Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 •JÜDISCHE ZEITUNG Nr 8 Das „Jüdische Seftongshomitee“ beim Prinzen Hohenlohe. Gelegentlich seiner Anwesenheit in Lemberg empfing der Minister des Innern Prinz Hohenlohe am 15. d. M. unter anderen auch zwei, jüdische Deputationen, und zwar eine Abordnung der Lemberger isr. Kultusgemeinde und eine des „Jüdischen Rettungskomitees“. Die Vertreter des Rettungskomitees, dieGg. Prof. Brombe rg, Dr. Ringel, D. Rübenzalil und Herr Oberlandesgerichtsrat Dresdner, überreichten dem Prinzen Hohenlohe eine ausführliche Denkschrift, wobei Professor Bromberg eine längere Ansprache hielt. < Der Redner schilderte die gegenwärtige trostlose Lage besonders der jüdischen Bevölkerung Ost- sowie Mittelgaliziens und betonte die unbedingte Notwendigkeit einer guten Beziehung seitens der Regierung zur jüdischen Bevölkerung dieses Landes. Der Geist dieser guten Beziehung seitens der Regierung, von dessen Vorhandensein die Juden übrigens überzeugt sind, zumal sie eine solche durch ihre unerschütterliche Treue zu Kaiser und Reich in den schwersten Stunden der Invasionszeit vollauf verdienen, möge auch die Vollzugsorgane bis zu den letzten Instanzen beherrschen. Möge sich überall die Ueberzeugung durchsetzen, daß dieses gute Verhältnis ein Gebot der Staatsnotwendigkeit ist. Der Sprecher fordert Rücksicht und Entgegenkommen für den Teil der Bevölkerung, der jetzt um seine Existenz ringt. Besonders wies er auf die unumgängliche Notwendigkeit hin, die unglücklichen Kriegswaisen, deren Zahl stets zunimmt, vor Elend und Verderben zu bewahren. Max Mau über Oie jüöisdie Legion uni iie Eorierung einer Roalifionsleitung. Herr W. Zabotinski und sein geringer Anhang, die den gegenwärtigen {Moment für passend halten, der Zionistischen Zentralleitung Opposition zu machen und unerfüllbare Forderungen an sie zu stellen, darunter die Forderung einer Koalitionsleitung, nennen oft den Namen unseres Altmeisters Max N o r d a u. Umsomehr wird es die zionistische Oeffentlichkeit interessieren, zu erfahren, wie Nordau über diese Opposition und ihre Forderungen denkt. In einem Briefe des Dr. Nordau an das E. A. C.-Mitglied Nachum S o k o 1 o w, der in Nr. 40 der Kopenhagener „Jüdischen Volksstimme“ veröffentlicht ist, äußert sich der Briefschreiber zunächst über den Zabotinski’schen Legionsplan den er „durchaus mißbilligt“, und als „sowohl chimärisch wie auch inopportun“ bezeichnet, da er „unserer Sache keinesfalls nützen, sie aber schwer schädigen kann“. Er spricht dann über die Forderung einer Koalitionsleitung und bemerkt wörtlich: Das A. C. selbst hat gar kein Recht zu kooptieren, und die kooptierte Person, wenn sie sich sogar schon zur Annahme dieses Amtes bereit erklären sollte, würde in der Koalition nur sich selbst vertreten. Sie hätte kein Mandat und kein gesetzmäßiges Recht. Wenn Zabotinski die verbündeten Staaten unbedingt als Vergleich heranziehen will, so möge er ihnen hinsichtlich der „heiligen Einigkeit“ nachahmen. Nicht jetzt ist der Augenblick, den alten Streit, an den gegenwärtig glücklicherweise kein Mensch denkt, zu erneuern. Wir haben besseres zu tun, als die alten Streitigkeiten wieder vom Anfang zu beginnen. Ich habe darüber schon Herrn Prof. Warburg, H. J. Fischer, unseren amerikanischen Freunden und anderen geschrieben: Im jetzigen Augenblick obliegen dem A. C. zwei große Aufgaben: Unsere Organisation durch die Stürme und brausenden Wellen zu führen und zu erhalten und mindestens unsere Kolonien und unseren Jischub in Palästina zu beschützen. Gelingt es dem A. C., diese doppelte, leider sehr schwere Aufgabe Zu erfüllen, dann hat es für seinen eigenen Ruhm genug getan und dem jüdischen Volke einen großen Dienst erwiesen. Wir wollen von dem A. C. nichts anderes verlangen, vor allem jedoch verlangen wir nicht von demselben das Treiben einer Abenteurer-Politi k.“ Angriffen auf die Volkspartei verfolgt hat, war, die Aufmerksamkeit von anderen Fragen abzulenken. Er iberief sich aut die Macht des jüdischen Kapitals. Die Volkspartei wird, wenn die Zeit dafür gekommen sein wird, die Bevölkerung darüber aufklären, wem sie ihr Elend und Leiden zu verdanken hat. Wir werden jene Hunderttausende Familien darüber aufklären, Wem sie ihr Darben und Hungern zu verdanken hat zu einer Zeit, wo das Familien-Obefhaupt am! Schlachtfelde sein Blut für König und Vaterland vergießt. Wir werden das Land aufklären, wer die gewissenlosen Schacherer sind, die auch aus den durch das Elend ausgepreßten Tränen für sich Kapital zu schlagen wußten. Ministerpräsident Graf Tisza, der nach ihm das Wort ergriff, hat auf diesen Teil der Rede Szmrecsänyis nicht reflektiert, wohl aber hat in der folgenden Sitzung Paul S ä n d o r eine lange Rede gehalten, in welcher er „natürlich“ nicht vom jüdischen Standpunkt gesprochen, sondern alles auf das persönliche Gebiet geschleift hat, indem er dem und jenem Antisemiten oder Klerikalen dieses und jenes Vergehen nachweisen wollte. Derlei Politiker können noch immer aus dem Wahn nicht heraus, den Antisemitismus zu zerschmettern, wenn sie den einen oder anderen Antisemiten als nicht tadellos hinstellen. Die Verstellung ging da so weit, daß der Abgeordnete J u r i g a sich veranlaßt gesehen hat, zu sagen, man solle doch den Mut der Ueberzeugung haben und aufrichtig sagen, daß sich die Debatte um die Juden drehe. Aber Abgeordneter Desider Abraham hob hervor, daß durch die „Rezeption die Judenfrage aus dem öffentlichen Leben ausgeschieden wurde“.(!) Dieses Ausgeschiedensein wurde durch die folgende Rede R a - kovszkys schön illustriert, in welcher er erzählte, daß die ungarische Regierung Bedenken getragen habe, einen Advokaten zum Notar zu ernennen, weil dies unter der betreffenden katholischen Bevölkerung Erregung hervorrufen könnte. Aber dieser Jude wurde doch ernannt, — weil er der Advokat 'der Familie Rakovszky war, wie Abgeordneter Sändor festgestellt hat. Rakovszky fragte,- warum Sändor diesen Advokaten in die Debatte hereingezogen habe — „vielleicht weil er Schlesinger heißt?“ Da lachte das ganze Haus; Sändor hat nämlich vor seiner Magyarisierung auch Schlesinger geheißen. Der durch die unerhörte Teuerung hervorgerufene Kampf zwischen den Agrariern und Merkantilisten wird auf dem Rücken der Juden ausgetragen. — Bürgermeister Weisseiberger - geadelt. Der ehemalige Bürgermeister von Czernowitz, Dr. Salo Weisseiberger, ist vom Kaiser in den Adelsstand erhoben worden. Diese Allerhöchste Auszeichnung wurde Dr. Weisseiberger zuteil, weil er während der Russeninvasion auf seinem schwierigen Posten ausgeharrt und als Geisel verschleppt, in Sibirien ein wahres Martyrium erduldet hat. Dr. Weisseiberger ist Jude und nur durch Eintritt in die jüdische Politik der Bukowina kam er auf den Bürgermeisterstuhl der Landeshauptstadt. Er entstammt einer gutjüdischen Grundbesitzer-Familie des Ostens und wandte sich nach Absolvierung der Rechtsstudien dem Justizdienste zu. Als Ratsekretär wurde er von der Jüdischen Nationalpartei der Bukowina in den Gemeinderat gewählt, wobei er von vornherein für die Stelle des ersten Vizebürgermeisters, der nach dem nationalen Schlüssel den Juden reserviert war, in Betracht kam. Als Landesgerichtsrat wurde er pensioniert und widmete sich ganz der Kommunalpolitik. Nachdem' Bürgermeister Felix Freiherr von Fürth sein Amt zurücklegte, wurde Dr. Weisseiberger zum ersten Bürgermeister der Landeshauptstadt Czernowitz gewählt. Dr. Weisselberger ist der zweite jüdische Bürgermeister von Czernowitz. Zum erstenmale wurde der Amtsvorgänger des Barons Fürth, Regierungsrat Dr. R e i s s, Advokat in Czernowitz, gleichfalls als Jude, zum Bürgermeister gewählt. Während Dr. Reiss sich ausschließlich der Kommunalpolitik gewidmet hat, ist Dr. Weisselberger Landespolitiker. Bei den letzten Landtagswahlen war für ihn im jüdischen Großgrundbesitz, welcher zwei Mandate innehat, ein Abgeordnetensitz reserviert. Die jüdische Nationalpartei kandidierte jedoch Dr. Weisselberger für ein jüdisches Volks mandat, das er erlangte und ist er Mitglied des Bukowinaer jüdischen Landtagsklubs. Die Verleihung des Adelsstandes an Dr. Weisselberger ist vom jüdischen Standpunkte mit besonderer Befriedigung zu begrüßen, weil Dr. Weisselberger durch persönliche Leistungen und durch patriotische Pflichterfüllung unter sclnvie.- rigsten Verhältnissen sich die hohe Auszeichnung, verdient hat. Nicht eine Millionenstiftung zu wohltätigen Zwecken hat ihm den Adelsstand gebracht... Vielmehr der Umstand, daß er als Zivilperson die schwere Pflicht als Oberhaupt einer Landeshauptstadt dem Feinde gegenüber, In der Denkschrift formulierte das „Jüdische Rettungskomitee“ auf Grund des angeführten reichhaltigen Tatsachenmaterials eine Reihe von Forderungen, von denen wir die nachstehenden hervorheben: 1) Die Schaffung einer Zentralfürsorgestelle in Lemberg für die dort befindlichen jüdischen .Flüchtlinge der Provinzstädte nach dem Muster der Zentralstelle in Wien. 2) Die Gewährung der staatlichen Unterstützung auch für diese Flüchtlinge, gleich jenen in den westösterreichischen Provinzen. 3) Die Verschiebung des Rückkehrtermines mindestens bis Ende April d. J. für die Flüchtlinge jener ostgalizischen Orte, die teils verbrannt, teils zerstört sind. 4) Die Errichtung von Waisenheimen für mindestens 10.000 Kriegswaisen — deren Gesamtzahl übersteigt 20.000 — und zwar in Zusammenarbeit mit dem Rettungskomitee. 5) Die Errichtung von Aufsichtshorten für die Kinder der Soldaten und der nach Rußland WeggesChleppten, deren Mütter tagsüber beschäftigt sind. 6) Die Erhaltung und Unterstützung einer größeren Zahl jüdischer Volksküchen für die Kriegsdauer. 7) Die Erweiterung des Gesetzes betreffs der Unterhaltsbeiträge und die Ausdehnung desselben auch auf die rituellen Ehen. 8) Die Berücksichtigung der jüdischen Kaufleute und Handwerker beim Wiederaufbau des Landes. Als Beilage wurde der Denkschrift ein Verzeichnis beigefügt, das genaue Daten über die verbrannten, demolierten und ausgeraubten jüdischen Häuser in 70 galizischen Städten, sowie die Zahl der ermordeten, weggeschleppten und an epidemischen Krankheiten ausgestorbenen Ju- . den enthielt. Ebenso genaue Daten über die Heimatlosen und über die liinterbliebenen Kriegswaisen in 'den verschiedenen Städten. Die „Jüdische Zeitung“ ist Im Einzelverschleiß in der Buchhandlung R. Löwit, I. Rotenturmstraße 22 und in dem Zeitungsbüro , G o 1 d -; ^sciimiedt, I. Wollzeile .11 jprhaltlich. Bus Ungarn. Im ungarischen Parlament hat das Mitglied der Unabhängigkeitspartei Julius S ä g h y, der gewesene Rektor der Budapester Universität, an den Minister des Innern die Anfrage gerichtet, warum er es dulde, daß noch immer „so viele Galizianer in Budapest herumlaufen. Diese Flüchtlinge seien der Krebsschaden an unserem Lebensmittelmarkte und man muß Sie alle nach Hause schicken; je früher desto besser.“ Ein Budapester jüdisches Blatt bemerkt hiezu, daß alle Flüchtlinge, deren Heimat von den Russen frei ist, ohnehin von Budapest fortgejagt worden sind. Es sind nur 6000 geblieben, deren Heimatsorte entweder noch besetzt oder zerstört sind. Von diesen arbeiten sehr viele in Fabriken und in anderen Betrieben. Wenn es unter ihnen auch Preistreiber gibt — es gibt auch außer ihnen solche — so mögen sie bestraft, aber nicht „die Flüchtlinge“ beschuldigt werden. Aber ununter den zwei Dutzend jüdischer Abgeordneter fand sich kein einziger, der sich bei dieser Gelegenheit zu Worte gemeldet hätte. Dagegen war der Abgeordnete, der bald darauf die Wiedereinführung der Sonntagsruhe in derselben Strenge gefordert, wie sie vor dem Kriege bestanden hat, „natürlich“ Jude. Nämlich der aus der früheren Flüchtlingsdebatte, bekannte Dr. Wilhelm Väzsonyi. In seinem Budapester Wahlbezirke gibt es viele Orthodoxe, denen der Zwang in dieser schweren Zeit, zwei Tage in der Woche zu feiern, eine ungerecht große Last bedeutet Dem Drängen dieses Juden haben die Andersgläubigen nachgegeben und die strenge Sonntagsruhe ist wieder eingeführt worden. Auch eine allgemeine Judendebatte gab es im ungarischen Parlamente. GeoTg Szmrecsan y i richtete heftige Angriffe gegen die Regierung, weil sie für Schweinefett und Speck die Preise zu spät festgesetzt habe, nachdem die Kreditbank bereits alles zusammengekauft hatte. Geza Polonyi: Rothschilds Geld! Jüdisches Geld für den Handel mit Schweinen! Aurel Förster: Halten darf man sie ja, nur essen nicht. Szmrecsänyi: Ich bitte diese Frage viel ernster zu behandeln. Der Zweck, dender Abgeordnete Paul Sändor (Jude) mit seinen