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Jüdische Zeitung · 1916-04-14 · 15-16 (14.4.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
15-16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mit Beilage : „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS« ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgame Nr. 33. — Sprechstunden B — täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgesteüt — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ™ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjShr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ | Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr: Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 15/16. Wien, Freitag, den 14. April 1916 — 11. Nissan 5676. X. Jahrgang. Die.vorliegende Dummer umfajji ZZ Seiten: Der Feiertage halber erscheint die nächste / Dümmer am Freitag, den Z8. April 1916; a <==> jg Oas Befreiungsfest. Diesen Namen führt in der Liturgie das Fest, das unser jüdisches bürgerliches. Jahr einleitet. Es hält die Erinnerung wach, an eine Zeit, in der ein versklavter Haufen von Menschen seiner adeligen Herkunft eingedenk wurde, und zum Volk erwachte. Von blühendem' Geranke der Volksphantasie ist dieses Fest umsponnen. Der . zornige Ruf eines eisernen Tatmenschen weckte die Halbmillion Fronarbeiter im Nilschlamm aus'. ihrer dumpfen Ergebenheit und riß sie zum Aufstand fort. Blutzeichen malten alle, die Moses folgen wollten, an einem Abend an -ihre Türe- Denn das hatten sie wohl be- -griffen: "Menschen,„'die> zur. Freiheit tvollen, müssen den Willen zum Blut haben. * '■>- Es ist nicht unzeitgemäß, gerade heute daran zu denken. In Tagen, die die Heimkrieger des Hinterlandes als die große Zeit ansprechen, erweist uns Sage und Lied, daß unser Volk am Eingang seiner Geschichte bedenkenlosen Opfermut zeigte. Und daß es ‘ entschlossen mit den Feiglingen aufräumte, die Moses und Aron .sagten : „Ihr habt unseren Ruf anrüchig gemacht vor Pharao und seinen Leuten." ‘ * '* # Dieser Weltkrieg, der uns alle so tief erschüttert, droht zu einer Katastrophe für das jüdische Volk zu werden. Brennender Haß ist rings um uns und der „Aufschwung der Seelen“ macht gerade vor uns Halt. Niemand kann die Zahl derer bezeichnen, die der Krieg im Osten von der Scholle getrieben, an Leib und Seele unheilbar geschädigt' hat, niemand: das Grauen durchdenken, das von sarmatischem Menschenvieh1 über das Ostjudentum gebracht wurde..'.. Und im gewissen Sinn sind wir doch alle, seit das jüdische Reich zusammenbrach, zu Flüchtlingen geworden. Das Brot ües Exils war immer nur von Tränen gesäuert.; Rom1 hat unsere Selbständigkeit vernichtet. Seine Nachfahren sind uns nie bessere Freunde geworden. Und das beste, was wir bei ihnen erfuhren, war nur Mitleid. Niemals Recht. Aber wir fordern unser Recht, als Menschen, als Volk. Wir haben Übefall und unter allen Umständen unsere Pflicht getan — darüber diskutieren wir mit niemandem — und folgern daraus als selbstverständlich den sittlichen Anspruch1 auf Lösung unserer, der jüdischen Frage. Nicht; wie es jetzt so vielfach beliebt wird, der „O?tjudenfrage“. Wir anerkennen die geographisch« Scheidung nicht, wir sind eins, wir leben mK^tarben^rait unseren jüdischen Brüdern im Osten. Ihre und unsere Lage kann sich nur dann bessern, wenn das jüdische Volk’ aus fremder, korrumpierender Umgebung befreit wird und im' Land seiner Vergangenheit sich sammeln kann. In dem Land, auf das wir Anrechte haben, die nie verjähren können: Unsere Bedeutung'für die. menschliche Kultur ist ungleich höher als jene von Polen und Albanesen. Werden deren Probleme gelöst, dann ist, auch die Lösung des jüdischen Problems eine unabweisliche Folge dieses Krieges, in dem auch unsere Brüder und Söhne kämpfen, bluten und sterben. Aber zu einem guten Teil liegt diese Lösung auch in unseren Händen. Es ist unsere sittliche Pflicht, die stumm zu machen, die, späte Enkel der Rotte Korah, gegen Moses hadern und um den Geruch ihres Rufes besorgt sind. Die jämmerlich feig und gewissenlos abseits stehen und vor all dem Haß sich verstecken wollen. Wir müssen und werden sie finden und mit ihnen Abrechnung halten. Mit dem Krieg wird ja auch die Schonzeit und der Burgfrieden enden. Und dann werden wir auch jenen gegenüberstehen, die wie einst Rom sich am Judentum gütlich tun wollen. Und wir werden siegen. Julius Löwy. Adolf Stand. Ha NisAlanci Zum zweiten Male feiern wir Pessach während des Krieges. Der Krieg tobt wie in den ersten Monaten und fordert seine Opfer. Trotzdem er schon eindreiviertel Jahre dauert, ist er noch lange nicht zu Ende. Wir erblicken noch immer den Himmel voller Wolken und kein Sonnenstrahl erscheint. Wir schauen hinauf und unser Auge strengt sich an und sucht die Friedenstaube. Sie erscheint aber nicht. Opfer bringen äße Völker und alle Nationen, Opfer an Menschen, und Opfer an Werten. Zu denjenigen, die die größten Opfer bringen, können wir uns ruhig mitzählen. Unsere Söhne und Brüder bluten auf allen Schlachtfeldern, und diejenigen, die ihr Blut nicht vergießen, leiden schwer wirtschaftlich und finanziell, da sie größtenteils von der Scholle vertrieben wurden und sofern sie schon die Möglichkeit hatten, nach Hause zurückzukehren, finden sie nicht Häuser und nicht Einrichtungen, sondern Schutt und Asche. Viel, sehr viel hat das Judentum in diesen 21 blutigen Monaten durchgemacht. Wenn wir wenigstens das erfreuliche konstatieren könnten, daß die Leistungen dieses Volkes Anerkennung finden, daß nach Liquidierung dieses Krieges die FEUILLETON. M. Scherlag. _ Vorpassah im Ghetto. Es überflutete die Gasse ganz Der'Märzensonne erster Weiheglanz. Die Pfützen wandeln sich in Spiegelscheiben, Worin die Strählen krause Spiele treiben. Aus offnen' Türen , dringen Kinderstimmen, Nun stürzen auf die Gasse ganze Scharen Und lassem in den Lachen Schiffe schwimmen, Die erst vergilbte Zeitungslappen waren. Ein f rischer Märzhauch bläst aus'vollem Munde Die Pfützenaugen weg vom Straßengrunde, Die Mütter warten drauf, weil vor der Tür Das Passahfest im Blütenschleier steht. Was winterüber in der Stuben Enge Gemodert hat, wird in den Wind gestellt, Gescheuert und erneuert Grund und Gänge, Und Tisch und Bank und Haus und. Herz und Welt. Dann treten auch die Väter still herfür, Ihr heitres Schweigen ist wie ein Gebet. Nach schwerem Winter zwischen engen Wänden Soll alles sich doch bald zum Guten wenden. Des Lebens Ströme rauschen aus der Ferne . . Bald leuchten überm' Ghetto stille , Sterne Und füllen jedes Herz ' mit mildem1 Schein, Und Sklaven werden wieder Freie sein . . . . Schalom Alejchem. Ein Rai. Eine Geschichte, die fast nicht zu glauben und doch war ist. Schon drei Tage, daß ein junger Mann morgens, bei Tage und abends, kommt und mich sprechen will. Es sei eine dringende Angelegenheit; sagt er. So meldete man mir, als ich von. einer Reise heimkehrte. Wahrscheinlich ein Dichter mit seinem „Werk“ — dachte ich, setzte mich' an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Aber aha! Es klingelt schon. Ichhöre draußen die Tür öffnen. Ein Irgendjemand macht sich draußen zu schaffen, zieht die Gummischuhe aus, hustet, schneuzt sich . . . Also offenbar wirklich ein Dichter. .Ich bin schon neugierig. Da ist er ja auch schon, Gott sei Dank. Er grüßt gar artig. Das beißt: er macht einige Schritte nach rückwärts, verbeugt sich, reibt sich' die Hände dabei und stellt sich mir vor: Ein Name aus der Hagadah, einer von den vielen, die ihr im selben Augenblick hört und vergessen habt. „Nehmen Sie Platz! Womit kann ich Ihnen dienen?“ „Ich komme in einer sehr dringenden Angelegenheit. Das heißt:-für mich ist sie sehr dringend, sehr dringend. Geradezu eine Lebensfrage.- Und ich glaube: nur Sie werden mich verstehen. Sie schreiben so viel, daß Sie, mein’ ich, alles wissen müssen, alles verstehen müssen. So glaube ich, oder besser, ich glaube nicht, ich bin überzeugt davon.“ Ich sehe mir den Mann an: der Aufgeklärte aus dem altjüdischen Städtchen, wie er im Buch steht, schriftstellert auch etwas. Das Gesicht ist bleich. Die Augen groß, schwarz und mitleidsuchend: „Erbarmt euch einer armen, verirrten Seele!“ bitten sie.. Ich kann solche Augen nicht leiden. Sie lachen .niemals, lächeln niemals. Immer nur tiefernst. Ich habe geradezu Angst, vor solchen Augen. „Na, zeigen Sie, was Sie haben,“ sage ich, lege die Feder aus der Hand, lehne mich im Stuhl zurück und erwarte, daß er einen ordentlichen Packen Geschriebenes aus der Brusttasche ziehen wird. — Wahrscheinlich einen Roman in drei Teilen, so lang wie der jüdische Galuth, oder ein Drama in vier Akten, dessen Personenverzeichnis euch schon belehrt, mit wem ihr’s' zu tun habt: Mördersohn, Ehrlichmann, Frommherz, Bitterzweig usw. Oder gar neue- Zionslieder, etwa so': „Es zieht ihn nach den Bergen hin, Dort, wo die Adler ziehn, Dort, wo die Oliven blühn, Dort, wo mit frommem Sinn Die Propheten taten knien.“ Idi kenne diese Lieder, diese Reime, von denen es einem vor den Augen flimmert und in den Ohren summt und die mir in der Seele eine öde Wüste zurücklassen. Nun stellt euch aber vor: diesmal hatte ich gerade falsch geraten. Der junge Mann griff gar nicht in die Brusttasche, holte auch kein Manuskript hervor, es fiel ihm gar nicht ein, mir einen Roman oder ein Drama oder neue Zionslieder vorzulesen. Vielmehr rückte er nur seinen Hemdkragen zurecht, räusperte sich und sagte dann: „Eigentlich komme ich nur, um Ihnen mein bitteres Leid zu erzählen und mir bei Ihnen Rat zu holen. So ein Mann wie Sie, muß mich

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