Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 9 (3.3.1916)
- Date
- 1916-03-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438572-2438581--4701-2444602- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 MODISCHE ZEITUNQ Nr 9 Ob ihnen das nützen wird? Wir glauben kaum. Es dürfte ihnen wie dem protestierenden Schneider in der erwähnten Anekdote ergehen, der sich wohl bemerkbar machte, aber nur als — komische Figur. * . * . Der Händler an der Front. .Die Händler an der Front verkaufen unseren Soldaten sehr teure Waren, die durchaus nichts wert sind. Man verflucht sie und sie stehen in einem abscheulichen Ruf. Aber sie sind nicht die Alleinschuldigen und auch nicht die Hauptschuldigen. Sie sind der Mehrzahl nach arme Schlucker, die die Gelegenheit zu Handelsleuten machte. Sie treiben sich in kleinen Flecken umher, die noch im Bereich des Artilleriefeuers liegen, sie nisten nach Belieben in Häusern, die von ihren Besitzern verlassen wurden, und die Anspruchslosigkeit ihrer Einrichtung ist rührend. Sie sind schmutzig und waschen sich nie und meistens sind sie abgehetzt von den großen Märschen auf aufgeweichten Wegen. Sie schlafen wenig; manchmal weckt sie eine Granate, die heransaust und ein Nachbarhaus zerschmettert Ist es da angebracht sie ob ihrer Gewinnsucht zu schelten?“ Dies ist in — Frankreich geschrieben worden und bezieht sich auf französische Händler. Man vergleiche damit was vor einigen Monaten ein Genosse in der „Arbeiter-Ztg.“ über die galizisch-jüdischen Händler an der Front geschrieben hat da einer ihm Zündhölzchen zu teuer verkauft hatte. Dr. Handle in Nien. Dr. Arthur H a n t k e (Berlin), Mitglied •des Engeren Aktionskomitees der Zionistischen Organisation, hat auf seiner Reise in Oesterreich vergangene Woche einige Tage in Wien geweilt und mit allen zionistischen Faktoren Fühlung genommen. Er referierte in •einer Sitzung des erweiterten Exekutivkomitees der gesamtösterreichischen zionistischen Partei und in einer Vertrauensmännersitzung. Am 26. Februar veranstaltete der Zionistische Zentralverein in Wien eine Versammlung im Hotel Continental, in der Dr. Hantke über „Die Juden und der Weltkrieg“ referierte, und die zirka tausendköpfige Zuhörerschaft aufforderte, für den Zionismus tätig zu sein. Sonntag, den 27. Februar fand neuerlich •eine erweiterte Sitzung des Exekutivkomitees statt, an der auch Abgesandte der Provinz ieilnahmen. Hervorzuheben ist der Beschluß bezüglich der Einleitung einer österreichischen Notstandsaktion für die palästinensischen Kolonien. Mit der Leitung dieser Aktion, an deren Spitze das Exekutivkomitee stehen wird, wurden die Gg. Erna Patak, Fanny Weiss, Ludwig Batö und Dr. Willy Stein betraut In diesem Zusammenhänge berichten wir, daß sich in den zionistischen Kreisen für diese neue Aktion das größte Interesse kundgibt 'Frau Fanny Weiss hat bereits die tätige Mitarbeit des Ersten Wiener zioni stisch en Frauen ver e i n s angemeldet In der nächsten Nummer unseres Blattes werden wir die Reihe unserer Mitteilungen über das zionistische Palästinahilfswerk eröffnen. Von öen jnöisdien Uolftssihulen in Polen. Das neueste „Schulverordnungsblatt für Polen“ (Deutsches Okkupationsgebiet) Nr. 4 bringt außerordentlich interessante Bestimmungen über die Lehrziele und Lehraufgaben der Volksschulen ln Polen Der Unterricht in verschiedenen Gegenständen wird -genau geregelt Der jüdische Religionsunterricht bat nach der Verordnung das religiöse Gefühl zu wecken, die jüdische Tradition lebendig zu erhalten und Liebe zur jüdischen Vergangenheit den Kindern einzuprägen. Jüdische Eigenart und bisherige Entwicklung des Judentums sind im Religionsunterricht zu berücksichtigen. Die Grundwahrheiten der Religion, die wichtigsten jüdischen Religionsquellen, jüdische Geschichte und jüdische Gebräuche sind mit den Kindern zu betrachten. Es sind demnach zu lehren: Hebräisch, Bibel und nachbiblische Geschichte, Pflichtenlehre. Das Hebräische wird schon auf der Unterstufe unterrichtet Die Kinder sollen so weit im Lesen geübt werden, daß sie leichte Stücke aus der Bibel, Gebete und Abschnitte daraus übersetzen können. Auch die notwendigsten Kenntnisse der hebräischen Grammatik werden übermittelt Die Kinder lernen auch hebräisch schreiben. Es wird fe-ner genau bestimmt, welche Gebete die Kinder zunächst zu lernen haben, wobei den religiösen Gebräuchen zu Hause und dem öffentlichen Gottesdienst der Ostjuden Rechnung getragen wird. Die biblische Geschichte wird ebenso schon auf der Unterstufe gelehrt. Die Kinder lernen zunächst in Einzelbildern, später — auf den oberen Stufen — im Zusammenhänge die Biblische Geschichte bis zur Rückkehr vom Babylonischen Exil, die Zeit des 2. Tempels und das Wichtigste aus der späteren Zeit des Judentums, möglichst bis zur Gegenwart In der nachbiblischen Geschichte sind hauptsächlich die Geistesheroen des Judeitums zu berückkichtigen, wie z. B. Hiliel, Rabbi Akiba. Maimonides u. a., wie auch das jüdische Märtyrertum des Mittelalters. . Auf den Geschichtsunterricht kommt die Verordnung ferner auch noch in § 5 zurück, in dem ausdrücklich gesagt wird, daß die Kinder die wichtigsten Vorgänge aus der Geschichte des eigenen Volkes kennen lernen sollen. Die Verordnung, die in einer mustergültigen Weise den Unterricht in den Volksschulen regelt, ist ein schöner Beweis der Vorsorge, die die deutsche Zivilverwaltung den Volksschulen der eroberten Gebiete angedeihen läßt Zur Psydiologfe öer Osfjuden. Von Nachum Goldman n.*) Das Ostjudentum gehört in seiner psychologischen Wesensart zur Kategorie des Ghettojudentums, das heißt zur Kategorie jenes Judentums, das seines Landes und seiner eigenen Selbständigkeit beraubt, dennoch als Nation fortexistiert; das unter den Völkern zerstreut, dennoch innerlich getrennt von ihnen lebt geschieden durch die — früher auch konkreten, heute nur noch geistig-seelischen — Mauern seines Ghettos. Nur durch Einordnung des Ostjuden in diese Kategorie des Uhettojudentums ist die Möglichkeit seiner psychologischen Analyse gegeben. Daher soll jener Teil des Ostjudentums, der aus dem Ghetto bereits heraus ist und den Anschluß an die moderne Kultur gefunden hat. hier nicht in den Rahmen der Betrachtung fallen. Seine Psychologie ist zu kompliziert, als daß sie hier ergründet werden könnte; zudem bildet dieser Teü gegenüber der großen Masse der Ostjuden nur eine kleine Minorität Alle Versuche, zu einem Verständnis der Wesensart des Ostjuden vorzudringen, müssen von einer Grundtatsache ausgehen, die die meisten seiner oberflächlichen Beurteiler nicht kennen: von der Zwieteilung der Daseinssphären, in denen sein Leben verläuft Den Schlüssel zur Erfassung dieser eigentümlichen Grundtatsache seines Seelenlebens bietet die Erkenntnis des mangelnden Bodenständigkeitsbewußtseins des Ghettojuden. Jeder Mensch bedarf zu seiner seelischen Existenz eines solchen Bodenständigkeitsgefühls, des Bewußtseins seines Verwurzelfseins in der Umgebung, in dem Lande, in dem Boden, auf dem er lebt und wirkt Ein Mensch, dem dieses Verwurzelungsbewußtsein fehlt, ist wie eine entwurzelte Pflanze. Dieses Gefühl. daß wir der Umgebung,-in der wir leben, organisch zugehören, schöpfen wir nun gewöhnlich aus Erziehung, Erinnerungen, Traditionen, die uns alle mit dem Lande, das wir bewohnen, verknüpfen. Dieses Bodenständigkeitsgefühl kann der Ostjude nicht besitzen. Denn er ist von dem Milieu, in dem er lebt, innerlich geschieden; durch Rasse, Anlage, Kultur, Religion und Lebensgestaltung ist er vom Volke, in dessen Mitte er lebt, getrennt.. Er kann sich nur als Fremder in seiner Umgebung empfinden, als einen, der nur zufälligerweise sich gerade hier befindet. In der tiefen Uestalt des Ahasver kommt dieses Bewußtsein zum Ausdruck. Nun ist es klar, daß unter solchen seelischen Voraussetzungen eine Menschengemeinschaft unmöglich für die Dauer existieren kann. Ein einzelner vermag es; er wird zum Bohemien oder zum Landstreicher. Ein Volk von Bohemiens kann aber nicht existieren. Und so mußte sein Selbsterhaltungstrieb den Ghettojuden dazu führen, sich neben dieser äußeren Welt, in der er nicht bodenständig werden konnte, eine andere Welt zu schaffen, in der er sich als verwurzelt empfinden konnte. Diese andere Welt schuf er sich durch seine Religion. Sie war ja das einzige eigene Gut, das das jüdische Volk aus seinem Lande auf seinen Wanderungen mitgenommen hatte. Sie war ja auch von vornherein viel Umfassenderes als bloß Religion, schloß das gesamte jüdische Kultursystem ein. Mit ihrer Hilfe schuf sich nun der Ghettojude neben der äußeren eine geistig-seelische Welt, aus den Elementen seiner Religion, seiner Erinnerungen und Zukunftshoffnungen. Da er die Wurzeln seiner Existenz nicht in die Erde treiben konnte, trieb er sie in den *) Aus dem den Ostjuden gewidmeten Februarhefte der „Süddeutschen Monatshefte“. Himmel. Wenn man von der Religion des Ghettojuden spricht, darf man sich darunter nicht jene Form der Religion vorstellen, wie der normallebende Europäer sie besitzt. Ihm ist die Religion das Mittel zur Befriedigung tiefer metaphysischer Bedürfnisse. Dem Ghettojuden ist sie Tagesbrot Viele von uns können sehr wohl der Religion entbehren-, der Ghettojude kann es nicht Daraus ergibt sich nun die entscheidende Konsequenz, ohne die jegliche gerechte Beurteilung des Ostjuden unmöglich ist: die nämlich, daß er in den zwei verschiedenen Welten, in denen er lebt, auch in ganz verschiedener Art lebt Wirklich er selbst ist er nur in seiner geistig-seelischen Welt Dort allein kann man ihn erkennen, wie er ist. In der äußeren Welt hingegen, in der er seinem Erwerb nachgeht, ist er ein Minderwertiger, weil ihm hier das Sicherheitsgefühl, das Selbstbewußtsein fehlen. So erklärt sich beispielsweise, daß derselbe Jude, der wegen des kleinsten Rituals wie ein Held den Scheiterhaufen bestieg und mit unerhörtem Heroismus den Märtyrertod litt, zugleich im Verkehr mit dem Nichtjuden täglich sich treten und entwürdigen ließ, ohne zu zucken. In engem Zusammenhang mit dieser Grundtatsache steht nun eine Eigenschaft des Ostjuden, um derentwillen er viel gescholten wird: sein scheinbar schwach nntwickeltes Ehtbewußtsein. Es ist dies gewiß diejenige Eigenschaft, die dem Westeuropäer an ihm mißfällt, dieses Knechtische, Gebückte in seiner Haltung, diese Unempfindlichkeit, mit der er Beleidigungen hinnimmt Unter dem Begriff der Ehre fassen wir zwei voneinander geschiedene Dinge zusammen: das eine ist das subjektive Ehrgefühl, das das Verhältnis des Einzelnen zu sich selbst kennzeichnet und durchaus unabhängig ist von der Umwelt Dieses Ehrbewußtsein kann auch der in seinen Beziehungen zu seinen Mitmenschen Ehrloseste besitzen. Von ihm sprechen wir hier nicht, denn wenn von mangelndem Ehrgefühl des Ostjuden gesprochen wird, so denkt man nicht an dieses subjektive Empfinden, sondern an das soziale Ehrbewußtsein, die Beziehungen des Menschen zu seinen Mitmenschen. Dieses soziale Ehrgefühl hat nun zu seiner.Existenz stets eine Voraussetzung: daß zwischen den Gliedern der Gemeinschaft, deren Beziehungen es regelt, irgend eine Art von Gleichheit herrscht, daß sie alle, wenn auch im einzelnen abgestuft und rangverschieden, doch prinzipiell als einander gleichwertig sich betrachten. Zwischen Menschen hingegen, die keinerlei gemeinsame Grundlage, keinerlei Art von Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit empfinden, kann es in ihren Beziehungen zueinander kein soziales Empfinden geben. Wenn man sich dies klar macht, wird man verstehen, daß der Ostjude kein starkes soziales Ehrempfinden in seinen Beziehungen zu den Nichtjuden besitzen kann, weil die zwischen beiden bestehende Kluft eben zu groß ist Es klingt vielleicht manchen Ohren unangenehm und hart, wenn solches gesagt wird, aber es muß jetzt, da ein wahres Verständnis der Ostjuden so notwendig ist, von vornherein mit aller Klarheit und Offenheit über das seelische Verhältnis des Ostjuden zum Nichtjuden gesprochen werden. Und da muß betont werden, daß dasjenige Gefühl, das dieses Verhältnis vor allem anderen im Ghetto beherrscht, dasjenige der Furcht ist Dem Ghettojuden ist der Nichtjude in erster Reihe der übermächtige, grausame Verfolger, gegen dessen Beleidigungen und Verfolgungen kein Widerstand möglich ist. Am besten ist’s drum, man geht ihm aus dem Wege; wo aber dies nicht möglich ist da bleibt nichts übrig, als sich zu ducken. Hiezu kommt noch ein anderes Moment, das in derselben Richtung wirkt. Während infolge seines Angstgefühls der Ghettojude in seinem sozialen Selbstbewußtsein zu sehr unterhalb des Niveaus des Nichtjuden steht, um ihm gegenüber ein starkes Ehrgefühl bekunden zu können, empfindet er sich andererseits kraft eines eigenartigen Stolzgefühls als so sehr viel höherstehend, daß auch von diesem Standpunkt die Entstehung solchen Ehrgefühls unmöglich wird. Dieses Stolzbewußtsein ist die Reaktion auf jenes Angstgefühl. Es ist verständlich, daß eine Gemeinschaft von Menschen unmöglich mit diesem Angstgefühl, mit diesem Bewußtsein, die wehr- und schutzlosen Opfer des Hasses und der Verfolgung der anderen zu sein, existieren kann, ohne sich gegen dieses Bewußtsein einen Trost zu schaffen. Diesen Trost findet der Ghettojude in der Vorstellung, daß. der Nichtjude ihm geistig und sittlich unterlegen und um eben so viel ethisch minderwertig, wie an brutaler Macht stärker sei. In dieser Ueberzeugung kommt noch der allen politisch machtlosen Völkern eigentümliche Gedanke hinzu, daß der Gerechte immer in der Welt zu leiden habe, und die irdische Macht in den Händen der Bösewichte liege, und so entwickelte sich im Ghettojuden das Bewußtsein der hohen sittlichen Ueberlegenheit und das Gefühl der Verachtung für den Nichtjuden. Der Nichtjude könne ihn wohl schlagen, entrechten, beschimpfen, aber seine Ehre bleibe davon unberührt So wird es erklärlich, warum der Ostjude in seinen Beziehungen zu den Nichtjuden ein so mangelhaft entwickeltes Ehrempfinden bekundet (Schluß folgt in nächster Nummer.)