Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 ODISCHE ZEITUNO Seite 3 ohne Rücksicht auf Todesgefahr, voll und ganz erfüllt und zum Schutze der gesamten BevöU kerung ausgeharrt hat. Daß er, als Jude, darauf bedacht war, diese Pflicht allen Nationen der Stadt gegenüber in so aufopferungsvoller Weise zu erfüllen, sei ihm besonders hoch angerechnet. Dr. S. Kassner. PaläslinasHadiriiliten. Die ökonomische Lage in Palästina gestaltet sich immer trostloser. Die Lebensmittel - preise steigen tagtäglich. Schwarzbrot wird für einen Bischlik und ein Viertel Oke (ca. 80 Centimes per kg.) verkauft. Die wichtigsten Esswaren sind gänzlich ausverkauft. Die Besitzer der Orange rien haben mit dem Darlehen von bloß 200.000 Frcs. (ursprünglich sollten es bekanntlich 600.000 Frcs. sein), nicht viel ausrichten können. Davon sollen ungefähr 60.000 Francs dazu verwendet worden sein, jüdische Arbeiter zu bezahlen. Der Rest dürfte für den Ankauf von Brennmaterial, für Instandsetzung der Motore etc. ausgegeben worden sein. Die Gärten sind unter den größten Schwierigkeiten bis Ende September bewässert worden. Im Oktober, dem1 Monat, wo gewöhnlich die Regenfälle beginnnen, war gar kein Wasser gefallen; den ganzen Monat November über hat der Regen gleichfalls gemangelt, und erst am 29. November hat in diesem Jahre der Regen begonnen. Die Pflanzungen haben, so scheint es, von der verlängerten Trockenheit gelitten. Die Ernte der Gärten Jaffas wird in diesem Jahre nur 200.000 Kisten gegenüber zwei Millionen Kisten in den früheren Jahren betragen. Von der kleinen Ernte, die man erwartet, werden 30.000 in Petach Tikwah geerntet werden. Man hofft, daß die meisten Orangen im Lande selbst und vielleicht zu passablen Preisen verkauft werden. Einige jüdische Besitzer, deren Bäume von den Heuschrecken verschont worden sind, werden wahrscheinlich ein Brutto-Einkommen von 60.000 bis 70.000 Francs erzielen. Was die Lage der Arbeiter betrifft, so verschlimmert sie sich naturgemäß mit jedem! Tage. Eine große Anzahl Arbeiter in Judäa ist arbeitslos infolge Mangels an Mitteln, die Pflanzungen zu unterhalten. Man begreift nicht, wie die Arbeiter nicht buchstäblich vor Hunger sterben. Sie können sich weder in den Gärten der Kolonisten, noch selbst in jenen der Administration der J. C. A. Arbeit veerschaffen. Alle Arbeiter, die während dieser Monate gewöhnlich mit der Sortierung und der Verpackung beschäftigt waren, sind in diesem Jahre unbeschäftigt, da es fast keine Orangen gibt. Die wenigen Früchte, die es bei den Kolonisten gibt, werden von ihnen selbst und den Mitgliedern ihrer Familien besorgt. Verpackungsarbeit wird es nicht geben, da die Früchte im Lande verkauft werden. Die Arbeiter erhalten auch keinerlei Unterstützung von Seiten der öffentlichen Organisationen mehr, die zu Beginn des Krieges sich damit befaßten, ihnen Arbeit zu verschaffen. Die unbedeutenden Summen, welche für diesen Zweck bestimmt waren, sind erschöpft. Notstandsarbeiten in den Ko'onie->, in denen sich die Arbeiter befinden und der JNF keinen Boden besitzt, sind in Judäa nicht zu empfehlen. Der Bau von Arbeiterhäusern ist zum größten Teile deshalb unmöglich, weil zahlreiche Baumaterialien wie besonders Cement, hydraulischer Kalk und dgl. im Lande nicht vorhanden sind. Andere Materialien sind aber im Preise ungeheuer gestiegen. Hier kann man den Arbeitern nur durch Verschaffung von Arbeit aut Grund von Darlehen an die Arbeitgeber für die sie pünktlich bezahlt werden, zu Hilfe kommen. Die Lage der palästinensischen Farmen ist gleicherweise sehr kritisch. Aus einem Spezialbericht über die Farm „Migdal“ kann man auch auf die schwierige Lage der anderen Farmen im Lande schließen: Im Jahre 1914 hatte Migdal eine reiche Ernte an Weizen, Hafer und Gerste. Ein Teil des Weizens wurde zur Zahlung der Löhne an die Arbeiter (in natura) verwendet. Ein bedeutend größerer Teil wurde verkauft, und dank den günstigen Marktpreisen war es möglich, die notwendigsten Ausgaben der Farm, — mit großer Mühe natürlich — zu bestreiten. Die Molkerei und der Gemüsegarten, die Milch und Gemüse in hinreichender Menge lieferten, erleichterten bedeutend die Lohnzahlungen an die Arbeiter, indem sie die nötigsten Lebensmittel (Weizen, Gemüse, Milch) in natura bekamen, und man mit verhältnismäßig wenig barem Gelde auskommen konnte. Futter für die Arbeitstiere hatte man genügend für das ganze Jahr. Im Jahre 1915 war die Ernte mißlungen. Die Wanderheuschrecken, die in ganz Palästina ungeheuer große Schäden anrichteten, haben auch Migdal nicht verschont, und ein bedeutender Teil ,des Weizens, die Hälfte der Gerste und der ganze Gemüsegarten wurden aufgefressen. Die Ergebnisse der Ernte waren so, daß schon jetzt — im Dezember — sämtliche Vorräte der Farm an der Neige sind. Es ist auch in Erwägung zu ziehen, dab unsere Pflanzungen (Oliven-, Mandel- und Apfelsinenbäume) und der Weingarten große Ausgaben erfordern, ohne zur Zeit irgend welchen Ertrag zu geben. Außerdem bestehen noch ganz bedeutende Spezial-Ausgaben. Die Lage von Migdal ist zur Zeit so: Es sind fast gar keine Vorräte mehr vorhanden, die Kasse ist leer, und es besteht keine Möglichkeit, irgendwo leihweise Geld zu bekommen. Es' ist unbedingt notwendig, daß Migdal 2000 Francs (zweitausend Franken) pro Monat bekommt, sonst wird die Farm1 allmählich ruiniert. Oie RorresponOenz ln heträisdien Sdiritlzeiiiien. Bekanntlich ist der Gebrauch der hebräischen Schrift im brieflichen Verkehre für alle Gebiete der Monarchie, in welchen Briefzensur stattfindet, unzulässig. Das „Komitee zur Aufklärung über ost jüdische Frage n“, — dem sich der Jüdische Nationalverein in Oesterreich, das Zionistische Zentralkomitee für Westösterreich, das Zentralkomitee der Zionisten Galiziens, das Bukowinaer Zionistische Landeskomitee, die Executive der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei „Poale Zion“ Oesterreichs, „Agudas Jisroel“, Landesorganisation für Galizien und Bukowina und der Verband der galizischen humanitären Vereine in Wien anschlossen — hat nun an das Armee-Oberkommando, das Kriegsüberwachungsamt und das Handelsministerium' Eingaben gerichtet, in denen um „Aufhebung des die jüdische Bevölkerung in so hohem Maße schädigenden Verbotes der Korrespondenz in hebräischen Schriftzeichen“ angesucht wird. Die Gesuchsteller machen darauf aufmerksam; daß das Armee-Oberkommando selbst zu Beginn des Krieges in den in Betracht kommenden Gebieten einen Aufruf in jidischer Sprache und in hebräischer Schrift verbreiten ließ und heben die Tatsachen hervor, daß sich der größte Teil der östlichen Judenheit im Umgänge, zur Korrespondenz und im Lesen der jidischen, ein Teil zur Korrespondenz und Lektüre auch der hebräischen Sprache, jedenfalls aber der hebräischen Schriftzeichen bediene. Daher bedeute das Verbot der Korrespondenz in hebräischer Schrift eine Behinderung des privaten, hauptsächlich den Bedürfnissen des Familienlebens entsprechenden Briefwechsels — eine Behinderung, die doppelt schmerzlich von den jüdischen Soldaten im Felde empfunden wird, — eine „Behinderung des brieflichen Geschäftsverkehres“ und „eine Unterbindung der geschäftlichen und redaktionellen Tätigkeit von Zeitungen und Verlegern“. — Es wäre zu wünschen, daß diese Eingaben Erfolg haben. Eine arabisfcjüöisiiie Säule. Brief aus Kairo. Die arabisch-jüdische Gemeinde unterhält im arabischen Judenviertel eine Knaben- und eine Mädchenschule, deren jede 200 bis 250 Kinder zählt. Die Schule wird nur von den Kindern der im Ghettoviertel wohnenden Juden besucht. Es sind zumeist arme, sehr arme Leute. Die reicheren arabischen Juden, welche nach Erlangung eines gewissen Wohlstandes ihr altes Judenquartier verlassen und gegen ein elegantes Villenviertel eintauschen, schicken ihre Kinder in die europäisch eingerichteten Regierungsschu- Ien oder aber, einer Mode folgend, in die verschiedenen „Freres“ -Schulen, in denen ihnen Jesuitenerziehung zuteil wird. Sie erscheint auch europäischen Juden hier als Modeideal. Eine Schulpflicht besteht an den Gemeindeschulen ebensowenig wie eine nach oben oder unten fixierte Altersgrenze. Die Kinder kommen in die Schule und bleiben fort, wenn es ihnen oder ihren Eltern beliebt. Mit fünf und auch schon mit vier Jahren beginnen sie den sogenannten Schulbesuch. Sobald sie sich reif fühlen für den Beruf ihres Vaters und ihrer älteren Brüder, bleiben sie aus. Fürwahr, ein bescheidener Beruf, ein recht niedriges Lebensziel! Jene sind zumeist Verkäufer von Lotteriezetteln, die sie in den Straßen und öffentlichen Lokalen der Stadt feilbieten, Tag und Nacht hausierend, unermüdlich schreiend, sich mit kargem Verdienste begnügend. Das ist das erste Berufsideal der Schulkinder; ein Beruf, für den sie weder Betriebskapital noch Schulbildung, noch Befähigungsnachweis irgend welcher Art benötigen. Das Schülermaterial ist elend, wie es die kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen diese Schüler wurzeln, bedingen. Aber es findet seine ebenbürtige Ergänzung im Lehrkörper, in der Schul-und Gemeindeverwaltung, in der Schulorganisation, kurz in allem, was mit R. Göuit Verlag, Hien I. Rotenturmstraße 22 Neues zur Ostjudenfrage: Jüdisches Archiv. Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Kriegsarchiv“. Lieferung 4/5. Mit 2 Kunstbeilagen, K 1.—. Mit Frankozusendung K 1.20 Matthias Mieses, Die Entstehungsursache der jüdischen Dialekte. Im Preise ermäßigt auf K 4.— Segel Benj. Die polnische Judenfrage K 2.25 Süddeutsche Monatshefte. Februar 1916. Spezialheft „Die Ostjuden“ K 2.25 Höchst beachtenswerte und interessante Aufsätze von Dr. A. Friedemann, Ephr. Frisch, Kaplun-Kogan, Dr. H. Loewe, Nachum Goldmann usw. Soeben ist erschienen: Goldmann Nachum. Von der weltkulturellen Bedeutung u. Aufgabe des Judentums K 1.13 Nowak Karl Fr. Hötzendorfs Lager. Brosch. K 3.75. Geb. K 5.25 Der österreichische Feldzug in Polen und Galizien. Besonders wichtig ist die authentische Darstellung der ersten Lemberger Schlacht. Sven Hedin. Nach Osten 1 K 1.50 Aus dem Inhalt: Czernowitz. — Nach dem Durchbruch in Westgalizien. — Der Fall von Jaroslau. — Die Belagerungen von Przemysl. — Der Einzug in Lemberg usw. dieser Organisation zusammenhängt. Man vergesse nicht, es handelt sich um eine jüdische Schule, die aus jüdischen Geldern von einer jüdischen Gemeinde für ausschließlich jüdische Kinder erhalten wird! Und an dieser Schule sitzen im Lehrkörper: Ein französischer Katholik, ein ägyptischer Kopte, ein arabischer Mohammedaner, ein syrischer Protestant neben einem palästinensischen Juden und zwei Religionslehrern. An den Mädchenschulen sind die Lehrkräfte mit einer einzigen Ausnahme nichtjüdisch. Berufslehrer mit halbwegs pädagogischer Vorbildung ist bloß der Direktor, der französische Katholik, der früher an einer Jesuitenschule wirkte. Der Vizedirektor, ein Kopte, war früher an einer ägyptischen Dorfschule tätig. Alle übrigen „Jugendbildner“ hat Zufall oder Protektion dem Lehrberufe zugeführt. Da ist der palästinische Jude, 22 Jahre alt, ein ausgelemter Gärtner, der französisch und hebräisch' unterrichtet. Die unsinnige Politik der Alliance hat ihn, den Absolventen einer Ackerbauschule in Mikweh - Jsrael, von der heimatlichen Scholle verjagt und nach Kairo als Lehrer verschlagen. Da ist ferner ein Mohamedaner, welcher früher — das ist kein Witz! — Aufseher in einer ägyptischen Zuckerfabrik war ,und in diesem Wirkungskreise die Befähigung zur Erziehung jüdischer Kinder erlangt haben will. Ein echt arabisches Protektionskind! Als Nebenlehrer für englische Sprache ziert den Lehrkörper ein Protestant aus Syrien, gewesener Subaltembeamte in Diensten der ägyptischen Regierung. Kurz und gut, ein idealer Lehrkörper! Solchen Lehrern wird bei arabischen Juden ganz skruppellos die Erziehung und Ausbildung einiger Hundert Kinder anvertraut. Die Herren der arabischen Gemeinde haben irgendwo gelesen oder gehört, daß man über eine Schule einen Inspektor zu setzen pflegt. Auch die Neuerung haben sie sich geleistet und sich im Direktor der hiesigen Alliance - Schulen kostenlos, was die Hauptsache ist, einen Inspektor angeschafft. Der Paradeinspektor, der übrigens ein ausgezeichneter Pädagoge und durchaus moderner Mann sein soll, kommt jeden zweiten Monat und „inspiziert“. Es ist ganz ausgeschlossen, daß er die absolute Unmöglichkeit auch bescheidener Unterrichtserfolge nicht erkennt und die Zustände nicht gebührend würdigt Uebrigens läßt sich auch der Herr von Cattani, der Gemeindeoberste, von Zeit zu Zeit herab, eine Probeprüfung zu arrangieren. Er verlangt nicht viel und ist bald zufriedengestellt. Die Gemeinde selbst macht mit ihrer einzigartigen Schule gleichfalls ein glänzendes Geschäft. Und das geschiet in Kairo so: Die Leichenzüge arabischer Juden begleitet ein Chor armer jüdischer Kinder, deren Zahl je nach der Wohlhabenheit des Verstorbenen bis 16 steigt. Mitten im Schulunterrichte erscheint im Schulzimmer ein Diener des Schulkassaverwalterr., wählt die Kinder aus und nimmt sie zum Leich-, nbegängnisse mit. Der Lehrer hat da nichts dreinzureden. Für den Chor erhält die Gemeinde sehr gute Bezahlung und die sogearteten Eingänge machen den Hauptteil des Einkommens der Gemeinde aus, eine stattliche Summe im Monat. Der Schulfonds wird außerdem durch sehr häufige und oft recht a'nsehntiche Legate reicher arabischer Juden bereichert. Man erzählt auch, daß Protektionskinder, Freunde und Verwandte der Gemeindegewaltigen in dem Fonds eine billige - Darlehensquelle besitzen.