Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 6 Ib ernster Staate. Seine fünfte Kongreßrede schloß Theodor Herzl mit den Worten: „Wie schnell odfer wie langsam die von uns vorbereiteten Wirkungen eintreten werden, das können wir nicht bestimmen. Von uns hier hängt es nicht ab. Wir konnten nur die Anlage hejsfellen. Die Kraft können Wir nicht liefern. Die Kraft muß vom jüdischen Volke geliefert werden — wenn es will.“ Theodor Herzl hat in dem' unbeschfränk - ten Optimismus des Anfangs die zionistische Organisation als den Rahmen aufgefaßt, in den das jüdische Volk, wenn er einmal geschaffen war, von selbst die ihm innewohnende Kraft hineinstellen werde. Die zionistische Organisation sollte der Ausdruck, die Waffe und das Werkzeug des die Zukunft schaffenden Volkswillens sein. Das jüdische Volk wurde nicht so schnell gewonnen, wie es Herzls geniale Phantasie geträumt hatte. Die zionistische Organisation blieb nur ein (Bruchteil des jüdischen Volkes und auch nur ein Teil des nationalen Judentums, Wenn auch sein repräsentativster. Da wurde in der zionistischen Organisation der Gedanke und der Wille Stark und übermächtig, daß es nicht mehr an der Zeit sei, zu Warten, und zu hoffen, bis die anderen Teile des Volkes sich dem wartenden Zionismus angeschlossen hätten. Aus diesem Gedanken heraus begann die praktische Palästina-Arbeit. Piese wurde in ihrer grundlegenden Bedeutung erkannt und setzte sich immer mehr durch, und von dieser Zeit an wrar wieder ein Aufschwung im zionistischen Leben zu verzeichnen. Jetzt erst wurde die zionistische Organisation zum kräftigen Zentrum des an seiner eigenen Befreiung arbeitenden jüdischen Volkes. Die Einsicht, daß die zionistische Organisation alle ihr zur Verfügung stehenden Kräfte zusammenfassen Imüsse, um das große Erlösungswerk zu beginnen,. führte auch zur Gründung des Zionistischen Zentralfonds. Mit ihm begann die Leitung der zionistischen Organisation die Fülle der Arbeiten in Angriff zu nehmen, deren Ausführung ihr eine starke, reale Macht verleihen muß. Der Zionistische Zentralfonds wurde in der Hand der zionistischen Leitung das Mittel zum politischen und kulturellen Schaffen. Daß die zionistische Organisation selbst sich der Einsicht nicht mehr verschloß, Wie unumgänglich notJ wendig die schaffende Arbeit am' Werke des Zionismus ist, bewies vor zwei Jahren die Einmütigkeit, mit der (sie in einer kritischen Zeit der Leitung in kurzem' die Mittel zur Verfügung stellte, um das Hebräische Schulwerk in Palästina zu gründen und damit die Verfügung über das nationale Erziehungs- Werk in Palästina in eigene Hände zu nehmen. Als dieser Krieg kam, (war sich die zionistische Organisation über den ihr vorgezeiditaeten Weg so klar, daß sie ohne zu schwanken, ihren Willen bekundete, imüt allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln das geschaffene Werk' als die Grundlage aller weiteren großeil Arbeit zu erhalten.. In ernster Stunde richtet die Leitung der zionistischen Organi - Sation einen neuen Appell an ' alle Freunde una Mitarbeiter, ihr eben durch den Zionistischen Zentralfonds wieder |die Mittel und die Möglichkeit in die Hand Zu geben, ihrem Programm treu in der krisenreichsten Zeit dajs Geschaffene durchzuhalten. Für Palästina sind schwere Zeiten angebrochen. Von Monat zu Monat wird es schwerer, die Gefahren zu bannen, die dem zionistischen Werke drohen. Schwer ist es, aus allen Teilen der -zionistischen Organisation die finanziellen Leistungen hferauszüholen, ohne -die eine Weiterarbeit unmöglich sein muß. Aber wir alle wissen^ daß diese Arbeit restlos lerfüllt Werden, müßt Das Hebräische SchulW-erk ist einer der stärksten Faktoren, die heute und in naher Zukunft ausschlaggebend sind. Die zionistische Organisation jst heute die einzige Gesamt - Oiganisation des jüdischen Volkes, der die Stürme des' Weltkrieges nichts anhaben konnten. Ihr Rahmen iundihr Gefüge konnten durch kein Ereignis gesprengt werden. Der in Shr zum Ausdruck gekommene nationale Gesamtwille ist ungeschwächt und ungebrochen. Jedem Teil der zionistischen' Organisation ist es klar, daß nur in deir Einheit und Einheitlichkeit des Zionismus die Kraft zu aller weiteren iAirbeit ruht. Und klar ist es jedem einzelnen Zionisten, daß die Schlägfertigkeit des Zionismus um jeden Preis erhalten werden muß. Nicht einmal die Gegner |der zionistischen Bewegung können verkennen. Welch unermeßlicher Wert für das Judentum durch die unzerstörte einheitliche zionistische Organisation repräsentiert wird. Die Zionisten aber haben die hohe und verantwortungsvolle Aufgabe, aus eigener Kraft die zionistische Organisation una ihr geschaffenes Werk zu erhalten. Darum (wird der Appell der zionistischen Leitung ein waches Verständnis und eine tatbereite Aufnahme in den zionistischen Reihen finden. Es gilt heute mehr als jemals, schaffende und vorbereitende Arbeit zu leisten und für die Zeit neuer, vielleicht sehr schwerwiegender Entscheidungen gerüstet zu sein. Jetzt kann die zionistische Organisation nicht warten, ob es einer günstigeren Zeit genehm sein wird, den im Zionismus vorgezeichneten Weg zu gehen. Im vollen Bewußtsein1 der Verantwortung muß sich1 selbst das große Werk weiterführen: Die Arbeit des jüdischen Volkes an seiner Erlösung und Erneuerung; im Lande der nationalen Heimat. Die zionistische Organisation verlangt von jedem einzelnen Zionisten, daß er an dieser Arbeit mitwirke. Die Leitung der zionistischen Organisation braucht einen starken zionistischeo^Zenttalfönds; sie muß ihn erhalten. Der Wiener Rnltuspräsiöent und Oer Weltkrieg. Von diesem Weltkrieg kann gleich Iswolsky auch der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Herr Dr. Alfred Stern sagen, es sei sein Krieg. Denn jetzt, da die Aufmerksamkeit der jüdischen Mitbürger von den Gemeindeangelegenheiten abgelenkt ist, glaubt Herr Dr. Stern, von öffentlicher Kontrolle ungestört, absoluter regieren zu können als je zuvor. Die Kultuswahlen mit ihren Rechenschaftsberichten, Wählerversammlungen und ähnlichem demokratischen Teufelszeug waren ihm immer eine lästige Sache. Schließlich konnte doch einmal trotz aller Mittel und Mittelchen die offizielle Liste fallen. Laut Statut hatten die Wahlen jedes zweite Jahr stattzufinden. Dr. Stern brütete schon lange über einer Statutenänderung, die Wahlen je auf das dritte Jahr hinauszuschieben — natürlich, „um Druckkosten zu ersparen“. Da kam der erlösende Krieg, den eine Statutenänderung in dem1 Sinne, daß die Neuwahlen während seiner Dauer sistiert werden können, als nötig erscheinen ließ. Diese Aenderung wurde natürlich glatt angenommen, die Wahlen wurden 1914 und 1915 sistiert und der Kultusvorstand zog sich so am eigenen Zopf aus dem Wasser wie weiland Mündihausen. Nicht genug daran! Henr Dr. Stern lud nun eben diesen Kultusvorstand von der Statutenänderung Gnaden ein, (sich' durch K o o p t i e - r u n g zu ergänzen. Diese Einladung erfolgte in des Wortes wahrster Bedeutung von heute auf morgen. Auch Dr. Stem’s Liste mit nichtweniger als fünf Namen War patat. Der Kultusvorstand brauchte die Liste nur zu schlucken und er hat sie geschluckt. In diesier Liste stand auch der Name des Herrn Barons Louis von Rothschild. Es hat sich wirklich nur um den Namen des Herrn Barons gehandelt, denn er selbst ist, wie voranszusehen war, noch in keiner Sitzung erschienen. Ganz gescheit! Herr Dr. Stern hat ja immer, wenn auf Erweiterung des Wahlrechtes gedrängt Wurde, darauf hingewiesen, der Sitzungssaal sei zu eng. Die Bezirks kommissionen sind seit Kriegsbeginn nur zweimal einberufen worden, nämlich um ihnen mitzuteilen, daß der Kultusvorstand sie nicht braucht. Denndas einzige, Geschäft, das ihnen vordem1 vergönnt war, die Mitwirkung bei der Steuereins'chätzung, ist ihnen abgenommen und auf Organe übertragen worden, .die der Wählerschaft nicht verantwortlich- und vom Kultusvorstand völlig abhängig sind. Dieses reibungslose Arbeiten hat nun Herrn Dr. Stern zu einer neuen Aktion aufgereizt. Er will — ausgerechnet jetzt — das Oberrabbmat neubesetzen, natürlich mit jemandem1, der ihm und ausschließlich1 ihm zu Gesicht steht. Die Wiener Gemeinderabbiner kämen, für dieses Amt zunächst in Betracht, dochscheinen sie sich' irgendweshalb die Ungnade des Gemeindeoberhauptes zugezogen zu haben. Er will Herrn Dr. Nobel aus Frankfurt a. Main haben. Warum grad ihn? Kein Mensch kennt diesen Bewerber hierzulande — Nebensache! Er — will und zwar will er ihn ohne Probepredigt, o'h'n'e Befragung der 72 Vertrauensmänner, die laut § 35 des' Kultusstatuts aus der Mitte der Wählerschaft vor jeder Anstellung eines GemeinderabbinerS angehört Werden müssen* dafür aber will er ihn mit einem Mehrfachen' des nicht unbeträchtlichen Gehaltes, den heute Oberrabbiner Dr. Güdemann bezieht. Nun ja, was1 braucht sich1 auch1 Herr Dr. Stern Viel um das Statut zu kümmern? Er hats1 gegeben, er hats genommen, sein Name sei gelobt in Ewigkeit! Und die geplante Gehaltserhöhung hat gewiß ihren Grund in den erhöhten Lebensmittelpreisen, denn' schließlich muß auch' ein Oberrabbiner essen. Diese Argumente Wollten freilich' den sonst so gefügigen Kultusvorstehem nicht einleuchten, sie bockten und die Frage Nobel blieb in Schwebe. Es' ist selbstredend, daß der nach' Einrükkung unseres Dr. Jakob Ehrlich ins Feld im' Vorstand allein verbliebene zionistische Vertreter Oberingenieur Stricker sich in jedem einzelnen Fall gegen die Uebergriffe des Herrn Kultuspräsidenten gewehrt hat Wenn ■ wir es damit nicht genug, sein lassen und uns endlich in die Oeffentlichkeit flüchten, |so möge uns das ja! nicht als Störung des Burgfriedens mißdeutet werden! Aber seit Dr. Gustav Köhn gestorben ist und seit sein gütiges Herz dem eigenwilligen Kojjf seines Kollegen Dr. Stern nicht mehr das Gleichgewicht hält, ist eä gar zu arg geworden. Und wir haben doch auch Pflichten gegen unser Programm und gegenüber dem1 jüdischen Volke. Dr. Egon; Zweig,. Die Inferoiewer und die polnisthen Juden. Als eine der prächtigsten Wortkompositionen Karl Kraus* (mußte ich' in letzter Zeit oft denken:;an das Gebilde aus Journal und Kanaille1 — an „Journaille“. Das (kleine Weltchen der polnischen Juden ist durch die Kriegsereignisse kaum1 erst in das „breite Licht der Oeffentlichkeit“ h'erausgezerrt worden und schon behandeln es gewisse Journalisten so, wie sie die überragendsten Weltprobleme fcu behandeln pflegen: genau sö bar jeder Sachkenntnis, so phrasenhaft, so borniert^ so verlogen, so perfid behandeln sie es. Und lieferet du ihnen ehrliches, (objektives jüdisches Tatsachenmaterial, (so fragen sie dich, ob du! „in dieser großen Zeit keine größeren Sorgen hast“ — einer großen Zelt, die sie durch ihre gegenseitigen Verhetzungen in allen Ländern mit geschaffen Izu haben, ein großes Verdienst und von dem einmal Geschaffenen einen noch größeren Verdienst haben. Ueber die Ostjudenfrage ist jn der allgemeinen -Presse Wiens mit Ausnahme der „Reichspost“ und der „Wage“ bisher nichts ersdhienen. Daß in Deutschland in! den vornehmsten Zeitschriften und Zeitungen die Diskussion darüber nicht ruht, davon nimmt sie keine [Notiz — da müßte man vielleicht etwas ehrlich Sein. Fliegt aber irgendwo eine den polnischen Juden ungenehme Ente auf, so kann man sicher Sein, sie wird in irgend einer Wiener all—gemeinen Redaktion eingefangen werden, sicherlich aber in der „Redaktion der Wiener Allgemeinen“. Dafür haben „solche“ eine feine Nase, Wenn (sie auch zu ihrem Bedauern eine jüdische ist.