Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG NF1TIDNRL -JÜDI5CHE5 DRGRN Mit Beilage: „PER-JÜDISCHE NATIONALFONDS“ •** ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II-, Zirkusgaase Nr. 33. — Sprechstunden tStflich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Aboonemenstspreise: Für Oesterm reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.-, halbjähr. K 5.-, Vierteljahr. K 3.-. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.-, halbjähr. Mk. 5 -, vierteljähr. ■ Mk- 3._- Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. Nr. 6. Wien, Freitag, den 11. Februar 1916 — 7. Adar 5676. X. Jahrgang. JungiOcsferreidi. Allen Pessimisten zum -Trotz haben sich sämtliche Stämme der Monarchie in der österreichischen Armee unter den Fahnen All-Oesterreichs in brüderlicher Eintracht zusammengefunden. Schulter an Schulter haben, sie seit eineinhalb Jahren auf den verschiedensten europäischen Schlachtfeldern mit der größten Aufopferung gekämpft und Schließlich durchl die Eroberung Serbiens, Montenegros und eines großen Teiles Albaniens! der Habsburgischen Monarchie die Tore zum Orient geöffnet. Von der Erkenntnis .ausgehend, daß die neuen Aufgaben unseres Reiches am Balkan Wie im gesamten Orient mit den jüdisch-nationalen Interessen parallel laufen, galten und gelten uns die Begriffe volkstreu und reichstreu |als identisch. Und gerade in diesem Momente müssen wir sowohl vom jüdisch-nationalen, wie vom gesamtösterreichischen Standpunkte gegen alle Parteiprogramme und Tendenzen Stellung nehmen, welche den Reichsverband der Gesamtmonarchie noch1 weiter lockern, ipder in den einzelnen Kronländem Oesterreicher erster und zweiter Klasse — je nach Zugehörigkeit zu einer oder zur anderen Nationalität oder Rasse — schaffen wollen.*) Gerade die Juden, die zerstreut unter den anderen 11 Nationen des Donaureiches wohnen, haben ein lebendes Interesse an der Einheit des Reiches. Sie bilden ein jüdisches Volk, unabhängig davon, ob seine Angehörigen in Böhmen, Mähren, Schlesien, Galizien, (Bukowina, Ungarn, Kroatien und Bosnien wohnen. Eine künstliche Trennung unseres Volkes nach Kronländem, würde!zu Steiner politischen, nationalen, oder wirtschaftlichen Erdrosselung führen. Darum müssten wir gegen jede Weitere Verkümmerung der Reichseinheit und gegen jede Erweiterung der L ä n d e r autonomie entschieden Stellung nehmen. Wir sind aber deswegen noch lange nicht Zentralisten alten Schlages und wir wollen noch lange keine Germanisierung. Wir haben nach den mit dem Pester Zentralismus gemachten Erfahrungen keinerlei Interessen an der Erweiterung der Länderautonomie und an einer Vorschubleistung von Tendenzen, die auf Magyarisierung, Tschechisierung oder Polonisierung hinauslaufen. Dies pmsöweniger, als sich dieselben während der letzten 50 Jahre ebenso unrealisierbar erwiesen haben, Wie die Assimilation der Juden. Wir Wollen vielmehr Reichseinheit und Völkerautonomie in unserem eigenen jüdisch-volklichen Interesse, sowie in dem der Gesamtmonarchie. Dies müssen 'aber auch alle andersnationalen Minoritäten wollen, umnicht von den Konnationalen der anderen Kronländer abgetrennt zu werden und um nicht der Entnationalisierung zu verfallen. *) Wir verweisen in diesem Zusammenhänge auf die jüngsten Enunziationen des Deutschen National-Verbandes. Die Red. Solange überhaupt die historischen Länderindividualitäten bestehen, müssen (von der Wiener Zentralregierung schon im gesamtstaatlichem! Interesse Gesetze geschaffen und Maßnahmen getroffen werden, die in allen gemischsprachigen Gebieten die Rechte .aller nationalen, also auch der jüdischen Minderheiten schützen. Der Idee einer erweiterten Länderautonomie könnte man überhaupt pur dann nähertreten, wenn Garantien dafür geschaffen Würden, daß eine Synthese zwischen Länder- und nationaler Autonomie Platz griffe, und durch nationale Kurien, und Kataster, resp. durch Einführung des proportionalen Wahlsystems der Willkür von nationalen oder politischen Majoritäten ein iRiegel vorgeschoben werde. Das sind die Wichtigsten Richtlinien für eine jüdischnationale und jungösterreichische Politik, deren entsprechende Würdigung (wir nicht nur von den volksbewußten Juden, sondern von allen Vertretern Jung-Oesterreichs erwarten. Mögen sie die Devise: Al 1-0 esterrei ch allen Oesterreicherh zu ihrem' Programme machen. Dadurch werden sie Sich in der inneren Politik dieselben Verdienste um das alte Habsburgerreich erwerben, wie die österreichische Armee, die unter diesen Fahnen kämpfte, der Monarchie nach außen zu neuem Ansehen verhalf. —K. BanOsdian. Zur Judenfrage in Saloniki. Die stets neu auftauchende Behauptung, daß der Vierverband den Krieg zur Befreiung der kleinen Nationalitäten führe, Wird neuerlich durch die unqualifizierbare Behandlung der Juden von Saloniki treffend illustriert. Eine der ersten Heldentaten der in der griechischen Stadt Saloniki mit ‘ihrer jüdischen Bevölkerungsmehrheit zur Macht gelangten französisch-englischen Soldateska ist die grundlose Verhaftung zahlreicher Juden, gegen welche erfolglos der Oberrabbinet von Saloniki protestierte. Sollte die Ursache dieser Verhaftung vielleicht darin liegen, daß Baron Rothschild aus Paris mit seinen Bemühungen Während seiner Anwesenheit in Saloniki, die dortigen Juden für den Vierverband zu gewinnen, Fiasko machte? (Dem Vernehmen nach, soll Rabbiner Jakob Mefr in einer öffentlichen Predigt eine Stellungnahme seitens der Salonikier Juden zugunsten der mit Rußland verbündeten Entente abgelehnt haben. Anmerkung der Redaktion.) Wo bleibt das Recht der Juden in der jüdischen Stadt Saloniki, die immer fmtehr in den Mittelpunkt der Balkankämpfe rückt und speziell für Oesterreich die weitgehendste politische und wirtschaftliche Bedeutung hat? Wäre es nicht die höchste Zeit, daß sich' die österreichischen Juden ihrer bedrängten Volksgenossen in Saloniki annehmen und wenn sie schon momentan ihnen nicht helfen können, ihnen eine bessere Zukunft sichern. Die diesbezüglichen jüdischen Bemühungen zu fördern und Oesterreich »eine entsprechende Position in Saloniki zu sichern, gebietet das Reichsinteresse Oesterreichs als größter Balkanmacht. * Ein bedeutsames Ereignis. Ln unserer vorwöchigen Nummer berichteten wir kurz über die Ernennung Dr. Abraham S. Y a h u d a s zum ordentlichen Professor für jüdisch-spanische Geschichte und Literatur an der M a d r i d e r Universität. Das „Israelitische Wochenblatt“ m Zürich bringt einen ausführlichen Bericht über die am 15. Dezember v. J. im Beisein der gesamten Fakultät stattgefundene feierliche Einführung desselben in sein Amt. Dr. Yahuda hielt bei dieser Gelegenheit eine Ansprache, in der er versprach, „das Beispiel jener Männer des jüdischen Stammes, die in vergangenen Zeiten durch ihre hervorragenden wissenschaftlichen und kulturellen Arbeiten den Namen Spaniens mit Ruhm und Ehre bedeckten“, sich ständig zu vergegenwärtigen und dann fortfuhr: „Der letzte jüdische Gelehrte, der von der hohen Warte einer spanischen Universität, der Universität Salamanca, seine Lehren erteilte, war Abraham1 Zacuto, einer der hervorragendsten Mathematiker und Nautologen des 15. Jahrhunderts in Spanien, der Freund und Berater des Christoph Columbus. Dieser große und charakterfeste Mann, der wie kein anderer das traurige Los des Volkes beweinte und der die Verbannung den, verlockendsten Anbietungen vorzog, empfand keine größere Genugtuung und kannte keinen anderen Trost in den Bitternissen seiner schicksalsschweren Wanderungen, als das stolze Bewußtsein, sein ganzes arbeitsreiches Leben dem Fortschritt der Wissenschaft und der Wohlfahrt seines Vaterlandes gewidmet zu haben. Und jetzt wo mir nach so langer Zeit die Ehre wird, ein ähnliches hohes Lehramt in dem Lande anzutreten, in dem meine Vorfahren früher gelebt haben, an das sie stets mit Liebe und Wehmut zurückdachten, soll es mein Streben sein, einer für mich So glori-eichen Tradition gerecht zu Werden. Die Erwiderungsreden hielten der Rektor der Universität Conde J. Luque und der Dekan Elias Torna. Beide würdigten den hervorragenden Anteil der Juden an Spaniens Kultur und Wissenschaft und betonten, daß die Anstellung Dr. Yahudas den besten Beweis dafür liefere, daß man jetzt in Spanien wieder so zu denken beginnt wie in jenen Zeiten, in denen alle Söhne des Landes ohne Unterschied der Rasse und der Religion für Spaniens Kultur und Wissenschaft zusammenarbeiteten. Die Geldnot der Warschauer Kultusgemeinde. Die jüdische Gemeinde in Warschau, die an 300.000 Seelen zählt, ist infolge der ungünstigen wirtschaftlichen Lage, in die ein großer Teil ihrer Mitglieder durch den Krieg geraten ist, in schwere Bedrängnis geraten. Die Einnahmen der Gemeinde, die sich aus zwischen 5 und 1200 Rubel schwankenden Beiträgen der Gemeinde-Mitglieder zusammensetzen, haben eine erhebliche Verringerung erfahren. Andererseits sind die Ausgaben der Gemeinde, durch das Anschwellen der zu gewährenden Unterstützungen stetig gewachsen und nehmen noch' immer zu, so daß die Aussichten für das kommende Jahr recht trübe sind. Um' den zu erwartenden Ausfall zu decken, hatte sich die jüdische Gemeinde an die Warschauer Stadtverwaltung um ein Darlehen von 300.000 Rubel gewendet, dasi jedoch angeblich aus Mangel an Mitteln nicht gegeben werden konnte. Die Verwaltung der Gemeinde wird sich sonach auf einer anderen Weise die Mittet verschaffen müssen. Natürlich Wird es ihr nicht einfallen, diesen Ausfall durch/ Herabsetzung des Steuerzensus und Heranziehung auch der Minderbemittelten zur Steuerleistung wettzumachen, da dadurch die Zahl der Wähler sich erheblich vergrößern würde, die den Gemeindegewaltigen das Heft aus ihren Händen nehmen könnten. □ □□□ □ □□□ Gesinnungsgenossen! Abonniert die Fordert in allen öffentlichen Lokalen die „Jüdische Zeitung“! □ □□□ □ □□□