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Jüdische Zeitung · 1916-03-24 · 12 (24.3.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 12 Die JudenOebatfe in Der Duma. Die Enthüllungen der geheimen antisemitischen Regierungspolitik wurden in den Reden der oppositionellen Dumadeputierten fortgesetzt. Nach Tschdieidse und Friedmann war es der Kadettenführer Schingarew, der die Regierung in der Duma öffentlich anklagte. Er sagte u. a.: „Vor mir liegt ein Erlaß, der vorsfdhreibtl, alle Geschäfte, die mit Juden kontraktenmäßig geschlossen worden sind, aufzuheben. Dieses Dokument, das ein Geheimzirkular an die Verwalter der Regierungsbezirke darstellt, lautet: „Der Gehilfe des Ministers des Innern, Dschunkowsky, teilte dem Finanzminister mit, daß den -ins Polizeidepartement eingetroffenen ungeprüften Nachrichten zufolge, die Deutschen die Absicht hegen, den Wohlstand der russischen Bauern dadürch zu ruinieren, daß sie im nächsten Sommer an verschiedenen Stellen des Reiches die Ernte durch spezielle Maschinen von Grund aus vernichten. Zu diesem Zwecke sollen in verschiedenen Orten geheime deutsche Vorschriften bereits erlassen werden. Denselben Nachrichten zufolge. Sollen an, der Ausführung dieses Planes die Deutschen russischer Staatsangehörigkeit und Juden, die zu diesem Zweck von den Deutschen bestochen worden, beteiligt sein. Obgleich diese Nachrichten, wie gesagt, nicht geprüft Waren und es möglich “war, daß sie nicfht ganz zuverlässig seien, bittet das Polizeidepartement trotzdem, angesichts des Ernstes der Frage, den ihnen zuständigen Beamten davon Kenntnis zu geben“ usw.' Meine Herren! Eine ungeprüfte, niemandem bekannte Nachricht, eine absichtlich' erfundene Lüge und Gemeinheit, ein Muster der Pogromliferaüur, Wird diesmal durch das Finanzministerium verbreitet! Meine Herren. solche Mittel können nur die aufrichtige Entrüstung all derer hervorrufen, die vor einer unverschämten Verwertung von Lügen Ekel empfinden. Durch unreine Mittel, meine Herren, können keine guten Dinge entstehen. Solche Mittel werden nur dann gebraucht, wenn wir sonst nichts besitzen und wenn uns sonst nichts anderes als zu lügen -und zu verleumden übrig bleibt“. Dem Abgeordneten Schingarew erwiderte der Führer der äußersten Rechten und Antisemit N. J. Markow II. Er bedauerte, daß die „progressive russische Presse dem jüdischen Kahäl verknechtet“. Sei und daher die Rolle der jüdischen Kaufleute bei der Teuerung der Lebensrnittel unaufgeklärt blieb. Sogar die berühmte antisemitische Zeitung „Nowoje Wremja“ und der erzreaktionäre „Kolokol“ feind seines Wissens jüdisches Eigentum. Er halte es jetzt nicht an der Zteit, eine so ernste Frage wie die jüdische aufzurollen, er halte es aber für hinreichend, Auszüge aus einer Meldung des Lemberger Kommandanten General R i m1 m e 1 vorzulesen, in der gesagt wird, daß „die russischen Kriegsgefangenen auf den Straßen von der Bevölkerung, besonders von den Juden, mit Stöcken geschlagen wurden“. (Stimmen links: Das ist eine Provokation von der Tribüne der Reichsduma herab!) Während der Verhandlungen über die Frage der Kriegszensur ergriff auch der jüdische Deoutierte Bornasch das Wort zu einer Rede, in der er über das Verbot der jüdischen Presse und Korrespondenz Klage führte. Er führte aus: „Am 5. Juli 1915 machte män die sechs Millionen zählende jüdische Bevölkerung in Rußland mundtot, indem!m'an auf einmal alle jüdischen Zeitungen, davon sieben Tages- undmehrere Wochenblätter und einige Monatsjournale, einstellte. Sogar russische Zeitungen dürfen keine hebräischen oder jidischen Zitate im Urtext bringen. Dem zugunsten der jüdischen Kriegsonfer herausgegebenen Sammelbuche „PomoSzcz“ konfiszierte man einige jidisch geschriebene Artikel. Außerdem wurde sofort nach Kriegsausbruch die Korrespondenz in iidiseh' vethoten. Aut diese Weise wurden die breiten Schichten des Volkes, die nur jidisch’ verstehen, der Möglichkeit beraubt, sich schriftlich zu verständigen. Der jüdische Soldat im Schützengraben kann seiner Mutter nicht Schreiben. die Verwundeten .in den- Lazaretten können ihren Verwandten -kein Lebenszeichen von sich geben. Diese Verfolgungen gegen die jidisch'e Presse sind umso unbegreiflicher, als während der ganzen Zeit sich kein Fall ereignete, daß eine iidische Zeitung für unoatriotisJches Verhalten bestraft worden wäre und somit auch von Gesetzeswegen keine Ursache ■ bestand, diese Zeitungen einzustellen. ■ Das einzige Motiv dieser Maßnahme ist somit lediglich auf den Antisemitismus zurückzufüJi-en, der die Kriegszeit dazu benützte, ein ga»”es Volk seiner Sn rache zu berauben, ein schändliches Mittel, das eher in die finsteren Perioden des Mittelalters, nicht aber in die gegenwärtige Zeit hineinpaßt,“ Ein anderer Deputierter aber wies darauf hin, daß auch in Oesterreich' in den Gebieten, wo eine Zensur besteht, die Korrespondenz in jidischer und hebräischer Sprache verboten, und daß auch eine in jidischer Sprache erschienene Tageszeitung behördlich eingestellt worden ist. Durch den Beschluß der Duma, in dasPreßgesetz einen Paragraph aufzunehmen, wonach die Sprache einer Zeitung keinen .Grund für ihre Schließung bilden soll, hat diese ihrer Beziehung auch zu dem erwähnten Verbot der jüdischen Presse unzweideutigen Ausdruck verliehen. Das KriegüM Oer galizisdien Men. DaS Elend der jüdischen Bevölkerung in Galizien, das schon vor Kriegsausbruch groß war, ist infolge des Krieges und der unerhörten Barbareien der russischen Soldateska maßlos gesteigert worden. Wir sind noch mitten im Kriege und können daher vorläufig kein genaues und umfassendes Bild dieses Elends malen.. Wir werden unS aber bemühen, in Zukunft kurze Schilderungen der Lage in den einzelnen jüdischen Gemeinden Galiziens zu bringen. Dabei werden Wir uns auch' der Berichte bedienen, die die Delegierten des Jüdischen Rettungskomit,eeS in Lemberg auf Grund ihrer persönlichen Wahrnehmungen auf ihren Reisen zum Zwecke der Organisierung der Hilfsarbeit im Lenfberger „Tagblatt“ veröffentlichen. * Tyfriaenica. Achtzig Prozent der iüdischen Bevölkerung befinden sich in sehr großer Not. Das Elend hat »ich dadurch noch gesteigert, daß ein großer Teil der Bevölkerung aus Handwerkern. besonders Kürschnern, besteht, die zurzeit beschäftigungslos sind. Herr Dr. Anselm Landau. der im Auftrag des jüdischen Rettungskomitees in Lemberg die Stadt besuchte, gründete dort ein Ortskomitee, dem vom1 Lenfberger Komitee 1500 Kronen zur Verfügung gestellt wurden. Die Stadt hat ungefähr 2500 jüdische Einwohner. Ottyrua. Zwei russische Invasionen hatte die Stadt zu überstellen. Von den 5000 Einwohnern sind 3000 Juden. Der Ort und Seine Einwohner haben unter der Russenberrseliaft schrecklich gelitten. ES wurde ein Ortskomitee des Lenfberger jüdischen Rettungskomitees gegründet, das von der Lenfberger Zentrale 1000 Kronen zur Linderung der ‘ersten Not zur Verfügung erhielt. * Sambor. Zwei Delegierte aus Sambor besuchten das Fettungskomitee in Lemberg, um daS Komitee über die jüdische Not in ihrer Stadt aufzuklären. Das von den Delegierten vorgelegte Memorandum erzählt, daß in dieser armen Stadt jetzt noch 250 fremde jüdische Familien wohnen, die aus der Umgebung geflüchtet oder von den Russen verschleimt worden waren. Außerdem gibt es' gegenwärtig dort 56 jüdische .Kriegswitwen mit 132 Kindern. Unter den Verschleimten befinden sich 34 Waisen. Sie alle sind auf Unterstützung angewiesen. Während der russischen Invasion Wurden 126 jüdische Häuser vernichtet. Die Delegierten ersuchten das RettungskomRpe. die Gemeindeverwaltung Sanfbor in ihrer HilHarbeit Zu unterstützen. Chyrow. Vor dem Einmärsche der Russen ist die ganze, 1500 Seelen zählende jüdische Gemeinde geflüchtet. Es blieben dort nur einige wenige Familien zurück. Als Geisel wurden mehrere Juden mitgeschlennt, darunter Leute, die mehr als 70 Jahre zählen'. Aus Suszvna, einem' benachbarten Dorfe, sind zehn iüdiSch'e Familien von den Russen weggeschleopt worden. In Chyrow herrschen ietzt verschiedene Krankheiten, die bereits viele jüdische Oufer forderten. Der einzige dortige Arzt, Dr. OSSoWski, verweigert den Juden grundsätzlich seine Hilfe. # Felsiztyn. Von den ca. 800 Juden des Ortes, blieben beim Einzuge des russischen Heeres kaum 80 zurück, wovon während der Kämpfe acht getötet wurden. 26 iüdisthe Häuser sind von den Russen demoliert und eingeäschert worden. Den infektiösen Krankheiten sind schon 112 Juden erlegen. Sadowa-wyznia. Hier sind infolge Brandlegung der Russen 15 größere jüdische Häuser eingeäschert und mehr als 40 Häuser demoliert worden. Alle jüdischen Wohnungen wurden seitens des russischen Militärs mit Unterstützung der heimischen russophilen Bevölkerung ausgeraubt. An epidemischen Krankheiten sind bereits 53 Juden gestorben, die 45 unversorgte Waisen hinterließen. * Narajow. Dieser Ort zählt ca. 800 Juden. Während der Abwesenheit der Juden wurden ihre Wohnungen völlig ausgeraubt. Das Elend der jüdischen Bevölkerung ist sehr groß. Turka a. S. Die 3000 jüdischen Seelen zählende Stadt stellt ein. Bild der Verwüstung dar. 345 Häuser sind niedergebrannt. Aus vielen ragen noch einsame Wände hervor. Dazu kommt noch', daß die Juden gezwungen sind, ihre Häuser einreißen zu lassen, da sie als baufällig erklärt wurden. Alle Betliäuser sind niedergebrannt. Die meisten Thorarollen sind der Vernichtung anheimgefallen. Der Friedhof ist vollständig zerstört und viele Gräber aufgewühlt. Die zurückkehrenden Flüchtlinge stehen verzweifelt vor den Trümmern ihrer Häuser. In der ganzen Umgebung ist kein jüdisches Haus unversehrt geblieben. Der Staat machte sich sofort an den Wiederaufbau dieses Ortes heran, zu welchem Zwecke die Bezirkshauotmannschaft den Betrag von K 100.000 erhielt. Diese führt die Rettungsaktion energisch durch, die jüdischen Häuser werden jedoch beim Wiederaufbau nicht gleichmäßig berücksichtigt. Es werden nämlich hierfür Unterstützungssummen bis zu K 400.— verteilt, die Juden erhalten für diesen Zweck bloß K 200.—. Von dem zur Unterstützung der zurückkehrenden Flüchtlinge ausgeworfenen Betrage erhielten die Juden, zusammen bloß K 1780.—. Stanislau, 4. März 1916. Angesichts des unsäglichen, durdf den Krieg hervorgerufenen Elends, beschränkt sich nunmehr die Tätigkeit der Zionisten, abgesehen von den nicht sehr bedeutenden NF-Sammlungen, auf die Hilfstätigkeit. Diese Arbeit besorgen sie gemeinsam mit den bisherigen offiziellen Vertretern der Kultusgemeinde und haben auf diesem Gebiete bereits Ersprießliches geleistet. Zur Illustration mögen einige Ziffern angeführt werden: Das Holzverteilungs-Komitee hat seit dem 1. Jänner d. J., also innerhalb Zweier Monate, 34 Wageon Holz und 4 Waggon Kohle zum halben Preis verkauft. Die arme jüdische Bevölkerung erhält somit — anstatt um K 5.— — um K 2.— einen Zentner härten Holzes oder Kohle und weiches Holz um bloß K 1.—. In dieser kurzen Frist hat das Komitee für diesen Zweck K 8000.— verausgabt. Die Volksküche, die ebenfalls vom indischen Hilfskomitee geleitet wird, verteilte bis Anfang März täglich 1200 Portionen warmer Soeisen. Später erhöhte sich die tägliche Portionenzahl auf 1400 und letztenwurde die weitere Erhöhung derselben auf 2000 beschlossen. DaS Komitee hat auch die Hilfsfürsorge für die armen jüdischen Kinder in Seine Hand genommen. Es erhält eine Kinderkrippe für 80 .Mädchen und beabsichtigt eine derartige Krippe auch für Knaben, sowie auch ein Waisenhaus für 30 KriegsWaisen ins Leben zu rufen. Gg. Direktor Naftali Rohätva stellte dem Komitee zu diesem1 Zwecke ein HauS mit- 30 Ubikationen zur Verfügung. Schließlich geht das Komitee jetzt daran, die Hilfstätigkeit auch für die umliegenden Städtchen, welche durch’ den Krieg stark gelitten haben, zu organisieren. Die MenfreunOliiM Ser Eatenle unS ihre Gründe. In Frankreich befürchtet man für die neuen Anleiheversuche in Amerika Schwierigkeiten. Die französische Regierung sieht sich daher veranlaßt, der russischen einen nicht mißzuve'rstehenden Wmk zu geben. Das geschieht durch den Leitartikel der „Humanite“, der sich unter dem Titel ..Ein Dolitisches Problem — Die russischen Juden“ in so heftiger Sorache an die Regierung des Zaren Wendet, daß die Duldung deS Zensors nur dadurch zu erklären ist, daß der Artikel von Amts wegen gewollt und veranlaßt wurde. Die ..Humanite“ führt eine lange, zum' Teil ohne ZWeifel der deutschen Presse entnommene Reihe von Fällen aus den gegenwärtigen Leiden der russischen Juden an und bemerkt dann: „Dergleichen Tatsachen erklären das Verhalten der amerikanischen Regierung, die vor einigen Jahren den Handelsvertrag mit Rußland gekündigt hat, weil dieses' bei der Bewilligung von Reisepässen einen Unterschied zwischen den jüdischen und den anderen Bürgern der Vereinigten Staaten machte. Sie erklären auch die Haltung jener Finanzleute, die es ablehnten, die Fntente-Anleihe zu zeichnen, wenn Rußland an ihr teilnehmen würde. ES ist notwendig, die Meinung der Neutralen .sich nicht gegen unsere Sache wenden zu lassen. Die Neutralen verstehen nicht, daß die Verbündeten den Krieg des Rechts' führen und dabei Zugeben, daß ein ganzes Volk außerhalb des Gesetzes gestellt Wird. Unsere materiellen Interessen, besonders diejeni-

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