Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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V Seite 2 MODISCHE ZEITÜNQ Nr. 5 Oer Zionismus und die MisAehe. Das letzte Heft der „Zeitschrift für Statistik u. Demographie der Juden“ Berlin bringt folgende hochbedeutsame Daten über die Entwicklung der Mischehen, welche zwischen Juden und Nidhtjuden im Deutschen Reiche während der ersten 13 Jahre des 20. Jahrhunderts abgeschlossen wurden: Während noch 1901 auf 100 Eheschließungen zwischen Juden pur 36.97 Mischehen entfielen, sftieg ihr Hundertsatz von Jahr zu Jahr, bis er 1913 nicht weniger als 30.98 erreichte. Das Weißt, daß 1913 in Deutschland von 100 heiratenden Juden oder Jüdinnen mehr als 15 eine Misch die abgeschlossen. Das diese Entwicklung nicht bloß lokal ist und daß noch Weit ärger ausarten kann, zeigen die Tabellen Jpi Dr. Teüiahers noch immer zu wenig gewürdigtem Werk „Der Untergang der Deutschen Juden“. Danach entfielen z. B. in Dänemark 1901/5 auf 100 rein jüdische Ehen bereits 9605 Mischehen! Diese Daten müßen selbst den gleichgiltigsten Juden, wenn ihm inur irgend etwas an der Erhaltung des jüdischen Volkstums gelegen ist, zum Nachdenken, (zur Einkehr und zum Entschluß der Abwehr aufmtteln. Der imierösterreichische Distrikstag vom Jänner 1914 hat wohl einen Antrag auf Ausschluß jener Zionisten, die eine Mischehe eingehen, mit knapper Mehrheit abgelehnt und sich1 mit einer Entschließung begnügt, durch Welchle die Schädlichkeit der Mischehe den Zionisten eingeschärft •wird. Seither (aber hat — angesichts der steigenden Gefahr — zuerst der einflußreiche „Verband Jüdischer {Studenten“ in Deutschland und neuerdings der 16. Delegiertentag*) des Niederländischen Zionistenbundes am 27. v. M. in Nymwegen nach heftiger Debatte mit 38 gegen 34 Stimmen beschlossen, daß den Mitgliedern ihrer Vereinigungen bei sonstigem Ausschluß das Eingehen von Mischehen veiboten werde. Diese brennende frage, deren Behandlung sich als verheißungsvoller Anfang planmäßiger jüdischer Populationspolitik darstellt, Wird nicht mehr von der Tagesordnung der zionistischen. Delegiertentage verschwinden, ehe auch1 der Kongress Stellung genommen bat Dr. Egon Zweig. Delegiertentag der hollänöisdien Zionisten. Am 26. und 27. Dezember wurde in Nymwegen der 16. Delegiertentag der holländischen Zionisten abgehalten. Ungefähr 120 Delegierte nahmen an den Verhandlungen teil, die von Herrn Nehemia de L i e m e geleitet Wurden. Aus dem Jahresbericht ergiebt skh, daß der Weltkrieg die zionistische Bewegung in Holland kaum beeinflusst hat. *) Siehe den Bericht darüber in vorliegender Nummer. (Anm. d. Red.) FEUILLETON. Der Erste.*) Der Nestor der hebräischen und jidischen Literatur, Mendele Mocher * Sfarim (Sch. J. Abramowidzj, ist dieser Tage 80 Jahne alt geworden. Aus diesem Anlasse bringen wir die nachstehende, aus dem Hebräischen übertragene Würdigung. Was den Schriften Mendeles ihre Einzigkeit gibt und ihr ungewöhnliches Gewicht, kommt vom Erstmaligen seines Schaffens. Lesen wir in den Schriften Mendeles, (so haben wir unausgesetzt das Gefühl, daß uns kein Kunstwerk schlechthin vorliegt, sondern lern Erstes. Ein Erstes in spezifisch-jüdischer {Bedeutung. Da ist keine leichte anmutige Kunst vollendeter Technik; alles hat die Prägung eines Ursprünglichen. Ist ein Vollwichtiges, ein Erstes. Künstler benützen sonst erprobtes Werkzeug* meisein an behauenen Blöcken. Der Berg kommt zerbrökkelt in die Werkstatt, der Stein is!t von vomeherein angepaßt, spielt Sich sozusagen in die Hand. Anders der Einste, der Schafft sich erst sein Werkzeug, haut aus dem gewachsenen Berg. Es kommt der Berg nicht zu ihm1 — er muß zum Berg. Er schält seine Gestalten aus dem Fels, ringt mit der Materie, so sie wächst und wurzelfest ist Er schwingt den schweren Hammer. Der Erste — das heißt: den ersten Kampf bestehen mit dem herrenlosen Element, es zum ersten Male zur Gestalt nötigen, das heißt: erster Sieg des Schöpfers über das Element. Er kostet viel, dieser erste, unvergleichliche Sieg. i *) Aus der Vorrede Bialiks zum1 dritten Bande der Schriften Mendele Modier Sfarims (Hebräisch, Verlag „Morijah“, Odessa). Die Zahl der organisierten Mitglieder beträgt 1673. Für den „PaläStina-Notfonds“ wurde eine umfassende {(Aktion durchgeführt, die {bisher.etwa 23500 Frs. .ergab. Die finanzielle Lage der Föderation War zufriedenstellend. Die Nationalfonds - Eingänge dieses Jahres belaufen sich auf Frs. 12.250. ■ Eine lange .und erregte Diskussion wurde durch einen Antrag der Ortsgruppe ArnheimveranlaSst, die den Ausschluß aller Mitglieder verlangte, die Mischehen eingehen. Der Antrag wurde schließlich (mit; 38 gegen 34 Stimmen) angenommen. In nicht - öffentlicher Sitzung referierte der Vertreter des Landesverbandes im Zentral- Comitee, Professor Dr. Ornstein (Utrecht), über die Lage der Organisation und die Tätigkeit des Aktions - Coinites. Hinsichtlich der.’ Stellung des Niederländischen Zionisten-Bundes zur Politik des Engeren Actions-Comftes ist ZW!ar kein Beschluß formuliert worden. Doch' ergaben die Verhandlungen, daß die vom' Engeren ActionS-Comitee bezeichneten Richtlinien seiner Tätigkeit von den niederländischen Zionisten gebilligt werden. Eine bedeutsame Kundgebung der Deutschen Verwaltung in Marschau. Am vorigen Montag fand im Warschauer Polizei-Präsidium' leine Konferenz Kur Vorbereitung der „Pädagogischen Fortbildungskurse“ für jüdische Volks- und Mittelschullehrer statt, die von der Zivilverwaltung eingerichtet Werden, lind -zu denen sich bereite 700 Zuhörer gemeldet haben. Nach einer Eröffnungsansprache des Vorsitzenden, des Kaiserlichen Schulrats Otto, meldete sich der Schriftsteller N. Prilutzki zum Wort, um tzu erklären, daß er bereit sei, als! Lektor für jüdische Literaturgeschichte an den Kursen mitzuwirken, jedoch nur unter der Bedingung, daß die ji di sehe Sprache offiziell als Unterrichtssprache bei den Kursen anerkannt werde. Hierauf gab Herr Schulrat Otto folgende Erklärung ab: „Die deutschen -Behörden sind ernstlich' bemüht, den Juden im okkupierten Gebiete ihre Eigenart zu belassen, erstens schon deshalb, weil Wir mit dem ausgesprochenen Willen einer so zahlreichen Bevölkerungsschicht naturgemäß rechnen, (zweitens aber auch, weil wir dem Geiste der Haager Konvention entsprechen wollen, die dem1 Sieger vorskhreibt, in dem von ihm besetzten Gebiete bis zum Friedens- Sdhluß grundlegende Aenderungen nicht vorzunehmen. -Wir Werden keine neuen Wege beschreiten, Sondern vielmehr der natürlichen Entwicklung Ihr Recht lassen und dabei jedem Teil der Bevölkerung Rechnung tragen. , So (haben wir den Wunsch, auch' die Bedürfnisse der orthodoxen Juden ernstlich zu berücksichtigen, Inicht nur die der liberalen. Ausl diesem Grunde beachten Wir auch den Jargon, der Inun einmal die Sprache des g roßten.Tei- 1 e s der Bevölkerung ist und wir haben Zugelassen, daß er als Muttersprache in der jüdischen Schule (seinen Platz findet. Wir sind auch keineswegs gewillt, die C h a - dar im abzuschaffen, und wir werden nichts unternehmen, Was den religiösen Empfindungen zu nahe tritt. Ich vertrete in' dieser Hinsicht nicht nur meine private Meinung, sondern. ich. kann erklären, daß Se. Exzellenz der Herr Verwaltungschef von Kries mit diesen Grundsätzen vollkommen übereinstimmt.“ Nach den Wohlwollenden Erklärungen des Herrn Otto äußerte Sich Herr Dr. Gott lieb' im gleichen Sinne wie Herr Prilutzki, während Herr Sch. L. Gordon fragte, wie es (mit der hebräischen Sprache stehe. Hierauf antwortete Herr Schulrat Otto, daß diese Frage sich ja schon durch die Einladung, hebräischer Lektoren zu der Konferenz erledige. Endlich erklärte Herr Otto noch, daß die Chederleher, die an den allgemeinen Kursen teilzunehmen ‘wünschen, dort willkommen sind, daß aber für die ini den .Chadarim wirkenden Lehrkräfte noch besondere Kurse eingerichtet werden würden. Aus 9er allgemeinen Presse. Während in der österreichischen allgemeinen PresSe bezüglich der Ostjudenfrage beharrliches Schweigen -herrscht, Wird in Deutschland die Diskussion darüber in den Blättern aller Schattierungen eifrig fortgesetzt. Im 'Berliner „Vorwärts" haben zwei Genossen dazu das Wort genommen, ein „polnischer“ und ein „russischer“, ohne Namensnennung. Daß dieser „Pole“ und dieser „Russe“ ungefähr Teitelberg oder Liebermann heißen, Scheint sicher zu Sein. Der polnische nimmt auf die Auseinandersetzung zwischen Goldman n und Lauer in den „Preußischen Jahrbüchern.“ Bezug ,und schreibt u. a. folgendes: „Vielleicht ist es gestattet, diesen Streit der Nationalismen zu stören durch den Hinweis, daß wohl vor allem wichtig ist, das Interesse der jüdischen Volksmassen, der jüdischen Proletarier, die die ungeheure Mehrheit der Juden in Polen bilden. Dann ergibt sich aber folgendes: Die Erhaltung des Judentums, Wie es heute nicht nur in Polen, sondern darüber hinaus im ganzen Osten Europas besteht, ist nur möglich, solange die Herrschaft der jüdischen Orthodoxie über diese Massen' besteht, und diese Herrschaft ist ein furchtbares Unglück für das jüdische Proletariat .... Hier bilden die Juden eine streng Von der übrigen Bevölkerung abgesonderte Gruppe. (Bedeutet das, daß sie sich absondenr, weil sie hier eine „Nation“ sind, während Sie es im Westen nicht sind? Uns scheint, .umgekehrt Wird ein Schuhl daraus: sie sind (eine nationähnliche Gruppe, Weil Sie sich absondern. Eine nationähnliche Gruppe, nicht eine Nation. Ungewöhnlich reich ist aber sein Ertrag. Beide, Element und Schöpfer, Lassen Spuren ihres schweren Ringens zurück, (einen uneingesammelten Segen des Uebermaßes. Das eine — letzte Spur massiver Gewalt, der Künstler — seiner Kräfte Ueberschuß. Das (ist (die Spur ersten Sieges;, sie lebt im- Werke aller Ersten, und schenkt ihm Uebergewicht. So ist es in der Welt des Schaffens. Der Beginn ist der erste Sieg, Vater alles dessen, Was folgt. Erinnert Euch des Zustandes unserer Literatur, in den Mendele hineingeriet. Das Schaffen lebte abseits der Wirklichkeit, da!s Ohr hörte das Wort des Mundes picht, der Sinn folgte nicht der Schreibenden Hand. Mendele war der erste, der sein Talent am Leben nährte. Er war der erste Mensch' der hellen Sinne in unserer Literatur. An Stelle deS Vergleiches und der Abstraktion, setzte er Sinn und Wirklichkeit, wo die anderen durch ein wirres Gewebe von Bibelversen eine schwanke Welt Sahen, erschaute er eine klare unverhängte Welt. Ja, viel mehr: er erschloß zuerst das letzte Geheimnis, die absolute Einmaligkeit des Volkslebens im Golus. Er erspähte ihr Tiefstes Und sah' es erstmalig als Künstler, mit Auge und Herz, und so er es sah; gab er es: In Gesichten und Gestalten.' Die beiden sonderlichen Gesichter unseres Lebens mit den verzerrten Lippen; halb lachend, halb weinend, halb fluchwürdig, staunen uns in Seinen Schriften an: In ^Benjamin III‘“ und in „Jenen Tagen“ — es ist die eine Prägung unseres Lebens nach1 beiden Seiten, offenbart. Es ist die Zwiesamkeit in Mendeles Talent — Satire und Emst —, die (sich in seinen Schriften sonst durdidringen, die in diesen beiden Büchern gesondert ihre Höhe erreidten. Liest man in „Benjamin III.“ und Sagt: Humor! Inein, es ist nicht einfach Humor. Das ist das tiefste Erscheinen aller Nichtigkeit und aller ‘Schwäche, aller Wirrsai und aller Komik im Leben (eines macht- und gestaltlosen Volkes, das ganz kaltgestellt und bar eines jeden Uebermutes iist. Mendele, wie keiner sonst, fühlte die ganze Impotenz, alles Versagen, das im Mischlingsleben eines Diasporavolkes liegt, eines Körpers, der diesseits und .einer Seele, die „jenseits“ lebt. Daher das Stammelnde seiner sonderbaren Geschöpfe, ihr stümperhaftes, das sich in den Momenten offenbart, da sie den „großen Anlauf“ pehmen Sund ihre „Kraft“ versuchen. Und dann liest man in „Jenen Tagen“ und muß sich sagen: Das 5st nicht lediglich; ein Lebensgemälde. Hier ist Ehrfurcht Vor dem Dasein eines ganzen Volkes, {so es ist, Ehrfurcht vor einem Leben, das eine eigene, einzige Form hat, Ehrfurcht vor Kraft und Urkraft der vielen Geschlechter, die dieses Lebens Schöpfer waren. Dieses Leben, wie und was es auch sei, ist ganz auf seiner Weise und ganz einzigartig, der Künstler beugt sich vor dieser starken Form. Daher; der Ernst und die ungewöhnliche Kleinarbeit in den Bildern MendeleS. Ist Einmaliges und Nationales1 eig und dasselbe — so ist Mendele der erste nationale Künstler unserer Literatur. So auch im Stil. War er der Erste an Kunst in der neuhebräischen Literatur, so ist .er auch der Erste an Stil, er Schuf den realen, ganzen Stil. Er gab unserer hebräischen Spracht alles Vergessene Gut zurück, er gab sie uns wieder, die große einir g e hebräische Sprache. Alles, Bibel und MiSch1na und. Midrasch1 und Gebetbuch und den Pijut und die Sprache der Philosophien und der Moralisten, alle ließ er einziehen, — nicht in buntem Aufzug und nicht in der Masse des Zufalls, sondern in harmonisch-gegliederter Einheit, wie aus einem Guß. Er fand die höchste Synth'es'e und die Quintesenz aller dieser Sprachen. Er brachte der hebräischen Sprache die erlösende Freiheit. Sie hatte Wieder Farbe und Geruch und .'Athem des' Lebens. Mendele brachte noch1 das Seinige dar: plastische Greifbarkeit und Bewegung, eine lebendige Gebärde. Aller Reichtum und alle Eigenart eines epochenreichen SprachenlebenS strömte ihm zu. Der Adel der Sch r i f t, die lichte Prägnanz der MiSchna, die ernste Ge-