Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDI5CHE ZETUNG fflMS NRTIDNRL -JÜDISCHES DRERN Kgg rtrrrm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ nWi ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, 11-, Zirkusgaase Nr. 33. — Sprechstunden B _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ® reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, holbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 7. Wien, Freitag, den 18. Februar 1916 — 14. Adar 5676. X. Jahrgang. flltneue Einwände. Vor eineinhalb Dezenien war es eines der beliebtesten Argumente der Gegner des Zionismus, diesen dadurch „Widerlegen“ zu wollen, daß die Fassungskraft Palästinas für Ansiedler als eine äußerst geringe geschildert wurde. Seither ist nicht nur dieser Einwand verstummt, sondern auch jene, die ihn seinerzeit erhoben hatten. Die assimilatorischen .Kreise der Judenheit sahen sich' genötigt, dieselbe Sache, die sie afs aussichtslos bezeichnet hätten, die Kolonisation Palästinas durch Juden, in ihr Programm aufzunehmen, um den Wettbewerb 'mit den ihrer Machtstellung gefährlich werdenden Zionisten in deren eigener Wirkungssphäre zu führen. Das neue, waffenerprobte Bündnis mit der Türkei hat diese Strömungen in Deutschland noch verstärkt und ihr Herold, Herr Dr. Alfred Nossig, versucht eifrig, die innere politische Verbrüderung dieser beiden Reiche zugunsten jener Propaganda zu nutzen. Ern Beginnen, an dem nichts auszusetzen Wäre, wenn nicht die ganze Sache mehr nach einer Jagd nach Einfluß und einer Konkurrenz mit dem Zionismus schmecken würde, als nach einer ernst zu nehmenden Propaganda. Umso erstaunlicher ist es daher, wenn gerade jetzt ein assimilatorischer Geographieprofessor, Dr. Alfred Philippson (im „Berliner Tageblatt“ vom 9. Jänner) gegen die Propaganda einer „Massenauswanderung polnisch-russischer Juden nach der Türkei“ mit Aufwand von viel gelehrten Daten die geringe Fassungskraft Palästinas für Siedler ins Feld führt. Nach seiner Meinung soll dort nur mehr für 300.000 neue Einwanderer Platz sein, indes Mesopotatamien infolge seines Klimas für jüdische Kolonisation überhaupt nicht in Betracht käme. Sollen wir wirklich heute, nachdem über diese Fragen dank des von uns schon längst herbeigeschafften Materials und namentlich durch die jüngsten, zahlreichen, günstigen Aeußerungen nichtjüdischer Fachleute darüber, die Akten geschlossen sind, uns Wieder einmal ausführlich mit einem solchen Einwand auseinandersetzen? Ein gediegener und sachkundiger Artikel Dr. Kurt Nawratzki’S in der „Jüdischen Rundschau“ vom 4. Feber d. J. enthebt unsi FEUILLETON. Die Juden in Abessinien. Von Professor Ludwig. Mahler. Bist zum 4. Jahrhundert nach Chr. war in Abessinien neben vielen heidnischen Gebräuchen der jüdische Religionskultus vorhefrschepd. Als dort, angeblich durch zwei gefangene 'Christen aus dem Abendlande, namens Frum'entius und Aedius, das Christentum eingeführt wurde, hatte der jüdische Einfluß zur Folge, daß sich der christliche Kultus sehr stark mit jüdischen Gebräuchen vermischte. Der abessinische christliche Gottesdienst besteht aus vielen Förmlichkeiten, welche vielfach den Einrichtungen der jüdischen Religion entnommen sind. So enthalten die Kirchen — wie die früheren jüdischen Tempel — drei Räume : das AllerheiligSte, das Heilige und den Vofhof. dieser Aufgabe. Zu diesem, der zum Schluß kommt, daß in Palästina 2.S bis 4.5 Millionen Menschen Platz haben, möchten wir nur bemerken, daß bei diesen Zahlen trotz ihrer Höhe, noch gar nicht voranschlagt ist, wieviel Tausende möglicherweise durch Entwicklung des Handels außerdem in diesem dafür so günstig gelegenen Lande ihr Brot finden könnten. Ueberdies nahm sich der Präsident der Zionistischen Organisation, Prof. Warburg, der in Deutschland als Vizepräsident der kolonialwirtschaftlichen Gesellschaft eine Autorität ersten Ranges auf dem Gebiete der Kolonisation ist, die Mühe, im „B. T.“ selbst nachzuweisen, daß die Türkei bei rationeller Besiedlung noch die fünffache Zahl von Menschen ernähren könnte, als heute, Palästina allein 3—4 Millionen. Er weist ferner die Meinung PhilippsonS zurück, daß der Zionismus je an eine rasch ins Werk zu setzende „Massensiedlung“ östlicher Juden in Palästina geglaubt hat. Da man nicht recht glauben kann, daß Prof. Philippson so gänziicn inffiiiormiert über die Ziele des Zionismus ist, wie er sich stellt, so kann man nur annehmen, daß er in seinem' Artikel mehr die großen Pläne von denen die Gesellschaften und Komitees, die Dr. Nossig gegründet hat, in ihrer Propoganda sprechen, gemeint hat, wofiir mannigfache Anhaltspunkte vorliegen. Wir selbst haben immer darauf hingewiesen, daß die Aktionen des Herrn Dr. Nossig, von denen manche Zionisten gehofft hatten, dab sie geeignet wären, größere Kapitalien von Nichtzionisten für die Kolonisationssache zu mobilisieren, — was bis heute nicht der Fall war — für diese eher schädlich als nützlich sind. Während die zionistische Organisation in harter, mühevoller, aber stetiger und erfolgreicher Arbeit seit Jahrzehnten Stein auf Stein setzt, lim' die nötigen Grundlagen für eine in immer größerer Progression durchzuführende Kolonisation zu legen, wofür sie die Institutionen geschaffen und die Pionierarbeit geleiset hat, gibt sich Herr Dr. Nossig den Anschein, als ob die Idee einer Ansiedlung in Palästina ein ganz neuer, eigentlich erst von ihm so recht aufgenommenex Gedanke sei, für den man durch journalistische Reklame die Mäcene finden könne. Daher seine großen Worte, sein Spielen mit Zahlen, sein Im Allerheiligsten, das nur von Priestern betreten werden darf, befindet sich ein Altar (Tabot), der eine Nachbildung der jüdischen Bundeslade darstellen soll und (bei dem abessinischen Volke eine ähnliche Verehrung genießt, wie die Bundeslade bei den Juden. In der Stadt Axum' soll sogar eine Kirche die wirkliche Bundeslade (Zions Tabot) besitzen, die durch Menilek I., den Begründer der Salomonischen Dynastie, nach Abessupen' gebracht worden sein soll. Unter^jien vielen Festtagen der Abessinier, die den jüdischen sehr ähneln, ist einer der wichtigsten das „Hedar Zion“ (Zions-Fest) und wird mit dem größten Prunke gefeiert. Dieses Fest findet statt zur Erinnerung daran, daß die Bundeslade, die von den Philistern geraubt worden war, den Juden wieder zurückgegeben und feierlich nach Jerusalem gebracht wurde. An diesem Festtage, welcher hauptsächlich m Axum und Gondar gefeiert Wird, haben die abessinischen Mägde das! Recht, die Schmucksachen und Kleidungsstücke ihrer Herrinnen zu tragen. Ausmalen großer Perspektiven etc., indes die Zionisten trotz der Leistungen, auf die sie hinweisen können, recht bescheiden und sachlich sprechen. Dr. R u p p i n z. B. spricht nur von einem zu schaffenden „Krystallisationskern“ für die Palästinakolonisation. Gewiß haben wir in unserer Propaganda stets auf die Not der Ostjuden hingewiesen, aber nie und nimmer haben wir damit etwas anderes sagen wollen, als daß nirgends im Galuth eine sichere Zukunft für das jüdische Volk ist und daß der Zionismus nicht erst quasi eine „Aufforderung zum Auswandern“ darstellt, sondern daß die Antriebe zur jüdischen Massenwanderung leider dort in stärkster Art vorhanden sind, wo sich die größte Zahl von Juden befindet. Der Zionismus hat damit in seiner Propaganda nur sagen wollen, daß es nötig ist, die Arbeit für eine Stabilisierung der bis heute labilen Lage des jüdischen Volkes nicht länger aufzuschieben, da eine solche. Jahrzehnte, ja vielleicht Jahrhunderte braucht, um' in genügendem Umfang ausgeführt zu werden. Niemals aber stellten wir uns vor, daß wir auch nur eine Million Juden so im Handumdrehen nach Palästina bringen könnten. Würden die Zionisten tatsächlich der Meinung sein, die Ostjudenfrage von heute wäre einfach durch rasche Umsiedlung zu „lösen“, dann würden sie sich nicht so eifrig mit den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Problemen (Schulfrage) beschäftigen, die durch die Okkupation Polens geschaffen wurden. Der Angriff Philippsons trifft daher, soweit er sich gegen den Zionismus kehrt, völlig daneben. Er bestätigt aber aufs neue die von uns seit jeher vertretene Meinung, daß die feuilletonische Art, in der Dr. Nossig mit den Ideen des Zionismus spielt, für dessen Stellung im; Judentum nur schädlich ist. Der Zionismus wird von allen Seiten — auch in der Türkei — mit jenen vielleicht gutgemeinten, aber völlig auf Sand gebauten „Gründungen“ Dr. Nossigs verwechselt. Deshalb können wir in Bezug auf die Bestrebungen dieser Exzionisten das Wort anwenden: „Gott beschütze uns vor unseren Freunden, vor unseren Feinden werden wir uns schon selbst schützen!“ An die zu Axum befindliche Bundeslade, von welcher man glaubt, daß sie die-wirkliche alte jüdische Bundeslade sei, knüpft sich die Legende, daß sie manigfache Wunder gewirkt haben soll. Infolgedessen haben mehrere abessinische Herrscher sie bei Gelegenheit von Feldzügen mitgeführt, um hiedurch den Sieg über ihre Feinde zu erlangen. Die jetzt noch in Abessinien befindlichen Juden heißen „Falachas“; dieser Name bedeutet so viel wie „Emigranten“. Die Abessinier selbst nennen die Juden „Kailas“, was „überschreite nicht“ heißt und auf das Verbot zurückzuführen ist, am Samstag einen Fluß zu überschreiten. Die Falachas sind fast in allen abessinischen Provinzen verbreitet, am zahlreichsten in der Provinz „Amhara“. Die Sprache, deren sie sich neben den dort existierenden verschiedenen Dialekten bedienen, ist die amharische, welche sich aus der äthiopischen Sprache entwickelt hat. Die amharische Sprache (auch' „lesan negus“ die königliche Sprache genannt) gehört zum hamito-