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Jüdische Zeitung · 1916-03-03 · 9 (3.3.1916) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
9 (3.3.1916)
Date
1916-03-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 QÜDISGHE ZEITUNO Seite 3 Wilna unter deutscher Verualtung. Die Zahl der jüdischen Flüchtlinge in Wilna, die sich ursprünglich auf zirka 30.000 belief, ist nunmehr sehr gering. Die meisten Flüchtlinge benützten die von der deutschen Verwaltung ihnen bereitgestellten Freizüge und kehrten sofort in ihre Heimatsorte zurück. Die Wilnaer jüdische Bevölkerung ist, bis auf einige reichere Juden, die sich vor der Evakuierung der Stadt ins Innere Rußlands begaben, fast gänzlich zurückgeblieben. Die jüdische Gemeinde bemüht sich redlich, die Not der armen Bevölkerung zu lindern. Sie gründete Heime, Teehallen, billige Volksküchen und verschaffte den Heimatlosen Unterkunft Es wurde ein jüdisches Hilfskomitee ins Leben gerufen, das von der jüdischen Bevölkerung eine wöchentliche Steuer zu Gunsten seiner Institutionen einhebt Seitens des amerikanischen Reliefkomitees wurde Wilna mit einer Unterstützung von 50.000 Rubeln bedacht. In letzter Zeit wurden viele hebräische Kurse errichtet. Es wurde auch eine jüdische Volksuniversität eröffnet, in der Dr. Schab ad vorträgt Im Wilnaer Bürgerkomitee sind die Juden entsprechend ihrer Bevölkerungszahl — 60°/0 — vertreten. Auch die Stadtverwaltung weist viele Juden auf. In der Bürgermiliz bilden die Juden 40%. Die öffentlichen Bekanntmachungen werden in Wilna jetzt in vier Sprachen erlassen: Deutsch, jüdisch, polnisch und littauisch. Die Pässe werden für die Christen in deutscher und in polnischer und für die Juden in deutscher und in jüdischer Sprache ausgestellt Die Stadt hat sechs Volksküchen errichtet, drei für Juden und drei für Christen, und dreißig billige Verkaufsstellen, die zur Hälfte in Händen von Juden und zur Hälfte in Händen von Christen sind. Die Deutsche Militärmacht gibt für die Armen dieser Stadt wöchentlich 10.000 Gratis-Brotkarten aus, die unter Juden und Christen gleichmäßig verteilt werden. Seit einiger Zeit erscheint in Wilna eine neue jüdische Zeitung unter dem Namen „Letzte Najes“. Aus fler jüOisdien Nell. Die Statistische Kommission des Moskauer Hilfskomitees unternahm eine Untersuchung über den Zustand des Gemeindewesens und die allgemeine jüdische Kulturlage der Städte, in denen die jüdischen Evakuierten Zuflucht fanden. Sie versandte an sämtliche Niederlassungsstädte Rundfragen über die Anwesenheit von Gemeindeverwaltungen, Rabbinern, Synagogen, Schulen, Bibliotheken, Bildungs- und .Wohltätigkeils - Gesellschaften zur Zeit der Ankunft der Flüchtlinge. Bis heute sind von 45 Städten der 9 Gouvernements Zentralrußlands Antworten eingelaufen. Unter diesen 45 Städten sind nur 6 vorhanden, die vor der Ankunft der evakuierten Flüchtlinge mehr als 50, und nur 5, die mehr als 100 jüdische Familien zählten. In 6 Städten wohnten zwischen 20 und 50 jüdische .Familien, in 10 Städten — weniger als 20; in 13 Städten — weniger als 10; in 2 — bloß je eine jüdische Familie und in 2 keine einzige. Eine Gemeindeverwaltung gibt es nur in 17 dieser Städte; Synagogen besitzen 14 Städte, Schochtim — 29, Rabbiner bloß 7. Aber Friedhöfe haben 38 dieser Städte. Wohltätigkeitsgesellschaften existieren nur an 7 Orten. Noch schlimmer steht es mit den Bildungsanstalten. Bloß 12 Städte besitzen „Chadarim“ oder jüdische Schulen, nur 2 Städte haben jüdische Bibliotheken, 2 Städte — Abteilungen der Bildungsgesellschaft und bloß 1 Stadt besitzt eine Samstagschule für Erwachsene. Wie wahnsinnig die russischen Behörden in ihrem Bestreben sind, die neueste Verordnung betreffs Verbot der jüdischen Presse durchzuführen, zeigt folgendes: In Odessa fand ein jüdischliterarischer Abend statt, an dem B i a 1 i k sich mit Rezitationen eigener Werke beteiligen sollte. Die Polizei verbot aber dem Dichter, seine Werke im Hebräischen vorzutragen und er mußte sich der russischen Uebersetzung bedienen. Sogar der Vorschlag eines alten Rabbiners, die rabbinischen Autoritäten zu fragen, ob angesichts der Not der Zeit den jüdischen Flüchtlingen der Genuß von Erbsen am Pessach gestattet sei — ein Vorschlag, der ein regelrechtes Stück der Responsenliteratur darstellt — mußte in russischer Sprache in der „Jewrejskaja Schisn“ veröffentlicht werden. Aus Petrograd wird gemeldet, daß der Hauptkommandierende neuerlich die Herausgabe und die Verbreitung von jüdischen Zeitungen im Gouvernement Minsk verboten hat. * Im Laufe der letzten Tage ernannte der russische Justizminister GhWostow eine Reihe jüdischer Hilfsadvokaten zu ordentlichen Advokaten. Die Zulassung jüdischer Juristen zur Advokatur, die die erste seit mehreren Jahren ist, ist bekanntlich eine Folge der jüngsten Beschlüsse der gemischten Regierungskommission. Auf dem ersten allrussischen Kongreß der Theater-Gesellschaften, der in Moskau Mitte Jänner stattfand und an dem 200 Delegierte verschiedener Volkstheater und Kunstgesellschaften, teilnahmen, waren auch die „Gesellschaft für jüdische Volksmusik“, die „Jüdische Bildungsgesellschaft“ und die neugegründete „Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Kunst“ vertreten. Der Delegierte der letzteren, der bekannte jüdische Schriftsteller S. A. An-sky (S. Rappaport), der als Vertreter der Sektion „nichtrussischer Nationalitäten“- ins Präsidium ge - wählt wurde, hielt ein ausführliches Referat über die geschichtliche Entwicklung des jüdischen Theaterwesens. Der Referent schloß seine Ausführungen mit einem Appell an die russische Oeffentlichkeit, an der Befreiung des jüdischen Theaters, das zugleich mit der jüdischen Presse gegenwärtig brach liegt, mitzuarbeiten. Es folgten Vorträge über das ukräinische, tatarische, armenische und litauische Theater. J. S. Okun berichtete über die Entwicklung der Gesellschaft für jüdische Volksmusik. Mit stürmischem Beifall begrüßte der Kongreß die Resolution, die Wünsche der unterdrückten Nationalitäten zu unterstützen. * Neulich fand in Petersburg unter Vorsitz von M. M. Winawer die Gründungsversammlung der „Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Kunst“ statt. Der Urheber der Gesellschaft, Bildhauer E. Günzburg, der Schüler und Freund des großen Antokolsky, schilderte die Geschichte der neu-jüdischen Kunst von Antokolsky bis heute, erzählte von den äußeren und inneren ewigen Leiden des jüdischen Künstlers, der Zweiheit seiner Seele und dem Mangel an Milieu. Die Gesellschaft sei berufen, die plastische Kunst unter den Juden zu fördern, die Künstler zu vereinigen, neue Talente zu pflegen und vereinigt die Wege der jüdischnationalen Kunst zu suchen. In die Verwaltung der Gesellschaft wurden gewählt: die Bildhauer Günzburg, Aronson, Brodsky, die Maler Gewürz, Majmon, Warschauer, Schriftstelter S. A. Rapoport (An-sky), Abgeordnete der ersten Duma Winawer und Scheftel u. a. In New-York wurde in letzter Zeit eine neue Gesellschaft unter dem Namen „Agudat-ha- Chinuch“ begründet, die sich die Eröffnung von hebräischen Kindergärten in Amerika zur Aufgabe gemacht hat. Hebräische Volksschulen bestehen bekanntlich bereits in größerer Anzahl in Amerika, namentlich in New-York. Der erste hebräische Kindergarten wurde durch die genannte Gesellschaft Anfang Dezember v. J. in New-York eröffnet Der neue „Gan-Jeladim“ ist auf das vortrefflichste ausgestattet und erfreut sich eines sehr lebhaften Zuspruchs. » Unter den Beschlüssen der Hauptversammlung der Deutschen Friedens-Gesellschaft (6. und 7. November 1915 in Leipzig) steht auch der folgende: „Die Versammlung spricht ihre Sympathie allen unterdrückten und mißhandelten Völkern aus, insbesondere den Armeniern und den russischen Juden. Sie appelliert an das Gewissen aller Regierungen, um im Interesse der Menschlichkeit Abhilfe zu schaffen“. * Wie gemeldet wird, befinden sich nicht viele jüdische Soldaten im belgischen Heere. Trotzdem befindet sich ein jüdischer General, namens Bernheim im; Heere, Kommandant der 1. Division. Er war verwundet worden, ist aber wieder hergestellt. In Brüssel geboren, ist er eigentlich Lothringer. * Endlich haben wir eine offizielle Statistik der rumänischen Juden. Das statistische Bureau des Ministeriums bringt genaue Angaben über die jüdische Bevölkerung Rumäniens vom Dezember 1912. Danach zählte die rumänische Judenheit 239.967 Seelen, davon . 115.308 Männer und 124.659 Frauen. Dies ist die Gesamtzahl der in Rumänien wohnenden Juden ohne Unterscheidung der Staatszugehörigkeit. Davon gehen 30.000 bis 40.000 Juden frem-r der Staatszugehörigkeit ab, so daß also höchstens 210.000 Juden rumänischer Staatsange - hörigkeit (d. i. 3 Prozent der Gesamtbevölkerung Rumäniens) gibt. Interessant ist, daß die Zahl der Fremden nach dem neuesten „Arbeitskalender“ von 1916 in Rumänien 792.000 beträgt, wovon 276.000 Bulgaren sind. Gegen diese, die Zahl der Juden um 40.000 übertreffende bulgarische Bevölke - rang Rumäniens wurde noch nie ein Wort der Intoleranz geschrieben. Im Jahre 1899 betrag die Zahl der Juden 266.652, also ungefähr 4 Prozent. Die Abnahme dieser Zahl ist durch die große Auswanderung vom Jahre 1900 zu erklären R. fiöw'it Verlag, Wien L Rotenturmstraße 22 Neues zur Ostjudenfrage: Jüdisches Archiv. Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Kriegsarchiv“. Lieferung 4/5. Mit 2 Kunstbeilagen, K 1.—. Mit Frankozusendung K 1.20 Matthias Mieses, Die Entstehungsursache der jüdischen Dialekte. Im Preise ermäßigt auf K 4.— Segel Benj. Die polnische Judenfrage K 2.25 Süddeutsche Monatshefte. Februar 1916. Spezialheft „Die Ostjuden“ K 2.25 Höchst beachtenswerte üntf interessante Aufsätze von Dr. A. Friedemann, Franz Oppenheimer, Frisch, Kaplun - Kogan, Dr. H. Loewe, Nachum Goldmann usw. Soeben Ist erschienen: Goldmann Nachum. Von der weltkulturellen Bedeutung u. Aufgabe des Judentums K 1.13 Nowak Karl Fr. Hötzendorfs Lager. Brosch. K 3.75. Geb. K 5.25 Der österreichische Feldzug in Polen und Galizien. Besonders wichtig ist die authentische Darstellung der ersten Lemberger Schlacht Sven Hedin. Nach Osten 1 K 1.50 Aus dem Inhalt: Czernowitz. — Nach, dem Durchbruch in Westgalizien. — Der Fall von Jaroslau. — Die Belagerungen von PrzemysI. — Der Einzug in Lemberg usw. Nach der amtlichen Statistik von Bayern, gibt es) dort 55.065 jüdische Seelen (0.8 Prozent der Gesamtbevölkerung). Die meisten jüdischen Personen wohnen in Unter- und Mittelfranken, in der Pfalz und Oberbayem. Am 28. Jänner wurde in Budapest das jüdische Museum eröffnet. Das Institut ist besonders reichhaltig an Sammlungen in Silbergegenständen aus dem 18. Jahrhundert, antike Bronzen, Ringe, Plaquette, Medaillen, altjüdische Münzen, Manuskripte etc. enthaltend. Anzeigen uni Ronesyonienzen. „Hatechijah“ hebr.-akad. Vereinigung. Sonntag, den 5. März 1916, V28 Uhr abends, findet im Lokale des Jüd. Handlungsgehilfenverbandes, II. Obere Donaustraße 65/4, ein Vortrag des Herrn Jehoschua Rubin über: „Deutschtum und Judentum von Hermann Cohen“ statt Hebräisch sprechende Gäste willkommen. Jüdisch - Literarischer Klub. Samstag, den 11. März, um 7ty> Uhr abends, findet im Klublokal (IX. Lieehtensteinstraße 2, Gasthaus) ein Vortrag vom Herrn Prof. Dr. W. Stein statt Thema: „Die geistige Bedeutung des Zionismus für das Judentum“. » Vortrag Rabbiner Dr. Grunwald. Donnerstag, den 24. Februar d. J. hielt Herr Rabbiner Doktor Max Grunwald im Festsaale des Oesterreichischen Ingenieur- und Architektenvereines einen Vortrag über „Den Dichter J. L. P e r e z als Schilderer des ostjüdischen Volkslebens“. Der Besuch war ein ungewöhnlich starker. Der Vortragende verstand es, in den Erschienenen ein lebhaftes Interesse für Perez und die ostjüdische Welt zu erwecken und fand demgemäß reichen Beifall. » Budapest. In einer der letzten Nummern der „Jüd. Ztg.“ wurde der Budapester zionistischen Leitung der Mangel an Interesse für den dortigen hebräischen Verein „Achduth“ vorgeworfen. Dies dürfte aut einem Mißverständnis beruhen. Es wurde vielmehr von der Budapester Organisation dem Verein ein Lokal überlassen, die „Zsido Szemle“ hat ihm seine Spalten geöffnet und die Zionisten gingen ihm an die Hand. Wenn die Resultate mit der aufgewandten Mühe nicht im Einklang stehen, so liegt die Ursache hiefür einzigallein in der verhältnismäßigen Schwäche der dortigen zion. Organisation, deren beste Kräfte zur militärischen Dienstleistung eingezogen wurden. Aus B j e 1 i n a kommt die betrübende Nachricht betreffs des Hinscheidens des Nathan Landau, des Nestors der südslavischen Zionisten. Dieser Greis, der in seinem Privatleben der bescheidenste und anspruchsloseste Mann war, verlangte für sein Volk das Höchste und Beste. Zion war stets sein höchstes (deal, das er nicht bloß im Herzen ersehnte, sondern für dessen Verwirklichung er auch unermüdlich arbeitete. Dieser Nimmermüde, der mit seiner regen Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten des Zionismus auch die jüngsten

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