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Jüdische Zeitung · 1916-02-11 · 6 (11.2.1916) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
6 (11.2.1916)
Date
1916-02-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 0D1SCHE ZEITUNG Seite 3 Zum kriegsberichterstatterischen Kauderwelsch gehört wohl aber auch) der Passus von. den Rationalen Rechten für den Jargon, der keinerlei Rechtsbasis hat und vom Zweckmäßigkeitsgesichtspunkte nicht zu verteidigen ist“. Hätte also der „Jargon“ sich um eine „Rechtsbasis“-Legitimation bewerben sollen? Wie tut das eine Sprache? Und braucht sie das für sich? Ilst Sie nicht vielmehr, tatsächlich gesprochen, Selber eine „Rechtsbasis“ für Weiteres? Und muß ferner eine Sprache, die ist, „verteidigt“ werden? Und ausgerechnet vom „Zweckmäßigkeit® - Ge - sichtspunkt“? Es gibt nur eine Art von Sprache, bei der letzterer nötig wäre, und das ist die der künstlichen Weltsprache; aber man hat noch nie gehört, daß iz. B. Tschechisch' oder Ruthenisch von der Zweckmäßigkeit aus erst hätte verteidigt Werden müssen. Am kuriosesten ist Wohl aber die neue Eigenschaft, die er an unserem Nationalismus entdeckt hat: nämlich daß er „versdhlosisener Natur“ ist. Ich1 [möchte So gerne über dieste Bereicherung unserer Ideen-Perspektive einen besonderen Essay schreiben, aber — ich schäme mich das’ bekennen zu müssen — ich verstehe einfach nicht, Was das ist: ein „Nationalismus von'verschlossener Natur“. Daß darunter nicht etwa „geheimer Natur“ zu verstehen ist, ist doch zweifellos. Denn (Von den ersten Anfängen an war und blieb unsere Bewegung in allen Details der öffentlichen Kontrolle Zugänglich. Und sie hatte es {auch nicht nötig, es nicht zu Sein, Weil Sie gegen niemanden feindlich gerichtet ist. Oder ist sie der Journaille darum „verschlossener Natur“, Weir deren Kenntnis einem Bornierten in Budapest und einem' Bornierten in Wien und einem Bornierten anderSwo verschlossen, blieb? , Mich will esi bedünken, .... daß unser Nationalismus fwohl offener, aber ihr Gehirn verschlossener Natur ist. A. Sch. Die „Jüdische Zeitung!* ist im Einzehrerscbleiß in der Buchhandlung R. Löwit, I. Roten turmstraße 22 und in dem Zeitungsbüro G o I d - schmied t, I. WoHzeüe 11 erhältlich. Die Osfjnflenfrage im Deofsoea NationaloepbahO. Kürzlich hat der Deutsche Nationalverband eine Vollversammlung abgehalten und über seine Beratungen ein Kommunique verlautbart. Darnach1 ist auch die Ostjudenfrage angeschnitten und in Hinblick auf die mögliche Einverleibung polnischen Gebietes die Anregung gegeben worden, die Frage „nicht nur im InteresSe des Staates, sondern auch im InteresSe der Staatsbürger jüdischer Konfession“ zu regeln. Es muß sofort verblüffen, daß gerade der Deutsche Nationalverband sich als Wortführer der jüdischen Interesisen aufspielt. Und unser Mißbehagen wächst noch um ein beträchtliches, wenn wir in der „Ostdeutschen Rundschau“ zu lesen bekommen, daß der Abgeordnete K. H. Wolf jene Wechselrede angeregt und eingeleitet hat. Auch ist es inzwischen durchgesickeit, was jenes Kommunique so schamhaft Verhüllt, daß der Deutsche Nationalverband sich die Interessen der Juden Alt-Oesterreichs durch die Grenzsperre gegen die Juden Neu-Oesterreichs gewahrt denkt. Oder soll die Grenzsperre schon bei Biala aufgerichtet werden? So etwas Aehnliches hat schon dem Bürgermeister Dr. Weiskirchner vorgeschwebt, als er zu Neujahr 1915 beim Empfang des Gemeinderates dafür eintrat, die Freizügigkeit der Kriegsflüchtlinge auch nach! dem Kriege von gesetzeswegen zu beschränken. Und die Juden schlafen. Alle Völker, alle Berufsgruppen dieses Reiches schließen sich zusammen, um bei der Neugestaltung unseres Vaterlandes am Platz zu sein. Nur wir Juden verharren in unserer Untätigkeit. Die Erringung der öffentlich-rechtlichen üesamtvertretung der Judenschaft Oesterreichs haben wir schon im Frieden verpaßt und auch von einem improvisierten Zusammenschluß zur Zeit der Kriegsnot ist nichts zu sehen. Aber der „Deutsche Nationalverband“ vertritt die jüdischen Interessen. — — Arme Juden! Michael. Aus der allgemeinen Dresse. Auf jlie in der letzten Nummer unseres Blattes gebrachten Aeußerungen Paul Harms im ^Berliner Tageblatte“ hat in der Nr. vom 21. Jänner desselben Blattes ivon zionistischer Seite L. Wahl geantwortet. Er schrieb u. a.: „Es ist doch nur ein Schlagwort, (von einem „Staat ,im Staate“ zu schreiben, wo besonders geartete (nationale Gruppen mit eigenen historischen Werten, eigener Sprache und Kultur, eigenen wirtschaftlichen Verhältnissen und einer eigenen Religion und Religiosität Schutz gegen Vergewaltigung durch die Majorität brauchen und wünschen.“ Er verweist auf Oesteyreich- Ungam als auf einen N ationalitätenstaat, und auch die Juden in Polen, die nationale Minderheit, verlangen „nichts anderes als eine gesicherte national - kulturelle Entfaltungsmöglichkeit.“ Auch' Sei 69 wohl Harms ^unbekannt, daß seit Karl Emil' Franzos (seit etwa jden sechziger Jahren) das Ostjudentum den starken Anfang einer nationalen Wiedergeburt erleben durfte. Daß eine neue hebräische, eine neue jidischq Literatur, ein nationales Wollen und Arbeiten auf allen Gebieten des Gemeinschaftslebens zu Kräften gelangt sind, ist ihm nie [zu Ohren gekommen. Darum spricht er von der Notwendigkeit der völligeren Auflösung des unheilbar kranken Organismus. In einer Nachschrift antwortet ihm Harms, er glaube nicht, daß das Ostjudentum Seit Franzos pich1 ,Jso von Grund auf geändert hätte“,. Daß die Juden Polens „zum Spietball, Ausbeutungs- und Unterdrückungsobjekt einer polnischen Majorität“ werden, „wünscht in Deutschland kein Vernünftiger . . . Gibt eS dazu abeir keinen anderen Weg, als die feierliche Anerkennung des ostjüdischen Nationalstaates? (Er kann also dieses sonderliche, phantastische Wort nicht lassen. Die Red. d. „Jüd. Ztg.“) Wäre daS überhaupt ein geeigneter Weg? Man kann es sehr bezweifeln, ebenso wie man es bezweifeln kann, ob der Jargon „eine Sprache“, will sagen eine lebensfähige 'Kultursprache sei, die ohne künstliche Nachhilfe überhaupt erhalten werden könnte. Polnisch ist eine Solche Sprache, ,und Hebräisch ist auch eine, wenn audi eine sogenannte „tote“. Aber der Jargon —? Dass jst ein mixtum compositum, aber kein organisches, gewachsenes Lebewesen, worin sich die Seele eines Kulturvolkes ausspricht, wie in den Psalmen, im Hohenlied und in den Propheten. Die Zuschrift, die wir oben wiedeigegeben haben, beruft sich auf Oesterreich, als auf das Muster eines Nationalitätenstaates. Sehr wohl; aber (wo und wann hätten die österreichischen Juden (verlangt, im Rahmen dieses Staatswesens als gesonderte und geschlossene Nation behandelt und anerkannt zu werden? ,(Von .all den diesbezüglichen Kämpfen in Galizien, von dem Beschlüsse des Bukowina- R. Göwil Verlag, Wien I. Rotenturmstraße 22 Zur Ostiudenffrage: Matthias Mieses, Die Entstehungsursache der jüdischen Dialekte. Um diesem ersten wissenschaftlichen Buche über „Jüdisch“ die weiteste Verbreitung zu sichern, habe ich den Preis ermäßigt Das Buch kostet jetzt nur K 4.— Oer Krieg und die Juden: Juden im Kriege. Denkschrift der Poale- Zion. Das beste Stüclc der jüdischen Kriegsliteratur K 1.20 Jüdisches Archiv. Doppellieferung 4/5 ist soeben erschienen K 1.— Zionismus: Ad. Friedmann, David Wolffsohn. Die längst erwartete Gedäehtnisschrift für David Wolffsohn aus der Feder des bekannten Herzlbiographen K —.80 Neue Bücher: Max Brod, Tycho de Brahes Weg zu Gott geb. K 6,75 Gustav Meyrink, Der Gotem geb. K 6.— Hugo Zuckermann, Gedichte geb. K 3.60 Vollständiges Lager neujüdischer und zionistischer Literatur. Provinzversand! Versendung ins Feld 1 Kataloge gratis 1 er Landtages, eine jüdische nationale Wahlkurie zu {schaffen, weiß man also bei den Berliner Jüdischliberalen nichts. Die Red. d. „Jüd. Ztg.“) Sie (sind sicher in der überwältigenden Mehrzahl durchaus zufrieden, wenn sie die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung genießen, und verzichten gewiß gern darauf, die Zahl der deutschen, tschechischen, polnischen, slowenischen, italienischen Nationalitäten um eine weitere zu vermehren. Und täten feie’s nicht, so Wäre es immer noch nicht Aufgabe des verbündeten deutschen. Reiches, ihnen zur Verwirklichung gerade dieses Anspruches 'zu verhelfen.“ Ebenfalls im „Berliner Tageblatte“ (17. Jänn.) isft von Dr. Paul Nathan ein Artikel „Polen und Juden“ erschienen, der durch die Ausführungen Harms’ veranlaßt worden zu sein scheint. Während Harms von der westeuropäischen Assimilationsideologie;ausgeht, beginnt Nathan mit der, von dieser Seite besonders anerkennenswerten Konstatierung: „Die osteuropäische Judenfrage hat einen wesentlich anderen Charakter als der Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden in Westeuropäischen Ländern . . . Die Frage der osteuropäischen Juden ist unter dem Gesichtspunkte der Humanität und der Toleranz nicht ausschließlich zu betrachten“. Aut das Verhältnis der Polen zu den Juden übergehend fähfet er fort: „Dmowski ist heute ein (politisch ohnmächtiger Mann. Aber seine Politik lebt fort \und der Antisemitismus erweist sich in Polen und Litauen als eine große und starke Macht ... Die Schlüsse, die wir Jüdisch nationalen aus denselben Voraussetzungen ziehen, werden, von Nathan, in diesem Aufsatze ausdrücklich nicht gezogen. Er kommt nur zu dem1 Schlüsse: „Polen und Juden müssen versuchen miteinander auszukommen, und wenn dieser Versuch nicht gelingt, so wird es zum Unglück des Landes Sein,“

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