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Jüdische Zeitung · 1916-03-24 · 12 (24.3.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ir NRTIDNRL -JÜDI5CHE5 DRBRN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ | Erscheint \vöctien*l>rh. — Redaktion. Administration und inseratenaufnahme: Wien, II- Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden | _ tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurück gestellt — Ahonnememtsorege: Für Oester- _ m reich-lJngam: Ganzjähr. K 10.—, halbiähr. K 5.—. Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbiähr. Mk. 5.—. Vierteljahr. “ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 b. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. | Nr. 12, Wien, Freitag, den 24. März 1916 — 19. Adar II 5676. X. Jahrgang. Die OstinOen. „Wir hatten keine Ahnung, daß es dicht vor unserer Tür so etwas gibt“ — dieses Geständnis inbezug auf die Ostiuden, das die Schriftleitung der „Süddeutschen Monatshefte“ in ihrem Geleitworte zu dem den Ostiuden gewidmeten Februarhefte ablegt, gilt für ganz Westeuropa, die westeuropäischen Juden nicht ausgenommen. Wohl waren die Ostjuden fast überall zu sehen. Auf ihren steten Wanderungen konnte man ihnen oft in den größeren Zentren des Westens begegnen. Diese Begegnung erzeugte im Westen in den meisten Fällen Abneigung und Verachtung und in den seltensten nur Mitleid mit diesen „ewigen Wanderern“. Ihre innere, geistig-seelische Welt jedoch mit all ihren Atisdrucksformen, die von der eurooäischen grundverschieden ist, war und blieb dem Westeuropäer fremd. Von diesem Gesichtsnunkte eben ist das erwähnte Sonderheft „Ostiuden“ zu begrüßen, das nicht bloß Material bieten will, sondern auch tatsächlich bietet , über die verschiedensten Seiten des ostjüdischen Lebens. Sehr lehrreich sind zuvörderst die auf genauer Kenntnis der Tatsachen beruhenden, gründlichen statistischen und WirtschaftS-ges’chicht'ichen Beiträge. Ferner die kultur-historischen Abhandlungen, von denen manche, trotz einio-er Unvollständigeren, höch'st wertvoll Sind und ieclermanns Beachtung verdienen. Lesens- und beachtenswert sind auch die Palästina behandelnden Aufsätze und die politischen Artikel, wenngleich man sich mit manchen Abführungen in dem einen oder anderen nicht identifizieren wird können, oder gar solche schroff wird ab^hnen müssen, was namentlich vom Standpunkte des Zionismus, der mit dem jüdischen Nationalismus unzertrennlich verbunden ist, hinsichtlich mancher Aeußerungen Pr. Franz Oppenheimers in seinem Aufsätze „Die nationale Autonomie für die Ostiuden“ der Fall ist. Kurzum: die Fülle des in diesem Osfjudenheft dargebo+cn°n Materiales gebietet nicht nur Beachtung, sondern auch Achtung. ’ 1! ' ' Daß dieses Heft sich nicht auf die Darbietung des rohen Materials beschränkt, sondern eg auch versucht, dieses Material zu verarbeiten, und mit einer gewiss-n .Tendenz zu verarbeiten — ist selbstverständlich. Müssen doch dem der Sache völlig fremd gewenüberstehenden Westeuropäer die Zusammenhänge dieser Schilderungen und Informationen gezeigt werden, um ihm einigermaßen Einblick in diese se’tsame ostiüdische Welt zu gewähren. Die Wege jedoch', die dabei beschriften werden, müssen wir als' falsch bezeichnen, zumal dadurch die deutschen Interessen nicht sonderlich gefördert * werden, die der Juden hingegen gefährdet werden könnten. „Unser Standpunkt ist der, daß wir alles mitnehmen, was dem Deutschen Reiche nützlich ist und alles ablehnen, was ihm schadet“ — erklärt die Schriftleitung im Geleitworte. Nun mag ja dieser Standpunkt der „Süddeutschen Monatshefte“, einer deutschen Zeitschrift, die dem ganzen Ostjudenproblem nur insofeme Interesse abgewinnen können, als dies die Interessen des Deutschen Reiches berührt, höchst gerechtfertigt erscheinen. Noch mehr: eS ist wohl auch der Fall, daß die Ostjuden in mancher Hinsicht den deutschen Interessen tatsächlich nützlich sind und es noch mehr sein können. Es kann aber unmöglich angehen, diese Ostiuden so darzustellen, als ob es ihre Lebensaufgabe wäre, dem Deutschen Reiche nützlich zu sein, als ob sie, ein Vislmillionen-Volk, nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel-Mittler-Vermittler dasteben würden und nur als solche Förderung verdienen würden. Daß dies! in der Absicht der Sch'riftleitüng dieses Sonderheftes und eines großen Teiles sfei- '•^r Mitarbeiter gelegen war — geht schon aus dem Grundton dieser ganzen Schtift und aus vielen darin enthaltenen Aeußerungen hervor. So wird z. B. inbezug auf die russischen luden folgende Behauptung aufge«tellt: „Er ist eben auch heute noch durch die iüdischdeutsche Sprache ein Mitglied des deutschen Snrachkreises und damit Träger und Weiterleiter der Kultur und des Volksg e i s t e s, die in der deutschen Sprache ihren Ausdruck finden.“ CLofgvc: „Die iüdisfchdeutsche Sprache der Ostiuden“. S. 7181. Die iidische Sprache wiederum wird kons°auent — unter Außerachtlassung der spezifischen Gemüts- Trimmung und des Geistes, aus denen heraus die iidische Sprache ihr eigenartiges, jüdisches Gepräge erhalten hat — als „deutscher D i a 1 e k t“, dessen .,Charakter deutsch blieb“, ja sogar als die „mächtigste Waffe des Deutschtums im Auslande“ (dort S. 719) bezeichnet. Die"-» Behauptungen, ausgesprochen mitten im Krte~^. verdienen von vomeherein den schärfsten W'-te'-soruch, da sie für diese Juden verhängnisvoll werden können. Aber auch in Deutschland selbst findet die nach dieser Richtung hin gehende Propaganda nicht überall die erhoffte 7,ustimmung. Fs mehren sich die deutschen Stimmen, die eine auf Grund von Jidisch konstruierte deutschiüdisrbe Sprach- und Kulturgemeinschaft entschieden ablehnen. So schreibt Z. B. Dr. Heinz Klaus: „Wenn ihre Retter 'die polnische Judenschaft ate die Nährmutter 'deutscher Kultur und deutschen Wesens hinzustellen sich unterfangen, dann dünkt es uns Zeit, einer Anmaßung, die nur einem kulturgeschichtlichen Irrtum entspringen kann, mit kräftigen Worten zu begegnen.“ (.,Judenfrage und Deutschtum im Kriege“). Auch Paohnutius bemerkt: „Jüdischer Geist und deutscher Geist entspringen anderen Wurzeln, und weil der jüdische mit deti eigenen Heberlieferungen gebrochen bat. wird dieser Geist zu einem ständigen Antrieb der Zersetzung.“ Dabei erfahren naturgemäß auch die mit dieser Gemeinschaft motivierten Bestrebungen hinsichtlich der Förderung der •■"idischen Interessens seitens Deutschlands eine schroffe Zurückweisung. „Es ist gewiß keine Phan+asmagorie, zu sagen, daß wir auf dem besten und allernächsten Wege sind, ein, nein das Dienstmannsvolk der jüdischen Einwanderer aus Polen zu werden . . . Allein, führen w i r denn den Krieg um des Schicksals der Juden willen? .... Wir führen einen deutschen Krieg, um des Deuts chtums willen.“ (Klaus, dorfselbst.) So sehr wir uns in Details nicht einlassen möchten, glauben wir auf einen Mangel in diesem Ostjudenhefte dennoch hinweisen zu müssen, weil er uns charakteristisch erscheint: Wir meinen nämlich die höchs (befremdend geringe Hervorhebung solch wichtiger Grundlagen wie Religion und Hebr.äiSclf, ohne die man sich das ostjüdische Leben überhaupt nicht denken kann. Es ist recht seltsam, wenn einerseits erklärt wird: „Die Juden seien nichts als eine Religionsgemeinschaft“ (Oppenheimer: „Nationale Autonomie für die Ostjuden“. S. 725) und man sogar von „mannigfachen engen Bindungen zwischen ihrer jetzigen Mundart und ihrer Religion“ zu erzählen weiss fdort S. 727). oder wenn betont wird, daß dem Ghettojuden die Religion „Tagesbrot“ ist, (Goldmann:. „Zur Psychologie der Ostjuden.“ S. S23) und daß „die Svnagoge mSfc ihren Gebeten und der ganzen jüdisch-gelehrten Literatur der Mittelpunkt ihres geistigen Lebens war“ (Loewe: S. 714) — andererseife aber mau es nicht für nötig hält, diese Religion, die Svnagoge mit ihren Gebeten und die iüdisch-gelehrte Literatur, also diese ganze geistig-seelische Welt der Ostiuden Europa zu zeigen. Nicht etwa nebenher, wie es z. B. im Aufsätze von Eliasberg über den Chassidismus, geschieht. Sondern zumindest derart, daß der Westeuropäer diese ostiüdische Wett, wenn auch nur flüchtig, kennen lernt. Denn man kann noch sb sehr Realpolitiker sein "nd zum Jidisch sich nodr sb positiv verhalten, über eines muß man sich klar sein: Ostjudentum ist nicht etwa die sprichwörtliche „Ghettolnft“ und nicht das Luftmenschenoroletariat mit sc:- nen dürftigen Existenzen. Ostjudentum ist vielmehr die wahrlich große und reiche ostiüdische K u 11 ii rw e 11. die geistig-seelische Welt, die in der jüdischen Religion wurzelt und deren Schlüssel die hebräische Sprache ist. Wie weit die Religion und ihre Formen dort mehr als bei irgend einem' anderen Volke die tagt ä glichen Lebensformen bestfmmt, sollte mehr bekannt werden. Sind ia dem Ostiuden sein Exterieur, seine vielgelästerten Kaftan und Peies — einerlei, ob mit Recht oder Unrecht — aus religiösen Motiven unantastbar. Dab wieder das ganze öffentlichgemeindliche, sowie das’ o f f i z i e 11 - familiäre Leben sich (Soweit nicht in moderne, nichtreligiöse Kreise die fremde Landessprache eingedrungen ist) in hebräischer Sprache dokumentiert: daß der Verlobung- und Ehevertraor, die Hochzeitseinladung wie das Testament, die Gemeinde-, Friedhofs- und Svnagogengrundbücher und all derlei fast ausnahmslos bis heute hebräisch' geschrieben wird — auch das hätte in dem Ostjudenhefte irgendwie ersichtlich gemacht werden sollen. Und wenn nun manche kommen und urplötzlich ein Ostjudentum mit einer „jüdischdeutschen Mundart“ propagieren, so als ob dessen Geschichte und Tradition nicht auf Jahrtausende zurückreichte, und dessen Lebensaufgabe darin bestünde, Träger und Weiterleiter der deutschen Kultur zu sein, so muß dagegen energisch Einspruch erhoben werden. — Mag das Ziel nochso klug sein, mag der Vorsatz wie gut sein — der Weg, oder richtiger: der Weg ist ein falscher. Melr H e n i s c h.

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