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Jüdische Zeitung · 1916-04-14 · 15-16 (14.4.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
15-16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 15/16 Lage der Juden sich in verschiedenen Lindern bessern wird, daß endlich der Ruf und die Forderung nach wirklicher, wahrer Gleichberechtigung nicht ohne Echo verhallen, sondern in die Wirklichkeit umgesetzt wird. Wenn! — Leider ist es anders. Düstere, Anzeichen sprechen dafür, daß die öffentliche Meinung kein Auge hat für das fließende jüdische Blut, kein Ohr für das Stöhnen unserer fallenden Soldaten. Die Augen der öffentlichen Meinung, sehen nur die Geschäfte ’ der Preistreiber, ihre Ohren hören nur das Schreien der Kaffeehauswucherer. Wir sind objektiv genug einzugestehen, daß auch in unserem Volke sich parasitäre Elemente befinden, die nicht für den Krieg, sondern vom Kriege leben und die schweren empfindlichen Schaden nicht nur dem Staate, sondern einen schwereren. und empfindlicheren unserem' Volke zufügen. Aber seien wir doch einmal gerecht Diese Hunderte Existenzen, die vom Blute ihrer Brüder leben, sind doch nur ein geringfügiger Bruchteil unseres Volkes. Von den 13 Millionen Juden stehen Hunderttausende im Schlachtfelde, und geben mit mäkkabäischem Heldenmute ihr Teuerstes hin. Unzählige Tausende sind bereits gefallen, andere Tausende werden als Krüppel ihr Dasein jahrzehntelang fortsetzen. Und die anderen, die im Hinterlande zurückgeblieben rind, die Millionen Juden in Rußland, in Polen und Lifhauen, in Galizien und der Bukowina haben fast alles verloren, was sie in ehrlichem, wirtschaftlichem Kampfe seit Jahrzehnten erworben haben. Die öffentliche Meinung könnte endlich einmal für diese ein Auge und ein Ohr haben. Und nicht nur die Menschen haben gelitten, auch unsere Seele und unser Geist hat gelitten. Das, wonach sich seit Jahrzehnten die jüdische Seele gesehnt hat, wofür seit Jahrzehnten die Juden sich angestrengt haben — unser palästinenr sischer Besitz — hat empfindlich gelitten. Die besten Söhne unseres Volkes mußten unser Land verlassen und in die Verbannung gehen, viele unserer Schulen wurden gesperrt, unsere Kolonien verkümmern und. was das Traurigste ist: unsere Arbeiter hungern. So sieht es im Lande unserer Väter aus und traurig sieht es auch im Lande der Söhne aus. Mit einem Worte: wie sehr wir uns auch anstrengen -wollen, wir können uns unmöglich von einer düsteren Stimmung, die eher Tischah b’aw-Stimmung ist, befreien. Und doch, es wird Pessadi. Draussen ist ein herrlicher, den Körper erquickender, die Sinne berauschender Frühling. Das Pessachfest naht, das Fest, das seit vielen Jahrhunderten unsere Väter so schön, so würdig, so ernst, so weihevoll feierten. DaS Fest der Erlösung und Befreiung. Die Erlösung aus alter Knechtschaft, die Befreiung vom blutigen Hasse. Du schönes Fest! Nicht nur was du feierst ist Vergangenheit, du selbst gehörst schon zur Vergangenheit. Es versammelt sich nicht mehr seit zwei Jahren die ganze Familie, alt und jung, Mann und Frau, Kind und Dienerschaft und sitzt nicht beim großen gemeinsamen Tische und verzehrt nicht das Brot des Leides und stimmt nicht Halleluiahs an. Nein, seit zwei Jahren ist das nicht mehr. Der Vater ist im' Felde und der Sohn ist in Gefangenschaft und die Mütter und Töchter weinen und hungern. DaS Brot des Elends, sofern man es genießt, genießt man das ganze Jahr. Und die HallelujahS sind verstummt. Es versammeln sich höchstens kümmerliche Reste der Familie. Sie versammeln sich größtenteils nicht in ihren alten Wohnsitzen, sie sammeln sich in den westlichen Städten Oesterreichs verstehen. Sie schreiben so viel, daß Sie alles wissen müssen. Und Sie können mir einen guten Rat erteilen. Und glauben Sie mir: was Sie mir sagen werden, werde ich tun. Mein Ehrenwort darauf! Und bitte, entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen. vielleicht Ihre Zeit raube.“ „Tut nichts zur Sache! Erzählen Sie! Erzählen Sie!“ sag’ ich mit einem Gefühl der Erleichterung, als wäre mir ein Stein vom Herzen herunter. Und der junge Mann rückt näher an den Tisch heran und beginnt. Anfangs spricht er langsam und gelassen, dann aber mit wachsender Geschwindigkeit und Hitze. „Ich bin, wie Sie mich da sehen, ein junger Mann aus einem kleinen Städtchen, das heißt: das Städtchen ist gar nicht so klein, es ist schon ziemlich groß, man kann schon eine Stadt sagen, bloß im Vergleich mit der hiesigen Stadt ist es ein Städtchen. Sie kennen-es übrigens. glaube ich, ganz gut, aber ich will Ihnen den Namen nicht sagen, denn am Ende kämen Sie noch auf den Gedanken, es zu beschreiben und das wäre mir aus verschiedenen Gründen nicht recht . . . Sie wollen wohl wissen, womit ich midi' beschäfticre . . . Hm . . . ich . . . nun vorläufig tue ich noch gar nichts, bin bei den Schwiegereltern in Kost, wir wohnen nur ■ zusammen und leben von dem, was da ist. denn s i e ist, müssen Sie wissen, eine einzige Tochter, eine ganz einzige Tochter, die Leute haben keine Kinder außer ihr. und können es ganz gut ertragen, uns noch zehn Jahre auszuhalten, weil sie, müssen Sie wissen, vermögüche Leute sind, man kann ‘schon reiche Leute sagen, ja sogar sehr reiche, da oder in den Barackenlagern und sägen nicht .mit lauter, hoher, stolzer, frohlockender Stimme die schönen, Jahrhunderte alten Gesänge, sie flüstern es mit tränenerstickter Stimme. Nicht der Prolog des Frühlings ist es, sondern ein Epilog eines Dramas. Der Kleinste der Tischgesellschaft stellt die alte Frage: „Ma nischtane?“,wodurch unterscheidet sich diese Nacht von allen Nächten? Seit Jahrhunderten lallen unsere Kinder, diese Frage und. bekamen darauf eine lange, genaue Antwort. Nie noch war die Frage so aktuell, so berechtigt, so brennend wie in diesen heißen, schweren Tagen. „Ma nischtane“ — das Kind lallt es, wir hören es aber nicht, wie; ehedem in der guten, friedlichen, glücklichen Zeit. Das Dröhnen der Kanonen, das Wehklagen der Leidenden dringt nicht nur in unser Ohr, sondern in unsere Seele und macht uns unempfänglich für die naive Frage des Kindes. Und doch ist diese Frage so richtig, so klug, so gescheit und berechtigt. „Ma nischtane?? Wodurch unterscheidet sich nicht nur diese Nacht von anderen Nächten, nicht nur diese1 Zeit von anderen Zeiten,' aber auch dieser Stamm1 von anderen ’ Stämmen? Andere Stämme! Dort kämpfen, bluten und verbluten auch ihre Söhne. Sie bringen Opfer, große und schwere, an Leib und Seele, an ..Körper und Vermögen, aber sie erreichen auch Resultate. Die Opfer werden anerkannt und gewürdigt und das Blut der Väter wird das Los der Söhne verbessern. Bei uns sieht xman nur die Opfer und spürt noch nichts von der Anerkennung dieser Opfer. „Ma nischtane?“ — es ist die alte Frage, die schwerste Frage, die bis nun durch Jahrhunderte beantwortet, aber noch •nie gelöst wurde. Eine Hoffnung haben Wir! Die Stimme des Kindes, die stille, helle Stimme wird gehört werden. Zum erstenmal gehört werden in der Golusgeschichte. Der blutige, zweijährige Krieg wird auch uns verändern. Die Männer und Frauen, die diesen Krieg liquidieren werden, werden ganz andere Männer.und Frauen sein, nicht mehr werden wir dem fragenden Kinde, dessen Seele um Aufklärung ringt, die alte Antwort geben „awadim hajinu“. Wir werden ihm1 nicht durch Worte, sondern durch Taten antworten. Wenn das Kind wachsen und sich entwickeln wird, wird es in einem neuen, keimenden, sprießenden Volksleben die Antwort sehen. Es wird seine Brüder und Väter, seine Schwestern und Mütter nicht mehr erkennen. & werden nicht mehr Sklaven sein, die Heldenlieder anstiirimen. Es werden starke, kräftige Männer sein, die nicht singen, sondern tun, die nicht wehklagen, sondern handeln, die nicht Werte verkaufen, sondern Werte schaffen. Und die stäri-ste, kräftigste, lauteste- Antwort wird das Kind, sich’ selbst geben. Es wird, sich mit der Zeit zu einem1 durch die Not und' das Leid und die Verfolgung gestählten, wakkeren kräftigen jüdischen Manne entwickeln, der wissen wird, was das Judentum von ihm' fordert, — daß er ein starker Jude zu sein hat. Dann, aber erst dann werden wir den. Pessach wie in alten, guten Zeiten feiern können. Nicht mehr den düsteren, traurigen Kriegspessach, sondern einen wahren Friedenspessach, ein echtes Frühlings- und Erwachungsfest für das jüdische Volk. Sammelt für das Palästinahilfswerk für die Kolonien!.--. =^===-, bei uns keine reicheren da sind. Den Schwiegervater kennen Sie sicher, glaube ich, ich kann Ihnen aber seinen Namen nicht verraten. eS schickt sich nicht, er ist ein Mann, der es Hebt, wenn die Welt von ihm spricht, hat z. B. fülr die Abgebrannten von Bobruisk die größte Spende gegeben, auch für die Kischinewer mehr als alle anderen. Bei uns in der Stadt selbst gibt er zwar nur wenig, draußen aber tut er sich gerne hervor, und so, daß alle Welt es weiß: er ist nämlich, verstehen Sie mich, gar nicht dumm, weiß ganz gut, daß man daheim in unserem Ort ohnehin Respekt vor ihm hat — für wen also sich anstrengen? So kriegen sie nichts von ihm. Ueberhaupt ist er ein Mensch1, der nicht geben kann, er sagt' selbst, daß er es nicht kann. Kommt man wegen einer Spende zu ihm, erschrickt er zu Tode und fragt: Wie, ihr seid schon gekommen? Da, da habt ihr den Schlüssel, geht selbst an den Kasten und nehmt soviel ihr braucht... Sie meinen nun wohl, daß er wirklich den Schlüssel herausnimmt? Da irren Sie sich aber sehr, mit Verlaub. Die Kastenschlüssel liegen irgendwo in einer Schublade des Tisches und obendrein ist der Schlüssel dieser Schublade erst recht wieder versteckt. So ein Mensch ist das, mein Schwiegervater. Na, und selbst-' verständlich: so wie einer ist, so einen Namen hat er und darum heißt er auch1 bei uns im’ Städtchen — es bleibt doch unter uns — der Schmutzian, — natürlich nur hinter dem Rücken, ins Gesicht schmeichelt man ihm so, daß einem davon übel werden kann, und er nimmt das für bare Münze, streicht sich. über seinen dicken' Bauch Und führt ein vergnügtes Leben. Leben und Leben sind nicht gleich. Denken Sie nur:' Dr. Hermann Kadisch. . Die nationale Frage an ihrem Wenöfc punhte. Der'Weltkrieg hat bei allen entwicklungsfähigen und zur großzügigen Auffassung der europäischen Probleme veranlagten Politikern die alten Anschauungen über die. nationale Frage und den Weg zu ihrer Lösung in hohem Maße modifiziert. _ Insbesondere ist jetzt hbffentlich für immer die unsinnige Theorievon der Notwendigkeit eines blutigen germanisch-slavischen Kampfes um die nationale Hegemonie — der germanischen, resp. slavischen Rasse — ad absurdum geführt worden; nicht minder aber auch die Utopie, das Nationalitätenproblem durch Schaffung von europäischen Nationalstaaten auf den Trümmern der Nationalitätenstaaten und speziell des Donaureiches zu lösen. Die übernationale österreichische Reichsidee, sowie weiters die Erkenntnis von der Notwen-i digkeit eines politischen und wirtschaftlichen Zusammenschlusses, eines Staatenbundes zwischen unserer^Monarchie, Deutschland, Bulgarien und der Türkei, hat auf der ganzen Linie von Berlin bis Bagdad bereits heute über die alten nationalen Programme gesiegt. Die nationalen Parteien in und außerhalb unserer Monarchie stehen vor der Wahl, sich der neuen Zeit und ihren diesbezüglichen Bedürfnissen zu akkomodieren oder anderen Platz zu machen, welche die Aufgaben Neuösterreichs und des neuen Europa entsprechend erfassen. Insbesondere die alte Ostmark als größter Balkanstaat und ihre politischen Parteien ohne Unterschied der Nationalität müssen heute mehr als je sich darüber klar werden, daß die gesamte äußere und innere Politik des Donäureiches in den Dienst ihrer großen Mission gestellt werden muß: der Mittler zwischen Orient und Okzidentzusein. Hier aber treffen sich die Kardinalaufgaben JungösterreicHs mit den Kernproblemen einer jüdischen Nationalpolitik und den zionistischen Zielen, das jüdische Volk zum kulturellen und wirtschaftlichen Mittler zwischen dem Abend- und Morgenlande zu machen. . Die Brennpunkte einer solchen jifdisch-nationalen Politik können nicht London, Paris und Rom, die Hauptstädte jener Staaten sein, die Bundesgenossen des russischen Zarismus sina und in denen überdies nur eine verschwindende Minderheit des jüdischen Volkes wohnt, sondern ihr Schwerpunktmuß in Zukunft in Wien-Warschau-Berlin-Konstantinopel und Jerusalem liegen, also in Orten, die alle in den Grenzen des immer1 sichtbarer werdenden deutsch-österreichisch-bulgarisch-türkischen Staatenbundes sich befinden. Nur bei klarer Erfassung dieser Grundideen und .dem Verständnisse für die Zusammenhänge zwischen dem österreichischen, dem balkanischen, dem orientalischen Fragenkomplexe sowohl mit der Ostjudenfrage,, als auch mit dem palästinensischen Probleme ergibt sich die Richtlinie für den Zionismus und für die jüdisch-österreichische Politik.; 1 i! Die oberste Voraussetzung für eine richtige jüdische Volkspolitik in der Habsburger-Monarchie ist das Verständnis für das Wesen des ein Mensch, der die Hand nicht in kaltes Wasser steckt, nur schön ruhig dasitzt, gut ißt, gut schläft — was wollen Sie mehr? Nach dem Mittagsschläfchen läßt er einspannen und fährt im Phaeton spazieren, abends kommt er mit Leuten aus 'der ganzen Stadt zusammen, der eine bringt den, der andere einen anderen ’ Tratsch — man schwätzt über alles, was in der Stadt los ist, kritisiert und verspottet alle Welt. Darin wird der große Samowar aufgestellt und er setzt sich mit Schmuei ‘Abe, dem Schächter, hin, Domino spielen. Schmuei. Abe, der Schächter, ist, müssen Sie wissen, ein junger Mann, zwar noch* * mit Pejes, aber doch von der heutigen Welt, mit weißem Kragen und gewichstem gchuhen, läuft vor' jungen Frauen nicht davon und hat eine feine Stimme, kann schön singen, abonniert ein „Blatt“ und spielt ausgezeichnet Schach und Domino, und wenn sie sich nun hirisetzen, Domino zu spielen, sitzen sie auch die ganze Nacht dabei, und du kannst zusehen und gähnen, daß dir schier das' Maul reißt. Denn in dein Zimmer gehen und dort ein Buch oder, eine Zeitung , zur Hand neehmen— das darfst du nicht. Warum? Weil es sich nicht schickt: ein Gast ist da, und so einfach mittendrin .aufstehen und Weggehen! So etwas müssen Sie wissen, kann den: Schwiegervater sehr böse machen, er sagt wohl nichts, aber er bläht sieh bald aüf wie. ein Truthahn und gibt keine Antwort, man mag sich auch, die Lunge ausreden, und die Schwiegermutter macht’s ihm gleich nach. Sobald aber, einmal die Alten mit dem Schwiegersohn bös sind, schaut auch s'ie schon der Teufel weiß wohin . . . schließlich'; doch eine einzige ochter, die Einzige bei Vater und Mutter, die

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