Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 9 (3.3.1916)
- Date
- 1916-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZOTUNG nrtionrl -jüdisches orghn »«j rrrmm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ OHnn B Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und fnseratenaufnahme: Wien, li., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden B _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zuröckgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester- ® reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjihr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Gamzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. B Nr. 9. Wien, Freitag, den 3. März 1916 — 28. Adar 5676. X. Jahrgang. Die zionistische Partei Oesterreichs. Im Leitartikel der vorigen Nummer dieses Blattes wurde dargetan, wie zweckmäßig, ja wie notwendig es sei, daß sich, dem Beispiele der Polen folgend, auch die Juden Altösterreichs mit ihren Volksgenossen in dem von unserer Armee okkupierten Gebiet Russisch - Polens zu gemeinsamer nationalkultureller und politischer Betätigung zusammenschließen. So richtig und zwingend diese These ist, setzt Ihre praktische Durchführung das eine voraus, daß in Altösterreich eine maßgebende jüdische Autorität bestehe und wirke, die sich der wichtigen Aufgabe jenes Zusammenschlusses mit Verständnis und Eifer widme. Diese Autorität kann nur die zionistische Partei sein, - deren politisches Interesse entgegen den anderen jüdischen Gruppen nie am Lokalen haftete, sondern stets dem Wohle des Gesamtjudentums zugewandt war. Doch kann , die zionistische Partei ihrer hohen Aufgabe, die juden Alt- und Neuösterreichs zu gemeinsamen politischen Zielen zu führen, nur unter einer Bedingung gerecht werden, wenn sie nämlich ihre taktische Gliederung den Bedürfnissen des Heute rasch entschlossen anpaßt. In Friedenszeiten mochte es am Platze sein, daß den gleichen zionistischen Programmen verschiedene Zentralen, je eine in Wien und in den Brennpunkten provinzialen Lebens, in Lemberg und Czernowitz, gedient haben, damals mochten die taktischen Argumente für eine Mehrheit von Zentralen richtig gewesen sein, heute gewiß nicht mehr. Durch den Weltkrieg sind alle Machtverhältnisse, als deren eines ja auch die politische Stellung unseres Volkes zu werten ist, , aus ihrer Ruhelage gebracht und labilisiert worden; unser Vaterland Oesterreich steht vor seiner Neugestaltung und von dieser Gestaltung ist auch die der österreichischen Judenschaft abhängig. Ueber die Neugestaltung Oesterreichs wird aber in Wien, in der Reichshaupt- und Residenzstadt, entschiedeu, wo alle Strebungen und Gegenstrebungen, alle Wünsche und Hoffnungen Zusammentreffen, sich miteinander auseinandersetzen und sich zu Beschlüssen und Anordnungen der maßgebenden Faktoren durchringen. Wollen wir Juden und wir Zionisten als deren berufene Fürsprecher uns in Wien an den maßgebenden Stellen zur Geltung bringen, muß sich unsere Stimme klar und einheitlich durch ein hiezu geeignetes Organ vernehmen lassen. Ein Wirrwarr von jüdischen Stimmen von da und dort wäre noch um vieles verderblicher als ein völliges Stummbleiben. Das sind Erwägungen und Ueberzeugungen, die sich heute jeder sachkundige, gewissenhafte Zionist zu eigen gemacht hat, und für die das Leben des Alltags selbst weithin die Propaganda besorgt Denn so furchtbar schwer der Krieg gerade uns Juden getrofffen hat, indem er Galizien und die Bukowina verheerte und unsere Brüder dort zu landflüchtigen Bettlern erniedrigte, hat er doch andererseits das Wort unserer Waisen „Auch das führt zum Guten!“ voll bewährt. Denn die nach den Asylen im Westen geflüchteten Ostjuden haben ihren dortigen Volksgenossen zunächst Gelegenheit »gegeben, ihre Pflicht als jüdische Brüder himfeich zu betätigen, und so in den Herzen dm^Qpstützten Dankbarkeit und Vertrauen glaseckt. An diesem Liebeswerk haben selbstrfuend vor allem die Zionisten Westösterreichs großzügig mitgewirkt. Bald aber haben die Ostjuden, zumal in Wien, nicht damit zufrieden, nur Objekt zu sein, sich zur aktiven Mitarbeit aufgerafft. So ist durch den Zusammentritt führender Zionisten Westösterreichs, Galiziens und der Bukowina das Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs zustandegekommen, das alsbald daran ging, sich der jüdischen Interessen nach allen Belangen kraftvoll anzunehmen. Die Schöpfung des Exekutivkomitees hat nun ein harmonisches Zusammenarbeiter?4 von Ost- und Westjuden in Wien und von Wien aus ermöglicht, und von der in früheren Zeiten so lähmenden, so schädigenden Befürchtung, als würden die Zionisten des Ostens durch eine Wiener Zentrale, in der nur Westler säßen, bevormundet, ist nichts mehr übrig geblieben. Diese segensreiche Wandlung, die Frucht einträchtigen Zusammenwirkens von Ost und West, hat sich der Vertrauensmännerversammlung, welche im Dezember vom Exekutivkomitee nach Wien einberufen und besonders von den Vertrauensmännern aus Galizien und der Bukowina stark beschickt war, so mächtig aufgedrängt, daß über Antrag aus der Mitte der Versammlung der einhellige Beschluß durchging, das Exekutivkomitee solle die restlose Wiedervereinigung der zionistischen Verbände Westösterreich, Galizien und Bukowina in die Wege leiten. Die Durchführung dieses Beschlusses ist freilich für das rege demokratische Gewissen zionistischer Führer nicht leicht. Denn zu einem solchen Zusammenschluß wären einzig die von ordnungsmäßig gewählten Delegierten beschickten Landesparteitage in Lemberg, Wien und Czernowitz berufen. Und das ist während des Krieges unmöglich. Nun liegt es nahe, wenigstens für die Kriegszeit den als zweckmäßig erkannten Zusammenschluß im Wege des Oktroys zu vollziehen. Dies darf jedoch erst dann geschehen, wenn die Führer die unbedingte Ueberzeugung haben, daß dieser Schritt der Erkenntnis und dem heißen Wunsche aller österreichischen Zionisten entspricht. Darum möge jeder an seinem Platze unermüdlich für die große Idee des Zusammenschlusses werben. Wenn Polen und Deutsche, wenn die anderen Völker dieses Reiches es verstanden haben, über alle Parteihindernisse hinweg sich zu imposanten politischen Gesamtvertretungen zusammenzuscharen, dürfen wir Zionisten, dürfen wir Juden nicht Zurückbleiben. Und so können wir es mit Zuversicht begrüßen, daß fortab „diezionistische Partei Österreichs“ einheitlich in die Erscheinung treten und ihr Programm tatkräftig vertreten wird. Unsere Richtlinien sind betreffs der Innerpolitik in jenem Krakauer Programm niedergelegt, das im Bekenntnis zum Völkerstaat Oesterreich besteht und zuletzt durch die Volksabgeordneten Stand und Dr. Straucher am Fuße des Radetzkydenkmals unter dem Jubel tausender Juden aus Ost und West flammenden Ausdruck gefunden hat, und anderseits niedergelegt in unserem altehrwürdigen Baseler Programm. Tue jeder Zionist seine Pflicht! Dr. Egon Zweig. Bunüsdian. Der „Judentag“ in Amerika. Den neuesten Berichten der amerikanisch-jüdischen Zeitungen entnehmen wir erfreuliche Einzelheiten über den am 27. Jänner offiziell proklamierten „Judentag“. Die Zahl der freiwilligen Mitarbeiter, die sich an der Sammeltätigkeit beteiligten, betrug in Newyork selbst über 50.C00. Genaue Daten über das Gesamtergebnis stehen noch aus. Nach einer approximativen Schätzung sollen sich die Einnahmen auf 3—4 Millionen Dollar belaufen, woran Newyork mit mehr als 1 Million Dollar partizipiert. Die Bedeutung dieses Judentages liegt aber nicht ausschließlich in den erwähnten Ziffern, die durch die nachträglichen Berichte noch vervollständigt werden dürften. Schon uer Umstand der offiziellen Proklamierung eines solchen Judentages durch den Präsidenten Wilson ist für uns von großer Tragweite. Diese bedeutet einerseits die amtliche Anerkennung für die jüdischen Bürger in Amerika, andererseits aber beweist die Erfüllung dieser jüdischen Forderung seitens des Präsidenten das hohe Maß von Wohlwollen und Großmut, das seinerseits dem jüdischen Volke entgegengebracht wird. Hoffentlich wire dieses Wohlwollen anhalten und auch in anderen Belangen zum Ausdruck kommen. * * » Der protestierende Kahal. Man kennt die Anekdote von dem jüdischen Schneidermeister einer galizischen Kleinstadt, der sich der Außenwelt sowie dem mit Zustimmung der ganzen Gemeinde neu angestellten Rabbiner bemerkbar machen wollte, indem er gegen die Wahl des Rabbiners protestierte. Die Rolle dieses kleinstädtischen protestierenden Schneiders versieht jetzt die Lemberger Kultusgemeinde, die gegen das dortige jüdische Rettungskomitee protestiert. Die Herren von der Kahalstube, die während der ganzen Kriegszeit nichts von sich hören ließen und jetzt noch zum großen Teile ihre Aemter per Distanz — vom Hotel Grand in Wien oder anderswoher—ausüben, scheinen es nichtübersHerz bringen zu können, daß das Rettungskomitee nicht bloß ihre Agenden besorgt, sondern auch die Wahrung der Interessen der gesamten jüdischen Bevölkerung Galiziens sich zur Aufgabe machte. Die ehemaligen Kahalgewaltigen sehen ihren Einfluß und ihre Macht bis zur völligen Bedeutungslosigkeit schwinden und wollen nun ihre Reputation wieder hersteilen, nicht etwa durch besondere Wirksamkeit im Interesse der Judenschaft, sondern dadurch, daß sie gegen die Aktion zugunsten der Ernennung von jüdischen Gemeinderäten beim Regierungskommissär Grabowski und in der polnischen Presse Protest einlegen. Sie ließen sich auch beim Minister des Innern, während seiner Anwesenheit in Lemberg, durch eine besondere Abordnung vertreten.