Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 7 liiAicihfie Dnihill Mitteilungen des „Jüdischen Kriegsarchivs“. Bisher erschienen: Heft 1 und Doppelheft 2—3. vllUlwUl»* KirUlly. Soeben erschienen: Doppelh ft 4—5. Illustriert (Original-Aufnahmen aus Russisch-Polen.) Aus dem Inhalte: Galizische Juden als Befreier österr.-ungarischer und deutscher Gefangener. — Die Ausrottung der Judenschaft Rußlands. — Zur Tragödie der russischen Juden in Frankreich. Auszeichungen österreichisch-ungarischer jüdischer Offiziere und Soldaten. Preis des einfachen Heftes 60 Heller (50 Pfennig), mit Porto 80 Heller (60 Pfennig). Preis des Doppelheftes Kl.— (80 Pfennig), mit Porto K 1.20 (M 1.—). Die Ukrainer Uber die Nationalitätenfrage. Die „Ukrainischen Nachrichten“ vom 5. d. M. bringen -unter dem Titel: „Die Juden im- Osten und die Nationalitätenfrage“ einen von K. M. gezeichneten, sehr bemerkenswerten Artikel, den wir auszugsweise nachstehend wiedergeben. Die Juden osteuropäischer Länder bilden überall besondere, sehr scharf abgegrenzte Gruppen, und ist deren Assimilierung mit anderen nichtjüdischen Elementen trotz jahrhundertelangen Zusammenlebens nirgends eingetreten. Der Jude läßt sich nach den bisherigen Beobachtungen nirgends, ganz vereinzelte Fille ausgenommen, assimilieren, und dies ist im europäischen Osten um so imehr der Fall als die osteuropäischen Juden einen besonderen, deutsch-jüdischen Dialekt sprechen. . . . Sehr wichtig für die richtige Auffassung der osteuropäischen Judenfrage und deren Lösung ist ferner die räumliche Siedelung- und Verteilung des jüdischen Elements. Hier möchten wir vor allem auf das ukrainische Territorium insbesondere eingehen und einige interessante statistische Daten anführen. Im großen und ganzen wohnen im ukrainischen Gebiete ungefähr drei Millionen Juden, aber besonders fällt die große Zahl der Juden in Galizien, Bukowina und den Gouvernements der rechtsseitigen Ukraina in die Wagschale. Auf diesem gewaltigen Gebiete, vom Sanflusse angefangen bis zum Dniprostrome, macht die jüdische Minderheit etwas über 12 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, ein Prozentsatz, der um so wichtiger ist, als die Verteilung des jüdischen Elements auf dem ganzen, hier in Betracht kommenden Gebiete überall gleichmäßig ist . . . Den richtigen Maß stab für die Beurteilung der Wichtigkeit des jüdischen Elements in der Gestaltung der national-politischen Verhältnisse der Ostländer werden wir erst dann gewinnen, wenn wir die Zusammenkuppelung der Judenschaft in den Städten und Städtchen dieser Länder in Augenschein nehmen. Diesbezüglich schwingen sich die Juden zu der Bedeutung eines in nationaler Hinsicht ausschlaggebenden Faktors auf, da es auf dem in Rede stehenden Gebiete auch ganz ansehnliche Städte gibt, wo die Juden eine absolute, manchmal sogar ganz enorme Majorität darstellen. Der letztere Umstand nun ist für die Beurteilung der Nationalitätenfrage im Osten und im ethnographisch ukrainischen Gebiete insbesondere von geradezu entscheidender Wichtigkeit. Auf dem Lande wohnen im ukrainisemitischen Sprachstamm', ist mit Hebräisch und Chaldäisch sehr nahe verwandt und für die vergleichende Erforschung der semitischen Sprachen von großer Bedeutung. Die Religion der Falachäs' ist ein etwas modifizierter Mosaismus. Soziale Unterschiede gibt es nichL Die „Kahen“ und „Debtera“ (Priester und Lehrer} beschäftigen sich: ebenso mit der Landwirtschaft wie die Laien, ln ihren Traditionen finden sich vielfach zionistische Anklänge. Der Sabbath wird streng gefeiert, Speiseverbote an gewissen Tagen eingehalten, ebenso das Schächten gewisser Tiere. In der Kleidung gleichen sie den Abessiniern, tragenkeine Kopfbedeckung, selbst nicht in den Synagogen, wo nur die Priester den Kopf mit einem Turban bedeckt haben. Neben der Landwirtschaft treiben die Falachas alle Arten von Handwerk und Handel, doch führen sie ein recht bedauenSwertes Dasein: Sie dürfen keinen Grundbesitz erwerben, keine Staatsämter bekleiden, wurden wegen ihres Glaubens vielfach angefeindet und verfolgt und mußten grausame Bedrückungen erdulden. Der im Jahre 1913 verstorbene zivilisationsfreundliche Kaiser Menilek II., welcher sich stolz „Negus Negest“ (König der Könige) und der „Siegreiche Löwe vom Stamme Juda“ nannte und seinen Stammbaum Von Menilek, dem Sohne des Königs Salomon und der Königin von Saba ableitete, zeigte sich zwar geneigt, die Stellung der Juden in seinem großen Reiche einigermaßen erträglich zu gestalten, fand aber großen Widerstand an seiner Gemahlin Taitu, die einen, großen Einfluß auf ihn ausübte und es blieb bald Alles beim Alten. sehen Gebiete fast ausschließlich' Ukrainer; nationalfremde Minoritäten, die sich auf einzelne Kolonistenfamilien reduzieren, kommen hier gar nicht in Betracht — dagegen sind die Städte in der Ukraina zwar national gemischt, aber eben die Zusammenkuppelung des jüdischen Elements in denselben bringt es mpt sich, daß wir in der Ukraina bloß zwei Kategorien von Städten und Städtchen haben — die mit (rein) ukrainischer absoluter Majorität und die Ortschaften, wo die Ukrainer als einheimische Bevölkerung z u s a m - men mit den Juden eine erdrückende Majorität ausmachen. Andere Städte auf dem ukrainischen Gebiete gibt es überhaupt nicht. Und diese Feststellung bezieht sich' nicht nur auf das Gebiet der russischen Ukraina, sondern auch auf das gesamte Gebiet der ethnographischen Ukraina rechts vom Dniprostrome. In den Gouvernements Cholm und Wolhynien zum Beispiel sind alle Städte und Städtchen entweder ukrainisch (das ist mit der absoluten Majorität der bodenständigen ukrainischen Bevölkerung) oder jüdisch-ukrainisch. In Bezug auf die Gesämtbevölkerung des genannten Gouvernements bilden die Ukrainer im Gouvernement Cholm zusammen mit den Juden eine Majorität von über zwei Dritteln und im Gouvernement Wolhynien sogar eine Majorität von über vier Fünfteln der Gesamtbevölkerung (71 Proz. Ukreiner und 13 Prozent Juden). Und im benachbarten österreichischen Galizien und der Bukowina haben Wir annähernd dieselben Verhältnisse. Ziehen wir die obigen unleugbaren Tatsachen in Betracht,!so fallen alle mit dem eben dargestellten Sachverhalt jm Widerspruche stehenden nationalpolitischen Kalkulationen, wie sie gar zu oft von verschiedenen Seiten lanciert wurden, von selbst zusammen. Die Juden sind nämlich im europäischen Osten nichts an deres als — Juden und müssen auch als selche betrachtet werden. Das, was sich in der Ukraina über die jüdisch-ukrainische Masse erhebt, ist nur eine ganz verschwindende Minorität; das Fremdartige, welches’ momentan dorthin (hauptsächlich von1 der Beamtenschaft) hineingetragen wird, ist auch nichts mehr als ein Firnis, der für die Fest-, Stellung und Beurteilung der Sachlage in nationaler Hinsicht belanglos ist. Was Soll nun aus den osteuropäischen Juden werden, sobald die Zeit für die endgültige Lösung des Problems kommt? Auf diese Frage möchten wir vorläufig nicht antworten, da sich dieselbe ohnehin erst im vorbereitenden Stadium einer öffentlichen Erörterung befindet. Allein so viel können wir schon jetzt konstatieren, dass sich die Ukrainer Stets für die kulturell-nationale Autonomie der Juden auf ihrem Gebiete, s'cnon aus den Rücksichten der Gerechtigkeit und Billigkeit allein, erklärt haben, und daß Sie auf diesem prinzipiellen Im Jahre 1908 Wurde unter der Führung des Rabbiners Haim Na ho um in Konstantinopel eine Expedition ausgerüstet zu dem Zwecke, mit Erlaubnis des Kaisers Menilek II. die Lage der Falaclras zu studieren und wenn möglich zu verbessern. Damals erteilte Kaiser Menilek der Expedition einen überaus freundlichen Geleitbrief, der sie ermächtigte, das ganze Reich zu bereisen und die verstreut lebenden Juden zu besuchen, um ihre Sitten, Gebräuche und Lebensweise kennen zu lernen. Die beständigen Unruhen im Lande verhinderten die Expedition, ihren Plan vollständig auszuführen. Dann kamen Nachrichten, daß bei den blutigen Bürgerkriegen in Abessinien zahlreiche Falachäs umgekommen und daß später durch die mohammedanischen Derwische viele abessinische Juden in die Gefangenschaft abgeführt worden seien, denn der Islam umflutete Abessinien, ohne in dieses abgeschlossene Bergland Eingang zu finden. Die Versuche, bei den europäischen Juden Interesse für die Falachäs zu erwecken und letztere aus ihrer Isolierung und Abgeschlossenheit zu befreien, wurden bis in die jüngste Zeit vielfach fortgesetzt») und es steht zu erwarten, daß diese Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden. *) Wir möchten namentlich die Bemühungen des unter dem Vorsitze des Oberrabbiners Dr. Margulies in Florenz stehenden Falachas- Komitees und des Dr. Faitelowitz auf die sem Gebiete hervorheben. Die Redaktion. Standpunkt verbleiben werden.*) Aut verschiedene Kalkulationen der sogenannten Assimilatoren können wir jedenfalls nicht eingehen, schon aus dem Grunde, Weil sich die Assimilierungsarbeit — zumindest insofern unsere Länder in Betracht kommen — als ein politisch und kulturell ganz verwerfliches Mittel erwiesen hat. Die assimilierten Juden rekrutieren sich bei uns vorwiegend auS den politisch und gesellschaftlich demoralisierten Elementen, die aus rein egoistischen Rücksichten eine neue Nationalität „angenom - men“ haben, und sofern diese „Assimilierten“ — die sich ohnehin überall auf ganz vereinzelte Individuen reduzieren .— politisch auftreten, so dienen sie bloß alsi ein politisches Werkzeug zu dem Zwecke, um den wahren Sachverhalt zugunsten ihrer Gönner zu verdrehen und die öffentliche Meinung irrezuführen. Rus Palästina. Für die Kolonie P o r i a h, die sich augenblicklich in einer sehr kritischen Lage befindet, hat der Vorstand des Niederländischen Zionisten-Bundes ein Darlehen von 10.000 .holländischen Gulden gewährt. Das Darlehen muß ein Jahr nach Friedensschluß zurückgezahlt werden und Wird durch eine erste Hypothek auf den Boden der Kolonie, eingetragen auf den Namen des Verbandes, sichergestellt. Die Ueberweisung erfolgt durch Vermittlung des Jüdischen Nationalfonds. Die Hebräische Realschule in Haifa Wurde durch den Ausbruch des Weltkrieges insofern besonders hart betroffen, als ihr Leiter, Herr Dr. Arthur Bir-am, sowie der Lehrer für Mathematik und Physik, Herr Dr. Tachauer, zur Erfüllung ihrer Dienstpflicht nach Deutschland zurückkehrten. Ferner konnten die neu engagierten Lehrer für die technischen Fächer ihre Stellung picht antreten. Es gelang jedoch, trotz aller dieser Uebelstände, eine ernstliche Unterbrechung des regelmäßigen Schulbetriebes zu vermeiden. Die Schule Sieht die Erziehung ihrer Zöglinge zu moralischen, selbständigen una Willensstärken Menschen als ihre Hauptaufgabe an. Sie legt deshalb in den Unterklassen auf Zeichnen, Modellieren, Papierarbeit, Gartenbestellung: u. dgl. ein großes Gewicht. Die Schüler beteiligten sich an der Bekämpfung der Heuschrecken. Der Gesundheitszustand der Schüler war, bis auf drei Typhusfälle ein durchweg erfreulicher. Die Schülerzahl beträgt zurzeit 104 von denen 97 Aschkenasim und 7 Sefardim sind. Die Schule, deren Ausbau noch nicht abgeschlossen ist, hat 3 Elementarklassen und vier andere Klassen. Um den sefardischen Kindern in größerer Anzahl den Besuch der Schule zu ermöglichen, ist ein Vorbereitungskursus eingerichtet worden, an dem pich bereits 26 Kinder beteiligen. Diese werden im nächsten Semester in die Schule aufgenommen werden. Ueberhaupt rechnet die Schule für das kommende Jahr mit einem1 großen Zuwachs. Die Schule ist im Verlaufe des Schuljahres als ottomanische Mittelschule anerkannt worden. * Der in Jerusalem' erscheinenden hebräischen Tageszeitung „Hacherut“ entnehmen wir folgenden von Dr. Arje Be'h'am, dem Leiter des Jerusalemer Pasteur - Institutes, erstatte - ten Bericht über die Tätigkeit dieses Institutes während der Zeit vom1 15. November bis 15. Dezember v. J. Dieser Bericht ist auch dem türkischen Gesundheitsamt in Jerusalem zugegangen. 1. Wutschutzabteilung. Die Zahl der Gebissenen, die sich an das Pasteur - Institut wandten, betrug in dieSem Monat insgesamt 30, *) In der Politik haben bekanntlich GerechtigkeitS- und Billigkeits-Rücksichten nur dann Geltung, wenn damit auch noch ein nationales Interesse verbunden ist, Was bei den Ukrainern in ihrem Verhältnis zu den Juden der Fall ist. Auf dieses wohlverstandene nationale Interesse weist besonders Abg. Dr. L. Cehelskyj in. seinem „Die nationalen Minoritäten in der Ukraina“ überschriebenen Artikel in Nr. 67 und 68 der „Ukrainischen Nachrichten“ hin, worin er sich für die kulturelle Autonomie aller Minoritäten una auch der Juden ausspricht. Die Red. d. „Jüd. Ztg.“