperhafter Dramatiker erwiesen, der von der Technik des Dramas keine blasse Ahnung hat. Ist sonst in einem Drama, das auf den weltbedeutenden Brettern gespielt wird, die Liebe die Urheberin aller Zwiste, die Fadenspinnerin der ganzen Handlung, so sind hier, im jüdischen irama auf der wirkßchen Weltbühne, nur Haß und Neid und Fanatismus und Rasscndünket die Motoren, die den Gang der Handlung in Bewegung setzen. Dort häufen sich die tragischen Momente progressiv, bis sie zum Schluß ihre höchste Steigerung in der völligen Uebenvindung des kämpfenden Helden erfahren; hier setzt es sofort mit der äußersten Tragik ein, die sich im weiteren Verlauf der Handlung mildert, abschwächt, verringert, schwindet und schließlich in dem Sieg des leidenden Helden einen befriedigenden Abschluß findet. Betrachtet man den Werdegang des jüd. Dramas in der Geschichte, einerlei in welchem Jahrhundert, so findet man, daß es fast in allen Stücken dem Prototyp „Mizrajim“ ähnelt: Sklaven des Pharao, Parias der Gesellschaft, äußere Knechtschaft, innerer Knechtsinn, allmähliches Enva- Gefallen daran. Er hat es zuerst betrachtet, dann in die Hand genommen, schließlich versucht er die Rädchen ins Drehen zu bringen. Kurz, er läßt es nicht mehr aus den Händen, und so fährt er in seiner Erzählung fort: „Also, der „neue Doktor“. Doktoren, müssen Sie wissen, gibt es bei uns im Städtchen so viel wie Hunde. Es gibt da christliche und jüdische Doktoren und Doktorlein, auch zionistische Doktoren, das heißt solche, die sich mit Zionismus befassen. Aber dier Doktor, von dem ich Ihnen erzähle, ist noch .ganz jung und aus dem Ort selbst, der Sohn eines Schneiders, das heißt, sein Vater war einmal Schneider, heute ist eris nicht mehr, denn wie schickt sich das für ihn, der einen Sohn hat, der Doktor ist? Ich bin allerdings entgegengesetzter Meinung: wie schickt sich das für einen Sohn, der Doktor ist, einen Schneider zum Vater zu haben, und noch dazu so einen Schneider? Stellen Sie sich vor: Ein kleines Männlein in einem wattierten Kaftan, mit einem schielenden Aeuglein und mit einem verbogenen Finger, und hat eine Stimme wie eine.Klapper und geht Tag und Nacht herum und klappert: ,0, mein Doktor hat der gestern eine Praxis gehabt! Eine Praxis! O, wenn der will, kann er, mein Doktor!' Jedem hämmert er die Ohren mit seinem Doktor voll. Und zum Unglück ist der Doktor noch obendrein ein Frauendoktor, das heißt ein Geburtshelfer, gibt’s Geheimnisse, plaudert sie der schielende Schneider in der ganzen Stadt aus — also wehe der Frau oder dem Mädchen, das diesem Doktor in die Hände und seinem Vater ins Maul fällt... Erst neulich hat sich bei uns eine Geschichte ereignet, ein Mädchen .'. .“

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