Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Warum' nun Sondern Sie sich1 ab? Etwa Weil sie eine (andere Sprache sprechen, als die Hauptmasse der Bevölkerung, das „Jidisch-deutsch“ statt des Polnischen? Abermals liegt es umgekehrt:!sie Sprechen diese Sprache, weil si sichi absondem. Per Grund der Absonderung ist einzig (und allein in dem' starren Festhalten nicht nur an der jüdischen Religion, Bondern jan dem jüdischen Ritus begründet .... Wir Sagten, daß die Herrschaft der Orthodoxie (ein Unglück für die jüdischen Volksmasseni ist. Wir haben dabei (zweierlei .im Auge: sowohl die geistige Knechtung, die daraus folgt, als die materiellen Folgen. — Zum (Verständnis des letzten muß man sich vor Augen halten, daß Schon das Festhalten an der Sabbathheiligung das Zusammenarbeiten von christlichen und jüdischen Arbeitern immöglich macht. Daraus erklärt es sich, warum1 in der Großindustrie Polens jüdische Arbeiter nicht zu finden sind. Man hat zwar Versucht, Fabriken" mit ausschließlich1 jüdischen Arbeitern!zu gründen, aber das gelingt nicht ... Auch im Handel gilt das. Bis vor kurzem' beherrschten allerdings die Juden den Handelnder in allerprimitivsten Formen gehalten ■war. Man brauchte da keine Sprachenkenntnisse, und der in der jüdischen Schule, /dem Chaider, erzogene junge Jude konnte Handelsgehilfe sein, trotzdem er kein richtiges Polnisch sprach1, auch1 nicht polnisch schreiben und lesen konnte, weil in jenen Schulen nur „jidiSch“ gelehrt (wird. Das! hört auf. Wie. in Deutschland der Kaufmann, der kein richtiges Deutsich kann, unmöglich 'ist, so ist er es heute in Polen, wenn er kein Polnisch kann. Auch jüdische Geschäftsinhaber in den Großstädten stellen solche Gehilfen nicht an . Die jüdischen Nationalisten stehen daher vor der für sie tragischen Frage: entweder die große Masse dieser Nation wird dazu (verurteilt, in Elend und Unkultur zu bleiben, oder die Juden hören auf, eine Nation zu sein .; . Die schwierige Frage, die zu lösen ist, lautet: wie befreit man die jüdischen Volksmassen von dieser. Orthodoxie? Ist diese Fragegelöst, dann Wird das Zusammenleben von Juden und Polen als gleichberechtigte Bürger eines Landes sicher keine Schwierigkeiten bereiten.“ Soweit der „polnische“ Genosse. Der russische „.Genosse“ nun ist in seinen Postulaten und Schlußfolgerungen zurückhaltend, undeutlich. Wohl aber lehnt er die Voraussetzungen feines „polnischen“ Genossen, die Notwendigkeit der Assimilation an die Polen ab. Vielleicht ist er ein „Russe“, der den Polen die Assimilation der Juden mißgönnt. Aus manchen Wendungen könnte man schließen, daß er, in der Verstellung als Russe, der Anerkennung der jüdischen (Nationalität verdeckt das Wort reden Will. Andere Sätze lassen das aber ausgeschlossen (erscheinen. Es scheint, daß es jhm. hüupt-' sächlich um die Verfechtung von kosmopolitischen Tendenzen geht. Charakteristische Stellen sind in seinen Ausführungen eigentlich keine. Er Schreibt: messenheit Maimonides, die liebliche Primitivität der Agadah und Raschi’9, die warme Einfalt des! Gebetes und der Andacht. Mendele ist der. große Erbe aller hebräischen Sprachväte'r. Ihm1 wurden die Schlüssel aller Schätze eingehändigt, und er hat das unbeschränkte Recht. Er darf .— denn es ist sein Eigen. So wie er die absolute Einzigkeit des Volkslebens erfaßt, so erfaßt er das letzte Geheimnis der Sprache bis in die tiefste Wurzel. Keiner fühlt gleich ihm ihr inner.- stes Gesetz und .ihr rhytmisches Pulsieren. Er weiß ihr zu befehlen und zu gehorchen, sie zu bezwingen und sich1 bezwingen lassen. Ihm gibt Sie gutwillig, was andere ihr abnötigen müssen. Nie wird sie sich ihm versagen und nie ihn abweisen. Denn er ist iht Kind, das von der Mutter nicht läßt amd nicht fortzübringen ist, bis Mutter .lächelnd schenkt. So vollbrachte Mendels -in unseren Tagen und vor unseren Augen das große Wunder: die Wand einzureißen zwischen den zivei Sprachen: der gesprochen jiddischen una der hebräischen. Er durchtränkte beide aneinander, sie leben bei ihm1 von einander'und ziehen an einer Quelle. ES ist ein Geheimnis, dessen Anfang uns Mendele offenbart — das Ende ist nicht abzusehen. Hebräische Prägung bekam alles Jargonleben des Ghetto, und lebendiges Gesicht und Wirklichkeit die Buchsprache des Hebräischen. Das hebräische Wort griff wieder mit jeder Faser in die Seele des Judenlebens. Hier ist ein Wunderwerk geschehen. Wer weiß, ob dieses persönliche Künstlerwunder es nicht war, das unwillkürlich' im Herzen den Willen gebar, daS .hebräische Wort im Sprechen zu verlebendigen, wer weiß, -ob dieser Künstler nicht den Glauben an diese Wiedergeburt gebar. Und sollte dem so Sein, so hätten, wir vor uns ein ungewöhnliches Zusammentreffen: der das Entstehen einer Järgonliteratur einleitet, ruft, unbewußt das gesprochene hebräische Wort ins Leben. — — Sein Geschick, echtes KünstFergesdhick, stempelt ihn Wieder zum Ersten; und dort wo er’s gar nicht erwartet ... :ODISGHE ZEITUNG Seite 3 „Die Argumentation des polnischen Genossen ist typisch für die sogenannten polnischen Assimilatoren . . . Während eine kleine Oberschicht im Interesse ihrer Karriere sich von der Nation lossagte und sich der Herrennation assimilierte, trat die breite Masse der jüdischen Bevölkerung in die Periode ihrer eigentlichen Volkswerdung ein — ähnlich den anderen „geschichtlosen“ Nationen des Ostens . . .“ Er [zitiert dann Felix Kon’s (in Nr. 52 unseres Blattes gebrachten) Ansichten in dieser Frage und Schließt mit den Worten: „Es klingt vielleicht paradox, es entspricht aber den politischen Verhältnissen, daß den polnischen wie den jüdischen Nationalisten nichts erwünschter sein würde, als die Propaganda der jüdischen Assimilation |von polnisch-sozialistischer Seite. Denn während die polnischen Nationalisten, diese Propaganda ,und die daraus sich ergebende Gleichgültigkeit der polnischen Arbeiter gegen die Anforderungen ihrer jüdischen Klassengenossen für ihre Zwecke ausnützten, gewännen die jüdischen Nationalisten und. Orthodoxen unter Berufung auf (sie die Möglichkeit,. ihren Einfluß aut die Massen nur noch mehr Zu verstärken und in die jüdische Arbeiterbewegung separatistische und nationalistische Elemente hineinzutragen.“ Nun ^erschien nochmals im „Vorwärts“ eine Erwiderung des „polnischen“ Genossen. Ejr schreibt: „1.. Jargon oder- Sprache — .das ist eine Frage, die die Sprachwissenschaft zu entscheiden hat, und sie |hat entschieden. 2. Ob| die Juden eine Nation sind — Idas ist eine Frage, die die Ethnographie zu entscheiden hat* und sie hat entschieden.“ Mit der Tatsache, „daß ein -paar Millionen Menschen keine andere Sprache (als den „Jargon*?) kennen, „habe man sich .abzufinden, indem man sich des Jargons bedient“, „um diese Menschen zu Sozialdemokraten zu erziehen. Den jüdischen Nationalismus haben die Sozialdemokraten genau so zu bekämpfen, jvie den polnischen,; russischen, deutschen usw.“ . Im1 „Berliner Tageblatt“ nimmt Paul Harms auf diese Genossen-Kontroyerse Bezug und neigt mehr zur Ansichtdes „polnischen“, wobei er auch' die Aeußerung Nachum Goldmann’s, „die polnische Judenschaft; bildet einen geschlossenen und voll-entwickelten nationalen Organismus“ ironisiert: „Wer von Karl Emil Franzos die große Erzählung vom „Pojaz“ kennt oder auch nur die kleinen Geschichten der „Juden von Bamow“, der mag durchaus den Eindruck haben, daß es sich hier um etwas wie einen nationalen Organismus handelt, dann aber um einen siechen^ kümmerlichen und verkümmernden Organismus. Und die Deutschen, die verzweifelt vor dem grenzenlosen Elend des jüdischen Proletariats in Warschau und Lodz, gestanden haben, werden kaum geneigt sein, darin Beweise für die Vollkommenheit jenes „nationalen Organismus“ zu erblicken. Was Erstaunen, was geradezu Bewunderung erregt, ist die zähe; Lebenskraft der einzelnen, die sich1 inmitten der zerstörenden Einflüsse jeines dem Tode verfallenen Organismus sieghaft, behaupten. Sollte nicht der nächstliegende Schluß daraus der sein, daß der imheilbar kranke Organismus sich , erst noch völliger auf- Iösen müsse, bevor auch hier aus Trümmern neues Leben erblühen kam»? .... Das ist auch einer der Gründe, Weshalb die Judenfrage jn Polen und Östlich davon lein anderes Gesicht hat ab in Westeuropa. -Der Einfluß derer, die überhaupt nicht schmelzen Wollen — die schlechtesten Metalle sind das bekanntlich nicht! — kann da zu einer Gefahr für das Gelingen des Gusises werden/ Zumal dann, wenn ihre Abneigung sich begegnet mit der Unfähigkeit der Umgebung, bildend und befreiend auf Volksmassen!zu wirken, Wie es hn russischen Staatswesen .der Fall ist. Aus dem russischen Staatswesen 'denken Sich nun freilich alle, die um das polnisch-jüdische Problem ringen, so Polen wie Juden losgelöst! Und dennoch1 gibt es unter ihnen Fanatiker, die das Judentum1 in Polen .als „nationale Minorität“ so unangetastet halten möchten, wie es unter der »russischen Knute allenfalls denkbar gewesen .wäre. Verträgt sich denn der Staat im Staate mit gleichen staatsbürgerlichen Rechten;und Pflichten? Wenn der i,nationale Organismus“, der in einem höheren Organismus steckt,: nicht auch1 räumlich „geschlossen“ sein kann, doch kaum; und auch dann Wäre;es noch siehr die Frage, ob er sich! ab Staat' im Staate „voll entwickeln“ könnte. Das Deutsche Reich hat ein sehr lebendiges Interesse daran, daß an seiner Ostgrenze kein Staatswesen entstehe, das von vornherein zur Erstarrung (verurteilt ist und besser ins 18. als ins 20. Jahrhundert passen würde. Aber daß das Deutsche Reich dem polnischen Judentum gegenüber die Rolle des eifernden Rabbis übernehme, der den armen Pojaz verfemt und verflucht, weil er, in seinem Hunger nach Westlicher Bildung, eigenwillig hinausstrebte aus der Enge des Ghettos, .das muß man vom Deutschen Reiche im Ernste nicht verlangen.“ R. fiöwil Verlag, Wien I. Rotenturmstraße 22 Zur Ostjudenfrage: Matthias Mieses, Die Entstehungsursache der jüdischen Dialekte. Um diesem ersten wissenschaftlichen Buche über „Jüdisch“ die weiteste Verbreitung zu sichern, habe ich den Preis ermäßigt Das Buch kostet jetzt nur K 4.— Oer Krieg und die Juden: Juden im Kriege. Denkschrift der Poale- Zion. Das beste Stück der jüdischen Kriegsliteratur K 1.20 Jüdisches Archiv. Doppellieferung 4/5 ist soeben erschienen Kl.— Zionismus: Ad. Friedmann, David Wolffsohn. Die längst erwartete Gedächtnisschrift für David Wolffsohn aus der Feder des bekannten Herzibiographen K —.80 Neue Bücher: Max Brod, Tycho de Brahes Weg zu Gott geb. K 6.75 Gustav Meyrink, Der Golem geb. K 6.— Hugo Zuckermann, Gedichte geb. K 3.60 Vollständiges Lager neujüdischer und zionistischer Literatur. Proviuzversand! Versendung ins Feld 1 Kataloge gratis! Aus 9er jüdlstben Welt. Vor dem neuen Stadthaus in Prag, das sich an der Grenze zwischen Altstadt und Judenstadt erhebt, Wurde kürzlich ein interessantes Denkmal enthüllt, das sich harmonisch in das altertümliche Stadtbild einfügt. Die historische Grenze der Stadtviertel wird durch zwei Portalfiguren angedeutet, von denen die eine, ein Rittersmann, die christliche Altstadt, die zweite die Gestalt des Rabbi L ö w, das Ghetto symbolisiert. Der „Hohe Rabbi“ war eine der markantesten Persönlichkeiten der Prager Judenstadt. Um die Gestalt de9 Rabbi Löw, der einen bedeutendn Ruf als Rabbi, Mathematiker und Astronom hatte, kabbalistische Studien trieb und auch an den Hof Kaiser Rudolf II. kam, spann pich ein ganzer Kreis von Sagen, deren bekannteste die Sage vom Golem ist. Der Schöpfer des Monuments vor dem Prager Stadthaus ist der Bildhauer Professor Ladislaus S a 1 o u n in Prag. * Wie die „Hazefirah“ berichtet, haben die dortigen Zionisten in Bialysltok die Neugestaltung der Dinge zur kräftigen Neuentfaltung der Parteifahne, die unter der russischen Herrschaft nicht zum Vorschein kommen durfte, benutzt. An einem Demonstrationsabend nahmen die Spitzen der Militär- und Zivilverwaltung teil, die sich gleich den Mitgliedern mit 'dem „Mögen David Stern“ schmückten und für den Nationalfonds spendeten. Bei der gemeinsamen Absin-t gung des Hatikwah-Liedes spielte die Militärkapelle und die Militärs hörten stehend und mit entblößtem Haupte die Klänge der ihnen unverständlichen Worte an. * In Lublin erscheinen keine jidischen Zeitungen, darum gibt die jüdische literarische Gesellschaft und der jüdische Turnverein eine lebendige Zeitung heraus. Die „Redaktion“ und die „Leser“ versammeln sich allabendlich in einem Saale, dort werden von den Mitgliedern der „Redaktion“ politische und wirtschaftliche Artikel, Feuilletons, Depeschen usw. vorgelesen. Einmal Wöchentlich gibt die „Redaktion“ in derselben Weise eine humoristische Wochenschrift heraus. » In Warschau sind die Mitglieder des Berliner „Ost-Komitees“ Justizrat Dr. M. Bode n h e i m e r, Dr. Adolf Friedemann und Professor Sobernheim zu längerem Aufenthalte eingetroffen. Die Genannten wollen die Lage der Juden in Polen an ,Ort und Stelle studieren. * Am vorigen Montag fand in Warschau eine Beratung statt, an der sich die Vertreter der Gemeinde und des Rabbinats, sowie chassidische Rabbis und Rabbinen der Provinz beteiligten. Herr Wegmeister referierte über die schlechte Lage der Talmud-Thoras in Warschau, die von über 2300 Kindern besucht werden. Es wurde eine Kommission von 10 Personen gewählt, die sich insbesondere für die Frage der.JLehrerbesoldung interessieren sollen. * Zufolge der jüngst verlautbarten Statistik beträgt die Zahl der jüdischen Hörer an allen russischen Hochschulen über 8000. Eine Gruppe jüdisch-nationaler Führer beschloß die Organisierung einer kulturellen Sektion, die sich-